Ehrfurcht vor dem Leben
In der Friedfertigkeit
bis zum Äußeren gehen
Auszug aus einem Artikel von Paul Mertens, veröffentlicht in „Albert Schweitzer, Rundbrief Nr. 93“
Unter Bezugnahme auf die Terroranschläge des Jahres 2001 beschäftigt sich der Verfasser unter dem Gedankengang „Ehrfurcht vor dem Leben" mit der Thematik aus verschiedenen Gesichtspunkten wie „Armut und Ohnmacht", „Die übermenschliche Macht", „Die Grenzenlosigkeit der Ethik".
„... An diesen Menschen wird auf extreme Weise deutlich (gemeint sind die weltweit agierenden Terroristen, die Selbstmordattentäter), daß der Mensch ‘vom Brot allein’ nicht leben kann. Er braucht eine Aufgabe und die Hoffnung, die eigene Lebenssituation auf ein Minimum an Glück gründen zu können. Die Attentäter sind Menschen, die 'schlicht keine Zukunft in ihrem Leben sehen. Sie sind nur erfüllt von Aussichtslosigkeit und gekränktem Stolz. Sie fühlen sich weder als Menschen noch als Kulturvolk anerkannt.' (E. Drewermann in: Publik Forum 12.10.01). ...
... Schaut man einmal durch die Mythologisierung der Ereignisse im Reden vom 'Bösen und Guten' hindurch, dann sieht man Menschen, die in einem psychosozialen Kontext von Armut und Ohnmacht subjektiv nichts von dem erfahren haben, was mit Ehrfurcht, Selbstachtung und Liebe zu tun hat. ... Sie sind geistig ausgehöhlt und damit unfähig, ethisches auch nur zu denken. Schweitzers ethische Koordinaten: Die Frage des Glücklichwerdens und die des Reichtums (Kulturphilosophie III, Band 2, S. 22 ff.), passe nicht auf ihr Leben. Ideologien und fundamentalistische Religionskonzepte fallen dann ungehindert in dieses geistige Vakuum.
Mit 'Haß' erklärt man kein Verhalten eines Terroristen. Die Ursachen liegen tiefer. ..."
„... Während wir nun versuchen, die Täter in den sogenannten 'Schurkenstaaten' aufzuspüren, meint die 'westliche Zivilisation' in Kulturstaaten zu leben. Lohnenswert ist es in diesem Zusammenhang, das von Albert Schweitzer 1940 in seinen Texten zur Kulturphilosophie III Notierte einmal nachzulesen.
Dort fragt er: Was ist wahre Kultur? Ganz allgemein gesagt ist Kultur Fortschritt, materieller und geistiger Fortschritt der Einzelnen wie der Völker.
Das Wesentliche ist der Geistige; wohl hat das Materielle auch seine Bedeutung. Er trägt das Seine zur Schaffung möglicher gedeihlicher Lebensverhältnisse bei. Unser großes Irren besteht darin, daß wir Kultur vornehmlich in Errungenschaften des Wissens und Könnens des Organisierens bestehen lassen wollen. Errungenschaften des Wissens und des Könnens bedeuten nicht nur eine Förderung der Kultur. Die übermenschliche Macht, die wir dadurch erlangt haben, daß wir uns die Kräfte der Natur dienstbar zu machen verstehen, kann sich zerstörend bestätigen, wie wir in grausiger Weise in unserer Zeit erleben. Nur wenn wir eine übermenschliche Vernünftigkeit besitzen, die uns von dieser menschlichen Macht allein in einer guten Weise Gebrauch machen läßt, wirken sich die Errungenschaften des Wissens und Könnens im Sinne der Kultur aus (Kulturphilosophie III, Band 2, S. 120).
Übermenschliche Vernünftigkeit und ethische Ideale sind utopische Begriffshülsen in einer Welt, wo die 'führenden Industrienationen' mit ihren Errungenschaften des Wissens und Könnens ihre übermenschliche Macht mit ihrem zweifelhaften Globalisierungsverständnis im Sturmgepäck einen Wirtschaftsimperialismus betreiben, der selbst das teure Gut 'Demokratie' über Bord wirft. Denn einstige Wirtschaftsinteressen fordern Einflußzonen, Militärstützpunkte, Absatzmärkte und lassen es gegeben erscheinen, notfalls Diktaturen zu dulden und Menschenrechte, Völkerrecht, UN-Beschlüsse etc. zu ignorieren. 'Demokratie' ist ein geistiges Ideal, eine Kulturleistung und dazu Voraussetzung für eine gerechte Weltordnung.
Statt die Menschheit als große Völkergemeinschaft anzusehen und mit Ehrfurcht auf die Kulturen der Erde zuzugehen, gebärden sich die wirtschaftsstarken Nationen mit ihren Organisationen wie zu Zeiten des Nationalismus, dem man längst dachte überwunden zu haben. Nur steht jetzt nicht Deutschland gegen Frankreich, sondern die 'Festung' Europa, die USA, Japan und ihre Verbündeten in 'uneingeschränkter Solidarität' gegen den 'Rest' der Welt. ...“
(Hervorhebung durch die Redaktion)
„... Die Ohnmacht herrscht aber auch bei den Mächtigen. Die Bombardierung Afghanistans soll realpolitisch vernünftig sein, obwohl sie verzweifelt sinnlos ist. George Elwert, Professor für Ethnologie und Soziologie in Berlin, untersucht in der Frankfurter Rundschau vom 20.10.01 die Netzwerke Terroristen, die 'kühl, hochvernünftig und lernfähig' in der ganzen Welt zu operieren verstehen. Netzwerke müssen aber anders bekämpft werden als hierarchische Organisationen, auf die die bisherige militärische Logik ausgerichtet war. Die Anonymität gehört zum System. Selbst wenn es gelänge, Osama bin Laden gefangen zu nehmen und das Taliban-Regime zu zerschlagen, wären die terroristischen Netzwerke noch aktionsfähig. Übrig bleibt in Afghanistan eine menschliche Tragödie. Zerstörter, ausgehungerter und unterdrückter ist kaum ein Land auf der Erde. ...
Und dies alles vollzieht sich nun verstärkt infolge des Krieges. Was zählt dort ein Menschenleben? Getrauert hat die ganze Welt um die Opfer der Terroranschläge in Amerika. Wer trauert um die Opfer in Afghanistan? Wieviele Trauergottesdienste, Kerzen und Reden gibt es für sie?
Dieser ganze Widerspruch der Gefühle ruft Albert Schweitzers Appell an die Einsicht in die Grenzenlosigkeit der Ethik auf den Plan. 1934 schreibt er dazu in den Texten zur Kulturphilosophie III (Band 1, S. 244 f.):
Die Grenzenlosigkeit der Ethik rührt daher, daß wir in der Anerkennung und Betätigung der Verbundenheit mit anderem Leben, wenn wir einmal damit beginnen, nicht nach Belieben Halt machen können. ... Ende
(Bleibt vielleicht noch hinzuzufügen: Wer trauert um die vielen im Irak umgekommenen Kinder durch Bombardements, wer zündet Kerzen an für die mit brutaler Gewalt umgebrachten Menschen in Tschetschenien, umgebracht von der heute neuen verbündeten Macht im Osten, wer trauert um die durch einen Natopartner Verfolgten in der Türkei?
Gilt Ethik, Moral und Humanität sowie politisches Handeln und die Rechtfertigung von Gewalt nur dann, wenn die eigenen Interessen berührt sind, wenn andere nicht der gleichen Meinung sind? Ruft Gewalt, auch wenn sie noch so berechtigt oder nicht berechtigt begründet wird, neue Gewalt hervor, egal von wem diese auch ausgeht?)
Im Zusammenhang mit den Anschlägen in Amerika schreibt Arno Metzler, Chefredakteur in der „der freieberuf“, Organ des „Bundesverbandes der Freien Berufe“:
„Schwierige Zeiten für Bürgerrechte in Deutschland, in Europa, in der Welt, erleben wir ...
Allenthalben ist das Bedürfnis nach Sicherheit vor dem kritischen Bewußtsein für die Bürgerrechte, für den Rechtsstaat und für die Effizienz von Sicherheitsmaßnahmen verschüttet. Es wäre für die Zukunft der Rechtsstaatlichkeit, der Bürgerrechte zweifellos ein entscheidender Schritt nach vorne, wenn man die Sicherheitspolitiker für ihre Maßnahmen und Wünsche zu einer Erfolgsprognose verpflichten würde, die dann gegen die Bürgerrechtsschritte abgewogen werden kann. Diese sollte später dann auch an die erzielten Erfolge als Meßlatte angelegt werden.
Ein klassisches Beispiel für Aktionismus mit geringer Erfolgsaussicht ist die alte Geldwäscherichtlinie aus Europa und die Umsetzung in nationales Recht sowie das, was als Novelle nunmehr das Europaparlament und damit die letzte Instanz der Korrektur passieren wird. Auch hier Aktionismus, theoretisierende an den Wirklichkeiten der Freien Berufe und des beruflichen Alltags von Fahndung vorbeigehende Überlegungen.
Diese sollen kaschieren, daß andere wirksame Schritte aus Opportunitätsgründen nicht unternommen werden, oder - noch viel schlimmer - trotz schon bestehender rechtlicher Grundlagen nicht vollzogen worden sind. Auch hier ein aktuelles und an Ignoranz nicht zu überbietendes Beispiel: Die UN-Resolution 1333, die vor drei Jahren von den UN-Gremien verabschiedet worden ist, um dem verdächtigen bin Laden die materielle Grundlage einzuschränken und den Geldzufluß abzuschneiden. Großbritannien hat vor drei Wochen stolz verkündet, als erster eine Kontensperrung auf der Grundlage dieser UN-Resolution und der Beschlüsse durchgeführt zu haben. Vor dem Hintergrund, daß immer weitergehende Eingriffe in die freiheitlich demokratische Grundordnung legitimiert werden sollen, dürfen wir uns diesen Attentismus, diese Unaufrichtigkeit der Politik nicht länger gefallen lassen. Hier einzugreifen, hier anzugreifen, hier mahnend die Stimme zu erheben, wird die Aufgabe für die Freien Berufe als Sachwalter von Bürgerrechten in den nächsten Wochen und Monaten sein. Hiervon betroffen sind alle Freien Berufe und alle Freiberufler. Von den Rechts- und Wirtschaftsberatern bis zu den Heilkundigen, die mit der Verschwiegenheitspflicht das besondere Vertrauensverhältnis, das die ihre Leistung Suchenden ihnen gegenüber in Anspruch nehmen, schützen. ...“
(Hervorhebungen durch die Redaktion.
` ` ` Uns aus dem Chaos herauszuführen, vermag nur ein neuer Geist
Auszüge aus: Albert Schweitzer, Die Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben, veröffentlicht in „Albert Schweitzer Rundbrief Nr. 93“
„... Wenn wir bisher Organisationen schufen, die eine Verständigung zwischen den Parteien und zwischen den Völkern herbeiführen sollten, so blieben sie tote Maschine. Sie konnten nichts leisten, weil der erforderliche Betriebsstoff, der Geist, nicht vorhanden war.
Nur durch einen ethischen Geist, nicht durch irgendwelche Überlegungen über zweckmäßig und nicht-zweckmäßig können wir armen Übermenschen die völlige Vernünftigkeit erlangen, die uns den Mißbrauch der ungeheuren Macht, die durch die Beherrschung der Naturkräfte in unsere Hand gegeben ist, vermeiden läßt und uns überhaupt davor bewahrt, an unseren Errungenschaften des Wissens und des Könnens zugrunde zu gehen. Mit der Steigerung unserer Betätigungsfähigkeit muß eine Höherentwicklung der Gesinnung und der ganzen Persönlichkeit einher gehen.
Wir können nicht in dem gegenwärtigen abnormen und gefährlichen Zustand verharren, daß wir an Wissen, Können und Macht Übermenschen, an Geist Untermenschen sind.
Der neue Geist kann sich nicht aus Ideen, wie sie durch irgendwelche Propaganda aufgebracht und verbreitet werden, ergeben. Er muß auf organische Weise in eigenem Denken der vielen Einzelnen entstehen. Wenn die Wiesen im Frühjahr zu grünen anfangen, geht dies so vor sich, daß unzählige Gräser von sich aus sprießen und grünen. Also auch kann wirklicher Geist seinen natürlichen Ursprung nur in dem Geistigwerden der vielen Einzelnen haben.
Erst wenn uns wieder eigenes Denken vorhanden ist, gelangen wir in Besitz des überkommenen geistigen Gutes. Einem unerbittlichen Gesetz zufolge können Ideen nicht einfach von Geschlecht zu Geschlecht übernommen werden. Auch wenn man fortfährt, ihnen Anerkennung zu zollen, werden sie doch mehr und mehr ein toter Besitz. Ihrer Gestalt und ihrem Inhalt nach sind sie noch vorhanden; aber sie sind unlebendig und unwirksam geworden. ..."
„... Wie wir, wenn sie nicht funktionieren, trotz der Speise, die wir zu uns nehmen, dahinsiechen, so gehen wir trotz der in der Überlieferung vorhandenen wertvollen Ideen geistig zugrunde, wenn in uns kein Denken, durch das wir sie uns in ihrer Lebendigkeit aneignen können, am Werke ist. Ideen sind Früchte, die der Baum des Lebens immer aufs Neue tragen muß.
Auch wo noch Kultur vorhanden ist, müssen ihre Ideale in neuem Denken zu neuem Denken erwachen. Das Denken, wie es jetzt ist, wäre nicht imstande, sich hervorzubringen, wenn sie nicht schon bestünden. Darum kann es ihnen nicht die Kraft verleihen, die in unserer Zeit erforderte Wirksamkeit zu entfalten. Alle noch bestehende Kultur ist darauf angewiesen, in neuem Denken wiedergeboren zu werden. ..."
Ehrfurcht vor dem Leben
Es ist auffällig, daß der Begriff Ethik vermehrt Beachtung findet, im politischen Bereich, in der Industrie, in den verschiedenen Berufsgruppen und in Managementkursen und -Tagungen Eingang findet. Betrachten wir die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen, so ist dies nicht verwunderlich und gleichzeitig aber sehr zu begrüßen.
Es bilden sich Kommissionen, es werden Tagungen und Diskussionsrunden in den verschiedenen Bereichen durchgeführt. Ob allerdings immer und in jedem Fall die Ergebnisse dieser Kommissionen dem hohen Anspruch an den Begriff „Ethik“ entsprechen, muß gefragt oder sogar angezweifelt werden. Angesprochen müssen hierbei die auch im politischen Raum Deutschlands geführten Diskussionen zu den Themen Gentechnik, Genforschung, Klonen werden.
Vielen politischen Entscheidungen, und hier insbesondere auch bei kriegerischen Auseinandersetzungen, berufen sich die Verantwortlichen gerne auf Moral, Humanität und Ethik und hier sind dann schon sehr viele Fragezeichen zu setzen.
Auch im Heilpraktikerbereich beschäftigt man sich mit dem Begriff Ethik und der Herausgabe von Ethik-Richtlinien.
Es ist selbstverständlich, daß gerade wir Heilpraktiker nicht erst heute Ethik in den Vordergrund unseres Handelns zu stellen haben.
Es ist die Frage zu stellen, ob es nun großer Diskussionsrunden, Kommissionen und der Herausgabe von Richtlinien diverser Art bedarf.
Ist es nicht denkbar, alles Denken und Handeln unter die doch recht einfach klingende Formel „Ehrfurcht vor dem Leben“ zu stellen.
Kein geringerer als Albert Schweitzer hat diesen doch allumfassenden Begriff geschaffen und sein eigenes Handeln danach ausgerichtet.
Albert Schweitzer meint mit seiner Aussage „Ehrfurcht vor dem Leben“ natürlich nicht nur den Menschen, sondern für ihn ist dies umfassend und bezieht jedes Lebewesen, Tier und jede Pflanze, ein.
Unser Handeln danach auszurichten bedeutet gleichzeitig höchste Verantwortung und auch „Qualitätssicherung“, über die so viel geschrieben wird.
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