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Dipl.-Päd. Rainer Meerkamp, Heilpraktiker Die – wie immer wieder betont wird – materialistische, „geistlose“, linear-kausale Mechanik der auch in dieser Hinsicht veralteten Hochschulmedizin, sofern und soweit eine solch triviale Mechanik denn in dieser Medizin überhaupt zum Zuge kommt, ist nicht von gestern, sondern von vorgestern (René Descartes lebte bereits 1596-1650!). Und sie ist mitverantwortlich fürs Zurückgebliebensein eines erschreckend großen Teils unserer modernen Medizin – und diese simple Mechanik, Teil eines unzureichenden naturwissenschaftlichen Modells, ist weiterhin zudem in vielen Fällen nur Ideologie, als die zu sein die Hochschulmedizin immer mal wieder gern die Naturheilkunde anklagt. Denn innerhalb der Schulmedizin gibt es, wie die folgenden Beispiele zeigen werden, so haarsträubend vieles, was in krassem Widerspruch zum offiziellen Anspruch auf exakte naturwissenschaftlich-rationale Wissenschaftlichkeit steht, daß dieser gern herbeizitierte Unterschied zu einer „menschlich zugewandten, sanften, unkonventionellen, unwissenschaftlichen, ganzheitlichen Alternativmedizin“ vielfach unanwendbar, d.h. unbrauchbar ist. (Doch man zeigt halt gern mit dem Finger auf den anderen.) Im Anschluß an eine Reihe von Beispielen wird gefragt: Wie soll die Naturheilkunde die Auseinandersetzung mit der Hochschulmedizin gestalten?
(1) „Alle Männer vom Fach sind sehr übel daran, daß ihnen nicht erlaubt ist, das Unnütze zu ignorieren.“ (J. W. Goethe, „Sprüche in Prosa“) Und diese „Männer vom Fach“ fragen positiv: Was wirkt? Was nützt? Wer heilt? Wie steht es um die Güte und Unbedenklichkeit unserer Heilungs-Maßnahme? Welcher Nutzen entsteht? Welcher Schaden? Wird gehalten, was versprochen wurde? Die sogenannte „evidenzbasierte Medizin“ baut heute explizit auf „einleuchtende Erkenntnisse“, erweist die Wirksamkeit eines Eingriffs, prüft dessen Risiken, soll helfen, das Vernünftige zu tun, ohne das Maß des Notwendigen zu überschreiten. Sie legt gewissenhaft ihre „Beweismittel“ der Behandlung bei, so daß Leistungstransparenz entsteht und der gesetzliche Grundsatz von Nutzen, Notwendigkeit und Wirtschaftlichkeit konkretisiert wird. Das hört sich plausibel an. Die Frage nach evidenzbasierter Medizin und Naturheilkunde wird, wenn ich mich an dem orientiere, was in der Vergangenheit in dieser Zeitschrift publiziert wurde, hier erstmals gestellt. „Anspruch und Wirklichkeit“, das ist ein altes Thema, im Leben und auch in der Heilkunde. Ob z.B. Seepferdchenasche, angerührt mit Soda und Schweinefett, in Asien wirklich gegen Glatzköpfigkeit hilft, ob zerhackte oder aufgekochte Seepferdchen „Erschöpfte aufpäppeln, Halsschmerzen, Asthma, Unfruchtbarkeit, Nieren- und Leberleiden kurieren und sogar bei schweren Kindsgeburten Erleichterung verschaffen“ („Ballett am Meeresgrund“, in: Die ZEIT vom 26.11.1998), bedarf immer noch der objektiven und unparteilichen Untersuchung. Um aber in unseren Regionen zu bleiben: Es kann sich herausstellen, daß es leider nicht möglich ist, eine Gallenwegserkrankung aus der Hand abzulesen, d.h. daß Chirologie (siehe I. Wenzel, 1994 und 1995) hier als Glücksspiel und Pseudodiagnostik betrieben wird (J. el Mahmoud, M. Pfeiffer, R. Jürgensen, 1993, S. 206 f.). Wer heilt, hat recht, heißt es, aber er soll auch plausibel nachvollziehbar machen, er tatsächlich heilt und wie ihm sein Erfolg gelingt. Vermuten allein reicht nicht. Die Erfolge nachweisen, die Belege nicht schuldig bleiben, vorhandenes Wissen verfügbar machen, das eigene Tun lehr- und lernbar, professionelle Qualität sichtbar machen, Obsoletes verabschieden, eine Grenze zum Irrtum ziehen, auch eine zum Unsinn, selbst wenn es, wie wir alle wissen, überall im Leben viel Platz für Irrtümer und für Unfug aller Art gibt.
Daß es in Köln ein „Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen“ gibt, gefällt vielen Vertretern der Ärzteschaft bislang nicht („Mies machen ist fehl am Platz“, in: Gesundheit und Gesellschaft, 2004, Heft 9, S. 13). „Das im Rahmen der Gesundheitsreform ins Leben gerufene, staatsunabhängige Institut ... wird sich mit der Versorgungssituation von Patienten befassen, die an Diabetes Typ 1 und 2, Bluthochdruck, Asthma, chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen, Demenz oder Depression leiden. Therapiealternativen sollen vorrangig danach bewertet werden, ob sie eine für Patienten spürbare Verbesserung mit sich bringen, also lebensverlängernd wirken, Komplikationen und Nebenwirkungen verringern oder Pflegebedürftigkeit vermeiden. Auch die Lebensqualität der Patienten – in beruflicher und sozialer Hinsicht – wird mit bewertet.“ („Kölner Institut setzt auf Qualität“, in: Kölner Stadt-Anzeiger, 21.1.2005) Wie steht es um die Schulmedizin, daß ein teures Institut wie dieses gegründet werden muß, um die Qualität der Behandlung von Volkskrankheiten unter die Lupe zu nehmen, darf man besorgt fragen. Die Grundidee evidenzbasierten Kurierens kommt vielfach nicht gut an. In den Krankenhäusern fehlt oft die Bereitschaft, über Qualitätsanforderungen auch nur zu verhandeln (B. Egger, 2004, S. 36). Dabei trauen die Ärzte ihrer Schulmedizin eher wenig zu, wenn sie selber mal krank werden, wie eine Studie ergab: „Allenfalls die Hälfte der befragten Fachärzte würde sich selbst den nach aktuellen deutschen Lehrbüchern indizierten Standardtherapien (wie etwa Bandscheibenoperationen, Bypass-Eingriffe, Gebärmutter-Entfernung oder Prostata-Entfernung) unterziehen.“ (A. Hoffmann, 2003, S. 5) Dem Patienten gibt zu denken, daß Ärzte ihn zwar gern operieren, sich selbst zugleich signifikant seltener als der Bevölkerungsdurchschnitt operieren lassen, daß sie auch ihre Gallenblase behalten und daß sie Rechtsanwälte seltener operieren als die Angehörigen anderer Berufe. Rechtsanwälte: die wahren Risikopatienten (zit. n. „Der Zahn bleibt drin!“, in: Die ZEIT Nr. 30, 21.7.1995).
(2) Zu unserem Gesundheitssystem wird angemerkt: „Der gute Arzt, der mit wenigen Mitteln auskommt und somit effektiver arbeitet und damit zugleich den Patienten weniger belastet, wird im jetzigen System wirtschaftlich bestraft.“ (K. Dupré, 1989, S. 116) Fehlleistungen aus der Abteilung „Medizin und Mammon“ sind vielen Menschen bekannt: Wenn der Arzt des Bluthochdruck-Patienten vom altbewährten, preiswerten Diuretikum zur teureren, mit enormem Aufwand propagierten Neuentwicklung wechselt (Kalzium-Antagonist, ACE-Hemmer, Alphablocker), folgt er – unkritisch – der Pharmaindustrie. Damit werden pro Jahr Zusatzkosten von 850 Millionen Euro erzeugt, und im Vergleich zu einer Behandlung mit den alten Diuretika ca. 20.000 zusätzliche Schlaganfälle (P. T. Sawicki, 2003). Die Übermedikation mit falschen oder überflüssigen Medikamenten ist ein Kunstfehler mit Folgen. So führte z.B. das auf den ersten Blick vielleicht plausibel scheinende Unterdrücken von ventrikulären Extrasystolen bei Patienten mit Herzrhythmusstörungen zu einer fast verdoppelten Sterblichkeit (N. Schmacke, 2002a, S. 19). Ein Fall vom naturwissenschaftlichem Overkill. Es hat viele Jahre gebraucht, bis eine Studie die Frage klärte, ob die entwickelten Medikamente tatsächlich lebensverlängernd wirken. Ein Ergebnis: Die Probanden der Placebogruppe hatten die höchste Lebenserwartung (H.-P. Beck-Bornholdt, H.-H. Dubben, 2004, S. 212). Wenn der Arzt den Nierenstein des Patienten mit Stoßwellen aus dem Nierensteinzertrümmerer behandelt, ist das wissenschaftlich anerkannt, wenn er, um das teure Gerät auszulasten, auch ein Gelenkleiden wie den „Tennisarm“ damit behandelt und die Ärzteschaft im Gesundheitssystem dadurch Millionen zusätzlicher Kosten produziert, ist das nicht in Ordnung, und eine klare Defintion medizinischer Standards im Sinne der Evidenz-Vertreter wird hier wohl kaum erwünscht sein, mindestens solange sich die teuren Geräte nicht amortisiert haben („Querelen um die Qualität“, in: Die ZEIT vom 28.9.2000). Mit rationaler Wissenschaftlichkeit hat das nichts zu tun. Eine andere Geschichte: Seit Anfang der 90er Jahre verdoppelte sich die Zahl der Hormonanwenderinnen. Die Frau wurde, so der Hormonforscher Robert Greenblatt 1960, als „physiologische Kastratin“ konzipiert, dem Beispiel des Insulinmangels nachfolgend. Doch das Versprechen der Hormonersatztherapie, die „Entzugssymptome“ zu mildern und ein Jungbrunnen für Frauen zu sein, stand auf tönernen Füßen – vieles wurde behauptet, wenig, ja im Grunde kaum etwas wurde belegt. Viele Jahre später wurde dann eine fundierte Erkenntnis produziert: „Hormone können das Gegenteil von dem bewirken, was versprochen wird.“ (N. Schmacke, 2002b, S. 30) Vom Aufstieg zum (verzögerten) Fall seit Sommer 2002, als eine neue amerikanische Nutzen-Schaden-Bilanz bekannt wurde: Mit der Hormontherapie steigt das Risiko von Thrombosen, Brustkrebs, Schlaganfällen und Herzinfarkten. Doch dieser unbequeme Zusammenhang ist danach bei den Ärzten nicht angekommen (N Schmacke, 2004). Hier mangelt es u.a. an „Gesundheitskommunikation“ (N. Schmacke, 2003). Die wissenschaftlich nachgewiesenen Gesundheitsrisiken sind bekannt, das Umdenken und der radikale Kurswechsel bleiben dennoch aus (A. Zawinell, M. Dören, 2003). Die Ärzte sind seit 2002 vollständig informiert, jedoch: „Der Berufsverband der Frauenärzte erweist sich als unbelehrbar.“ (N. Schmacke, 2002b, S. 32) Das Ende der Legende läßt auf sich warten. „Fremdelnde“ Ärzte pflegen das „Fachgespräch ohne Dialog“, das vielsagende „Fachschweigen“ (K.-R. Fabig, 2003). Ihr Schweigen, Bagatellisieren und Abwiegeln stimmt erneut recht nachdenklich, was die offiziell reklamierte Orientierung dieser Ärzte an einer auf Wissenschaft gegründeten Medizin betrifft. Zur Erinnerung: Elektroschock-Therapie bei Depressionen und Frontalhirnzerstörung (Cingulotomie) zwecks psychochirurgischer „Behandlung“ der Schizophrenie waren auch einmal Teil der Wissenschaft der Psychiatrie. Zu einem solchen Wissenschaftsverständnis geht man inzwischen auf Distanz. Gestern noch gelobt, morgen schon vergessen (außer von den Opfern) – das gilt wohl auch für die frühere Mode des Entfernens der Mandeln, für die – medizinisch sinnlos – entfernten Gebärmuttern und die bis heute beliebten Gallenblasen, die viel zu vielen Bandscheiben-Operationen und medizinisch nicht gerechtfertigten Kaiserschnitte.
Die Schulmedizin baut ihrem Selbstverständnis nach auf konventionelle, anerkannte Verfahren, die geprüft wurden und in Diskussionen auf Fachkongressen und in Fachzeitschriften bestanden haben. Hinter diesen Anspruch ist mit Blick auf die Liste sogenannter iatrogener Schäden ein Fragezeichen zu setzen. „Die Medizin ist keine solche exakte Wissenschaft, wie manche Vertreter glauben machen wollen. Bei vielen Krankheiten stehen wir heute noch vor einem Rätsel. ... Vieles wenden Ärzte an, ohne daß sie genau wissen, ob es nützt. ... Eine Entzündung des Blinddarms wird heute noch genauso oft zu spät erkannt wie vor 50 Jahren.“ (A. Hoffmann, 2003, S. 3 und S. 4; vgl. „Schulmedizin – Viele Diagnosen sind falsch“, in: „Wir Heilpraktiker“, Heft 3/1996, S. 27) Etwa ein Viertel aller Blinddarmoperationen ist überflüssig (AOK-Bundesverband, 2000).
(3) Nun zu einem optimistischer stimmenden Vorgehen. Mein Beitrag bietet ja mehr als nur den skeptischen Blick auf die Medizin. Es geht auch um einen Weg, der weiter voranbringt: Der Erfolg einer Therapie soll wissenschaftlich erwiesen werden, er soll „evident“ sein. Der Vertreter der bereits erwähnten evidenzbasierten Medizin will das vorhandene Wissen sichten, bewerten und veröffentlichen. Er fragt respektlos nach der Güte der praktisch eingesetzten medizinischen Maßnahmen: Welche Interventionen wirken? Welche nützen nachweislich? Welche Eingriffe sind die besten? Welche sind wirtschaftlich, entsprechen der „wirtschaftlichen Verordnungsweise“, wie sie die Sozialversicherung fordert, und überschreiten nicht das notwendige Maß? Wo andererseits gibt es Fehlentwicklungen wie z.B. unnötig aggressive Behandlungen? Das sind gute Fragen.
Die bislang wissenschaftlich geprüften und transparent gemachten Verfahren der „Hochschulmedizin“ sind noch nicht in großer Zahl nutzbar. Nur ein begrenzter Teil der Medizin kann sich heute auf Wirksamkeits- und Nutzennachweise, d.h. auf belastbare Ergebnisse im Sinne einer evidenzbasierten Medizin stützen (AOK-Bundesverband, 2000, N. Schmacke, 2002a, S. 18). Irritierende Fehlleistungen einer dem eigenen Anspruch nach wissenschaftlich fundierten Medizin sind u.a. auch deshalb weiterhin zu erwarten. Falsche Verordnungen z.B. fallen auch dem medizinischen Laien immer wieder auf: Die gern und reichlich verordneten Antibiotika, einstmals als Wunderwaffe gepriesen, werden ihm vom Arzt bei Virusinfektionen verschrieben. Er wird freitags im Krankenhaus aufgenommen, aber erst am darauffolgenden Dienstag untersucht, um dann am eigenen Leib die Überversorgung bei der Routinediagnostik zu erfahren (überflüssige Röntgen- und Laboruntersuchungen). Wenn es für Heilmaßnahmen definitiv zu spät ist, bei der Obduktion, stellt sich leider heraus, daß Gruppen von Erkrankungen, insbesondere (meldepflichtige) Infektionserkrankungen, nicht erkannt wurden und tödlich waren (W.-W. Höpker, S. Wagner, 1998). Ein etwas anders gelagertes Beispiel: Placebos werden ihm verabreicht und wirken z.T. besser als das „eigentliche“ Medikament, wenn sie nur regelmäßig und gewissenhaft eingenommen werden („Herzleiden: regelmäßige Medikamenteneinnahme obligat. Placebos wirkungsvoller als sporadische Einnahme von aktiven Medikamenten“, in: pressetext austria, 10.11.2004), obwohl Placebos doch im Sinne einer naturwissenschaftlichen Sichtweise bloße Bluff-Medizin sein dürften, und obwohl doch allein materielle Ursachen „wirklich“ sind. Und dann wirkt die schlichte Idee des Wirkens! Nicht das Medikament wirkt, sondern das Verhalten des Patienten, insbesondere dessen Tauglichkeit, ein Medikament regelmäßig einnehmen zu können, so wird dazu erklärt (H.-P. Beck-Bornholdt, H.-H. Dubben, 2004, S. 207). Der Arzt widerspricht beim Verordnen des Placebos implizit dem offiziellen Anspruch auf naturwissenschaftlich-rationale Wissenschaftlichkeit. „Die Wirksamkeit von Placebos ist ein Beweis dafür, daß menschliches Leben, menschliches Heilen und Leiden zur Welt geistiger Prozesse gehören, in der Unterschiede – Ideen, Informationen, sogar das Fehlen von etwas – Ursachen sein können.“ (G. und M. C. Bateson, 1993, S. 97) – Auch an Phantomschmerzen darf hier gedacht werden. Noch ein weiteres Beispiel: Der Direktor der Universitätsklinik für Stoffwechselkrankheiten und Ernährung in Düsseldorf stellte vor einigen Jahren fest: „So wurden etwa zur Behandlung von Magengeschwüren in den vergangenen zwanzig Jahren diametral entgegengesetzte Therapien an unzähligen Patienten praktiziert: Sie reichten über die Psychotherapie, magensäureblockierende oder antibakterielle Medikamente bis hin zu chirurgischen Eingriffen. Die Ursache des Magengeschwürs ist bis heute nicht geklärt, und es fehlen vergleichende Langzeituntersuchungen zur Effektivität dieser verschiedenen Methoden. Dennoch wird die neuere Antibiotikabehandlung inzwischen von offiziösen Gremien so aggressiv propagiert, als wäre alles andere geradezu strafbar. Ein derartig rascher Umschwung der Lehrmeinung spricht weder für die Wissenschaftlichkeit der Schulmedizin noch der sie tragenden ‘Gremien meinungsbildender Experten’.“ (M. Berger, „Dr. med. Dogma“, in: Die ZEIT vom 25.8.1995) Einige Jahre später legte der Arzt sich dann doch fest: „Bis vor kurzem wurden überall auf der Welt Millionen von Patienten mit Magen- und Zwölffingerdarmgeschwür mit Magenoperationen, Psychoanalyse und anderen Formen der Psychotherapie wie auch mit obskuren Diäten und/oder Medikamenten gequält – anstatt die antibiotische Behandlung zu bekommen, mit der im oberen Magendarmtrakt die Besiedlung mit Helicobacter-Bakterien beseitigt werden kann.“ (M. Berger, 2003, S. 30) Ein letztes, etwas anders gelagertes und zugleich übles Beispiel: Normale Reaktionen des Körpers, aber auch moderne Lebensängste werden von zeitgeistkonformen Ärzten – für sie gewinnbringend – umdefiniert zu behandlungsbedürftigen Krankheiten (zu einer beeindruckenden Sammlung von Beispielen konstruierter Erkrankungen siehe: J. Blech, 2003). Auch das stellt einen enorm befremdlichen Kontrast zur offiziell hochgeschätzten und reklamierten „Wissenschaftlichkeit“ der Schulmedizin dar – wie übrigens auch einen Kontrast zur offiziellen Ethik dieses Heilberufes. Aber über diesen Konflikt mit der Berufsethik wird nicht gern gesprochen. Der Asklepiadenschwur ist Vorbild des modernen Arztgelöbnisses, das der „Berufsordnung für die deutschen Ärzte“ seit langem vorangestellt ist und in dem es heißt: „Bei meiner Aufnahme in den ärztlichen Berufsstand gelobe ich feierlich, mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen. Ich werde meinen Beruf mit Gewissenhaftigkeit und Würde ausüben. Die Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit meiner Patienten soll oberstes Gebot meines Handelns sein. ... Dies alles verspreche ich feierlich auf meine Ehre.“ (Zit. n. Brockhaus Enzyklopädie, Band 2, 20. Auflage, Leipzig, Mannheim 1996, S. 181) Wenn die agilen Krankheitserfinder abkassieren, bleiben offiziell reklamierte Wissenschaftlichkeit, Transparenz und auch die persönliche Ehre weit zurück (Monetik vor Ethik, mein Wohl vor Gemeinwohl).
(4) Genug der traurigen Beispiele. Es ist jetzt an der Zeit zu fragen: Was bedeutet das nun alles für die Naturheilkunde? Welche Schlüsse soll sie für ihre Auseinandersetzung mit der Hochschulmedizin aus dem hier vorgetragenen Befund ziehen? Ist sie gut beraten,
– am Bild einer allein wissenschaftlich-rational gesteuerten Schulmedizin festzuhalten, – sich in Relation dazu klein zu machen und – brav in der Defensive zu bleiben? Ich glaube das nicht und empfehle den „metakommunikativen“ Dialog „auf gleicher Augenhöhe“. Eine selbstbewußte Naturheilkunde hat gute, wenn nicht sogar die besten Karten, falls sie was draus macht, ihrerseits in die Offensive geht, nebenwirkungsarme/nebenwirkungsfreie Behandlungsformen vorstellt und den „schulmedizinischen“ zur Seite stellt.
Zu diesem Zweck sind allerdings die Karten auf den Tisch zu legen. In der Tat kann die Naturheilkunde, wie auch die Schulmedizin, mehr für die Evidenz und Transparenz ihrer Handlungslogik und ihrer Leistungen tun. „Was das zu Heilende ist, läßt sich niemals in eine exakte wissenschaftliche Formel bringen“, so schreibt unnötig defensiv-bescheiden, unnötig pauschalisierend und mit seinem „niemals“ unnötig die ganze künftige Forschung abschneidend der Kollege M. Rüegg in „Wir Heilpraktiker“ (Heft 1/2003, S. 6). Er läßt die Anläufe unerwähnt, auch die Verfahren der Naturheilkunde in klinischen Studien zu untersuchen (dazu H. Albrecht, 1995). Immerhin wurde 1999 begonnen, das Verfahren der Akupunktur zu untersuchen (U. P. Schäfer, 2001), ein guter Anlauf, auch wenn es – neben erfreulichen („Heilpraktiker werden immer wieder und immer öfter auch wissenschaftlich bestätigt“, in: „Wir Heilpraktiker“, Heft 4/1994, S. 38) – unangenehme Resultate zur Homöopathie (H. Walach, 2000) oder – wenig erfreuliche Ergebnisse (J. Wilkens, 2003) gibt, – gab („Alternative Medizin im Test“, in: „Wir Heilpraktiker“, Heft 3/1999, S. 65) und zukünftig geben wird, – Resultate, die gleichwohl weiterhelfen, mit denen man sich auseinanderzusetzen hat („‘Focus Magazin’ empfehlenswert?“, in: „Wir Heilpraktiker“, Heft 1/1994, S. 38-42, „Stiftung Warentest darf nicht unwidersprochen bleiben“, in: „Wir Heilpraktiker“, Heft 2/1998, S. 13-14 sowie die Zitate in R. Meerkamp, 2004), – Resultate, die in der Auseinandersetzung mit jenen kritischen Stimmen weiterhelfen, die in der Naturheilkunde gern „unspezifische Zuwendungseffekte“, „alternative Beliebigkeit“ oder den „Missionsdrang des Heilers“ zu erkennen meinen (dazu kritisch N. Schmacke, 2000: „Populär allein reicht nicht“ – Nachweise sollen den Glauben ersetzen). Es ist hier, wie auch sonst so oft im Leben, mehr möglich. Es gibt noch reichlich Spreu von Weizen zu trennen, auf Seiten der Hochschulmedizin wie der selbstkritischen Naturheilkunde (M. Wibbe, 2001). Gut gemeint reicht nicht, auch nicht in der Naturheilkunde. Das Kriterium der Wirksamkeit kann helfen, seriöse von unseriösen Therapieverfahren zu unterscheiden (G. A. Nagel, 2000). Dankenswerterweise erinnert W. Hannig uns daran, daß Samuel Hahnemann (1755-1843) auf dem Heilen besteht – idealerweise eine schnelle, sanfte, dauerhafte Wiederherstellung der Gesundheit auf dem kürzesten, zuverlässigsten und unnachteiligsten Wege, nach deutlich einzusehenden Gründen (W. Hannig, 2001, S. 9). Das ist hoch aktuell. Heute wäre Hahnemann wohl „evidenzbasiert“. (5) Bei früherer Gelegenheit habe ich eine Diskussion und metakommunikative Untersuchung als sehr wohl begehbaren Weg zur Qualitätssicherung für die beiden chronisch miteinander streitenden Parteien beschrieben (R. Meerkamp, 2004). Daran möchte ich zum Schluß nochmal erinnern. Die offiziell „naturwissenschaftlich-rationale“, mechanische Hochschul- und „Apparatemedizin“ ist nicht in einer Verfassung, die die Naturheilkunde ängstigen müßte, wenn sie den gemeinsamen Dialog sucht. Fundierte Beiträge einerseits zum Konflikt zwischen „Medizin und Mammon“ und andererseits zu einer neu organisierten, transparenten Medizin, mit „wesentlichen neuen Therapiestrategien“ („Naturheilkunde und Schulmedizin“, in: „Wir Heilpraktiker“, Heft 2/1997, S. 3), Beiträge zu einer anderen, längst überfälligen Logik medizinischen Denkens und Handelns, zu einem interdisziplinären, integralen, systemischen Menschenbild, Beiträge zu einem ökologischen, kybernetischen, „ganzheitlichen“ Denken in „strukturellen Verbundenheiten“ (G. Bateson), könnten ein Ergebnis des Dialogs sein, und solche Ergebnisse werden heute dringend gebraucht.
Literatur: H. Albrecht (1995): Müssen Naturheilkunde und Homöopathie wissenschaftlich untersucht werden?, in: Natur und Medizin Mitgliederbrief 4, S. 3-4 AOK-Bundesverband (2000): Hrsg., Medizinische Über-, Unter- und Fehlversorgung in Deutschland, in: Gesundheit und Gesellschaft. Das AOK-Forum für Politik, Praxis und Wissenschaft, Bonn, 3. Jgg., Heft 10, Sonderdruck G. Bateson, M. C. Bateson (1993): Wo Engel zögern, Frankfurt/Main H.-P. Beck-Bornholdt, H.-H. Dubben (2004): Der Hund, der Eier legt. Erkennen von Fehlinformation durch Querdenken, Reinbek bei Hamburg M. Berger (2003): Am Ende der Aufklärung steht das Goldene Kalb, in: AOK-Bundesverband, Hrsg., Gesundheit und Gesellschaft/Wissenschaft. Das AOK-Forum für Politik, Praxis und Wissenschaft, Bonn, 3. Jgg., Heft 2, S. 29-35 J. Blech (2003): Die Krankheitserfinder. Wie wir zu Patienten gemacht werden, Frankfurt/Main K. Dupré (1989): Ärztliche Behandlungsfehler, Wiesbaden B. Egger (2004): Qualität ist kein Zufall, in: AOK-Bundesverband, Hrsg., Gesundheit und Gesellschaft. Das AOK-Forum für Politik, Praxis und Wissenschaft, Bonn, 7. Jgg., Heft 12, S. 34-41 K.-R. Fabig (2003): Fachgespräch ohne Dialog, in: umwelt medizin gesellschaft, 16. Jgg., Heft 4, S. 296-297 W. Hannig (2001): Homöopathie. Was ist das und wie wird sie angewandt?, in: „Wir Heilpraktiker“ Fachzeitschrift für Naturheilkunde, Heft 3, S. 7-11 W.-W. Höpker, S. Wagner (1998): Die klinische Obduktion, in: Deutsches Ärzteblatt, 95. Jgg., Heft 25, A–1596-A–1600 A. Hoffmann (2003): Gesundheitsreform im Gestrüpp der Lobbyisten, in: AOK-Bundesverband, Hrsg., Gesundheit und Gesellschaft. Das AOK-Forum für Politik, Praxis und Wissenschaft, Bonn, 6. Jgg., Heft 2, Sonderdruck, S. 3-10 J. el Mahmoud, M. Pfeiffer, R. Jürgensen (1993): Gallensteindiagnostik durch Handlesen? Wissenschaftliche Beweise gegen chirologische Pseudodiagnostik, in: I. Oepen, Hrsg., Unkonventionelle medizinische Verfahren, Stuttgart, Jena, New York, S. 196-208 R. Meerkamp (2003): Aufmerken, Hinsehen, Nachdenken bei Wahrnehmungsfallen im Alltagsleben, Köln R. Meerkamp (2004): Zwei Wege zur Qualitätssicherung in der Naturheilkunde, in: „Wir Heilpraktiker“ Fachzeitschrift für Naturheilkunde, Heft 3, Aktiv Forum, S. 14-17 G. A. Nagel (2000): Paramedizin ist keine Alternative, in: AOK-Bundesverband, Hrsg., Gesundheit und Gesellschaft. Das AOK-Forum für Politik, Praxis und Wissenschaft, Bonn, 3. Jgg., Heft 2, S. 3 P. T. Sawicki (2003): Das Märchen von der Innovation, in: AOK-Bundesverband, Hrsg., Gesundheit und Gesellschaft. Das AOK-Forum für Politik, Praxis und Wissenschaft, Bonn, 6. Jgg., Heft 5, S. 36-39 U. P. Schäfer (2001): Die große Kunst der kleinen Stiche, in: AOK-Bundesverband, Hrsg., Gesundheit und Gesellschaft. Das AOK-Forum für Politik, Praxis und Wissenschaft, Bonn, 4. Jgg., Heft 3, S. 28-34 N. Schmacke (2000): Alternative Heilverfahren – Populär allein reicht nicht, in: AOK-Bundesverband, Hrsg., Gesundheit und Gesellschaft. Das AOK-Forum für Politik, Praxis und Wissenschaft, Bonn, 3. Jgg., Heft 3, S. 47 N. Schmacke (2002a): Evidenzbasierte Medizin: Fundament zur Vereinbarung individueller Therapieziele, in: Gesundheit und Gesellschaft/Wissenschaft. Das AOK-Forum für Politik, Praxis und Wissenschaft, Bonn, 2. Jgg., Heft 4, S. 16-25 N. Schmacke (2002b): Gift im Jungbrunnen?, in: AOK-Bundesverband, Hrsg., Gesundheit und Gesellschaft. Das AOK-Forum für Politik, Praxis und Wissenschaft, Bonn, 5. Jgg., Heft 10, S. 30-33 N. Schmacke (2003): Vom Aberglauben zur Aufklärung, in: AOK-Bundesverband, Hrsg., Gesundheit und Gesellschaft. Das AOK-Forum für Politik, Praxis und Wissenschaft, Bonn, 6. Jgg., Heft 5, S. 40-41 N Schmacke (2004): Frauen schlecht beraten?, in: AOK-Bundesverband, Hrsg., Gesundheit und Gesellschaft. Das AOK-Forum für Politik, Praxis und Wissenschaft, Bonn, 7. Jgg., Heft 6, S. 40 H. Walach (2000): Wissenschaftliche Untersuchungen zur Homöopathie, Essen I. Wenzel (1994): Chirologie – Handdiagnostik, in: „Wir Heilpraktiker“ Fachzeitschrift für Naturheilkunde, Heft 1, S. 26-32, Heft 2, S. 17-23, Heft 3, S. 4-10, Heft 4, S. 14-17 I. Wenzel (1995): Chirologie – Handdiagnostik, in: „Wir Heilpraktiker“ Fachzeitschrift für Naturheilkunde, Heft 1, S. 16-19, Heft 2, S. 13-18 M. Wibbe (2001): Naturheilkundliche und naturwissenschaftliche Grundlagen, in: „Wir Heilpraktiker“ Fachzeitschrift für Naturheilkunde, Heft 1, Aktiv Forum, S. 16-18 J. Wilkens (2003): Arnica D30 in der Wundheilung, Essen A. Zawinell, M. Dören (2003): Tritt auf die Verordnungsbremse, in: AOK-Bundesverband, Hrsg., Gesundheit und Gesellschaft. Das AOK-Forum für Politik, Praxis und Wissenschaft, Bonn, 6. Jgg., Heft 12, S. 30-33 •
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