Tibetische Medizin


Die Wissenschaft des Heilens

Thomas Dunkenberger, Heilpraktiker
 
Die Tibetische Medizin stellt ein umfassendes und ausgesprochen komplexes System naturheilkundlicher Diagnose- und Therapiemethoden dar. Aufgrund der ganzheitlichen Sichtweise sowie der Hinwendung von immer mehr Menschen zu natürlichen Behandlungsformen erfährt dieses altbewährte Heilsystem auch im Westen eine immer größer werdende Nachfrage. Im letzten Artikel zu diesem Thema (siehe: WIR 3/00) wurde ein Überblick über die grundlegenden körperlichen Energien Lung (Wind), Tripa (Galle) und Péken (Schleim) sowie die hieraus resultierenden Konstitutionstypen gegeben. Zudem wurden die Elemente, auslösende Bedingungen sowie die Ernährungsrichtlinien nach den Prinzipien der Tibetischen Medizin kurz besprochen. Das Verständnis der drei konstituierenden Grundenergien Lung-Tripa-Péken sowie der fünf Elemente stellt die unabdingbare Voraussetzung und Basis für jedes weitere Erlernen der Tibetischen Medizin dar. Zur Vertiefung soll heute noch einmal näher auf die Elemente eingegangen werden.
 
Die Elemente als Grundbausteine allen Seins
 
Alle zusammengesetzten „Dinge" bestehen aus den fünf Proto-Elementen Raum, Luft, Feuer, Wasser und Erde. In der tibetischen Kosmologie wird detailliert beschrieben, wie dieser Reihenfolge entsprechend ein Element aus dem anderen hervorgeht und damit die Bildung alles Zusammengesetzten (einschließlich des Menschen) ihren Anfang nimmt. Nun ist hiermit natürlich keinerlei Wertung verbunden, denn für die Bildung des Universums sind alle Elemente gleichermaßen erforderlich. Der grundlegende Lebensraum wird von der bewegenden Inspiration in Form der Luft durchdrungen. Das Feuer läßt diesen Gedanken durch Wärme reifen und wachsen. Das Wasser hält ihn zusammen, und die Erde gibt ihm in einer formenden Weise Stabilität.
 
Beim Tode erfolgt die Ablösung des sog. mentalen Kontinuums (das ist sozusagen der Wesenskern plus aller eingravierten Eindrücke, Angewohnheiten etc.) vom Körper in der genau umgekehrten Reihenfolge, d.h. zuerst löst sich das Element Erde im Element Wasser auf, dann das Element Wasser im Feuer, das Element Feuer in Luft und zuletzt löst sich das mentale Kontinuum aus dem Körper heraus in den Raum auf. Jede dieser beschriebenen Auflösungen geht mit bestimmten körperlichen Empfindungen, Eindrücken etc. einher, die sowohl in den medizinischen als auch in den philosophischen Schriften genau beschrieben sind. Es ist also nicht nur für das medizinische Verständnis unabdingbar sich auf das Wesen der Elemente einzulassen. Dies sollte sowohl in einer analytischen als auch in einer intuitiven Weise geschehen. Die Verinnerlichung der Elemente steht jedem offen - denn jeder Mensch besteht ja aus den fünf Elementen.
 
Wer die analytische und die empfindungsmäßige Betrachtung verinnerlicht hat, dem werden sich ganz automatisch die möglichen Kombinationen der Prozeßdynamik in ihren jeweiligen Ausprägungen und Erscheinungsweisen zeigen. Das Spiel des Lebens ist ein Tanz der Elemente - einer der grundlegenden Schlüssel zum Verständnis der Tibetischen Medizin liegt in der Verinnerlichung dieser dynamischen Zusammenhänge.
 
Alle „Dinge" beinhalten also alle Elemente in einer unterschiedlichen Zusammensetzung bzw. Energiebalance. Hierdurch werden die Erscheinungsformen bestimmt. Da alle Dinge im Universum aus den fünf Elementen bestehen ist auch eine Analyse über die jeweilige elementare Zusammensetzung möglich. Wenn entsprechend dieser Analyse dann die Abweichungen innerhalb der Energiebalance eines Menschen herausgefunden worden sind, kann auf dieser Grundlage eine passende Behandlungsform durch Ausbalancierung in den individuell harmonischen Zustand erfolgen. Dies ist auf verschiedene Art und Weise möglich und sollte nicht nur in einem rein chemisch-materiellen Rahmen gesehen werden.
 
Eine weitere Annäherung an die Zusammenhänge der Elemente soll mit der folgenden Darstellung gegeben werden: Das Element Erde ist für die Basis, also das Fundament, verantwortlich. Die Feuchtigkeit wird durch das Element Wasser hinzugefügt. Das Element Feuer stellt die erforderliche Hitze zur Reifung zur Verfügung, und das Element Luft sorgt für die Bewegung. Das fünfte Element - der Raum - durchdringt die anderen vier Elemente und stellt den erforderlichen Raum zur Entfaltung der Aktivität zur Verfügung.
 
Zu den Elementen gibt es die folgenden, grundsätzlichen Assoziationen:
 
- Luft entspricht der Bewegung, dem Wachstum, der Inspiration, der Kreativität - Feuer entspricht der Leidenschaft, der Hitze, der Reifung
 
- Wasser entspricht der Anhaftung, der Anziehungskraft innerhalb der Materie, der Passivität, der Kälte, der Ruhe, der Empfangsbereitschaft
 
- Erde entspricht der festen Materie, der Stabilität, dem Realismus
 
- Raum durchdringt alle Elemente und schafft Entfaltungsmöglichkeiten
 
Wer sich mit der chinesischen Elementenlehre beschäftigt hat, sei auf die folgende Unterschiede hingewiesen:
 
TIBETISCH CHINESISCH
 
Luft entspricht Holz Feuer entspricht Feuer
 
Erde entspricht Erde + Metall
 
Wasser entspricht Wasser
 
Raum keine Entsprechung
 
Die Tibetische Medizin hat diese Form der Interaktion der Elemente ebenfalls in ihr Lehrsystem eingearbeitet. Nur bei der praktischen Darstellung ergeben sich dann rein graphische Unterschiede, denn während die Chinesische Medizin den allseits bekannten Elementenkreis mit dem Fünfzackstern in der Mitte verwendet, geschieht dies in der Tibetischen Medizin durch eine senkrechte sowie eine waagerechte Aneinanderreihung der Elemente. Die nachfolgende Abbildung zeigt eine sehr schöne Darstellung innerhalb es sog. „Unendlichen Knotens".
 
Die Regeln bezüglich Erzeugung, Hemmung usw. bleiben gleich, nur die Lesart unterscheidet sich wie folgt:
 
- Der Mutter-Zyklus (= erzeugende Qualitäten) wird in der senkrechten Reihe von oben nach unten gelesen.
 
- Der Kind-Zyklus wird von unten nach oben gedeutet.
 
- Der Freund-Zyklus (= unterstützende Qualitäten) wird von links nach rechts in der waagerechten Reihe gelesen
 
- Der Feind-Zyklus (= hemmende Qualitäten) in der gleichen Reihe von rechts nach links.
 
In der Tibetischen Medizin gibt es also sowohl die gerade dargestellte Elementenlehre mit fünf Elementen wie in der Chinesischen Medizin (also die sog. Wandlungsphasen; diese Form der Differenzierung dürfte wohl auch aus China stammen) als auch eine Elementenlehre wie sie z.B. im indischen Ayurveda oder in der Tradition der europäischen Naturheilkunde gelehrt wird. Bei der letztgenannten Darstellung existieren die fünf Elemente mehr in der philosophischen Betrachtungsweise. Bei der praktischen Anwendung kommen dann nur noch vier Elemente (Luft-Feuer-Wasser-Erde) zum Tragen. Das Element Raum dient ja hauptsächlich dazu den Raum für die Interaktion der anderen vier Elemente zu schaffen.
 
Um die Unterschiede der beiden genannten Systeme der Elemente zu verdeutlichen muß man etwas näher auf die jeweiligen philosophischen Betrachtungsweisen eingehen. Im System der Fünf-Elemente mit Raum-Luft-Feuer-Wasser-Erde findet sich die Philosophie der Bildung des Universum in genau dieser Reihenfolge (wie bereits anfangs beschrieben). Zur Bildung von Materie aus reiner Energie bzw. Bewußtsein heraus sind immer alle fünf Elemente notwendig. Die Elemente in der Darstellung der Wandlungsphasen von Holz-Feuer-Wasser-Metall-Erde haben im Gegensatz hierzu kein Element als „Anfang" bzw. Urgrund. Hier ist also eine mehr dynamische Theorie gegeben ohne die Elemente in direkter Weise mit dem Urgrund der reinen Energie bzw. des reinen Bewußtseins zu verbinden. Natürlich sind auch hier keine Hierarchien gegeben. Es werden also mehr die funktionalen Interaktionen sowie die Prozeßdynamik angesprochen, während bei erstgenanntem System mehr die Erzeugung der Materie aus dem Bewußtseinsprinzip (und vice versa) mit den entsprechenden Differenzierung betont wird.
 
Auch die Organe korrelieren mit den Elementen. Die einzelnen Organe werden hierbei den folgenden Elementen zugeordnet:
 
- Luft zu Leber und Gallenblase
 
- Feuer zu Herz und Dünndarm
 
- Erde zu Milz und Magen
 
- Metall zu Lungen und Dickdarm
 
- Wasser zu Nieren und Harnblase
 
Auch zu jeder Jahreszeit herrschen jeweils die entsprechenden Elemente vor. Es existieren verschiedene Einteilungen des tibetischen Jahreslaufes. Bei der unten angegebenen Tabelle liegt der westliche Frühlingsanfang genau in der Mitte des tibetischen Frühlings und der westliche Herbstanfang genau in der Mitte des tibetischen Herbstes. Hieraus können die anderen Jahreszeiten direkt abgeleitet werden. Grundsätzlich stimmt die untenstehende Tabelle mit den im Westen (nördliche Hemisphäre) herrschenden Jahreszeiten überein. Jede Jahreszeit hat insgesamt 72 Tage. Zwischen den Jahreszeiten wird eine Phase von jeweils 18 Tagen eingeschoben:
 
- im Frühling ist das vorherrschende Element die Luft
 
- im Sommer ist das vorherrschende Element das Feuer
 
- im Herbst ist das vorherrschende Element das Metall
 
- im Winter ist das vorherrschende Element das Wasser
 
- und in den jeweiligen Zwischenphasen des tibetischen Jahreslaufs herrscht das Element Erde vor.
 
Der Vollständigkeit halber soll noch einmal auf die Beziehung der drei körperlichen Grundenergien Lung-Tripa-Péken zu den Elementen aufgezeigt werden:
 
Lung (Wind) entspricht Luft
(und sekundär auch Raum)
 
Tripa (Galle) entspricht Feuer
 
Péken entspricht Wasser
 
(Schleim) + Erde
 
Jedes Element hat charakteristische Eigenschaften (= Wirkkräfte = Heilkräfte) und Aufgaben:
 
- Das Element Erde hat in der Tibetischen Medizin die Wirkkräfte schwer, fest, stumpf, glatt, ölig und trocken. Die Aufgabe des Elementes Erde ist die Entwicklung, Bildung und Festigung des Körpers. Erde kuriert Erkrankungen der körperlichen Grundenergie Lung (Wind).
 
- Das Element Wasser hat die charakteristischen Wirkkräfte flüssig, kühl, schwer, stumpf, ölig und geschmeidig. Die Aufgabe des Elementes Wasser besteht darin, Feuchtigkeit zur Verfügung zu stellen und den Körper zu festigen bzw. ihn geschmeidig zu halten. Wasser kuriert Erkrankungen der körperlichen Grundenergie Tripa (Galle).
 
- Das Element Feuer hat die charakteristischen Wirkkräfte heiß, scharf, rauh, leicht und ölig sowie beweglich. Feuer ist für die Thermodynamik des Körpers zuständig und sorgt für die Reifung der körperlichen Bestandteile. Feuer ist u.a. für eine klare Ausstrahlung und eine gesunde Haut notwendig. Das Element Feuer kuriert Erkrankungen der Körperenergie Péken (Schleim).
 
- Das Element Luft hat die charakteristischen Wirkkräfte leicht, beweglich, kalt, rauh, absorbierend und trocken. Luft hat vor allem die Aufgabe den Körper zu gliedern, Nähr- und Abfallstoffe zu verteilen sowie für eine einwandfreie Beweglichkeit zu sorgen. Luft kuriert Erkrankungen der Körperenergie Péken (Schleim) und Tripa (Galle).
 
- Das Element Raum hat keine charakteristischen Eigenschaften. Es durchdringt und erfüllt alle anderen Elemente und gibt ihnen die Möglichkeit sich zu entfalten. Raum hat also die Aufgabe, „Raum" zur Verfügung zu stellen. Raum kuriert Erkrankungen aller drei körperlichen Energien sowie auch jedwede Kombinationen aus diesen. Die sechs Geschmacksrichtungen der Tibetischen Medizin werden durch die Kombination von jeweils zwei Elementen gebildet:
 
- süß durch Erde + Wasser
 
- sauer durch Erde + Feuer
 
- salzig durch Feuer + Wasser
 
- bitter durch Wasser + Wind - scharf durch Feuer + Wind
 
- zusammenziehend
 
(herb) durch Erde + Wind
 
Grundsätzlich werden alle Substanzen mit einer nach oben weisenden Tendenz durch die aufsteigenden Kräfte der Elemente Feuer und Luft gebildet. Alle Substanzen mit einer nach unten weisen Tendenz werden durch die absteigenden Kräfte der Elemente Wasser und Erde gebildet.
 
Am Ende des klassischen Medizintextes über die Elemente wird folgender Hinweis gegeben: „Durch die Darstellung der Elemente und ihrer Kombinationen wird klar, daß es auf dieser Erde nichts gibt - ob natürlich vorkommend oder vermischt - was nicht Medizin wäre." Wer das Geheimnis der Elemente versteht wird auch um die Anwendung der entsprechenden Arzneien wissen und letztlich auch die Natur seiner selbst „so wie es wirklich ist" verstehen. Diese grundlegende Unwissenheit stellt ja nach buddhistischer Auffassung die Wurzel aller Erkrankungen dar. Nur die Auflösung dieser Ignoranz bietet letztendliche Heilung.

 
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