Wunderbarer Einklang durch den Atem


Gabriele Callegari, Heilpraktikerin

Ob ein einfacher Geist oder ein geschliffener, seinen Ausdruck findet er in der Sprache. Weniger bekannt ist hingegen, daß 90 % der Information durch den Klang der Stimme bzw. durch die Art und Weise des eigenen Seins übermittelt werden. Resonanzräume kommen ins Schwingen - Gefühle werden geweckt - Instinkte angesprochen. Bleibt dieses Geschehen auch weitgehend im Unbewußten, so treffen wir doch unsere Urteile aus eben solchen Informationen. So „mögen“ wir den Sprecher oder er „kommt uns falsch“ vor, wir lehnen ihn ab oder verstehen auch ohne Worte. Jeder kennt zum Beispiel den Klang der Stimme einer verliebten Frau - eines verliebten Mannes, die unweigerlich ein Gefühl der Erotik evoziert.

Von Mißklang hingegen spricht man, wenn eine harte Stimme verliebte Gefühle zum Ausdruck bringen möchte. Man spürt das, weil der Klang der Stimme körperliche Resonanzräume im Gegenüber anspricht, durch die wiederum bestimmte Gefühle geweckt werden. Haben Wort und Klang nicht die gleiche Aussage, so führt dies zu wenig überzeugenden Dissonanzen. Während die Stimme, die aus der Liebe kommt, beim Hörer genau dieses Gefühl auch anspricht. Vorsicht vor der Kreidestimme des Wolfes!

Dieses Phänomen von Einklang und Resonanz gewinnt an Kraft durch die jeweils erreichte Tiefe des Einblicks ins eigene Sein.

Die Frage in meiner ersten Schwangerschaft „was ist das, was da wächst in mir; ist es mein Leben oder ein anderes“, führte mich vor allem während der ersten Wochen in eine neue Dimension von Leben, die mich fortan suchen ließ. Wonach eigentlich? Nicht einmal das wußte ich. Doch fand ich es schließlich durch die freundliche Hilfestellung verschiedener Lehrer in Yoga, Qigong und Zen in mir selbst. Es ist nicht ein bestimmtes Ding, das ich beschreiben und von ihm sagen könnte „das ist es“, es hat weder ein bestimmtes Aussehen noch hat es einen Namen.

So ist es schwierig, von ihm zu schreiben, aber nicht unmöglich. Man findet es im Bereich von Körper, Atem, Bewußtem, Unbewußtem, Stimme, Klang, Seele, Geist. Bei meiner Suche tauche ich immer tiefer ein in unbewußte Bereiche des Seins, aus denen ich schöpfe, entwickle, erkenne, verknüpfe. Ich weiß inzwischen, daß es nicht der Stein der Weisen ist, den ich suche, denn es ist weniger ein bestimmter Stein als eher das Verstehen des Wesens eines jeden beliebigen Steines, einer Blume, es ist das Verstehen des Lebens schlechthin; ein intuitives, untrügliches Verstehen, das aus dem Selbstverständnis der eigenen Innenschau heraus geschieht.

Da es nicht unbedingt einfach ist, den Blick nach innen zu richten und ihn auch für eine Weile dort zu halten, lassen wir uns leiten durch den Atem, den wir nicht in vorgegebenem Rhythmus oder Intensität in uns aufnehmen, sondern wir nehmen den natürlichen Atem, wie er von selbst in uns eindringt. Ihn begleiten wir mit unserem Bewußtsein und lassen uns so durch ihn in uns selbst hineinführen.

Diese uralte Technik kommt aus buddhistischen Klöstern, wo sie seit vielen Generationen gelehrt und praktiziert wird. Sie führt in sehr große Tiefen des Geistes bzw. zur Selbsterkenntnis, die mehr oder weniger automatisch zur Lösung problematischer Verstrickungen in Körper-Seele-Geist führt. Denn der Atem ist das Bindeglied dieser drei Bestandteile und führt sie wieder zur Einheit.

So finden wir eine neue Anbindung an die Natur, finden unsere kosmische Mitte im Hara und unsere persönliche Mitte in der Gegend des Solar Plexus. Lernen den Unterschied der Rede, die der Vorstellungswelt entspringt zur Rede, die aus dem Sein heraus geschieht. Wie überhaupt der Unterschied zwischen Sein und Schein immer unverkennbarer und deutlicher zum Vorschein tritt.

Aber wie genau kann man sich das vorstellen? Am Anfang steht die Selbst-Wahrnehmung auf der körperlichen Ebene. Ein von innen heraus gespürter Bauch zum Beispiel hat eine gänzlich andere Aussage als ein Bauch, der von außen her vor dem Spiegel betrachtet wird. Das Innenbild ist untrüglich, es läßt sich weder verfälschen noch beschönigen, es kann nicht schmeicheln, nicht lügen. Es ist absolut wahr. Allein von der Tiefe dieses Wahrheitsgehaltes her sind viele zutiefst gerührt. Umgekehrt ist das Wesen des Bauches, um bei diesem Beispiel zu bleiben, zutiefst gerührt, endlich gesehen zu werden. Oft hat es Jahre oder gar Jahrzehnte gewartet auf diesen Augenblick. Endlich kann es sich mitteilen.

In einem späteren Schritt begegnet das Wesen des Bauches dem Wesen des Herzens. Beide sind gerührt, so lange haben sie neben einander her gelebt. Jeder isoliert für sich, möglicherweise überlastet mit der eigenen Aufgabe, weil keine unterstützende Kraft aus anderen Körperräumen wahrgenommen wurde. Wie wunderbar wird das Zusammenspiel der Körperräume, wenn sie sich erst gegenseitig befruchten und ergänzen! Immer lebendiger wird der Organismus in sich, zugleich aber auch immer offener den Mitmenschen gegenüber, und der Welt schlechthin.


 
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