Psychosynthese


Das Kaleidoskop
 
Das Patriachat in mir
 
Inga Kaufhold
 
Teil 1
 
Die Autorin stellt ihre Abschlußarbeit in pädagogischer Psychosynthese vor.
 
Oh heilende Kraft, die sich Bahn bricht!
Alles durchdringst Du
In Höhen, auf Erden,
in den Abgründen all,
Du fügest und schließest alles in eins.
Durch dich fluten die Wolken,
fliegen die Lüfte!
Die Steine träufeln vom Saft,
Die Quellen sprudeln
ihre Bäche hervor,
Durch Dich quillt aus der Erde
das erfrischende Grün!
Du führest auch meinen Geist ins Weite,
Wehest Weisheit in ihn
Und mit der Weisheit die Freude!
(Aus einem Hymnus der Hildegard von Bingen)
 
Vorwort
 
Als ich per „Mind-Map“ meine Ideen und Phantasien über die Psychosynthese-Arbeit ordnete, spürte ich, daß sich zweierlei Bedürfnisse für mich heraus kristallisierten: Zum einen wollte ich etwas „in der Hand haben“, daß ich Interessierten weiter geben konnte - (ich werde oft gefragt: „Was ist Psychosynthese überhaupt?“); zum anderen lag es mir am Herzen, anhand meines eigenen Entwicklungsweges die Psychosynthese zu beschreiben. Das Ergebnis sind zwei verschiedene Themenbereiche geworden:
 
1. Das Menschenbild der Psychosynthese - u.a. erklärt am Modell des Kaleidoskops
 
Ich habe bewußt so geschrieben, daß Klienten und andere Nachfragende, die die Psychosynthese (noch) nicht kennen, einen verständlichen Eindruck erhalten.
 
2. Einen Einblick in die Methode der Psychosynthese beschrieben anhand meines eigenen Prozesses, dem ich den Titel „Das Patriachat in mir“ gegeben habe.
 
Ich habe intuitiv und „aus dem Bauch“ heraus geschrieben, da die Zusammenfassung meiner Entwicklung durch diese Abschlußarbeit in pädagogischer Psychosynthese ein erneutes emotionales Durchleben für mich darstellte. Ebenso war es mir wichtig, daß „Nicht-Eingeweihte“ eine praktische Vorstellung davon bekommen können, wie die Methodik konkret angewandt wird.
 
Ich habe mein Wissen über die Psychosynthese Harald Reinhardt und Birgit Haus zu verdanken. Ich möchte ihnen dafür meine Wertschätzung und meinen Dank aussprechen.
 
Meinen Töchtern Claudia, Julia und Katrin widme ich diese Arbeit.
 
September 2000
 
Das Menschenbild der Psychosynthese - u.a. erklärt am Modell des Kaleidoskops
 
Zuerst einmal möchte ich darum bitten, die Beigabe meiner Arbeit - das Kaleidoskop - zur Hand zu nehmen und einfach mal zu schauen und zu drehen und zu staunen. Staunen wie vielfältig eine Ansammlung von Steinchen sein kann; die Buntheit zu erleben und es auf sich wirken zu lassen, daß die gedrehten Muster kein Ende zu nehmen scheinen. Wichtig ist es auch, den richtigen Lichteinfall zu finden. Ohne Licht ist nichts zu sehen. Das Kaleidoskop ist für mich ein Bewußtseinsmodell auch für die Psychosynthese und ich füge es dem Modell des Psychosynthese-Eies (auf das ich später noch zu sprechen komme) hinzu.
 
„Die Psychosynthese wurde von dem italienischen Arzt und Psychiater Roberto Assagioli (1888 - 1974) begründet. Er widmete mehr als 60 Jahre seines langen Lebens der Schaffung eines verständlichen Konzeptes des menschlichen Wesens: der Psychosynthese. Dabei handelt es sich um eine Methode, die es ermöglicht, sich mit den wesentlichen Aspekten des menschlichen Daseins auseinanderzusetzen und die zugleich praktisch anwendbar ist.“1
 
In der Psychosynthese geht es vor allem um Sinnfindung, Kreativität und Spiritualität.
 
Das für mich eigentlich Wichtigste und Neue an der Psychosynthese (im Vergleich zu anderen Psychotherapien) ist das Miteinbeziehen des Höheren Selbst bzw. das Sich-Ausrichten auf das Höhere Selbst in dem Sinne, daß das individuelle Leben im Einklang mit dem Höheren Willen ist. („Nicht mein Wille sondern Dein Wille geschehe“). Psychosynthese Arbeit heißt: die Entwicklungsabsicht der Seele zu erkennen. Sie gehört zu den Transpersonalen Psychotherapien, was meint, über die Persönlichkeitsbildung in der Welt hinauszugehen und dem Psychischen das Spirituelle, das Geistige hinzuzufügen.
 
Somit ist die Psychosynthese ein wichtiges Angebot für den Menschen des 21. Jahrhunderts einen Entwicklungsweg zu sich selbst zu machen, zu seinem Wesen der zweifachen Ursprungs ist: eines himmlischen und eines irdischen.2
 
Das Modell des Kaleidoskops
 
Das Kaleidoskop demonstriert in sehr simpler Weise u.a. EINHEIT UND VIELFÄLTIGKEIT. Wenn wir durch das Kaleidoskop schauen, sehen wir sowohl die jeweils einzelnen Steinchen als auch das Muster, das sie gemeinsam bilden und das sich in Abhängigkeit von allen gerade so plazierten Steinchen formiert.
 
Um die einzelnen Steinchen als auch das ganze Ornament sehen zu können, braucht es uns, DEN BEOBACHTER. Wichtig ist natürlich auch das Licht und die entsprechende Haltung von uns, den Lichtstrahl auf die Bilder zu lenken.
 
Wir, der Beobachter sind es auch, der das Kaleidoskop bewegt und so immer wieder neue, andere, verschiedene Bilder produziert. Wir können das Kaleidoskop so langsam drehen, daß wir die sich neu ordnenden Steinchen dabei beobachten, wie sie ein verändertes Muster bilden oder wir können so schnell drehen, daß wir nicht einmal ein vollständiges Ornament erkennen können.
 
Wir können nach rechts drehen, was uns annehmen läßt, neu auf uns zukommende Formen zu betrachten, wir können in die linke Richtung drehen und wir meinen, schon dagewesene Muster anzuschauen. Ebenso haben wir die Möglichkeit innezuhalten, und das aktuelle Bild auf uns wirken zu lassen. Schließlich können wir das Kaleidoskop natürlich auch zur Seite legen. Beides existiert weiter: Sowohl der Beobachter als auch das Kaleidoskop - dasselbe nun ohne Wahrnehmung der innewohnenden Steinchen und ihre Muster.
 
Sie werden sich fragen, was das Ganze mit der Psychosynthese zu tun hat.
 
Dazu lade ich Sie ein, sich auf die Phantasie einzulassen und sich vorzustellen: Unser Wesen mit seiner Seele sei so ein Kaleidoskop, und wir haben, als wir bei unserer Geburt auf dieser Welt inkarniert sind, eine festgelegte Anzahl einzelner bunter Steinchen zur Verfügung gestellt bekommen, aus denen wir ganz bestimmte Muster drehen können. In der Psychosynthese entspricht das dem Konzept der TEILPERSÖNLICHKEITEN.
 
Teilpersönlichkeiten sind verschiedene Facetten, die verschiedenen Gesichter eines Wesens (im Kaleidoskop das einzelne Steinchen, das sich ganz bestimmt formieren kann). Teilpersönlichkeiten entsprechen der bunten Vielfalt von Kräften in unserer Seele.
 
„Wenn wir uns ein praktisches Bild unserer Vielfalt machen wollen, genügt es, wenn wir einen Augenblick daran denken wie oft wir unsere Art, die Dinge zu sehen ändern und gleichzeitig unsere Lebenshaltung wechseln wie unsere Kleider. So erfahren wir je nach dem unser Leben als Routine, Wettkampf, Tanz, als Alptraum, Abenteuer, Rätsel, als Karussell, Labyrinth usw.
 
Wir können auch an unsere verschiedenen Verhaltensweisen denken, je nach dem mit wem und wo wir uns gerade befinden. Wir geben uns sicher nicht gleich mit unseren Eltern und Freunden, bei der Arbeit und im Kreise der Familie, mit unseren Untergebenen und Vorgesetzten, am Bahnhof und bei einer Feier.
 
JEDER VON UNS IST EINE MENSCHENMENGE. Da gibt es den Rebellen und den Intellektuellen, den Verführer und die Hausfrau, den Saboteur und den Ästheten, den Träumer und den Perfektionisten - jeder mit seiner eigenen Mythologie und alle zusammen mehr oder weniger bequem in das innere eines einzigen Menschen gepfercht. Wie Assagioli schrieb:
 
Wir sind nicht geeint. Wir geben uns zwar oft dieser Illusion hin, weil wir nicht aus mehreren Körpern und Gliedmaßen bestehen und weil gewöhnlich die eine Hand nicht die andere schlägt. Doch in unserem Innen spielt sich metaphorisch genau das ab; die verschiedenen Teilpersönlichkeiten raufen fortwährend miteinander: Impulse, Wünsche, Prinzipien, Sehnsüchte, Ideale liegen im nicht endendem Kampf miteinander.
 
Und so führt uns unser Bestreben, uns selbst kennen zu lernen, dazu, unsere Teilpersönlichkeiten zu entdecken und zu erforschen. Mit ihnen vertraut zu werden und dahin zu gelangen, sie zu kontrollieren und schließlich ihre Energien zu harmonisieren.“3
 
Die einzelnen Steinchen des Kaleidoskops kommen dem tiefenpsychologischen Konzept von C.G. Jung der Archetypen gleich.
 
„Was sind ‘Archetypen’ was die der inhärenten und in Träumen, Phantasien, Mythen, Märchen, Dichtungen und anderen psychisch bedingten Manifestationen nachweisbaren ‘Urbilder’?
 
Jung schrieb von ihnen: ‘Sie repräsentieren oder personifizieren gewisse instinktive Gegebenheiten der primitiven dunklen Psyche, der eigentlichen, aber unsichtbaren WURZELN DES BEWUSSTSEINS. Sie sind ‘eine ewige Präsenz’, und es ist bloß die Frage, ob das Bewußtsein diese wahrnimmt oder nicht.’“4
 
„[...] die Archetypen sind auch als ‘Kraftzentren und Kraftfelder des Unbewußten’ aufzufassen.“5
 
Teilpersönlichkeiten sind solche unsichtbaren Kräfte in unserer Psyche, die sich im Kontakt mit der Außenwelt in ganz bestimmter Weise geprägt haben. Erkennen wir sie nicht, entstehen Komplexe, in deren Zentrum eben diese ursprüngliche reine Kraft steht - ein Archetyp (wie z.B.: die Durchsetzungskraft - die Aggression, wenn sie unbewußt ist und so ein autonomes Leben führt und destruktive Energien freisetzt, anstatt uns zu dienen).
 
Komplexe sind Energiebrennpunkte losgelöst vom Bewußtsein.
 
Bsp.: Ein kleiner Junge mit viel Vitalität und Temperament ist forsch und laut. Die kraftlose, gehemmte Mutter erträgt dieses Kind nicht. Dieser Zusammenstoß der Energetik läßt die Energie im Kreislauf und kommt nicht nach außen und verläuft sich so im Inneren. Es hat sich ein Komplex im Kind gebildet: Wenn ich laut bin, werde ich nicht geliebt. Wir verinnerlichen die Botschaften unserer Eltern.
 
„Assagioli beschreibt den Komplex als eine Ansammlung von psychischen ‘Elementen’ mit starker emotionaler Ladung, die unter bestimmten Umständen zutage tritt; typisches Beispiel ist der Minderwertigkeitskomplex.“6
 
In der Psychosynthese wird mit den Teilpersönlichkeiten gearbeitet, um die Komplexe aus den Tiefen des Bewußtseins zu heben und sie an das Bewußtsein zu binden.
 
Es gibt fünf Stufen des Aufstiegs der unbewußten Energie:
 
1. Stufe - das Erkennen
2. Stufe - das Akzeptieren
3. Stufe - das Koordinieren
4. Stufe - die Integration
5. Stufe - die Synthese
 
(Im Teil II meiner Arbeit werde ich anhand meines eigenen Entwicklungsweges u.a. die Methode der Teilpersönlichkeitsarbeit beschreiben.)
 
Wenn wir eine Teilpersönlichkeit erkennen und akzeptieren, können wir sie innerhalb der Vielfalt angemessen koordinieren und schließlich integrieren, was zur Synthese führt.
 
Wie im Kaleidoskop sich eine bunte Vielfalt von Steinchen befindet, so existiert in unserer Seele eine innere Vielfalt, eine innere Buntheit. Diese Buntheit, Vielfalt strebt nach sinnvoller Ganzheit. Deshalb heißt es auch Psychosynthese.
 
Teilpersönlichkeiten wechseln und verändern sich im Laufe der Zeit einerseits durch ihre Bewußtmachung, andererseits dadurch, daß sie sich im Kontakt mit der Außenwelt anders ausprägen können.
 
„Darüber hinaus ist es nicht unsere Aufgabe, ständig neue Teilpersönlichkeiten zu finden, sondern die bereits entdeckten mehr und mehr zu meistern und allmählich ihre Harmonisierung und Eingliederung in eine flexible, vielfarbige und veränderbare Gesamtheit zu ermöglichen.“7
 
Das Hauptdilemma ist, daß wir uns mit einer Teilpersönlichkeit identifizieren. (Im Kaleidoskop fixieren wir das einzelne Steinchen und sehen nicht gleichzeitig die anderen Steinchen).
 
Zum Beispiel.: Ein Geschäftsmann tritt in den wohlverdienten Ruhestand - er wird Rentner. Jahrzehntelang hat er sich mit seinem Beruf identifiziert; nun überkommt ihn eine große Leere. Er kennt kein anderes Verhalten, als emsig seinen Geschäften nachzugehen. Er benimmt sich seiner Frau gegenüber wie seinen ehemaligen Arbeitskollegen und Geschäftsfreunden und beginnt zum Leidwesen seiner Frau, den Alltag zu managen. (Dieses Thema ist unschlagbar gut in dem Film von Loriot „Papa ante portas“; den sie vielleicht gesehen haben, veranschaulicht). Seine Identifikation mit dieser Rolle bringt ihm natürlich sehr viel Leid ein. Kann er das erkennen und sich davon disidentifizieren und gleichzeitig andere vernachlässigte, evtl. ihm noch unbekannte Kräfte (Fähigkeiten) entdecken und in sein Leben integrieren, so kommt dieses wieder in Fluß.
 
Ein anderes Beispiel: Jetzt, während ich diese Arbeit schreibe, habe ich meinen „inneren Kritiker“ immer bei mir. Er schaut mir gerade über die Schulter und flüstert mir zu: „Du bist viel zu dumm dazu.“ Gott sei Dank kenne ich diese Teilpersönlichkeit und weiß, daß sie eine Stimme meines Vaters ist, die in mir häufig wirkt, und ich kann mich mittlerweile immer öfter von ihr disidentifizieren.
 
„Wir tun gut daran, uns nicht mit einem dieser ‘Teilselbste’ zu identifizieren, sondern zu erkennen, daß es sich hier um Rollen handelt, die wir spielen.“8
 
„Die Entdeckung unserer Teilpersönlichkeiten verschafft uns in relativ kurzer Zeit ein recht klares Bild unseres Innenlebens. Sobald wir eine Teilpersönlichkeit erkannt haben , ist es uns möglich, aus ihr herauszutreten und sie zu betrachten. In der Psychosynthese nennen wir diesen Vorgang DISIDENTIFIKATION. Da wir meistens dazu neigen, uns voll und ganz mit einer Teilpersönlichkeit zu identifizieren glauben wir mit der Zeit implizit daran, jene Teilpersönlichkeit zu sein. Durch die Disidentifikation gelingt es uns, von dieser Identifikation loszukommen und zu unserem wahren Selbst zurückzufinden. Daher wird die Disidentifikation häufig von Gefühlen der Einsicht und Befreiung begleitet.“9
 
Wir werden von dem beherrscht, mit dem wir uns identifizieren. Wenn wir uns jedoch disidentifizieren, können wir es beherrschen und kontrollieren. Dies ist ein wichtiges Prinzip für unsere Freiheit.
 
Um eine Teilpersönlichkeit wahrzunehmen und sich gegebenenfalls von ihr zu disidentifizieren und zurückzutreten, braucht es einen Beobachter, der das ganze innerpsychische Intermezzo mit wacher Präsenz, unparteiisch und liebevoll neutral sehen kann. In dem Modell des Kaleidoskops sind wir der Beobachter und gleichzeitig auch der Beweger des gewünschten Musters. Aristoteles spricht vom „unbewegten Beweger“10.
 
Doch woher weiß der Beobachter welches Muster gedreht werden soll? Welche Teilpersönlichkeit wann und wo und wie ihren Auftritt haben soll? Woher bekommt er seine Impulse? Das Hauptanliegen der Psychosynthesearbeit ist, diesen inneren Zeugen, dieses Ichbewußtsein zu entfalten und auf das höhere Selbst auszurichten und somit eine Ich-Selbst-Achse zu etablieren.
 
Um das besser zu veranschaulichen, stelle ich, wie eingangs erwähnt, das Modell des Psychosynthese-Eies vor. Dieses Ei-Diagramm von Assagioli stellt die innere Struktur des Menschen dar. Assagioli weist darauf hin, daß dieses Modell natürlich nur ein grobes und einfaches Bild unserer psychischen Ganzheit ist, da es strukturell und statisch ist, während es den dynamischen Aspekt wegläßt.
 
1. Das tiefere Unbewußte
2. Das mittlere Unbewußte
3. Das höhere Unbewußte oder Über-Bewußte
4. Das Bewußtseinsfeld
5. Das „Ich“ oder bewußte Selbst
6. Das höhere (transpersonale) Selbst
7. Das kollektive Unbewußte“11
 
1. Das tiefere Unbewußte
 
Ist der Bereich der verdrängten Triebe wie die Sexualität oder die Aggression; das sog. Naturhafte, die Instinktkräfte, das Archaische).
 
2. Das mittlere Unbewußte
 
Repräsentiert alle Inhalte des Wissens, die man nicht unmittelbar weiß, aber auf die man Zugriff hat.
 
3. Das höhere Unbewußte oder das Über-Bewußte
 
Ist das Feld der Kreativität, der Spiritualität, das schöpferische Sein, das Feld der Intuition und Inspiration.
 
4. Das Bewußtseinsfeld
 
Ist jener Teil unserer Persönlichkeit, der uns unmittelbar bewußt ist - der ununterbrochen fließende Strom von Empfindungen, Bildern, Gedanken, Gefühle, Wünschen und Impulsen.
 
5. Das „Ich“ oder das bewußte Selbst
 
Ist der Beobachter, das Zentrum unseres Bewußtseins.
 
6. Das höhere (transpersonale) Selbst.
 
Ist das Zentrum der Seele, die geistige Führung, die Stimme, die den Weg zeigt, der Kompaß, die Ursache für Ganzheit.
 
7. Das kollektive Unbewußte
 
Die psychische Umgebung ist das, was C.G. Jung das kollektive Unbewußte nannte.
 
Alle Linien des Psychosynthese-Eies sind gestrichelt gezeichnet, da die Ebenen miteinander verbunden sind und sich gegenseitig durchdringen wie eine Membran; es findet eine „psychologische Osmose“ statt.12
 
Es ist wichtig, den Unterschied zwischen dem Beobachter und den Bewußtseinsinhalten wahrzunehmen. In dem Modell des Kaleidoskops, ist das recht einfach zu erkennen.
 
Mit einer Grafik13 will ich das noch deutlicher veranschaulichen:
 
Sich als selbständiges Bewußtsein wahrzunehmen, ist ein Erwachungsvorgang. Für diesen Prozeß fortschreitenden Erwachens will die Psychosynthese bereit machen.
 
Für den Beobachter gibt es mehrere Metaphern, u.a. das Ich-Zentrum, der Regisseur, der innere Zeuge oder der Dirigent, der die einzelnen Einsätze seiner Orchestermitspieler bestimmt und koordiniert und so die eigene Lebensmelodie erklingen läßt.
 
Wie wir im Kaleidoskop den Lichtstrahl auf die Bilder lenken müssen, so wirft der Beobachter den Lichtstrahl auf die einzelnen Aspekte der Seele.
 
Kommen wir zurück zu der Frage woher der Beobachter es weiß, welche Muster er drehen soll. Es ist die Frage nach dem Sinn unseres Lebens, danach wo der Mensch in seiner Geschichte steht, ob er den Ruf, die innere Stimme, die ihm den Weg zeigt, vernimmt. Es ist das Horchen darauf, wie wir gedacht worden sind.
 
Richten wir unser Leben darauf aus, können wir der werden, der wir sind; und da das Leben sich für uns in seiner uns ganz bestimmten Weise entfaltet, müssen wir diese Stimme wahrnehmen und einwilligen. Folgen wir ihr, dann wird das Leben uns mit seiner ganzen Fülle belohnen.
 
Diese innere Stimme der höheren Führung wahrzunehmen und als Spiegelung sie in unserem Leben konkret zu machen, ist das Hauptanliegen der Psychosynthese; den Beobachter zu stärken, und eine Ich-Selbst-Achse entstehen zu lassen.
 
Die Ausrichtung auf das Höhere Selbst ist uns Menschen inhärent. In unserer Gesellschaft, in der die materiellen Grundbedürfnisse weitestgehend befriedigt sind, und wir eigentlich genug haben und meistens viel zu viel besitzen (speziell wir westlichen Menschen) und glauben, alles zu wissen und mental festmachen zu können, macht sich eine große innere Leere breit.
 
„Wenn die Offenheit für das Unsichtbare - das Transzendente fehlt (die andere Seite), dann kommt man eben in eine rationales, faktisches Verbuchen der Wirklichkeit.“14
 
„Die Krise unserer Zeit und unserer Welt bereitet einen vollständigen Umwandlungsprozeß vor, der vorerst autonom, einem Ereignis zuzueilen scheint, das von uns aus gesehen nur mit dem Ausdruck ‘globale Katastrophe’ umschrieben werden kann.“15
 
Autonom deshalb, weil wir diesen Beobachter nicht entfaltet haben und nicht erkennen, was sich uns an neuen Möglichkeiten mitteilen will. Es ist die Ausrichtung auf das Höhere Selbst und die Integration in unser aller Leben.
 
„Der Mensch der Zukunft wird Mystiker sein, oder er wird nicht mehr sein.“16
 
Wir kennen diese Krise in unserem normalen Alltag. Ein Beispiel.: Ein Mann um die vierzig Jahre hat scheinbar alles erreicht: Er hat beruflich Karriere gemacht, ein Haus gebaut, geheiratet, Kinder sind da und er kann sich vieles leisten. Und dennoch: da fehlt „etwas“. Er spürt es in seinem Inneren und ist unzufrieden; es äußert sich als unspezifisches Suchen. Er meint, eine Geliebte, eine Verliebtheit könnte diese Leere ausfüllen.
 
„Oft sind Ersatzbefriedigungen wie Sex, Geld, Ruhm, Wissen und Macht Verhinderungen Gott in sich zu finden. Alles, was der Mensch will, ist Atman (die immerwährende Höchste Ganzheit); aber alles was er findet, sind Ersatzbefriedigungen. Daher ist das menschliche Verlangen so unersättlich. Statt mit dem Kosmos eins zu sein, hat er den Wunsch, den Kosmos zu beherrschen. Statt mit Gott eins zu sein, versucht er, selbst Gott zu spielen.“17
 
Es ist deshalb wichtig zu wissen, daß wir als erstes auch eine personale Entwicklung brauchen, die uns in der Welt verankert und existentiell sichert. Ebenso gehört zu der personalen Entwicklung die Ablösung vom Elternhaus, die Entwicklung der eigenen Identität und Autonomie, das Eintretenkönnen für sich selbst, sowie das Einbinden der Sexualität und das Sorgenkönnen für unsere körperliche Befindlichkeit. Diese Leistung des Menschen muß nicht perfekt sein, aber so, daß wir unser irdisches Leben genügend gut existentiell bewältigen können. (Die Beine auf dem Boden, den Kopf in den Himmel.)
 
Die Intensität unserer Zeit heute drängt uns in die Transpersonale Entwicklung. Unsere uns innewohnende Sehnsucht, unser Suchen nach dem Sinn, nach der Bestimmung, nach der Teilhabe am Ganzen, die Frage „Wer bin ich?“ will genährt sein und Antwort bekommen.
 
„Wenn uns das gelingt, dann ist die Trennung zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt aufgehoben; es ist wie das Aufscheinen und Durchlässigwerden des Göttlichen im diesseitigen Materiellem aber darin einsseiend.“18
 
Die Psychosynthese hat dies erkannt und Assagioli hat Methoden entwickelt, die vorausgehende personale und die transpersonale Entwicklung in unser Dasein zu heben. (Die Methoden stelle ich teilweise im Teil II meiner Arbeit vor.) Es sind kreative, anwendbare Methoden, die sich im Laufe der Psychosynthesegeschichte immer bunter und effektiver gestaltet haben. Es ist eine Arbeit, die nicht einseitig auf die Pathologie unserer Psyche ausgerichtet ist, sondern den Schwerpunkt in die konstruktive Orthogenese legt. D
 
ie zwei wichtigsten Werkzeuge der Psychosynthese seien vorab genannt:
 
DIE LIEBE und DER WILLE Die Liebe ist die Fähigkeit der sehenden Verbindung, das Auge des Herzens.
 
Der Wille ist das Werkzeug, das wir haben, um Erkanntes bewußt zu tun.
 
Ein weiter wichtiges Thema der Psychosynthese ist die ZEIT.
 
Nehmen wir noch einmal das Kaleidoskop zur Hand und drehen es nach rechts, dann meinen wir, die Muster in die Zukunft zu bewegen, als kämen sie neu ordnend auf uns zu. Drehen wir das Kaleidoskop in die linke Richtung nehmen wir an, schon dagewesene Muster anzuschauen, also in die Vergangenheit zu blicken. Spätestens nach der dritten Umdrehung aber stellen wir fest, daß uns auch diese Ornamente neu erscheinen. Schon hier merken wir, wie subjektiv die Zeit empfunden werden kann. Sie ist vielmehr ein ewiges Jetzt.
 
Stellen wir uns weiter vor, dieses Häufchen bunter Steine seien Seelenkräfte und wir, der Beobachter, unser Ich-Zentrum bewegt sie zu ganz bestimmten Mustern. Es stellt sich für den Beobachter nicht nur die Frage welches Muster er herstellen soll, sondern wann es nötig ist, sich von dem aktuellen Bild zu verabschieden.
 
Ist die Ich-Selbst-Achse gut etabliert und der Beobachter vernimmt die „manifestationsbereite Intensität seiner Seele“19 (Die Kraft zu einer möglichen Manifestation), kann er mit dem Kreisen beginnen.
 
Somit ist die Zeit das ewige Kreisen der Seele, die durch die manifestationsbereite Intensität ihren Antrieb erhält.
 
Am Modell des Kaleidoskops kann man auch gut erkennen, daß es die Zeit (das Kreisen) ist, die den Raum (das Muster) erschafft.
 
Im alten Griechenland hatte man den Kronos, die linear gemessene Zeit, noch von dem Kairos, dem richtigen Zeitpunkt, unterschieden.
 
Jede Seele hat ihren eigenen Rhythmus. Diesen Rhythmus zu erspüren und wahrzunehmen und die in uns liegenden Möglichkeiten zu erkennen und ins Leben zu holen, dafür macht die Psychosynthese sensibel.
 
An dieser Stelle möchte ich meine Arbeit Teil I mit einem Vers von Rilke beenden:
 
Wolle die Wandlung. O sei für die Flamme begeistert, drin sich ein Ding dir entzieht, das mit Verwandlungen prunkt; jener entwerfende Geist, welcher Das Irdische meistert, liebt in dem Schwung der Figur nichts wie den wenden Punkt. < aus: Duineser Elegien

 
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