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Dr. Jörg Zittlau
Dermatitis: Viele Vorurteile, aber auch neue Hoffnung
Fünf bis zehn Prozent aller Kinder leiden unter atopischer Dermatitis, bei zwei Dritteln bleibt sie bis ins Jugend- und Erwachsenenalter bestehen. Sie zeigt sich in Form von stark juckenden Hautekzemen, die nicht zuletzt durch ihr Aufkratzen immer schlimmer werden, bis hin zu einem Körper, der von häßlich-blutigen Kratzern entstellt ist. Gründe genug also, über diese Erkrankung möglichst viel Wissen zu sammeln. Doch tatsächlich existieren zu ihr zahlreiche Vorurteile.
So hält sich hartnäckig die Ansicht, wonach die Erkrankung, die ja immer noch gerne als Neurodermitis bezeichnet wird, hauptsächlich durch psychische Faktoren ausgelöst wird - und durch die eigentlichen Charaktereigenschaften des Patienten. Der soll demnach eine dünnhäutige, übersensible Persönlichkeit haben, die schlecht mit Konflikten und anderen zwischenmenschlichen Streß-Situationen umgehen könnte. Doch selbst psychosomatisch orientierte Mediziner können diese These nicht bestätigen. Im Gegenteil. In sozialen Belastungssituationen zeigen sich die untersuchten Atopiker meistens sogar robuster als der Bevölkerungsdurchschnitt.
Keine typischen „Atopikermütter“
Ebenfalls hartnäckig hält sich die These von der typischen „Atopikermutter“, die mit verdeckt feindseligem, überbehütendem und psychisch unreifem Verhalten den Ausbruch der Erkrankung fördern würde. Doch auch für diese Ansicht fehlen die Belege, wie Prof. Uwe Gieler von der Universität Gießen betont. Der Psychosomatiker gesteht allerdings zu, daß psychische Faktoren die atopische Dermatitis beeinflussen können, und daß Atopiker-Kinder stark das Familienleben belasten und oft zu Aggressionen führen, „beispielsweise dadurch, daß das Kind nachts im Bett der Eltern schlafen darf und damit deren sexuelle Beziehung stört“. Ganz zu schwiegen davon, daß sich die Geschwister benachteiligt fühlen, wenn das hautkranke Kind ständig eine Sonderbehandlung erhält.
Ebenso fest steht, daß die atopische Dermatitis oft mit Allergien und Unverträglichkeiten gegenüber bestimmten Stoffen vergesellschaftet ist. Weichspüler spielen jedoch dabei, auch wenn dies immer noch viele glauben, keine Rolle. In einer Studie der Wilhelms-Universität Bonn zeigte sich sogar, daß Atopiker davon profitieren, wenn ihre Wäsche mit Weichspülern behandelt wird, weil sie die Textilfasern mit einem Gleitfilm bedecken, der die Haut vor Reibungswiderständen und damit auch vor entzündungsfördernden Reizen schützt.
Der Atopiker muß also nicht auf Weichspüler verzichten. Lohnender kann da schon, wie Wissenschaftlicher von der Berliner Charitè herausgefunden haben, der Verzicht auf Farb-, Duft- und Konservierungsstoffe in der Nahrung sein. Die Forscher verabreichten 41 Patienten mit atopischer Dermatitis eine sechswöchige Diät, in denen auf Süßwaren, Käse, Eier, Räucherfleisch, Dosengemüse, Marmelade und andere Nahrungsmittel verzichtet wurde, die große Mengen an Zusatzstoffen enthalten. Bei 63% der Testpersonen ließ sich dadurch eine deutliche Besserung der Symptome erzielen.
Hilfreiche Suds und Tees
Bleibt freilich im Umkehrschluß festzuhalten, daß die Umstellung auf zusatzfreie Nahrung in über einem Drittel der Fälle keine positiven Effekte zeigt. Und hier bleibt dann vielen Patienten doch nur der Griff zu kortisonhaltigen Cremes und Salben, die längerfristig zum Ausdünnen und Einreißen der Haut führen. Deswegen lohnt sich der Blick auf pflanzliche Alternativen. Wie etwa auf die Salben der Ballonpflanze (lat. Cardiospermum), die auch mit herkömmlichen Mitteln wie etwa Kortison kombinierbar ist. Positive Befunde existieren außerdem für Salben der Zaubernuß (lat. Hamamelis) und Tinkturen der Bittersüßstängel (Solanum dulcamara). Auch die Anwendung von Tees kann beim atopischen Ekzem zu Erfolgen führen, wie Wissenschaftler der Universitätshautklinik im japanischen Orsu herausfanden. Sie verabreichten 118 Dermatitis-Patienten, die bereits mindestens ein halbes Jahr vergeblich mit Kortison, Antihistaminika und Allergen-Karenz behandelt wurden, zusätzlich 3 Tassen Oolong-Tee pro Tag. Einen Monat später zeigten 63% der Patienten eine mäßige bis deutliche Verbesserung, nach sechs Monaten waren es noch 54%. Verantwortlich für diesen Effekt sind vermutlich bestimmte Gerbsäuren des chinesischen Oolong-Tees. Hierzulande erhält man ihn in Apotheken und Teefachgeschäften.
In äußerlicher Anwendung kann der Cystus-Sud aus Griechenland helfen. In einer deutschen Studie erhielten 95 neurodermitische Kinder - parallel zu ihrer sonstigen Medikation - zweimal wöchentlich eine Waschung mit dem gerbstoffreichen Sud. Vier Wochen später das Ergebnis: In 64 Prozent der Fälle zeigte sich eine gute bis deutliche Besserung der Beschwerden, lediglich bei 9% zeigten sich keinerlei Erfolge. Bei 7 Prozent führte Cystus zu allergischen Reaktionen - nimmt man hier die bekannte Allergieauffälligkeit von Neurodermitikern zum Maßstab, so ist auch dies eine geringe Quote.
Außerdem gilt zu berücksichtigen, daß die Neurodermitiker-Studie an Patienten durchgeführt wurde, die allesamt einen Therapie-Marathon von Akupunktur über Kortison bis UV-Bestrahlungen hinter sich hatten, ohne daß sich ihr Leiden dadurch deutlich gebessert hätte. Mit anderen Worten: Cystus mußte sich an Patienten beweisen, die in der Medizin gerne als therapieresistent bezeichnet werden, weil ihnen durch keine der bekannten Standardtherapien geholfen werden konnte. Vor diesem Hintergrund erscheinen die Ergebnisse der Studie in noch positiverem Licht. •
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