|
Klaus-Dieter Neander, Dr. rer. nat. Frank Hesse Immer häufiger werden oberflächliche, eitrig-verschmierte und nekrotische Wunden in der Praxis der Heilpraktiker mit unterschiedlichen Methoden behandelt. Gerade Patienten, die durch die sog. klassische medizinische Therapie keine Heilung erfahren haben, aber auch Patienten, die sich eher der natürlichen Medizin und den alternativen Heilmethoden anvertrauen wollen, kommen in die Praxis der Heilpraktiker. So ist es nicht verwunderlich, daß sich die Therapie mit Honig, die sich seit Jahrzehnten großer Beliebtheit erfreut, immer mehr Anwender findet, auch wenn sie insofern nicht ungefährlich ist, als viele Patienten heute Probleme mit Allergien haben. Unterschiedliche Untersuchungen, die sich mit der heilsamen Wirkung von Honig beschäftigen, belegen, daß die Heilung auch und gerade eitrig-verschmierter und nekrotischer Wunden beschleunigt wird und das kosmetische Ergebnis im Vergleich zu den „klassischen Therapien" der Medizin deutlich besser ausfällt (Postmes 1997 1). Woraus besteht Honig? Honig besteht aus konservierenden Verbindungen, wie z.B. Benzoe- und Ameisensäure, aus Enzymen, wie z.B. Glucoseoxidase, aus Flavonoiden (Pinocembrin und Kaffeesäure) und weiteren Substanzen, z.B. Zink. In den vergangenen Jahren fand man im Honig auch Rückstände von Chloramphenicol, Tetracyclinen und Sulfonamiden. Anhand der im Honig enthaltenen Pollen kann geklärt werden, aus welchem Gebiet der Honig kommt. Honig wird in großem Stil gefälscht, in Reifungsautomaten eingedickt und mit Zucker „ergänzt". Selbst Pollen, die früher sichere Indizien für das Herstellungsgebiet waren, werden heutzutage eingemischt und ebenfalls wichtige Enzyme. Es ist in der Praxis kaum zu klären, ob der Inhalt des Honigglases mit dem Etikettenschild übereinstimmt (Pollmer, U. 1993 2). Was bewirkt Honig? Abtötung von Bakterien Bakterien benötigen zum Überleben Wasser. Je niedriger die Wasserdampfspannung einer Lösung ist, desto eher sterben Bakterien ab. Reines Wasser hat eine Wasserdampfspannung von aw = 1; gibt man Zucker in Wasser (225 g Zucker auf 100 g Wasser) kann der Wert auf aw = 0,83 sinken. Mit Ausnahme der sporenbildenden Bakterien können Bakterien bei einem aw-Wert von 0,83 kein Wasser mehr aufnehmen und sterben ab. Postmes (Postmes 19933) konnte nachweisen, daß der Staph. aureus unter einer solchen 50tägigen (!) Therapie (aw = 0,828 und ph von 7,0) abstirbt. Honig enthält des Enzym Glukose-Oxidase, das Glukose in Glukoronsäure und Wasserstoffsuperoxid umwandelt. Nicht alle Honigsorten produzieren gleichviel Wasserstoffperoxid, so daß sog. Inhibinwerte entwickelt wurden (White 19634), um gezielte Aussagen treffen zu können: Entstehen auf mit Bakterien geimpften Platten, bei der Behandlung mit 20, 16 und 12% Honig keine Kolonien (wohl aber bei 8% und 4%), so ist der Inhibinwert 3; bildet die 8%-Honigkonzentration ebenfalls keine Kolonie, dann erhält der Honig den Inhibinwert 4. Der höchste Inhibinwert ist 5. Nimmt man vier verschiedene Bakteriensorten in die Untersuchung, kann für einen Honig ein maximaler Inhibinwert von 20 berechnet werden. Die antibakterielle Wirkung des Honigs wird der Entstehung des Wasserstoffperoxids (< 0.001%) zugeschrieben. Untersuchungen von Molan (Molan 19885) belegen, daß die Aktivität verschiedener Honigsorten zwischen 58% und 2% im Vergleich zu phenolhaltigen Desinfektionsmitteln lag. Weiterhin konnte nachgewiesen werden, daß bestimmte Honigsorten (z.B. Manuka-Honig aus Neuseeland) mit einer 54fachen Verdünnung das Wachstum des Staph. aureus zu hemmen vermögen. Problemstellung In einer Arbeitsgruppe mit fünf beteiligten Heilpraktikern, die sich mit der Therapie oberflächlicher Wunden mit Honig beschäftigten, wurden allerdings einige Probleme deutlich: es gab relativ viele Therapieversager, d.h. es konnte häufig nicht geklärt werden, warum einzelne Therapieversuche absolut nichts brachten. Die Arbeitsgruppe beauftragte daher die Autoren herauszufinden, wie die Therapieversager zu erklären sind. Vorversuch Zunächst wurde eine verbindliche Definition des Begriffes „Therapieversager" erarbeitet. Als solcher wurde bezeichnet, wenn eine eitrig-verschmierte Wunde nach dreitägiger Therapie mit Honig (zweimaliges Auftragen) nicht um mindestens 30% weniger eitrig-verschmierte Fläche aufwies. Die Wundfläche wurde zu Beginn der Therapie planimetrisch ausgemessen und bei jeder Anwendung wurde die Messung wiederholt. Bei 60 Patienten wurden die Daten ausgewertet und es zeigte sich, daß sich die Therapieversager auf bestimmte Honigsorten bezogen. Hauptversuch Wie im Vorversuch wurden die Patienten erfaßt und vermessen. Zeigte sich ein Therapieversager, wurde mit einem Honig, mit dem die Therapie bei einem anderen Patienten erfolgreich war, weiter therapiert (52 Patienten). In nahezu allen Fällen schlug dann die Therapie an. Differenzierung der Honigsorten Die Differenzierung der Honigsorten gelingt mit dem Nachweis einer Peroxidgruppe, die für die antibakterielle Wirkung verantwortlich gemacht werden. Die Untersuchungen ergaben, daß sich bei vier der zehn unterschiedlichen Honigsorten Peroxide nachweisen ließen. Diese vier Honigsorten waren therapeutisch wirksam; allerdings konnte auch festgestellt werden, daß der Peroxidnachweis chargenabhängig variierte, so daß leider aus einem „positiven" Nachweis in einer Honigsorte, diese nicht zwingend als generell wirksam bezeichnet werden kann. 1 Postmes, Th.: Honig und Wundheilung, Bremen 1997 2 Pollmer, U.: Wie erkennen Sie verfälschten Honig. natur 11/1993 3 Postmes, Th.: Honing en braondwonden. Belgian Federation of Beekeepers 1993, deutsch: Bern 1995 4 White, P., et al.: The identification of inhibine, the antibacterial factor in honey, as hydrogen peroxide and its origin in a glucose-oxidase system. Biochim. Bipphys. Acta 73 (1973) 57 - 70 1993 5 Molan, P. C.; Russell, K. M.: Non-peroxide antibacterial activity in some New Zealand honeys. Journal of Apicultural Research 27 (1988) 62-67. Klaus-Dieter Neander (MScN, PhD) ist Professor für angewandte Physiologie, Pflegewissenschaft am Deutschen Institut für Pflegehilfsmittelforschung und -beratung, Lenglerner Straße 57, 37079 Göttingen
|