Homöopathie - Interview


"Körper, Geist und Seele gleichermaßen berücksichtigen"

Ausschnittweise aus einem Interview. Herbert A. Eberth, Journalist, führte das Interview mit Heilpraktiker Markus Acker

250. Geburtstag von Samuel Hahnemann:
Wo stehen seine Nachfolger heute?

1. Vor mehr als 200 Jahren hat Samuel Hahnemann mit seiner Homöopathie die damalige Schulmedizin mit ihren Aderlassen und Schröpfgläsern kräftig aufgemischt. Inzwischen ist die herkömmliche Medizin bei Organtransplantation und Gentechnologie angelangt, die Homöopathie aber bei ihren alten Lehren geblieben. Was ist Homöopathie nun eigentlich aus heutiger Sicht?

In der Tat! Die Prinzipien der Homöopathie haben sich nicht verändert. Es handelt sich um eine Heilkunde, bei der Arzneimittel nach der Ähnlichkeitsregel angewendet werden. D.h. also, man vergleicht das Beschwerdebild des Patienten mit der Wirkung einer Arznei auf einen gesunden Menschen. Wenn man eine Arznei gefunden hat, deren Giftwirkung auf einen gesunden Menschen dem Beschwerdebild des Patienten möglichst ähnlich ist, gibt man sie dem Kranken und reizt damit seine Abwehrkräfte höchst spezifisch genau dort, wo sie geschwächt sind. Um ein praktisches Beispiel zu nennen, was jedermann geläufig ist: Wenn Sie im Winter Ihre kalten Hände mit Schnee abreiben, behandeln Sie die Auswirkungen der Kälte mit Kälte.

Vereinfacht gesagt, ist das Verfahren dem Impfen oder der Hypo- bzw. der Desensibilisierung in der Allergologie vergleichbar. Allerdings werden nicht die identischen krankmachenden Substanzen eingesetzt, sondern eben möglichst ähnliche.

2. Können Hahnemanns Nachfolger mit diesem Verständnis von Homöopathie der modernen Schulmedizin noch etwas entgegensetzen, und was können die Homöopathen, was die Schulmediziner nicht können?

Na ja. Homöopathie darf ja nicht als Gegensatz zur Medizin verstanden werden. Homöopathie ist ja, entgegen der landläufigen Meinung, keine alternative Medizin! Wir verfügen ja nicht über eine andere Anatomie oder über ein anderes physiologisches Verständnis, wie dies z.B. in der Traditionellen Chinesischen Medizin der Fall ist. Wir haben auch keine eigene Hygiene, eigene Pathologie oder gar eigene Chirurgie. Deshalb muss Homöopathie als Bestandteil der arzneilichen Therapiemodelle innerhalb der Medizin verstanden und genau dort eingeordnet werden!

Aber es ist schon verständlich, dass Homöopathie von der Bevölkerung als „anders“ erlebt wird, womit ich auf die eigentliche Beantwortung Ihrer Frage eingehen möchte. Unbestritten sind die Erfolge der modernen Medizin im Bereich der hochtechnisierten Diagnosemöglichkeiten, der Intensivmedizin und Chirurgie. Das dort z.Zt. erreichte Niveau war ja noch vor wenigen Jahrzehnten nicht denkbar. Auf der anderen Seite hat sich im Bereich der Therapie, im übrigen nicht nur bei den Patienten sondern auch bei vielen nicht homöopathisch arbeitenden Ärzten, eine Unzufriedenheit mit den erzielten Ergebnissen breitgemacht, die man nicht nur auf die Kostenreduktionen im Gesundheitswesen zurückführen kann. Konsultationen dauern heute, nach umfangreicher technischer Diagnose, häufig nur wenige Minuten und viele Patienten haben das Gefühl, dass ihr persönliches Beschwerdebild nicht in angemessener Form bei den therapeutischen Maßnahmen berücksichtigt wird. Wie unbefriedigend dies ist, merkt man ja, wenn man selbst erkrankt und die therapeutischen Maßnahmen sich auf die Behandlung des Lokalbefundes beschränken. Ich behandele z.B. viele Neurodermitiker, und gerade diese Patienten spüren sehr genau, daß ihre Haut nicht nur 1,5 qm Verpackungsmaterial ist und die Ursache ganz wo anders zu suchen ist, als da, wo sich die Erkrankung austobt. Oder nehmen Sie die stetig wachsende Anzahl der Allergiker. Glauben Sie es ist befriedigend für solche Menschen, wenn sie hochdifferenzierte Allergietests absolviert haben, aber die therapeutischen Maßnahmen in der Einnahme anti allergischer Mittel gipfeln, deren Verordnung nicht mal den Anspruch hat, die Erkrankung grundsätzlich zu behandeln, denn wenn die Medikamente abgesetzt werden, kommen die Beschwerden wieder, häufig sogar heftiger wieder, als zu Behandlungsbeginn. Homöopathie ist ganzheitliche Medizin und berücksichtigt bei der Arzneimittelfindung Körper, Geist und Seele gleichermaßen, was von vielen Patienten sehr dankbar wahrgenommen wird. Und Homöopathie hat den Anspruch, Heilung anzuregen. Wenn Homöopathen eine Verordnung treffen, haben sie nicht nur den Anspruch, die Erkrankung zu managen, sondern streben eine echte Überwindung der Erkrankung an.

3. Die herkömmliche Medizin lehnt die Homöopathie nach wie vor als unwirksam ab. Hahnemann selbst wurde zu Lebzeiten von einigen Kollegen heftig kritisiert, in zahlreichen Studien konnte die Wirksamkeit homöopathischer Mittel nicht belegt werden, die Herstellung homöopathischer Arzneimittel mit Hilfe der so genannten Potenzierung gilt als umstritten, die Erklärungsansätze für die Wirksamkeit von Potenzen steht gar im Gegensatz zu bekannten physikalischen Grundsätzen vom Aufbau der Materie.

Das stimmt! Hahnemann musste sich und auch wir Nachfolger müssen uns andauernd mit Kritikern auseinandersetzen, aber ich werte diesen Tatbestand als positiv. Denn abgesehen davon, dass sich der überwiegende Teil der üblichen Kritik nicht als solche im eigentlichen Sinne, nämlich als unterscheidend bzw. die Verschiedenheit betonend, äußert, sondern sich vielfach als unechte Kritik im Sinne von Unterstellungen, Verdrehung der eigentlichen Sachverhalte und teilweise einfach haarsträubender Inkompetenz äußert, zeigt es doch, dass die Homöopathie in den letzten zweihundert Jahren nicht so ohne weiteres ignoriert werden konnte und wieder in der Bedeutungslosigkeit verschwunden ist.

Mittlerweile gibt es mehrere hundert Studien und einige Metastudien, welche die Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel untersucht haben. Und eine ganze Reihe dieser naturwissenschaftlichen Untersuchungen attestieren homöopathischen Arzneimitteln eine signifikante Wirksamkeit gegenüber Placebo. Allerdings kann eine homöopathische Arznei grundsätzlich nicht so untersucht werden wie ein herkömmliches Pharmakon, weil es seine Wirksamkeit nur bei individuell passender Verordnung entfaltet! Insofern sind die meisten dieser Studien problematisch, als sie die Homöopathie in ein ihr fremdes Untersuchungskorsett zwängen. In Zukunft braucht es also andere Forschungsansätze, um eine der Methode der Homöopathie adäquate Wirksamkeitsforschung zu betreiben. Darüber hinaus darf nicht unerwähnt bleiben, wie gering die wirtschaftlichen Mittel sind, die für den Wirksamkeitsnachweis zur Verfügung stehen. Es ist leider so, daß, im Vergleich zu anderen Bereichen in der Medizin, nur sehr wenig Geld in die Erforschung der Homöopathie gesteckt wird.

4. Was hilft denn nun tatsächlich: Die homöopathischen Mittel oder der Glaube daran?

Glaube versetzt Berge! Das stimmt. Aber wenn wir Homöopathen bei unseren Patienten derart suggestiv Einfluß nehmen könnten, daß sie gesunden, dann frage ich Sie, warum dies dem konventionellen Mediziner nicht genauso häufig gelingt? Nein, nein, es ist nicht so! Es gibt ja Fälle, in denen das korrekte Mittel erst nach einigen Anläufen gefunden wird. Einige Male verordnet man und es passiert nichts. Aber dann kommt das richtige Mittel zu Anwendung und der Fall kommt in Bewegung! Diese Fälle sind übrigens ein schönes Beispiel für die Wirksamkeit der Homöopathie. Wenn homöopathische Arzneimittel mögen nur Placebos sind, dann ist es schon entscheidend, welches Placebo sie im entsprechenden Fall benutzen!

5. Vor allem bei der Behandlung von Allergien, besonders bei Kindern, wird der Homöopathie eine hohe Erfolgsquote bescheinigt. Sind Kinder auch unter Ihren Patienten häufig vertreten?

Ja, natürlich. Etwa dreißig Prozent meiner Patienten sind Kinder. Allergien sind ja in der Regel akut verlaufende Geschehen. Hierbei zeigt sich die Wirksamkeit der Homöopathie bei korrekter Verordnung natürlich sehr viel schneller und eindrucksvoller als bei chronisch hartnäckigen Erkrankungen.

6. Nicht wenige Esoteriker haben sich die Homöopathie zu nutze gemacht und ihren Ruf als Alternative zur Schulmedizin dazu mißbraucht, so manches okkulte Süppchen damit zu kochen. Was tun ernsthafte Homöopa- then gegen solche Scharlatanerie?

Na ja, wie ich schon sagte: Homöopathie versteht sich nicht als Alternative Medizin und okkulte Süppchen werden vielerorts gekocht. Aber es ist schon richtig. Der Begriff Homöopathie wird oft für Verfahren genutzt, die eigentlich gar nichts damit zu tun haben. Was Homöopathen dagegen unternehmen? Nichts. Wir tun gar nichts dagegen! Unsere Lobby ist so schwach, daß praktisch jeder machen kann was er will.

7. Auch in der Homöopathie gibt es inzwischen unterschiedliche Lehrmeinungen. Sie selbst stehen der klassischen Schule nahe. Wie hat sich die Homöopathie seit ihrer Begründung durch Samuel Hahnemann bis heute verändert? Gibt es eine dominierende Richtung?

Ja das stimmt! Weltweit gibt es die unterschiedlichsten Lehrmeinungen, die sich teilweise sogar gegensätzlich fundamental wiedersprechen. Insbesondere in den nicht deutschsprachigen Ländern habe sich in den letzten zwei Jahrzehnten Schulen etabliert, bei deren Lehre sich einem die Haare zu Berge stellen. Aber auch im deutschsprachigen Raum gibt es Entwicklungen, die zwar noch Homöopathie genannt werden, aber im Grunde damit nichts mehr gemein haben. So beobachte ich z.B. derzeit eine Diskussion in einer naturheilkundlichen Zeitschrift, in der versucht wird, der Komplexmittelhomöopathie (lacht: Welches Wortungetüm!) nachträglich einen Platz in Hahnemanns Organon (Grundlagenwerk der Homöopathie) einzuräumen.

Aus diesem Grund hat sich wohl in den letzten Jahren im deutschsprachigen Raum der Begriff der genuinen Homöopathie, für diejenigen die sich aus schließlich an der Lehre Hahnemanns orientieren, etabliert. Es bleibt abzuwarten, ob sich diese Bezeichnung durchsetzen wird.

8. Sehen Sie eine Perspektive dafür, wie Homöopathie und Schulmedizin künftig zusammenarbeiten können?

Unsere Patienten erzwingen diese Zusammenarbeit in der Praxis ja schon seit Jahren, indem sie sich aus beiden Bereichen jeweils versuchen die Rosinen rauszupicken. Aber diese Zusammenarbeit ist meist ungewollt. Ich denke, Homöopathie ist eine Säule arzneilicher Therapien und wird in Zukunft immer mehr nachgefragt werden. Eindrucksvoll beweist dies die Mitgliederzahl des Zentralvereins homöopathischer Ärzte. Im Jahr 1979 waren dort 579 Mitglieder registriert. Im Jahr 2005 wurden schon 3200 Mitglieder gezählt.

 
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