Heilung und Krankheit


Reinhard Bayerlein, Heilpraktiker

Das Ziel aller Therapeuten besteht in der Regel darin, den Menschen zu heilen. Um das Thema Heilung zu erfassen, müssen wir aber die rein materialistische Anschauungsebene um die der metaphysischen Ebene erweitern.

Bei diesem Thema muß man weiter klar unterscheiden, ob man seine Therapie darauf ausrichtet, Symptome zum Verschwinden zu bringen, beziehungsweise diese zu verschieben, oder ob man versucht, den Patienten zu heilen. Wohlgemerkt, beides ist, entsprechend der gegebenen Notwendigkeit, legitim!

Wer seinen Patienten heilen möchte, der sollte sich zuvor aber mit den Hintergründen dieses Prozesses auseinandersetzen! Heilung ist mehr als das Verabreichen eines Medikamentes. Heilung ist ein Vorgang, der tief in materielle und nichtmaterielle Prozesse eingreift. Was hinter dem Begriff der Heilung steht, versuche ich im Folgenden etwas näher darzustellen

Heilung, ein Definitionsversuch

Das Gegenteil von „Heil-sein“ ist „Un-heil-sein“. Ist ein Mensch „Un-heil“, ist er auch immer krank. „Heil-sein“ bedeutet hingegen „Ganz-sein“, in „Ordnung sein“. Wer nicht in (der) Ordnung ist, ist in „Un-ordnung“

Vielleicht helfen diese Wortspiele das Thema des „Heil-seins“ besser zu verstehen. Heilung hat immer den Anspruch, den Menschen in seiner Gesamtheit, also auch seiner Seele, zu erfassen und zu erreichen. Dethlefsen (1) weist in „Krankheit als Weg“ darauf hin, daß der Mensch krank ist, da er nicht in der Einheit, also in der Ordnung ist. Krankheit ist somit das Verlassen einer Harmonie, also „der“ Ordnung, die auch immer ein Bewußtseinsprozeß ist. Gesundheit und Krankheit sind Polaritäten, weshalb es aus diesem Grund übrigens auch keine Krankheiten geben kann. Der Mensch ist entweder krank oder gesund. Dethlefsen schreibt hierzu:

„In der Medizin, wie auch im Volksmund spricht man von den verschiedensten Krankheiten. Diese sprachliche Schlamperei zeigt sehr deutlich das verbreitete Mißverständnis, dem der Begriff Krankheit unterliegt. Krankheit ist ein Wort, das man eigentlich nur im Singular verwenden kann – der Plural Krankheiten ist genauso sinnlos wie der Plural von Gesundheit: Gesundheiten.

Krankheit und Gesundheit sind singuläre Begriffe, da sie sich auf eine Zustandsform des Menschen beziehen und nicht, wie im heutigen Sprachgebrauch üblich, auf Organe oder Körperteile. Der Körper ist niemals krank oder gesund, da in ihm lediglich die Informationen des Bewußtseins zum Ausdruck kommen…“

Hahnemann machte diese Entdeckung übrigens ebenfalls gegen Ende seiner Laufbahn. Er drückte diese in seiner Miasmenlehre aus, die besagt, daß der Mensch an einem Miasma erkrankt. Das Miasma als solches ist das Prinzip der Krankheit! Die Darstellung der verschiedenen Miasmen sind nur Erscheinungen der unterschiedlichen Ausdrucksformen dieses Prinzips! Dies zu verstehen ist ungemein wichtig, da sonst das „Miasmenprinzip“ wieder auf die Ebene der Krankheitsbilderdefinition gezogen wird. Es gibt heute das „Aids-Miasma“, das „Krebs-Miasma, das „Sykose-Miasma“ usw., und man verwendet somit letztlich wieder nur andere Wörter, um Krankheitsbilder darzustellen. Das aber meinte Hahnemann nicht. Ihm ging es um die Darstellung der verschiedenen möglichen Phasen innerhalb des Miasmas. Dies aber nur am Rande.

Die Wurzeln unserer Heilkunde

Die Wurzeln unserer Heilkunde befinden sich in Griechenland.

Der deutsche Philosoph Hans Blüher beginnt in seinem bis heute unerreichten Werk, „Traktat über die Heilkunde“, seine Ausführungen mit folgendem Zitat aus Platons Phaedros Kap.54.

„SOKRATES

Glaubst du denn, es sei möglich, von der Natur der Seele eine nennenswerte Kenntnis zu erwerben ohne Zusammenhang mit der Natur des Ganzen der Welt?

PHAEDROS

Wenn man auf Hippokrates aus dem Geschlechte der Asklepiaden sich einigermaßen verlassen darf, wäre das nicht einmal in bezug auf den Körper möglich ohne diese Betrachtungsweise.

Die Durchführung des Heilungsaktes war ursprünglich nur „Priesterärzten“ erlaubt. Diese Priesterärzte hatten Wissen über die Seele und den Körper. Hierzu nochmals Blüher:

„Das priesterliche Urwissen, von dem hier die Rede ist, würde sich etwa folgendermaßen ausdrücken: Die Krankheiten stammen von den Göttern (und zwar von den verletzten Göttern); ihre Heilung kann daher ausschließlich geschehen durch Versöhnung der Götter. Wenn es gelingt, die Brücke zu schlagen (pontifex) und die verlorenen Verbindung mit den Göttern wiederherzustellen (religio), so ist Heilung möglich…

Niemals kann auf einem anderen Wege wirkliche Heilung erfolgen, als auf dem der Religion. Wunden flicken ist nicht Wunden heilen. Wo Narben bleiben, da ist keine Heilung, weder im Körper noch in der Seele.“

Blüher beschreibt hier den Typhus des heilenden Priesters, der die Anbindung zu den Göttern und damit deren Befugnis zu heilen hat. Mag es diesen Typhus in der Realität nie gegeben haben. Nach diesem Ideal zu streben, ist aber die Aufgabe, die mit dem Thema echter Heilung untrennbar verbunden ist.

Hinter all dem Gesagten steht ein Mythos, der die Hintergründe weiter zu erhellen vermag. Es ist der Mythos von Asklepios (3), der uns in das Thema des Unterschiedes von Heilung und Symptombehandlung hineinzuführen versucht.

Asklepios stellte nämlich ursprünglich den Typus des ersten Heilers dar, der eben nicht die Heilung im Sinne der Götter vollzog, sondern meinte, daß das alleinige Beseitigen von Symptomen ausreichen würde.

Der Mythos...

Schon immer war es Aufgabe der Götter, für die Heilung des Menschen zu sorgen. Apollon, der Sonnengott und Hades, der Gott der Unterwelt, also auch der Schatten, teilten sich dieses wichtige Amt.

Als Apollon die irdische Königstochter Koronis zu seiner Geliebten macht und diese das Kind des Gottes in sich trägt, gibt sich Koronis zusätzlich einem männlichen Sterblichen hin. Als Apollon dies erfährt, schickt er seine Schwester Artemis, die Koronis sofort tötet. Koronis soll auf einem Scheiterhaufen verbrannt werden. Doch kurz bevor die Flammen den Körper Koronis erreichen, rettet Apollon seine Frucht, einen Sohn, aus dem Leib Koronis. Der Sohn, wir ahnen es, ist Askplepios.

Asklepios wird von Apollon zu Chiron gebracht. Chiron, der für die Heilkunde der akuten Symptome zuständig ist, unterweist Asklepios in diesen Dingen. Asklepios darf dann als Helfer der Kentauren auf der Erde wirken. So hilft er im Laufe der Zeit unzähligen Menschen, die ihn dafür lieben, aber aufgrund der Anlagen seiner Mutter, welche hier als Repräsentantin für die materialistische Herangehensweise steht, ist sein Handeln darauf ausgerichtet, nur physische Symptome zum Verschwinden zu bringen. Eine seelische Heilung erfahren seine Patienten nicht.

Asklepios Handeln ist einseitig und deshalb nicht in (der) Ordnung! Hierdurch stört er nachhaltig natürlich auch die göttliche Ordnung, wodurch besonders Hades, als Hüter der Welt der Schatten der Menschen, die hier auch für unerlöste Schatten-, also Bewußtseinsanteile stehen, verstimmt wird. Hades, als Bewahrer der Schattenanteile weiß, daß durch das alleinige Wegtherapieren von Symptomen die Menschen nicht heiler werden. Im Gegenteil, die Symptome, die ja Ausdruck der durch die Schatten repräsentierten Bewußtseinsinhalte sind, können auf diese Art und Weise nicht erlöst werden und addieren sich langfristig. Die Erlösung kann nur stattfinden, wenn sich der Betroffene auf den Weg in den Hades macht, sich dort seine Schattenanteile ansieht und diese mit aus der Unterwelt hoch (ins Bewußtsein) nimmt. Die Erlösung findet also durch die Integration der Schattenanteile statt.

Krankheit weist uns damit immer den Weg, der eigentlich zuerst ins Schattenreich, an den tiefsten und dunkelsten Punkt des Bewußtseins, führen sollte. Durch das Wegtherapieren von Symptomen wird dieser Weg der Auseinandersetzung mit den eigenen Schatten für den Menschen eigentlich unnötig, was diese natürlich sehr begrüßen, da diese Methode sie natürlich von ihrer Verantwortung entbindet, selbst am eigenen Heilungsprozess mitzuarbeiten. Dies geht so lange gut, bis die verdrängten Schattenanteile eines Tages mit furchtbarer Gewalt an die Oberfläche drängen und sich dann wieder in Form von massivsten Symptomen zeigen.

Mit den Jahren wird Asklepios durch seine Handlungsweise bei den Göttern immer unbeliebter und als er eines Tages wieder einen Toten erweckt, ist für Hades das Maß voll. Er erhebt Anklage bei Zeus. Zeus, der das Problem sofort erfaßt, tötet Asklepios mit einem Blitzschlag. Er bedenkt jedoch nicht, daß Apollon, der seinen Sohn liebt, nun ebenfalls zuhöchst erzürnt ist und deshalb drei Zyklopen tötet, die für Zeus die Blitze schmieden. Zeus wiederum, nun ebenfalls in Rage, will seinerseits Apollon aufgrund dessen Tat in den Tartaros verbannen. Der Tartaros ist der tiefste und dunkelste Ort unter der Erde. In letzter Sekunde erinnert die Mutter des Apollon Zeus daran, daß er, als ihr ehemaliger Geliebter, ja der Vater von Apollon sei und bittet ihn, Gnade walten zu lassen. Zeus beruhigt sich und bestraft Apollon mit einem Jahr Knechtschaft bei den Menschen.

Betrachten wir an dieser Stelle die Folgen, die sich aus Asklepios, eigentlich gut gemeintem, aber selbstverständlich falschen, Verhalten ergeben, dann erkennt man Auswirkungen, die sich bis in höchste göttliche Hierarchien fortpflanzen. Es ist an dieser Stelle wichtig zu erkennen, daß die Mythen keineswegs zur Unterhaltung der Menschheit dienen. Vielmehr sind sie ein Abbild von Vorgängen, die nur ein Ziel haben, nämlich die Erlösung der menschlichen Seele. Wenn dieser Erlösungsprozeß schon auf der materiellen Ebene der Heilung gar nicht erst in Bewegung kommt, dann bedeutet das, daß die Absicht Gottes in Gefahr ist! Vielleicht erspürt der eine oder andere, um welche Dinge es hier in Wirklichkeit geht! Das einseitige Beseitigen von Symptomen stört die gesamte Ordnung!

Doch der Mythos ist noch nicht zu Ende. Asklepios erweckt sich nämlich selbst wieder von den Toten (!), und Hades setzt nun alles daran, eine Lösung zu erreichen. Zeus selbst hat nun die geniale und rettende Idee. Er erhebt Asklepios in den Olymp und macht ihn dadurch zu einem Gott. Und so bleibt als Essenz dieses Mythos, daß nur ein von den Göttern Berufener und ein zum Gott Legitimierter, echte Heilung vollziehen kann.

In jeder Einweihungstradition wird eine Schlange, als Symbol des in die Dunkelheit der Materie gestürzten Lichtes, an einem Stab wieder aufgerichtet. Auch im Bereich der Medizin kennen wir das Symbol des Äskulapstabes. Und in den meisten Logos der Heilpraktikerverbände ist dieses Symbol enthalten.

Gedanken zur Therapie

Die obigen Ausführungen dienen dazu darauf hinzuweisen, daß eine Therapie sich immer um Seele und Körper bemühen sollte.

Bach hatte ebenfalls erkannt, daß die Behandlung der Seele der entscheidende Faktor auf dem Weg zu Heilung ist. Er sagte:

„Zuerst muß das Gemüt geheilt werden, dann wird der Körper folgen. Den Körper zu heilen und nicht das Gemüt, kann ernste Konsequenzen für den Patienten haben, da der Körper auf Kosten der Seele gewinnt, und die zu lernende Lektion wird günstigstenfalls aufgeschoben. Es wäre besser, einen Körper zu verlieren als eine Lektion zu versäumen.“

Diese Aussage Bachs, die eigentlich eher Kopfschütteln verursacht, als daß sie Zustimmung auslöst, beinhaltet das tiefe Verständnis, das Bach über die Zusammenhänge von Krankheit und Heilung hatte. Metaphysisch betrachtet zeigt sie, daß der Mensch sein Leben dazu nutzen sollte sich weiterzuentwickeln. Da Krankheit, nach dieser Sichtweise, dazu eine Möglichkeit ist, wäre es besser, so Bach, wenn man einen Körper verlieren würde, als daß man eine daraus resultierende Lektion und deren Lösung versäumen würde. Bach scheint das Problem der „Schattenanteile“ ebenfalls erfaßt zu haben.

Hans Blüher, übrigens ein Zeitgenosse Bachs, schreibt im schon erwähnten „Traktat über die Heilkunde“:

„Der pathologische Ort ist die Stelle in unserm Unbewußten, die die Krankheiten nach eigenem Gesetz ergreift und in unsern irdischen Charakter hineinzieht. Alle Krankheiten werden erst virulent durch die Tätigkeit des pathologischen Ortes. Es steht in meinem Willen eingeschrieben, ob ich krank werden muß oder nicht. Hier heißt aber „Wille“ nicht bewußtes Wollen, sondern das, was Schopenhauer unter Willen versteht; und es ist eine der tiefsten Bemerkungen über die Freiheit des Willens, die je gefallen ist, wenn Schopenhauer sagt, diese Frage ginge nicht darum, ob ich tun kann, was ich will, sondern, ob ich wollen kann, was ich will.“

Bach hat erkannt, daß Krankheit aus den Tiefen des kollektiven und individuellen Unbewußten entspringt, und echte Heilung deshalb nur über den Versuch der Beeinflussung jener übergeordneten Instanz in uns möglich ist.

Die Interpretation von Organsymptomen und die damit verbundene Erweiterung der Betrachtung der BBT

Bei unserer Arbeit an dem Repertorium der Gemütssymptome zur BBT, setzten wir uns natürlich auch intensiv mit den Hintergründen der BBT auseinander. Dies und die Arbeit von Dethlefsen und Dr. Dahlke („Krankheit als Weg“ und die Bücher von Dahlke „Krankheit als Sprache der Seele“ und „Krankheit als Symbol“) brachte uns auf die Idee, das Repertorium um die Interpretation von Organsymptomen zu erweitern.

Die Verwendung von Organsymptomen für die Mittelfindung ist in der Bach-Blüten-Therapie (BBT), wie wir alle wissen, nicht in der Mittelfindung vorgesehen. Doch es ist bekannt, daß sich Bach über das Miteinbeziehen von Organsymptomen ebenfalls Gedanken gemacht hat. Da wir heute ein viel besseres Wissen über die Zusammenhänge von Krankheit und Psyche haben, als dies zu Bachs Zeit der Fall war, und Autoren wie Dethlefsen und Dahlke uns in diese Vorgehensweise den Weg bereitet haben, begannen wir vor ein paar Jahren zusätzlich mit der Interpretation von Mitteln und Organsymptomen.

Es geht hier nicht darum, den Weg der Mittelfindung in der BBT zu ersetzen, sondern ihn in dazu angezeigten Fällen zu ergänzen!

Welche Gründe könnten für die Verwendung von Organsymptomen in der BBT sprechen?

In bestimmten Fällen kann es notwendig sein, die Organsymptomatik mit zu betrachten; nämlich dann, wenn

1. der Patient Bewußtseinsinhalte so verdrängt hat, daß er keine verwertbaren Gemütssymptome äußert.
2. der Therapeut den Zugang zu dem Hauptproblem nicht findet, und sich die Therapie dadurch in einer Sackgasse befindet.
3. der Therapeut viele differenzierte Anhaltspunkte für seine Mittelwahl wünscht, um dadurch den Fall aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten zu können.
4. der Therapeut schnell ein Mittel verordnen muß und keine Zeit für eine lang andauernde Anamnese hat (zum Beispiel zur Überbrückung, Begleitung oder Ergänzung während der medizinisch notwendigen Notfalltherapie).
5. die Befundaufnahme zu zu vielen Mitteln führt. Dann können wir mit Hilfe der Organsymptominterpretation die notwendigen Mittel besser bestimmen.
6. der Therapeut über die Betrachtung der Organsymptome einen Einstieg in das Gespräch mit dem Patienten über dessen Gemütssymptome erreicht.
7. der Therapeut bei der Behandlung chronischer Krankheiten viele Informationen benötigt.

Besteht einer der oben genannten Gründe, dann bietet das Repertorium der Organsymptome eine sinnvolle Ergänzung zu der Betrachtung der Gemütssymptome. Die Verwendung von Organsymptomen beruht also darauf, diese in ihrer archetypischen oder psychologischen Bedeutung (Schatten) zu betrachten. Hierbei geht es um das „Wesen der Krankheit“, wie Bach dies bezeichnete.

Abb. Gründe für die Anwendung von Organsymptomen

Da die Patienten häufig wegen eines Organsymptoms in die Praxis kommen, mag gerade der letzte Punkt hier helfen, daß das therapeutische Gespräch auf die Ebene der Gemütssymptome gelenkt werden kann.

Organsymptome und
Bachs Aussagen zum Thema

In der Praxis kann die Betrachtung der Organsymptome eine unschätzbare Hilfe darstellen, wenn der Therapeut sie in die klassische Vorgehensweise zur Mittelfindung integriert. Auch Bach arbeitete mit dieser Art der Mittelfindung. In seinem Vortrag „Ihr Leidet An Euch Selbst“ im Februar 1931 weist er auf diesen Denkansatz hin.

„Den wissenden Arzt weist die Krankheit selbst auf das Wesen des Konfliktes hin“.

Dieses Zitat Bachs verweist darauf, daß das oft benutze Zitat Bachs, daß der Name der Krankheit unerheblich für die BBT sei, meist nicht richtig interpretiert wird. Bach meinte den Krankheitsnamen aber nicht das Wesen der Krankheit! Sehr wohl kann man die Erscheinungen der Krankheit für die Auswahl der Mittel verwenden. Daß die Betrachtung von Organsymptomen etwas komplexer ist, versteht sich von selbst. Die weit verbreitete Vorgehensweise, einem Organ ein übergeordnetes Symptom zuzuordnen, funktioniert leider meist nicht. Um ein Beispiel zu nennen, wäre eine dieser Zuordnungen Niere - Angst - Aspen oder Mimulus. Alle Nierenerkrankungen nun mit Aspen oder Mimulus zu behandeln, wäre sicher nicht der richtige Weg. Diese Vorgehensweise war es, die Bach dann auch ablehnte.

„Wenn Sie unter der Steifheit eines Gelenkes oder Gliedes leiden, dann können Sie gleichermaßen gewiß sein, daß Starrheit auch in Ihrem Denken besteht, daß Sie stur an irgendeiner Idee, einem Grundsatz, vielleicht einer Konvention festhalten, die Sie nicht unterstützen sollten. Falls Sie an Asthma oder Atemschwierigkeiten leiden, dann ersticken Sie selbst auf irgendeine Weise eine andere Persönlichkeit - oder, mangels Mut, das Richtige zu tun, nehmen Sie sich selbst die Luft weg. Wenn Sie dahinsiechen, dann ist dies, weil Sie irgendeinem erlauben, Ihre eigene Lebenskraft davon abzuhalten, Ihren Körper zu betreten. Selbst der Teil des Körpers, der betroffen ist, gilt als ein Hinweis auf das Wesen des Fehlers. Die Hand weist auf Versagen oder Fehler im Tun; der Fuß auf das Versagen, anderen beizustehen; das Gehirn auf mangelnde Kontrolle; das Herz auf Mangel oder Übertreibung oder falsches Tun im Zusammenhang mit dem Liebe-Aspekt; das Auge auf Versagen, recht zu sehen und die Wahrheit zu erfassen, wenn sie vor einen gestellt wird.

Und genau so können die Ursache und das Wesen einer Krankheit festgestellt werden, die für den Patienten notwendige Lektion und die Korrektur, die vorzunehmen ist.“

Bach war zu dieser Zeit der Meinung, daß über die Interpretation der Krankheitssymptome die Mittelwahl erleichtert werden kann.

In seinem Buch „Die Zwölf Heiler Und Andere Heilmittel“ von 1936 schreibt er in seinem Vorwort allerdings folgendes:

„Bei der Behandlung mit diesen Heilmitteln wird der Art der Krankheit keine Beachtung geschenkt. Der Mensch wird behandelt, und während er gesundet verschwindet die Krankheit, die abgeschüttelt wird von der erstarkenden Gesundheit. Jedermann weiß, daß dieselbe Krankheit bei verschiedenen Menschen verschiedenartige Auswirkungen haben kann. Diese unterschiedlichen Auswirkungen sind es, die der Behandlung bedürfen, denn sie führen uns zur eigentlichen Ursache zurück.“

Bei genauer Betrachtung erkennen wir hierbei eine interessante Tatsache, auf welche bisher nie ausreichend hingewiesen worden ist!

Auf der einen Seite folgt auf die Krankheit eine individuelle Reaktion des Menschen, auf der anderen Seite repräsentiert natürlich die Krankheit als solche ebenfalls ein Muster, welches archetypische Inhalte darstellt.

Und diese Inhalte sind, weil archetypisch, natürlich bei jeder Erkrankung dieselben. Es handelt sich hierbei um zwei Dimensionen, die einen Krankheitsprozeß auslösen können, bzw. die das Phänomen Krankheit beinhaltet.

So reagiert zwar jeder Mensch anders auf eine Krankheit, also bei einer Grippe wird der eine ärgerlich (Impatiens), da sie ihm gerade nicht in seine Pläne paßt, und eine andere Person „leidet“ unter den Symptomen so stark, daß sie sich resigniert ins Bett legt (Gentian) und sich der Krankheit ergibt (individuelles archetypisches Muster). Aber andererseits hat der Betroffene auch eine natürliche Resonanz auf die der Krankheit entsprechenden Muster (kollektives archetypisches Krankheitsmuster); sonst wäre er nicht in diesem Moment an dieser Krankheit erkrankt.

Die individuelle Reaktion des Menschen auf die Krankheit meint und behandelt Bach. Um diese individuelle Reaktion dreht sich auch sein Vorwort in „Die Zwölf Heiler Und Andere Heilmittel“. Wir könnten das als das „subjektive oder individuelle archetypische Muster des Patienten im Moment der Krankheit“ bezeichnen.

Die andere Dimension, die archetypische Erscheinung der Krankheit als solche meint er in seinem Buch „Ihr Leidet An Euch Selbst“, indem er ansatzweise versucht Krankheitsbilder zu interpretieren. Wir können dieses als „kollektives archetypische Muster der Krankheit“ bezeichnen.

Die genauere Überlegung zeigt, daß aber auch diese zweite Dimension im Augenblick der Erkrankung individuell ist, da sie ja ab diesem Moment ein Teil der Persönlichkeit des Kranken geworden ist! In der Krankheit begibt sich demnach ein Gemütssymptom oder Schattenanteil des Menschen in die Körperlichkeit. Es sinkt sozusagen in den materiellen Bereich ab und führt nun wiederum dort zu einem Symptom. Nun ist es möglich, daß das Gemütssymptom während der Zeit der Erkrankung aus dem Verhalten des Patienten „verschwindet“. Es „lebt“ ja, um in diesem Bild zu bleiben, jetzt in der Körperlichkeit.

Es stellt sich die Frage, ob es für die Mittelwahl nun plötzlich deshalb nicht mehr wichtig sein soll, nur weil ein Symptom (Schatten) die „Ebene“ gewechselt hat? Ich meine „Nein“.

Der Forderung Bachs, der Krankheit keine Beachtung zu schenken und nur die Lebenseinstellung und Stimmung des Kranken zu behandeln, widerspricht die Idee Krankheitsbilder zu interpretieren demnach nicht, da wir ja die Krankheitssymptome nur dazu verwenden, um an das dahinter liegende psychologische Muster zu kommen. Auch die Homöopathie handelt nach dem Leitsatz, nur den Patienten und nicht die Krankheit zu behandeln, und trotzdem werden Organsymptome zur Mittelfindung verwendet.

Im Gegensatz zu Bach haben wir aber heute weitaus bessere Interpretationen der verschiedenen Krankheitsbilder, so daß eine Auseinandersetzung mit dieser Thematik durchaus lohnenswert erscheint. Die Anwendung dieser Möglichkeit steht natürlich jedem Therapeuten frei.

Zu diesem Thema schreibt auch Dorsch (4):

„In dem Maße jedoch, wie man in der Lage ist Krankheitsbilder zu deuten, um sie als Informationsquelle über das dahinter liegende Problem zu benutzen, lohnt es sich darüber hinaus sehr wohl, den sichtbaren, körperlichen Kontakt der Krankheit mitzubetrachten.“

Ich möchte an dieser Stelle aber nochmals deutlich machen, daß es nicht darum geht, die klassische Methode der BBT durch die der Organinterpretation zu ersetzen, sondern es geht darum, diese sinnvoll zu ergänzen. Wir haben uns in jahrelanger Arbeit bemüht, die archetypische Struktur der Krankheitsbilder mit denen der Bach-Blüten abzugleichen. Da Bachs Mittel ebenfalls archetypische Charaktereigenschaften repräsentieren, besteht hier die Chance, über die körperlichen Symptome des Patienten mit seinen, ihm meist unbekannten und verdrängten, psychischen Symptomen (Schatten) in Verbindung zu treten. Es geht bei der Verabreichung der Mittel in erster Linie nicht ausschließlich darum, das materielle Problem zu beseitigen, sondern vielmehr ist es das archetypische Schattenmuster, welches wir zu beeinflussen versuchen.

Repertorium Organsymptome

Bei der Erstellung dieses Repertoriums hielten wir uns weitgehend an das Kopf-Fuß-Schema der homöopathischen Repertorien. Einschränkend muß hier erwähnt werden, daß es sich hauptsächlich um die Interpretation schulmedizinischer Krankheitsbilder handelt.

Bei den Krankheitsbildern im Repertorium handelt es sich auch um Zustände, die auch einer schulmedizinischen Betreuung bedürfen können. Es wird vorausgesetzt, daß der verantwortungsvolle Behandler die notwendigen Maßnahmen für den Patienten einleitet. Die BBT wird in diesen Fällen adjuvant eingesetzt. Zu jeder Rubrik wird stichwortartig das Thema beschrieben, welches der Therapeut noch zusätzlich bei der Befunderhebung abfragen sollte. Beispielsweise ist das Thema bei Erkrankungen des Schädels, unabhängig davon, ob es sich um eine Platzwunde oder um einen Sonnenbrand im Gesicht handelt, immer auch mit ein Problem der symbolischen Bedeutung des Kopfes. In diesem Falle wird immer auch die Thematik von Vernunft, Denken, Informationsverarbeitung, Behauptung, Stimmungsausdruck berührt, was bei der Interpretation der Symptome beachtet werden muß. Diese Betrachtung hilft uns wieder den, Patienten im Gespräch zusätzlich gezielt abfragen zu können.

KOPF

Thema: Vernunft, Denken, Informationsverarbeitung, Behauptung, Stimmungsausdruck

BASALIOM (Semimaligne Tumorart)
Agrimony, Chestnud Bud, Crab Apple, Pine

DREHSCHWINDEL
(-> Rubrik: ZNS, VNS, PNS)

FAZIALISPARESE (Gesichtsnervenlähmung) (-> Rubrik: ZNS;VNS;PNS)

GESICHTSNERVENLÄHMUNG
(-> Fazialisparese)

GESICHTSROSE (-> Herpes Zoster)
HAARE
- grau
Gentian, Gorse, Star of Bethlehem,
Wild Rose

HAARAUSFALL
Honeysuckle, Centaury, Pine, Walnut

HAARVERLUST, kompletter
Centaury, Water Violet

HERPES ZOSTER (Gesichtsrose)
Cherry Plum, Crab Apple, Holly,
Impatiens

MIGRÄNE
(-> Rubrik: ZNS, VNS, PNS)

NASENNEBENHÖHLENENTZÜNDUNG
(-> Sinusitis)

Abb. Repertoriumsstruktur aus „Repertorium der Organsymptome“

Zur Einordnung

Nun kann man sich als Leser natürlich fragen, was soll das Gesagte nun eigentlich für die Praxis nutzen. Nicht jeder ist an philosophischen Hintergründen interessiert, und in der Regel sind sie für den Alltag in der Praxis auch nicht notwendig. Zwar kann man formulieren, daß dieser philosophisch metaphysische Ansatz das ist, was den Naturheilkundigen von der Schulmedizin unterscheiden sollte, aber diese Sichtweise ist natürlich nicht jedermanns Sache. Hierzu ist eigentlich nur zu sagen, daß dem so ist und jeder für sich entscheiden muß, welchen Weg er für sich wählt. Die Auseinandersetzung mit dem obigen Thema halte ich aber, nicht zuletzt aus informatorischen Gründen, für sinnvoll.

Daß das Ideal des Heilers für diejenigen, die sich um tiefere Auseinandersetzung mit dem Thema Heilung bemühen, erst einmal nicht erreichbar ist, soll kein Grund zur Resignation sein. Das Streben nach dem Guten und die Absicht, das eigene Tun und Handeln zu verbessern, ist das, was unseren Patienten hilft und vielleicht unsere Naturheilkunde, die in manchen Momenten in der Gefahr schwebt allzu materialistisch zu werden, in ihrem Wesen weiter bringen kann.

Die Verwendung der Organsprache ist ein gutes Mittel, um sich den wichtigen Inhalten der Schattenbereiche des Patienten anzunähern. Selbstverständlich steht es jedem frei, von dieser Möglichkeit im Rahmen der BBT Gebrauch zu machen. Ich persönlich finde, daß die Interpretation der Organsymptome und damit das Erkennen der Schattenbereiche eine Bereicherung bei der Mittelwahl darstellen.

In unserer Absicht, die Thematik der BBT in diesem Arbeitskreis weiter mit neuen Ansätzen zu bereichern, sind wir bei der Durcharbeitung der Literatur auf einen interessanten Ansatz gestoßen, den Bach aber, wahrscheinlich aufgrund seines frühen Todes, nicht mehr ausformulieren konnte.

Hierbei handelt es sich um die Verbindung bestimmter Mittel, die aufgrund ihrer Wirkungsrichtung zusammengehören.

Unsere Ausarbeitung zu diesem Thema soll in der nächsten Ausgabe von WIR vorgestellt werden und wird Teil des Band 1 zur BBT sein.

Literatur:

1. Dethlefsen, Dahlke / Krankheit als Weg / Bertelsmann 1983
2. Hans Blüher / Traktat über die Heilkunde / Das Werk wird nicht mehr verlegt. Wenige Exemplare können noch als Nachdruck erworben werden (siehe unten)
3. Ausführlich dargestellt durch G. Quinque in Co-med. 3/05
4. R. Dorsch / Geschichten und Bilder aus dem Bach-Blütengarten / Natura Med 1995
Arbeitsmittel zur BBT

Blüher / Traktat über die Heilkunde / Spiralisierter Nachdruck 25.- E
BAND 1 / BBT, Geschichte, Hintergründe, Neue Behandlungs- und Verabreichungsvorschläge
(Erscheint voraussichtlich 6/05) / Spiralisiert 25.- E
BAND 2 / Repertorium Gemütssymptome / Spiralisiert 25.- E
BAND 3 / Repertorium Organsymptome / Spiralisiert 25.- E
BAND 4 / Materia Medica der BBT (In Vorbereitung) •

 
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