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Eine provokative Stellungnahme Rudolf H. J. Seidel Die Antwort lautet fast, wie hier versucht werden soll, deutlich zu machen. Ich gebe zu, stellenweise leicht polemisch-provokativ, „Polemik-light“ so zu sagen. Die verschiedenen Spielarten des Walking, sei es „Power-Walking“ mit Hantelschwingen vor der Brust, sei es „Nordic-W“ mit Hilfe von Skistöcken, was auch immer, sind derzeit zwar sehr beliebt und werden sogar von Ärzten verordnet. Und auch, wenn ein ehemaliger Olympionike und jetziger Klinikchef jüngst vor TV-Sendern dafür Reklame lief, Walking ist gesundheitsschädlich. J e zivilisierter wir sind, je weniger bewegen wir uns zu Fuß, und je entarteter tun wir das denn auch. Normalerweise gehen wir im Hacken-Staks-Gang mit auswärts gesetzten Füßen; mancher eilig und aggressiv mit den Absätzen knallend, die meisten aber latschend, oft eher unbeholfen, ja, charikaturisk wirkend. Diese allgemein üblichen, ja eingefahrenen Gangarten, über die sich keiner Gedanken macht, erfahren ihre Steigerung ins Dümmere indem, daß die Wissenschaft sich als das Ideal menschlicher Fortbewegung ausgedacht hat und das sie „natürliches Abrollen“ nennt. Dümmer deshalb, weil es Bein, Fuß etc. noch unphysiologischer belastet, daher noch ungesunder ist als der beschriebene Hacken-Staks-Gang. Dieses allenthalben gelehrte „Abrollen“ schaltet nämlich durch primäres Aufsetzen der Ferse die Federung und das sichernde Fühlen des Fußes aus. Es fehl- und überbelastet den Fuß, schaltet die Federung im Kniegelenk und weitgehend oder ganz den Hüftschwung aus, um nur eini-ge Punkte darzulegen. Die nächste Stufe in punkto Fehldenken ist nun das Walking. Der Grund: Es ist ein forciertes Abrollen und steigert daher noch dessen Schädlichkeit (als warnendes Beispiel der extremen Art können da die jugendlichen Turnerinnen dienen, die sich um den Preis des Weltruhms durch zu einseitige, daher falsche Trainingsbelastung schwere Schäden fürs Leben einhandelten). Segensreich dagegen wirkte ein Satz, den unser Judo- und Jiu Jitsu-Lehrer uns seinerzeit anläßlich einer jeden Übungsstun-de zu Gehör brachte bzw. einbläute: „Wenn Ihr immer mit Hüftschwung geht, habt Ihr schon das halbe Training.“ Und in der Tat, kein Tier, ob Pferd, Huhn oder Schwein, ist so dumm, auch nur bei einem seiner Schritte den vollendeten Hüftschwung zu vernachlässigen. Auch kein echter Naturmensch vollzieht dies. Und dies aus guten Gründen: Diese Beweglichkeit des Kugel- und Kreuzbein-Darmbein-Gelenks nämlich führt das Bein a) um die Endwirbelsäule herum, irritiert diese nicht durch die übliche Scharnierbewegung insbesondere im LWS-4/5, dem Ort unserer häufigsten Rückgratbeschwerden. Dieser Hüftschwung (HS) bedingt b) den ihn ergänzenden, physiologischen Schulterschwung und beide zusammen gewähren der Wirbelsäule die ihr ansonsten ermangelnde Elastizität und optimale Schwingung. Und vor allem verhindert der HS das „Ruhen“ des Rückgrats auf dem Becken. Zwar gehört dieses sogenannte Ruhen zur diesbezüglichen wissenschaftlichen Lehre, ist aber physiologisch gesehen arger Unsinn. Dies zum einen, weil das Rückgrat, auf diese Weise „ruhend“, viel an Beweglichkeit und Elastizität einbüßt und, weil seine Wirbel - jetzt nicht mehr gewissermaßen wachsam entspannt, „aus dem Kreuz herauswachsend“ - wie beim „Wilden“ - zusammensacken. Mit ein wesentlicher Grund für die Anfälligkeit dieses Körperteils und „kluger“ Anlaß für die Gelehrten, ihn daher zum „locus minoris resistentiae“ zu erklären. Und ferner: Es müßte philogenetisch angelegten Bewegungen des Menschen, bedingt durch den aufrechten Gang, erst noch erlernt und entwickelt werden. Oder gar, was man sogar im Heilpraktiker-Magazin lesen kann: Die aufrechte Haltung sei aus „Wirbelsäulensicht“ unphysiologisch und führe zu vorzeitigem Verschleiß der funktionalen Elemente. Wie man sieht, schlau, schlau, diese Gelehrten. Die aber haben offensichtlich nicht begriffen, ihren Körper richtig einzusetzen und machen dann den lieben Gott dafür verantwortlich, wollen ihm Pfuscharbeit anlasten. Da böte sich doch an, diese klugen Leute erzählten solche Storys einmal „Wilden“, zum Beispiel australischen Aborigines, die „down under“ stundenlang durch den heißen Busch traben. Oder sie hätten es - so dies ginge - früheren Indianern erzählen sollen, die - „mit dem langen Atem von Wölfen“ - Hirsche „niederrannten“. Nämlich, daß ihr aufrechter Gang endwicklungsgeschichtlich noch zu wünschen übrig lasse und daher ein locus minoris resistentiae sei. Es wäre, sobald die es denn begriffen hätten, nunmehr um sie geschehen gewesen, denn sie hätten sich krank gelacht. Von der Hüfte abwärts wirkt der Hüftschwung in der Art positiv, als er das Bein einwärts führt und auch den Fuß einwärts gerichtet aufsetzen läßt. Hier folgen Bein und Fuß dem Gesetz der Einwärtsspirale, die jeglicher natürlichen Vorwärtsbewegung inne wohnt, also ehernes Gesetz ist. Lediglich der zivilisierte Mensch handelt ihm zuwider, zieht die zentrifugal abbauende der zentripetal aufbauenden Bewegung vor, setzt negative Impulse mit jedem Schritt. Beim Auftreten, Mittelzehe in Front, setzt die ganze Sohle gleichzeitig auf, doch vom Gefühl her ballenbetont. Neben anderem ist dies die günstigste Position für das Auf- und wieder Abfedern. Denn, wohlgemerkt, der Fuß ist eine gewölbte Federung, die man tunlichst federt, keine Rolle, die man abrollt. Das sollten vor allem Orthopäden, Gymnasten und andere Experten allmählich begreifen. Doch weit gefehlt, im Gegenteil! Und damit kommen wir zu einer neuerdings gelehrten Gangart, die - man glaubt es kaum - noch dümmer angelegt ist als das Walking. Sie nennt sich „Masai-Barfuß-Technik“. Einer ihrer Befürworter ist der oben bereits zitierte Klinikchef und ehemalige Olympionike. Und obwohl als Vorbild dieses Gehens barfüßige Massai herhalten sollen, ist es dennoch nur in überaus teuren Schuhen möglich und nach längerem Üben gemäß den Anweisungen einer mitgelieferten Videokassette. Was nun diese Technik zu einem Kuriosum stempelt ist dies: Der Absatz ist hier in die Mitte verlegt worden, unter die empfindlichste Stelle, quasi die Weichteile des Fußes. Dieser hat der Schöpfer ja gewiß nicht ohne Grund von direkter Bodenberührung möglichst weit ferngehalten, ihr somit Schutz gewähren wollen. Für die Befürworter dieser Technik rangiert solch göttlich-weise Vorkehrung jedoch offenbar nur als Mumpitz, die Fußwölbung als weiterer schöpferischer Fehlgriff, die mittels eines Absatzes aufgefüllt werden muß. Auf diesen soll man dann von hinten hinauf und dann nach vorn wieder herunterrollen. Auf diese Art will man den Fuß vollends zur Rolle machen, zum Rad weit mehr noch als beim üblichen, von Gelehrten geforderten „Abrollen“. Die empfindlichste Stelle des Fußes wird so zur druckmäßig am stärksten beanspruchten. Übende dieser Technik muten den Betrachter noch merkwürdiger an als die des Walkings; und worin sie geübt wird, kann man getrost als Antischuh bezeichnen, das Schlimmste, das der Markt diesbezüglich bietet und man sich vorstellen kann. Es sei denn, man hält es demnächst auch noch für folgerichtig, die Füße überdies aktiv, z.B. durch intensiv dehnenden Druck, möglichst vollkommen zur Rolle zu formen. Etwa analog so, wie man das seinerzeit bei vornehmen Chinesinnen durch qualvolles Einrollen des Vorfußes betrieb, nur in Gegenrichtung. Unschwer einleuchtend dürfte sein, daß dauernde Fehlbewegungen ganz zwangsläufig - und wie allenthalben offenkundig - Fehlhaltungen der Füße, Beine, Wirbelsäule usw. zur Folge haben. Hieraus ergeben sich eine Vielzahl von Krankheiten, die behandelt oder gar operiert werden müssen, und das flächendeckend. Weit weniger klar mag manchem sein, wie sehr rudimentär entarteter Gang dem Krebsgeschehen im Inneren ähnelt. Sind es bei letzterem in der Entwicklung stecken gebliebene, unfertige Zellen, die sich anhäufen und schließlich den gesunden Fluß der Körperfunktion blockieren, sind es beim „abrollenden“ Hackengang unfertige, gleichfalls in der Entwicklung stehen gebliebene Bewegungen der rückwärts gerichtete Krebsgang gewissermaßen. Der Verlust eigentlich menschlicher Schwingung von der Basis her wirkt sich weltweit auch anderweitig negativ aus. Aufgrund dessen, daß man nämlich Dank des Hackenganges in der Lage ist, bequemer und scheinbar schneller voran zu kommen. Er allein ermöglicht uns zu eilen und zu hasten, und das spiegelt sich auf anderer Ebene wider, da, wo wir bestrebt sind, so viel und so schnell wie möglich Geld und Güter zu ergattern, egal ob einwandfrei oder durch Übervorteilung anderer.
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