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Günter Jursch, Heilpraktiker
Stress bedeutet ein "Hochfahren" unseres Organismus, ist also ein positiver Faktor, um unser Überleben und unsere Fortpflanzungsmöglichkeit zu sichern.
Der Begriff "Stress" stammt ursprünglich aus der Materialbearbeitung und bedeutet: Anspannung, Verbiegung. Der kanadische Arzt und Forscher Hans Selye benutzte ihn zuerst für die Reaktionen, die unser Körper bei Infektionen zeigt, wie Gliederschmerzen, Kopfschmerzen, erhöhte Temperatur, erhöhter Herzschlag, Hautauschlag und so weiter. Später wurde der Begriff erweitert und wird heute für jede Anspannungsreaktion verwendet.
Stress entsteht bei Wetterwechsel; bei Hitze oder Kälte; bei Lärm oder zu großer Ruhe; bei Anstrengungen oder der seelischen Vorbereitung auf Anstrengungen, Kampf oder Flucht; bei erotischen Abenteuern; bei ungesunder oder zu geringer oder zu reichhaltiger Ernährung; bei ungünstiger Atmung; bei zuviel(!) Schlaf oder zu wenig; bei Angst, Wut und Sorgen; ja, sogar bei freudiger Erwartungsspannung: kurz, Stress begleitet unser Leben.
Stress ist gesund, wenn er bei Infektionen entsteht oder in Ausnahmesituationen, die nach unseren angeborenen Verhaltensweisen Flucht, Kampf oder Stillhalten erfordern würden ... oder bei der seelischen Vorbereitung auf Ausnahmesituationen (bei Künstlern "Lampenfieber"). Nachdem diese Situation vorbei ist und schon, wenn es kein Zurück mehr gibt, lässt die Stressreaktion nach. Danach setzt die Erholungsphase ein, wenn nicht ein besonders ungünstiges Stressverhalten zur Routine geworden ist.
Welchen Vorteil die Stressreaktion bei Flucht oder Kampf hat, erkennen wir an der Zielrichtung. In beiden Fällen brauchen wir viel Kraft in den Muskeln. Also ist stärkere Atmung (die wir als Atemnot erleben, wenn wir diesem "Befehl" nicht gleich nachkommen) notwendig, um mehr Sauerstoff im Blut zu haben und stärkeren schnelleren Herzschlag (Herzklopfen), um viel sauerstoffreiches Blut an die Muskeln zu bringen. Feuchte Hände und Füße sind sinnvoll, um (barfuß) auf einen Baum zu flüchten. Hände und Füße haften dann besser an Holz, was das Klettern erleichtert
Außerdem werden, ohne dass wir es merken, Blutzuckerspiegel und Blutfettspiegel erhöht, so dass weitere Energie für die Muskeln bereitsteht. Die Blutgerinnung wird stärker eingestellt, damit bei Verletzungen der Blutverlust gering ist. Die kleinen Blutgefäße an der Körperoberfläche schließen sich weitgehend (blass werden.) und auch die Gliedmaßen werden weniger durchblutet, solange wir sie nicht für Kampf oder Flucht benutzen. Das bedeutet kalte Füße und Hände.
Das Zentralnervensystem konzentriert sich ganz auf eine Aufgabe, zum Beispiel Flucht. Dann sind Erinnerung und logisches Denken dort erschwert, wo sie nicht für die Flucht nützlich sind. Das führt dann zu den scheinbaren "Denkblockaden" zum Beispiel bei Prüfungen, wenn wir uns unbewusst auf die Flucht konzentrieren und dann nicht mehr wissen, wann die Schlacht bei Austerlitz stattfand. Die Konzentration auf Erinnerung und logisches Denken in Stresssituationen kann allerdings trainiert werden.
Stress ist ungesund, wenn die Stressreaktionen zu lange anhalten oder zu oft erzeugt werden. Chronische Krankheiten und vorzeitige Verschleißerscheinungen sind die Folge. Was ist nun dafür verantwortlich? Nach meiner Erfahrung in erster Linie das, was ich "Eigenstress" nenne. Eigenstress produziere ich beispielsweise, wenn ich
mich häufig selbst antreibe ("muss schneller machen!")
zuviel Verantwortung übernehme, insbesondere Verantwortung für Situationen, die ich nicht beeinflussen kann
eine Perfektion erreichen will, die nicht mehr sinnvoll ist
gewohnheitsmäßig Gefühlsäußerungen unterdrücke oder "Ersatzgefühle" aktiviere, zum Beispiel: Traurig sein statt wütend, mich ärgern statt Angst zuzulassen oder die eigene Hilflosigkeit zu akzeptieren.
Nicht selten tun wir auch noch etwas, um den Stress abzubauen, was den Stress auf Dauer erhöht. Beispiel dafür ist das Rauchen, welches im Moment den Stress sehr wohl mildert, aber bereits kurz danach zu einem zusätzlichen Stress führt, der auch noch Schäden verursacht. Diese Schäden werden wiederum zu neuen Stress-Quellen.
Dazu kommt der Stress aus meiner unmittelbaren Umgebung, sei es Stress durch Mitarbeiter, Kunden, Behörden oder durch Partner, Verwandte oder problematische "Freunde". Diesen Stress aus der Umgebung kann ich herausfordern oder verstärken durch nachteilige Kommunikation (Kommunikationsstress), die ich selbst aber nicht bemerke.
Auch die Kommunikation im eigenen Kopf durch ungünstige Selbstgespräche kann ein ausschlaggebender Faktor sein. Wenn ich im Falle eines Fehlers zu mir sage: "Du Idiot, das lernst du nie!" oder: "Das ist eine Katastrophe!", dann brauche ich mich nicht zu wundern, wenn meine Stressreaktionen stärker sind als wenn ich mir sagen würde: "Hier habe ich einen Fehler gemacht, das nächste Mal werde ich ..." oder "Ich werde jetzt das und das tun, um die Folgen meiner Fehlentscheidung so gering wie möglich zu halten."
Was ich hier schreibe, klingt einfach, ist aber viel schwieriger als es sich anhört.
Erst einmal geht es ja darum, meine Verhaltensweisen zu bemerken, was bei eingefahrenen Gewohnheiten gar nicht leicht ist. Unser Nervensystem ist so gebaut, dass wir "nachregeln", dass heißt, einen gleichbleibenden Reiz bemerken wir nicht mehr bewusst, auch wenn er Körperreaktionen hervorruft. Wenn wir den Reiz nicht bemerkt haben, deuten wir die Körperreaktion falsch (z.B.: "Das ist das Wetter", "Ich bin halt übermüdet").
Zum anderen ist es schwer, eingefahrene Verhaltensweisen zu ändern. Fragen Sie mal einen Raucher, eine leidenschaftliche Kaffeetrinkerin, einen typischen Nachtarbeiter oder jemanden der zu viel isst! Nicht selten ist ein intensives Verhaltenstraining oder sind psychotherapeutische Übungen mit einer Änderung der inneren Einstellung notwendig, um Verhaltensweisen zu ändern, ohne dass dafür ständig ein Übermaß an Willenskraft eingesetzt werden muss.
Dazu kommt noch, dass selbst solche Gewohnheiten, wie sich übermäßig zu sorgen, auch eine heimliche Freude enthalten und deshalb der sich Sorgende gar nicht leicht bereit ist, das aufzugeben. Ich kannte einen Finanzbeamten, der sich immer wieder sorgte, er könne versetzt werden. In der Zeit unserer Bekanntschaft ist er nie versetzt worden ... aber er hatte immer feuchte Hände, und seine Stressreaktionen belasteten Seele und Körper. Das ist so, als ob ein Motor bei Vollgas aber durchgetretener Kupplung läuft.
Was können wir nun tun, um weniger unter Stress zu leiden?
1. Unnötigen Stress vermeiden, z.B. durch Einüben von Gesprächsführung (auch bei Selbstgesprächen), bei der das Stressniveau niedrig gehalten wird.
2. Zeit reservieren für entspannenden Ausgleich, wie autogenes Training, Meditation, Yoga, Entspannungsübungen, Musik, Spaß, Spiel, leichten Sport, Zärtlichkeit, Sex, Lachen u.a.
3. Günstiges Stressverhalten einüben, z.B. indem wir uns bewusst und absichtlich in schwierige Situationen begeben, die aber nicht wirklich gefährlich sind. Dadurch trainieren wir unser Selbstvertrauen und unsere Stress-Elastizität. Das heißt, in einer Situation, die früher bei uns großen Stress auslöste, haben wir nur noch eine milde Stressreaktion. Außerdem ist die Lebensqualität höher, je stärker unser Selbstvertrauen ist.
4. Nach größerem Stress: starke körperliche Bewegung und Anstrengung, um die noch im Blut vorhandenen Stresshormone (z.B. Adrenalin, Noradrenalin) und hohe Werte von Blutfett und Blutzucker abzubauen. Auch laut schreien ist eine starke Anstrengung in diesem Sinne und kann außerordentlich erleichternd wirken.
5. Entscheidungen und "drückende Arbeiten" nicht aufschieben, denn dadurch verlängern wir den Stress.
6. Auf unsere Gefühle achten, und sie nicht unnötig (sozusagen routinemäßig) unterdrücken. Gefühlsunterdrückung bedeutet auch Stress!
7. Auf ausgeglichene und abwechslungsreiche Ernährung achten. Es kann vorteilhaft sein, immer wieder einmal mindestens vier Tage lang hintereinander auf bestimmte Nahrungs- und Genussmittel zu verzichten und andere auszuprobieren, um zu prüfen, wie das auf die Stress-Elastizität wirkt. Bei manchen Menschen wirken Schokolade, Käse oder Mais besonders stressend, bei anderen Tomaten oder Schweinefleisch. Viel Fleisch, Zucker oder Salz sind praktisch immer Stresserzeuger bei Menschen, die nicht stark körperlich arbeiten.
Magnesiummangel ist beispielsweise bei unserer Ernährung gar nicht so selten und führt zu ungünstigen Reaktionen. Dem kann ich begegnen, indem ich Nüsse, Fisch oder vielleicht auch einmal ein Magnesium-Präparat zu mir nehme. Bei erhöhter Schilddrüsenfunktion wirken Kaffee und Alkohol besonders schädigend.
Das sind einige Tipps für den Umgang mit Stress. Bitte denken Sie nicht, dass Sie Stress um jeden Preis vermeiden müssten: Er gehört zu unserem Leben, er hilft uns, fit zu sein! Die Fachleute nennen den wohltuenden, lebensnotwendigen Stress "Eustress". Wenn Stress nicht zu stark ist und vor allem nicht zu lange anhält, brauchen wir ihn nicht zu fürchten, im Gegenteil, es gibt kein Wohlbefinden ohne vorübergehende Stressphasen!
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