|
Dr. Jörg Zittlau Der Mond ist wieder „in“. Da laden Friseure bei Vollmond zum Haarschneiden ein, pflücken Gärtner ihr Gemüse an so genannten Fruchttagen, wenn der Erdtrabant in den Tierkreiszeichen Schützen oder Widder steht, starten Diätwillige ihre Fastenkur bei Neumond, um die Schlacken und Gifte schneller aus ihrem Körper zu spülen. Die Zahl der mondgläubigen „Lunatisten“ nimmt zu, Bücher zum Mond haben Hochkonjunktur, sie reichen von Klassischem („Der Mondkalender“) über Astrologie („Das Mond-Orakel“) bis zu Fastenplänen („Die Mond-Diät“). Immer mehr Menschen lassen auch den uralten Glauben wieder aufleben, wonach dem Mond eine entscheidende Rolle bei der Gesundheit zukommt. So soll er Schlafwandler über die Dachfirste sowie Verbrecher und Irrsinnige zur Höchstform treiben, die Monatsregel der Frauen soll sich ebenso nach seinem Rhythmus richten wie die Zahl der Geburten. Und eine kürzlich veröffentliche Allensbach-Umfrage brachte heraus: 39 Prozent aller Bundesbürger sind davon überzeugt, daß sich ihre Schlafstörungen unter Vollmond häufen, 45 Prozent spüren körperlich und seelisch Veränderungen, die mit den Mondphasen einher gehen. Viele der volkstümlichen Mondregeln fielen freilich durch die Prüfungen der Wissenschaften - einige blieben aber auch bestehen. Wie etwa die alte Hebammenweisheit, wonach der Mond die Geburtenrate beeinflußt. Erst kürzlich fanden italienische Biomathematiker eine deutliche Häufung von Geburten, wenn der Mond sich in vollem Angesicht präsentiert. Eine einleuchtende Erklärung für dieses Phänomen wurde bislang allerdings nicht gefunden. Besser erklärbar ist da schon das - ebenfalls statistisch abgesicherte - Phänomen, wonach es an Vollmondtagen besonders oft zu Herzinfarkten kommt. Denn schon anhand von Ebbe und Flut erkennt man, wie stark der Erdtrabant über seine Anziehungskraft auf Flüssigkeiten wirkt. Und so wirkt er auch auf unser Blut, dessen Fließeigenschaften unter Vollmond schlechter werden - mit der Folge, daß zu dieser Zeit die Gefahr von Blutgefäßverschlüssen deutlich zunimmt. Auch unser Farbempfinden richtet sich nach den Mondphasen. Schon 1940 entdeckten Forscher, daß wir an Vollmondtagen besonders sensibel auf die Farbe Rot reagieren, Blautöne hingegen weniger wahrnehmen. „Wozu allerdings diese Veränderungen des Sehvermögens gut sein sollen“, so die Heidelberger Wissenschaftsautorin Annette Vorpahl, „weiß bis heute niemand.“ Wissenschaftlich unbewiesen ist die weitläufige These, wonach Vollmond menschliche Aggressionen anregt. Gleich mehrere Studien erfaßten das Verhalten von Verbrechern und Psychiatrie-Patienten, und sie konnten keinen sicheren Hinweis dafür finden, daß bei Vollmond Anzahl oder Brutalität von aggressiven Handlungen zunehmen. „Andererseits existieren klare Belege dafür“, so Psychiater Walton Barr von der Universität Liverpool, „daß der Mond das Befinden von Schizophrenie-Patienten beeinflußt.“ Der weibliche Monatszyklus zeigt sich hingegen vom Mond nur wenig beeindruckt. Zwar dauert er im Durchschnitt so lange wie der Umlauf des Mondes um die Erde, doch damit ist die Gemeinsamkeit auch schon erschöpft. Die amerikanische Anthropologin Beverly Strassman untersuchte drei Jahre lang 477 Monatszyklen eines Naturvolkes, das ohne Verhütungsmittel und elektrisches Licht lebte und dessen Biorhythmus auch sonst nicht von modernen Störgrößen beeinflußt wurde. Aber selbst dort fand sie keinerlei Zusammenhang zwischen Monatsregel und Mondphase.
|