15.06.2010: Heilpraktiker-Verbände treffen Fachgesellschaften: Wie kann es mit der Zusammenarbeit der Verbände weitergehen?


Eine an sich positive Entwicklung ist an ihrem Ende angekommen, bevor sie richtig begann.

Im Januar 2010 setzten sich zum zweiten Mal nach einem ersten Kontakttreffen im Juni 2009 Vertreter von Fachgesellschaften mit Heilpraktikerverbänden an einen Tisch. Im April 2010 fand ein drittes Treffen statt.

Beim zweiten Treffen galt es auszuloten, wo und wie die fachtherapeutischen und berufspolitischen Interessen der Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker effektiv vertreten werden können. Über einen Meinungsaustausch konnte die Runde allerdings nicht hinauskommen, zu unterschiedlich scheinen und schienen die Ausgangsvoraussetzungen zu sein:

Hier Fachtherapieverbände, die auch Ärzte in ihren Reihen haben. Oder die einen aus unserer Sicht nicht notwendigen Wettbewerb mit Ärzten begonnen haben, wer die bessere Fachtherapie betreibt bzw. unter dem Drang zu stehen scheinen, den Ärzten beweisen zu müssen, daß sie ebenbürtig seien. Hierzu zählen vor allem einige Homöopathieverbände und ein TCM-Verband.

Dort und scheinbar auf einer anderen Spur die traditionellen Heilpraktikerverbände, die nicht nur fachtherapeutische Interessen vertreten, sondern die Berufsgrundlage der und aller Heilpraktiker im Auge haben müssen.

Ein immer wieder in den Raum gestelltes Argument für Handlungsbedarf sind angeblich sich wandelnde Gesundheitsberufe und eine europäische Einflußnahme. Auch manche Heilpraktikerverbände vertreten deshalb die daraus geborene Auffassung, man muß sich vorbereiten, was immer das heißt.

Übersehen wird dabei die tatsächliche Rechtslage, nach der die medizinische Versorgung und die Gestaltung der Gesundheitsberufe nationales Recht darstellt, auf das die Europäische Kommission und das Europaparlament keinen Einfluß nehmen darf. Natürlich ist nie ausgeschlossen, daß sich irgendwann einmal irgendetwas ändert. Heute aber auf der Grundlage von nicht vorhandenen rechtlichen Veränderungen Vorbereitungsaktionen zu starten, hat in der Wirkung den Charakter von Verunsicherung, nicht faßbarer Angstmache und kann schnell die Form annehmen, die man in der Poltik "vorauseilenden Gehorsam" nennt. Dieser Gehorsam führt dann zur Weckung so manchen Geistes, den man dann nicht mehr los wird. Möglicherweise ist der Geist aber durchaus erwünscht. Manche argumentresistente Verbandsposition kann darauf schließen lassen.

Mehr oder minder offen liegen ja die Vorstellung so mancher Fach-Gesellschaft auf dem Tisch, eine eigene heilkundliche Zulassung mit Ausbildungs- und Prüfungsordnung neben der Arztapprobation und der Heilpraktikerzulassung zu erreichen. Am deutlichsten machen dies zur Zeit einige Osteopathie-, Chiropraktik- oder auch Physiotherapeutenverbände, die heute mit kaum zu versteckendem Widerwillen den Weg der Heilpraktikerzulassung gehen (müssen).

Die politischen Initiativen dieser Verbände, einiger vieler Funktionsträger, setzen dabei die Regelungen des Heilpraktikergesetzes bewußt vermehrten Angriffen aus. Die seit vielen Jahrzehnten bewährte "Gefahrenabwehrüberprüfung" als Maßstab für die im konkreten Behandlungsfall angewandte Diagnose und Therapie wird aufs Spiel gesetzt durch angeblich notwendige Qualitätsnormen. Dabei steht es den Ausbildungsinstituten und den mit ihnen verbandelten Verbände doch frei, sich auf dem Markt der Möglichkeiten zu beweisen. Qualität setzt sich durch und eine Gefahr für den Patienten besteht durch den gefahrenabwehr-überprüften Heilpraktiker nicht.

Wir treten ein für ein breit gefächertes Ausbildungsangebot, das alle Interessen bedient. Dazu gehört die umfassende Mehrjahres-Ausbildung als Angebot genauso wie die Einführung und Teilausbildung. Nur das unterstützt die persönlichkeitsorientierte Weiterbildung, die eine kreative Behandlung für den Krankheits-Einzelfall hervorbringt. Das ist die Stärke und  Grundlage der Heilpraktiker schlechthin, die sich damit neben der Schema-Medizin der Universitäten ohne wenn und aber sehen lassen kann.

Kein Master der Osteopathie, der Chiropraktik, der Homöopathie hat das Recht für sich in Anspruch zu nehmen, allein qualitativ hochwertigere Therapie zu betreiben. Qualität bemißt sich nach dem objektiven und subjektiven Erfolg, Krankheit und Leid geheilt oder verbessert zu haben. Der lebendige Mensch mit seinem Geist, seinem Körper und seiner Seele ist kein genormtes Werkstück. Eine qualitativ-hochwerte Therapiearbeit wird geleistet, wenn es dem Patienten besser geht.

Der Anfang vom Ende?

Das Fachgesellschaftstreffen im April 2010 fand mit interessanter und zum Teil neuer  Besetzung statt. Durch Mehrheitsbeschluß im Januar waren zwei weitere Verbände dazugekommen: Ein seinerzeit aus der ehemaligen DDH ausgeschlossener Heilpraktikerverband sowie ein sich noch Kooperation nennender, begrenzt wirkender Zusammenschluß, der schon in alten großen Zeiten für seine riskikoreiche Berufspolitik bekannt war.

Unser Berufs- und Fachverband verzichtete angesichts dieser Entwicklung auf eine Teilnahme. Neues wurde denn auch im April nicht besprochen. Die Positionen liegen seit langem auf dem Tisch. Allenthalben hat sich verbal die Seite verstärkt, die von einer Europäisierung träumt und uns gerne erzählt, das Heil der Zukunft läge in der formalisierten Qualitätssicherung (z.B. über das Arzt-Punktesystem).

Immer wieder die bekannten Positionen wiederzukäuen, führt nicht weiter. Nicht die Heilpraktiker und ihre Verbände, sondern die Medizin ist seit menschengedenken in zwei Lager gespalten, die bei uns zur Herausbildung der Universitätsmedizin auf der einen und der Volks- und Naturheilkunde auf der anderen Seite geführt hat. Auf jeder Seite agieren Kolleginnen und Kollegen, die sich jeweils mit der anderen Grundlage angefreundet haben.

Den Dialog zur Erreichung einer zielgerichteten Berufspolitik führen wird mit den Verbänden und Funktionsträgern, die das Erbe der Altvorderen achten und bewahren und dabei die Veränderungen der Zeit nicht aus dem Auge verlieren. Das ist nicht schwer, setzt aber ein gehöriges Maß an Offenheit, Ehrlichkeit im Handeln und Überwindung eigener Machtansprüche voraus.

Wer unsere historisch und nur hier gewachsene rechtliche Grundlage der heilkundlichen Ausübung der Volksheilkunde aufs Spiel setzt, kann nicht unser Partner werden.

Das Fachgesellschaftstreffen ist nicht dazu geeignet, diesen Dialog zu führen. Wir laden jedoch alle Verbände und Gesellschaften dazu ein, sich im konstruktiven Kreis um eine echte Gemeinsamkeit zu bemühen. Wir haben uns dem nie verschlossen und werden dies auch in Zukunft nicht machen.

Dieter Siewertsen
Vorsitzender Freie Heilpraktiker e.V.

 
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