Zum Nachdenken - Warte, gleich!


Rita Gerdung

„Vati, sieh,das schöne Bilderbuch! Hat mir Tante Rosi geschenkt. Sieh mal, Vati, sieh!"
 
Dieter Haußmann blickte vom Schreibtisch auf. Seine kleine blonde Tina! Wie sie ihm strahlend entgegenlief! Vor wenigen Tagen war sie vier geworden. Ein Gefühl der Wärme und des Glücks durchflutete ihn, als er ihr liebevoll über das Haar strich. „Ein schönes Buch! Sieh es dir genau an, mein Schatz."
 
„Aber Vati, lies es mir doch vor!" Die strahlenden Kinderaugen blickten ihn erwartungsfroh an. „Warte, gleich lese ich auch vor. Aber zuerst muß ich meine Arbeit hier fertigmachen. Es ist wichtig, damit wir Geld verdienen."
 
„Ja, Vati." Sie machte ein verständnisvolles Gesicht. Die Großen mußten arbeiten, damit sie das Haus, das Auto, das Essen und alle schönen Spielsachen bezahlen konnten. Das kleine Mädchen setzte sich brav in einen Sessel und schlug ihr Bilderbuch auf. Kinder und Tiere waren zu sehen. Darunter stand in großen Buchstaben ein Text. Gewiß mußte man lachen, wenn man ihn las. Wenn Vati nur fertig würde!
 
Dieter blickte verstohlen zu seiner Tochter hinüber. Er war stolz auf sie. Durch sie war seine Ehe mit Elke erst vollkommen. Soviel Glück ...
 
Er wandte sich wieder seiner Aufgabe zu. Seine gutgehende Werbeagentur verlangte termingerechte Arbeiten.
 
„Vati, wann ist gleich?" Das liebe Stimmchen unterbrach ihn wieder. „
 
Es dauert noch ein bißchen, frag mal Mutti, ob sie dir schon etwas vorlesen kann." Es tat ihm leid, sie wegschicken zu müssen.
 
Tina kam bald wieder zurück.
 
„Vati, die Mama hat gesagt 'später', die Mama muß auch arbeiten. Bist du jetzt fertig?"
 
„Nein, mein Kind. Es dauert noch etwas. Aber wenn du mich nicht störst und brav wartest, bin ich gleich fertig."
 
Was ist eigentlich 'gleich'? Das Mädchen im rosafarbenen Kleid überlegte. Über der Nasenwurzel bildeten sich zwei Fältchen. Wenn die Mama rief „komm gleich", mußte sie sofort kommen. Also dauerte 'gleich' nicht lange. Aber das war wohl nur für Kinder. Bei den Großen war das anders. Das wußte sie. Tina sah ein lustiges Bild in ihrem neuen Buch. Es war zum Lachen. Ein großer grauer Esel war da mit vorgestrecktem Kopf und geöffnetem Maul unter riesenlangen Ohren. Auf seinem Rücken stand ein brauner Hund mit einer schwarzen Katze auf seiner Schulter. Auf dem Kopf der Katze flatterte ein Hahn mit ausgebreiteten Flügeln. Vier Tiere übereinander!
 
Ein fröhlicher Gluckser entsprang ihrer Kehle. Wenn Vati das vorlesen würde! .
 
„Vati, bist du bald fertig?" „
 
Gleich, Tina, gleich. Aber stör mich doch nicht." Nein, sie will nicht stören. Vati soll fertig werden. Da kommt ihr ein Gedanke.
 
„Vati, wenn du nicht vorlesen kannst, dann lies es doch alleine. Ich bin auch ganz still." Dieter Haußmann lächelt. Versuch mal einer, diese Logik zu verstehen! Aber er ist ja bald fertig.
 
„Warte Tina, dann lese ich laut vor. Sieh solange aus dem Fenster." „Darf ich solange vor die Tür gehen? Du muß mich dann rufen."
 
„Ja", sagt er etwas abwesend. Sie wohnen in einer ruhigen Straße. „Ich rufe dich gleich, mein Kind."
 
Endlich kann er sich in Ruhe seiner Aufgabe zuwenden.
 
Es ist still im Zimmer. Das Bilderbuch liegt aufgeschlagen auf dem Sessel. Die Bremer Stadtmusikanten. Plötzlich schreckt er auf. Von der Straße dringt ein Poltern und Krachen ins Haus. Menschen schreien auf. Er stürzt zum Fenster. Ein Lastwagen steht schräg auf der Straße, mit den Vorderrädern auf dem Fußweg vor seinem Haus. Scheinwerfer und Stoßstange sind gegen einen gemauerten Zaunpfosten gedrückt. Der Fahrer sitzt mit blutender Stirn noch auf seinem Platz und sieht starr geradeaus.
 
Dieter Haußmann begreift erst, als er seine Frau auf der Straße erkennt, wie sie auf die Knie sinkt und sich über ein rosafarbenes Bündel beugt, das regunglos auf dem Pflaster liegt ...
 
Als Dieter und Elke Haußmann aus dem Krankenhaus zurück sind, sitzen sie sich stumm gegenüber. Ihre Tina, warum mußte sie sterben? „
 
Tina wollte, daß ich ihr laut vorlese, damit sie es hört," sagt der Mann in die Stille hinein. Seine Frau nickt stumm. Das Bilderbuch liegt noch offen auf der Sessellehne. Esel, Hund, Katze und Hahn schauen ihn an.
 
„Tina, ich lese dir laut vor, damit du alles hören kannst ... Es war einmal ein Esel, der von seinem Herrn ..." Die Stimme versagt ihm, aber immer wieder zwingt er sich, laut weiterzulesen.
 
(Veröffentlicht in "Die kleine Europa", InterLesebuch II Sachsen-Anhalt,) ISBN 3-9101 46-12-0, ImPuls-Verlag Magdeburg 1995)

 
zurück top Druckversion