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von Leni Dörr
Mit großem Aufheben wird jedes Jahr am 11. im 11. um 11 Uhr 11 der Hoppeditz, diese närrische Strohpuppe, ausgegraben, und damit ist dann die Karnevals-Saison eröffnet. Viele Bräuche haben sich bis heute erhalten; Maskerade, Ausgelassenheit und Liebelei gehören überall dazu.
Das Wort Karneval wurde im römischen und im venezianischen Sprachbereich benutzt und tauchte erst im 17. Jahrhundert im Französischen und im Deutschen auf, wo es die "Fastnacht" ablöste. Dem italienischen "Carnevale" geht das scherzhafte mittellateinische "Carne-valè" ("Fleisch, lebe wohl!") voraus. Eine andere Deutung ist, dass es vom lateinischen "carrus navalis" ("festlicher Umzug") mit dem Räderschiff zur Wiedereröffnung der Schifffahrt im Februar, stamme.
Vom hohen Norden zogen einst Gruppen von Einwanderern nach Süden und siedelten im heutigen Italien. Manche wandten sich ostwärts, fluteten westwärts zurück, neue Stämme drängten aus dem Norden nach, so dass diese Wanderung über Jahrhunderte anhielt.
Die Nordleute brachten ihre Kultur mit, die von der Gestirnsbeobachtung bestimmt war. Wie dramatisch etwa war für die Menschen im Norden der jährliche Sonnenlauf: Im Frühjahr - mit der Rückkehr der Zugvögel - kam auch die Sonne mit ihrem Licht und ihrer Wärme zurück, taute das Eis und ließ Nahrung sprossen. Zur Sommersonnenwende blieb sie auch nachts über dem Horizont sichtbar, während sie zur Wintersonnenwende - je nach Breitengrad - für einige Tage überhaupt nicht erschien.
Der Held der Nordleute war die Sonne; man personifizierte sie und erfand Bilder und Geschichten, die uns Märchen und Mythen bewahrt haben. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich im Vorlateinischen zahlreiche Worte und Begriffe aus dem Altnordischen finden. Hat man allerdings diese Brücke einmal erkannt, erschließt sich das Wort "Karneval" einfach. Es sah jedoch ein wenig anders aus, und zwar
"Karn - eh - val".
Karn bedeutete im Kymrischen und Kornischen "Huf der Einhufer` und ist verwandt mit dem lateinischen "cornu" (Horn).
Die zweite Silbe "eh" ist wie ech auszusprechen und in Eidechse, Echse und echt (abgeleitet aus "Ehe" = "Gesetz", "echt - "gesetzmäßig") erhalten. Die Silbe "eh" vereint in sich sowohl den Begriff "Schlange" (auch Drachen) als auch den Begriff "Gesetzmäßigkeit".
Die dritte Silbe "val" bedeutet im Altnordischen "wohl", "gut" (vergl. engl.: "well" - gut). Wir können Karneval nun übersetzen: "Horn - Schlange - wohl ("gut"), oder etwas freier: "Die gute gehörnte Schlange".
Wer ist nun diese Schlange (oder dieser Drachen)? Es ist der Mond, der sich um die Erde bewegt, während diese sich selbst auf ihrer Bahn fortbewegt. Könnten wir nun die Mondbahn nachzeichnen, wäre sie gewunden wie eine Schlange.
So verstand man den Mond als Schlange, der den Winterhimmel beherrschte. Im Frühjahr fand der Drachenkampf statt, der Winterdrache (der Mond) wurde getötet, denn die Sonne war erstarkt. Sie schwang sich über den Himmelsäquator und übernahm das Regiment; denn die Tage wurden wieder länger als die Nächte.
Wir sagen zwar "der" Mond, verstehen ihn aber als weiblich und verbinden mit ihm alles Dunkle; die Höhlen, das Wasser, das Weib, das Gebären. Der Mond ist es, der die Zeit misst. Seine zunehmende und abnehmende Gestalt gleicht einem Horn.
So war der Mond die "gehörnte Schlange", die Zeit und Wachstum maß. Der alte Name des Februar war "Hornung". Februar war einst der letzte Monat des Jahres (daher nur 26 Tage) und im Römischen dem Februus, dem Gott des Endes und des Anfangs, geweiht.
Ehe man sich der arabischen Ziffern bediente, waren die Schriftzeichen sowohl Laut als auch Zahl. Überprüfen wir nun mit einem alten Schlüssel den "Karneval":
K A R N E H V A L 2+1+15+10 14+19 11+1+16 = 28 = 33 = 26
26 Tage beträgt der Mondumlauf, 33 ist Zahlensymbol für Schlange.
Kehren wir zurück zum Hoppeditz-Erwachen am 11. im 11. um 11 Uhr 11: 4 x 11 = 44. Nehmen wir den Kalender zur Hand und zählen vom 11.11. 44 Tage weiter: Wir kommen zum 25.12. (Weihnachten). Am Vorabend des 11.11. feiern wir Sankt Martin: Der alte Jahrgott reitet auf dem weißen Sonnenross durchs Land, und die Kinder, die ihm mit brennenden Laternen folgen, verkünden, dass das Licht in 44 Tagen wiederkehren werde. Für ihre frohe Botschaft schenkt man ihnen Apfel und Nüsse, Wegzehrung für die karge Zeit
Wenden wir auch bei Martin den Zahlenschlüssel an:
M A R T 1 N 8+1+15+6+4+10 = 44
Es wird klar, dass sich hinter Namen und Brauchtum das alte Sternenweistum verbirgt. Nicht nur Wort und Wert waren austauschbar, sondern das himmlische Geschehen wurde mit dem irdischen bildhaft verknüpft, Zeichen und Zahlen waren Symbole.
Die Sonnengötter lassen sich an ihrer Summe 36 erkennen. Die Weisheit erlangt der, der nicht nur das lichte Reich der Sonne, sondern auch die Unterwelt kennt, der Weise weist sich durch die Summe 44 aus. Diese 44 Tage vom 11. November bis zum 25. Dezember, der Wiedergeburt des Lichts, der Wintersonnenwende (die jetzt auf den 21. Dezember vorgerückt ist) bilden die Mitte der Urmutter-Regentschaft.
Um dies zu verstehen, blicken wir auf den Megalith-Kalender, der das Jahr in 16 Monate teilte. 365,25 Tage: 16 Monate = 22,8125 Tage. Man rechnete 13 Monate zu je 23 Tagen = 299 Tage und 3 Monate zu je 22 Tagen = 66 Tage. In den 13 langen Monaten regierte die Sonne, die 66 Tage gehörten der Urmutter.
Am 31. Oktober trat die Sonne ihren Wolfsgang an und erreichte am 1. November zu Allerheiligen die Unterwelt in der Höhle der Urmutter, die alle Wesen - Tiere und Pflanzen - in ihrem Schoße vor dem Winterdrachen hütete. Mit den 12 heiligen Nächten endeten die 66 Tage der Mutterzeit.
Mit dem Fest der Heiligen Drei Könige am 6. Januar begann wieder der erste Sonnenmonat mit 23 Tagen. Doch die junge Sonne war noch klein und schwach und hatte noch keine Gewalt. So drangen die Unholde und die finsteren Gestalten der Unterwelt auf die Erde und trieben ihr Unwesen, das im Februar seinen Höhepunkt erreichte. Inzwischen war die Sonne erstarkt. Nach dem Chaos errichtete sie die neue Ordnung.
Karneval ist ein Frühlings- und Zeugungsfest, in dem symbolisch das neue Jahr gezeugt wird. Werfen wir noch einen Blick auf die sieben Tage der Karnevalswoche: Donnerstag ist "Altweiberfastnacht", der Fett-Donnerstag. Das hat nichts mit Fett zu tun, sondern mit "fet" (altnordisch "Schritt"). Es ist der Schritt (oder Sprung), den die Sonne bald tun wird, wenn sie zur Tag- und Nachtgleiche den Himmelsäquator überschreitet und wenn die Tage wieder länger werden. Am Fet-Donnerstag geht die Schlüsselgewalt an die irdische "Urmutter" zurück, der Bürgermeister überreicht der ältesten Marktfrau den Stadtschlüssel. Die sieben Tage sind ihrem Walten unterstellt.
Freitag, Samstag und Sonntag haben keine besonderen Namen, sie gehören den drei Töchtern, den Urerschaffenen, die in den einzelnen Kulturkreisen als die drei Nornen, die drei Beten, die drei Fräulein verehrt werden.
Erst der Rosenmontag hat einen eigenen Namen - allerdings: Rosen blühen dann noch nicht, aber die Menschen "rasen", sie sind "rasend vor Liebe". Im rheinischen Dialekt wird dies deutlich, wenn man von einem "rösig Mädche" spricht.
Dienstag ist die eigentliche "Fasenacht" (von fasen = zeugen). Der Aschermittwoch war ein Lostag, an dem die stellvertretende Urmutter drei Stäbchen aus dem "Aschl" (der Losurne) zog, um den Schöpfungsspruch für das neue Jahr zu sprechen. Zu diesem feierlichen Akt entzündete man ein Feuer, dessen verglimmte Kohlestäbchen man mit auf den Hof nahm. Dann zeichnete man Tier und Weib mit einem schrägen Kreuz, damit sie fruchtbar seien, und über die Tür schrieb man das Andreaskreuz, damit man vor Unbill bewahrt bliebe
Von Aschermittwoch bis Palmsonntag (griechisch "palim" = Wende) sind es 39 Tage. 39 Wochen braucht ein Kind von der Zeugung bis zur Geburt. Von Fet-Donnerstag bis Ostersonntag vergehen 52 Tage = ein Kleinjahr.
"Karnehval" also ist ein altes Frühlingsfest, an dem die Wesen der Unterwelt alles Alte stürzen und auflösen. Aus diesem Chaos erhebt sich die siegende Sonne und errichtet die neue Ordnung
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