Wenn der Herzinfarkt an der Seele nagt


Körperliche Krankheiten sorgen oft für psychische Störungen
 
Dr. Jörg Zittlau
 
Wenn ein Mensch schwer erkrankt, dann verändert dies sein Leben. Viele der alten Gewohnheiten müssen aufgegeben werden, dafür sieht man sich mit neuen Dingen konfrontiert wie etwa dem Anschluß an lebenserhaltende Geräte, die tägliche Einnahme von Medikamenten und dem Daueraufenthalt in einem Krankenhaus. Dies bleibt natürlich nicht ohne Folgen auf die Psyche, und führt dort nicht selten zur eigenständigen Krankheit. Experten schätzen, daß etwa jeder dritte Patient eines Allgemeinkrankenhauses an einer behandlungsbedürftigen psychischen Störung leidet. Und auch in den Behandlungszimmern der niedergelassenen Ärzte muß von hohen Quoten ausgegangen werden, was die psychischen Auffälligkeiten körperlich kranker Menschen angeht.
 
Besonders tief sind die seelischen Einschnitte bei Patienten mit Krebs, wie Dr. Martin Härter von der Freiburger Universitäts-Klinik für Psychiatrie und Psychosomatik betont: „Sie reagieren zunächst geschockt auf die Diagnose ihrer Erkrankung oder wehren diese ganz ab. Dieser ersten Reaktion folgt häufig eine Phase emotionaler Instabilität, die durch Ängstlichkeit, depressive Stimmungslage, Konzentrationsschwäche und Verringerung der täglichen Aktivitäten gekennzeichnet ist.“ Dennoch schaffen es die meisten von ihnen, später mit ihrer neuen Situation klar zu kommen - vorausgesetzt, sie werden von Ärzten, Familienmitgliedern und Freunden dabei unterstützt. Im fortgeschrittenen Stadium entwickeln viele Krebskranke sogar eine eigentümliche Würde und Gelassenheit, auf der anderen Seite gibt es aber natürlich auch Patienten, die von Todesängsten gepeinigt werden.
 
Die Angst dominiert auch das Leben von Menschen, die einen Herzinfarkt hinter sich haben. Es ist hier vor allem die Angst, eine weiteren Infarkt zu erleiden, der dann möglicherweise tödlich ist. Viele Patienten entwickeln ein überzogenes Vermeidungsverhalten, indem sie allem aus dem Wege gehen, das ihr Infarktrisiko erhöhen könnte: sie gehen nicht mehr in Kneipen, weil dort geraucht wird, kaufen nur noch fettarme Nahrungsmittel, um ihren Cholesterinspiegel zu senken, und oft meiden sie sogar spannende Filme, zwischenmenschliche Konfrontationen und sexuelle Aktivitäten, weil dies ihren Pulsschlag beschleunigen könnte. All dies senkt jedoch nicht etwa die Wahrscheinlichkeit für einen neuerlichen Infarkt, sondern erhöht vielmehr das Depressionsrisiko. Bei etwa jedem dritten Herzinfarktpatienten zeigen sich depressive Störungen, und diese erhöhen wiederum das Risiko um mehr als das Dreifache, in den 12 Monaten nach dem Infarkt zu versterben. Mit seinem ängstlichen Vermeidungsverhalten bereitet also der Herzinfarktpatient die Plattform dafür, daß sich seine Situation weiter verschlimmern wird.
 
Auch bei Diabetikern finden sich oft ein übervorsichtiges Vermeidungsverhalten. Es erstreckt sich jedoch hauptsächlich auf das Gebiet der Ernährung, wo es dann oft zu Eßstörungen führt: Diabetiker leiden überdurchschnittlich häufig an Bulimie und Magersucht. Patienten mit chronischen Schmerzen leiden hingegen häufiger unter Depressionen, ihre Rate liegt hier mit 18 Prozent weit über den Zahlen in der Durchschnittsbevölkerung. In einer Studie an Patienten mit chronischen Rückenschmerzen wurden sogar bei 62 Prozent Anzeichen einer depressiven Störung gefunden.
 
Gründe genug also, sich auch von ärztlicher Seite intensiv mit den psychischen Belastungen von körperlich kranken Menschen auseinanderzusetzen. Doch damit sieht es eher düster aus, wie Dr. Matthias Rothermundt von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Münster beklagt. Der eigentlich zuständige Fachmann für diese Problematik ist nämlich der so genannte Konsiliarpsychiater, „doch der wird“, so Rothermundt, „nur bei etwa 10 Prozent aller Patienten hinzugezogen, die unter einer behandlungsbedürftigen psychischen Störung leiden“. Ein Defizit, das seine Ursache nicht nur in der unzulänglichen pychologischen Beobachtungsgabe der Ärzte hat. Viele Patienten wollen einfach nicht zugeben, daß sie eine psychotherapeutische Behandlung brauchen. Für sie steht die körperliche Erkrankung im Vordergrund, und wenn man die erst einmal in den Griff bekommen hat, so hoffen sie, wird sich auch schon die Seele wieder ins Lot bringen.

 
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