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– Eine skeptische Übersicht – Silke I. H. Muethen Diabetes mellitus, die wohl verbreitetste, gleichzeitig gefürchtetste Stoffwechselerkrankung des Menschen ist trotz des heute unbegrenzt verfügbaren Insulin noch immer nicht heilbar. Das macht skeptisch und legt uns nahe, zunächst einmal die Entstehung der Insulinmangeltheorie kritisch unter die Lupe zu nehmen. Könnte es sein, dass da schon in der Vergangenheit Fehler gemacht wurden? Wie kam es, dass die Bauchspeicheldrüse bzw. später das von ihr gebildete Insulins als die verantwortlichen Täter ausgemacht wurden? Krankheiten mit den Symptomen des Diabetes mellitus, d.h. allgemeine Schwäche, Abmagerung, verstärkter Durst mit erheblichen Mengen zuckerhaltigen Urins, wurden schon sehr früh, um 1550 vor Chr. beschrieben. Die Bezeichnung Diabetes tauchte erst sehr viel später auf und bedeutete im wesentlichen „Wassersucht“, wobei man die Niere für den Verursacher hielt. Der Zusatz „mellitus“ (honigsüß) soll von der Beobachtung alter Ärzte stammen, die via Fingerprobe feststellten, dass der Urin solchermaßen Erkrankter zuckersüß schmeckte. Die Untersuchungsmethoden sind heute weniger direkt, dafür aber umso folgenschwerer. Der Mediziner Oskar Minkowski (1858-1931) entdeckte 1889, dass bei Hunden, denen er die Bauchspeicheldrüse entfernt hatte, mehr als 10% Zucker im Urin auftrat. Die Tiere fielen durch vermehrte Urinproduktion und demgemäß erhöhten Durst auf. Daraus schloss er und schlossen alle anderen Mediziner seiner Zeit und in der Folgezeit bis heute, dass die Ursache des Diabetes mellitus in der Bauchspeicheldrüse zu suchen sei. Damals gab es immerhin noch einige Zweifler an der Schlichtheit dieses Kausalzusammenhangs. Als erster verlor der Mitarbeiter Joseph von Mehring (1849-1908) relativ rasch das Interesse an den Pankreasversuchen, weil er - nach Minkowski's eigenen Worten - die Tragweite der Untersuchungen nicht ebenso hoch einschätzte wie ich. 1) Minkowski hatte - ebenfalls nach seinen Worten - die Pankreasuntersuchungen ohne ausreichende Kenntnis der bis dahin vorliegenden Literatur in Angriff genommen, was er für einen Vorteil hielt, denn, ... hätten wir uns vorher mit den Gedankengängen vertraut gemacht, die frühere Autoren an die Beobachtungen über die anatomischen Veränderungen des Pankreas bei Diabetischen geknüpft hatten, so hätten wir uns vielleicht weiter auf den Bahnen ihrer Vorstellungen bewegt. (wie ob.) Diese Beobachtungen der früheren und in der Folgezeit zahlreichen späteren Autoren besagten nämlich, dass Läsionen am Pankreas bei „Diabetischen“ auch dann durchaus nicht die Regel waren, wenn diese bereits an Diabetes gestorben waren. Minkowski, 1929: Bedenkt man, wie dürftig im allgemeinen die Ergebnisse einer Autopsie bei einem Diabetischen zu sein pflegen - ich erinnere mich eines Ausspruchs von Naunyn an einem Tage, an dem zufällig zwei Diabetiker in der Klinik gestorben waren: „Es gibt nichts Langweiligeres als die Sektion eines Diabetikers, es sei denn die Sektion von zwei Diabetikern“. Minkowski selbst, der natürlich daran interessiert sein musste, den Pankreasläsionen ein besonderes Gewicht an der Diabeteserkrankung zukommen zu lassen, erwähnte in seiner Festrede vor der Rheinisch-Westfälischen Gesellschaft für Innere Medizin Autopsien von Frerichs und Seegen, die nur bei einem Drittel bzw. einem Viertel ihrer verstorbenen Patienten Pankreasläsionen gefunden hatten. Die Kritik, die nun aufgrund der Inkongruenz des klinischen Bildes mit den anatomischen Veränderungen des Pankreas von verschiedenen Seiten geltend gemacht wurde, gipfelte - wiederum nach Minkowski's eigenen Worten - darin, dass ...die beobachteten Veränderungen des Pankreas nicht die Ursache des Diabetes, sondern dessen Folgezustände sein könnten, oder dass beides, Diabetes und Pankreaserkrankung auf eine gemeinsame Ursache... zurückzuführen sei. (wie ob.) Es ist heute nicht mehr vorstellbar, was geworden wäre, hätten sich die Zweifler an der Ursächlichkeit von Pankreasläsionen damals Gehör verschafft. Aber sie haben nicht. So auch nicht der in seiner Zeit sehr bekannte Eduard Friedrich Wilhelm Pflüger (1829-1910), der bezweifelte, ...ob es überhaupt einen Pankreasdiabetes gibt. (wie ob.) Als dann aber das Insulin als die auf den Zuckerspiegel wirkende Substanz gefunden wurde - der Name taucht erstmals im Jahre 1910 in einer Arbeit von Jean de Meyer in Brüssel auf - und als es in den Jahren 1920/21 den kanadischen Physiologen Frederik Banting und Charles Best gelang, dieses Insulin zu isolieren und damit den Urin der Diabeteskranken zuckerfrei zu machen, waren endgültig die Zweifler besiegt und weitere haben bis heute kein Gehör mehr gefunden. So auch nicht die amerikanischen Physiologen Samuel Soskin und R. Levine von der Universität Chicago, die festgestellt hatten, dass der Zuckerverbrauch auch bei pankreasfreien Hunden in keiner Weise beeinträchtigt ist. 2) Keine Beachtung fand auch der junge Franzose Eugéne Gley, der schon 25 Jahre bevor Insulin von den Kanadiern Banting und Best isoliert worden war, in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts mit einer fast identischen Methode Bauchspeicheldrüsenextrakte erstellt und Hunden ohne Pankreas injiziert hatte. Aus völlig unersichtlichen Gründen weigerte sich Gley jedoch, seine Ergebnisse zu veröffentlichen; stattdessen versiegelte er sie in einem Paket, das er 1905 bei der Französischen Gesellschaft für Biologie mit der Auflage deponierte, es nur auf sein Verlangen hin zu öffnen. Das geschah, als er 1921 von Bantings und Bests Entdeckung erfuhr... Doch dürfte er seinerzeit die volle Tragweite seiner Ergebnisse nicht erkannt haben, denn er verfolgte seine Bauchspeicheldrüsenexperimente nicht weiter. 3) War er also nur ein besonders skurriler Mann dieser junge Physiologe Eugéne Gley aus Paris? Oder hatte er einen besonders genialen Kopf? Damals jedenfalls sah das niemand so. Zwar hatte der Einzug exakter Naturwissenschaften, insbesondere der Ingenieurtechnik, in die Labors der Medizin durch erhebliche Verbesserung der Untersuchungsmethoden auf allen Gebieten große Fortschritte für die Diagnosestellung erbracht, zwar konnte man die krankhaften Veränderungen des Gewebes, die mit einer bestimmten Erkrankung verbunden waren, sehr viel exakter bestimmen, eine riesige Zahl von Fakten, auch im Falle des Diabetes mellitus, wurde bekannt, so z.B., dass - auch Hunde, denen die Leber entfernt worden war, bei intaktem Pankreas diabetische Glucosetoleranz zeigten; 3) - Somatostatin (das die Ausschüttung von Glukagon und Insulin hemmt) in pankreasfreien Tieren den Blutzucker normalisiert. - man Zucker im Urin auch durch den sog. „Zuckerstich“ des französischen Physiologen Claude Bernard (1813-1878) hervorrufen konnte, nämlich durch die Punktion einer bestimmten Stelle im Gehirn. 4) - das Auftreten von Zucker im Urin nicht obligatorisch für Diabetes mellitus ist. Als man schließlich den Insulingehalt des Blutes messen konnte, stellte sich heraus, dass bei den weitaus meisten Diabetikern nicht wenig oder gar kein, sondern besonders viel Insulin im Blut kursierte. Dennoch blieb es dabei: Ursächlich für verminderten Zuckerabbau ist der Mangel an Insulin. Die Erforschung der Ursachen des Diabetes mellitus galt als erfolgreich abgeschlossen und das Interesse der Pioniere der Wissenschaft richtete sich von nun an auf Herstellung und Anwendung von Insulin. Die Kausalität des Insulinmangels für die Entstehung des Diabetes mellitus schloss man daraus, dass durch Insulin der hohe Blutzuckerspiegel sank und demgemäß der Urin zuckerfrei wurde. Aus dem Verschwinden des Zuckers aus dem Blut schloss man, er sei verbraucht, d.h. abgebaut worden. Etwa so: Wenn der überhöhte Zucker durch mehr Insulin sinkt, muss die Überhöhung durch Mangel an Insulin verursacht sein. Wenn Insulin für das Verschwinden des Zuckers notwendig ist, ist es für den Abbau von Zucker notwendig. Obwohl man die tatsächliche Wirkung des Insulins heute kennt, wurde und wird in der praktischen Diabetologie das Verschwinden des Zuckers aus dem Blut bis heute mit dem Abbau des Zuckers gleichgesetzt. Daraus resultiert die Schlussfolgerung, nur mit mehr Insulin könne der Diabetiker seinen Zucker abbauen. Davor hatten schon 1940 S. Soskin und R. Levine gewarnt, die über Ergebnisse mit steigendem Insulin berichtet hatten und das Verschwinden von Zucker so kommentierten: Thus if utilization were judged merely from the rate of disappearance of blood sugar, as has frequently been done, it might appear, as if additional insulin did increase utilization in the normal animal. 2) „So kommt es, dass, wenn man die Verwertung von Zucker vornehmlich aus dem Verschwinden des Zuckers aus dem Blut schlussfolgert, wie häufig geschehen, es so scheint, als steigere zusätzliches Insulin die Zuckerverwertung beim gesunden Tier.“ Damit war hier erstmals ein Schlüsselproblem auch der modernen Diabetologie angesprochen. Literatur 1) MMW Bericht 76, 1929, Nr. 8 2) Soskin S., Levine R., 1940, Am. J. Physiol. 129: 782-86 3) Crapo L., 1986, Spektr. d. Wissenschaft, Febr. 1986 4) Ganong W., 1979, Lehrb. d. med.. Physiologie 4. Aufl. Springer V. 5) Mark A. u. Mitarb., Spektr. d. Wissenschaft, Sept. 1990 Auszug aus ISBN 3-930434-18-0: Über die Fragwürdigkeit des Insulinsmangels im Diabetes mellitus
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