Einsame Herzen erkranken schneller


Dr. Jörg Zittlau

Smog, Stress und Nachbarschaft: Herzinfarkte können viele Ursachen haben

Denkt man an die Risikofaktoren von Herzinfarkt, denken viele erst einmal an hohe Cholesterin- und Zuckerwerte oder an Rauchen, Bluthochdruck und Bewegungsmangel. Doch wissenschaftliche Erhebungen zeigen, daß es noch zahlreiche andere Faktoren gibt.

So fanden amerikanische Forscher heraus, daß die Veranlagung für Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit in die Wiege gelegt wird. Demnach verdoppelt sich das Erkrankungsrisiko, wenn der Vater vor dem 55. und die Mutter vor dem 65. Lebensjahr einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten haben. Das Risiko der Kinder ist auch dann noch erhöht, wenn sie als Erwachsene einen völlig anderen Lebensstil haben als ihre Eltern. Ein deutlicher Hinweis darauf, daß bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen das Erbgut eine große Rolle spielt.

Andererseits spielt bei Herzerkrankungen auch die Umwelt eine wesentliche Rolle. Wie etwa eine schlechte Nachbarschaft. Ein Forscherteam der Harvard-Universität in Boston fand heraus: Wer in einem sozial unterprivilegierten Stadtviertel wohnt, hat eine um 30 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, am Infarkt zu sterben. Offen ist noch, warum das so ist. Wahrscheinlich spielen, wie Studienleiterin Cathryn Tone vermutet, „mehrere Faktoren eine Rolle“. So leiden Menschen aus sozialen Unterschichten bekanntermaßen unter vielfältigem Streß, von Hygienemängeln und Luftverschmutzung über Partnerschafts- und Erziehungsstreß bis zur Arbeitslosigkeit.

Auch Einsamkeit nagt am Herzen. Eine weitere Studie der Harvard-Universität an 826 älteren Menschen brachte heraus, daß sozial isolierte Männer – wie zum Beispiel Witwer – eine starke Entzündungsneigung in ihren Blutgefäßen haben. Erstaunlich: Bei Frauen konnte dieser Effekt nicht beobachtet werden. Sie kommen also offenbar besser damit zurecht, wenn ihr Partner stirbt oder sie verläßt. Jedenfalls bricht ihnen – medizinisch gesehen - danach nicht das Herz.

Schon länger wird vermutet, daß Menschen mit so genanntem A-Typ-Verhalten – aggressiv, kontrollierend, leistungsorientiert - ein erhöhtes Infarkt- risiko haben. Blutuntersuchungen belegen nun, daß ein feindseliges Verhalten die Neigung zu ungünstigen Cholesterinspiegeln verstärkt. Außerdem begünstigt es infarktförderliche Herzrhythmusstörungen. Allerdings nur bei Männern, nicht aber bei Frauen. Mögliche Ursache für diesen abermaligen Geschlechtsunterschied: Die Frauen verstehen sich besser darauf, nach ihren Unmutäußerungen wieder zur Ruhe finden.

Wenn Ärger in den Herzinfarkt mündet, könnte man vermuten, daß eher introvertierte Typen ein geringeres Risiko haben. Das stimmt jedoch nur dann, wenn die Zurückgezogenheit sich nicht zur Depression steigert. In diesem Falle steigt nämlich sogar das Infarktrisiko: Depressive Menschen haben laut Untersuchungen eine doppelt so hohe Neigung zur Ausbildung von Gefäßablagerungen wie Menschen mit aus-geglichenem Seelenleben.

Luftverschmutzung galt bisher vor allem als Risiko für Atemwegserkrankungen. Eine Studie aus dem extrem smogbelasteten Athen gibt nun aber auch Hinweise darauf, daß dies auch für Herzerkrankungen gilt. Denn die griechischen Forscher fanden deutliche Zusammenhänge zwischen Luftbelastung und der Herztodrate. „In Zeiten starker Verschmutzung, in denen die Kohlenmonoxidkonzentration um 10 Mikrogramm pro Kubikmeter ansteigt, sterben 46 Prozent mehr Patienten an herzbedingten Problemen“, berichtet Studienautor Demosthenes Panagiotakos. In Athen lassen sich bereits drei Prozent aller Herztode auf die hohen Kohlenmonoxidwerte zurückführen.

Daß gefährliche Ablagerungen in den Blutgefäßen einen Zusammenhang mit Infektionen haben, ist schon länger bekannt. Doch gleich mehrere Forschungsarbeiten zeigen außerdem, daß häufige Grippe-Infektionen das Risiko für Infarkte erhöht. Anders herum scheinen Grippeimpfungen das Risiko zu senken. Weswegen denn auch schon amerikanische Experten fordern, die Grippenschutzimpfung in den offiziellen Leitlinien für die Vermeidung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufzunehmen.

Schließlich führt auch eine schlechte Krankenversicherung zum Anstieg des Infarktrisikos. Vermutlich, weil dadurch die Vorsorgeuntersuchungen vernachlässigt werden, und weil schlecht versicherte Menschen mehr unter herzbelastender Angst leiden. Dies sind zwar die Ergebnisse aus US-amerikanischen Studien, doch die „Münchner Medizinische Wochenzeitschrift“ warnt schon davor, „daß wir in Anbetracht der derzeit diskutierten Reformansätze demnächst auch in Deutschland derartige Zusammenhänge berücksichtigten müssen“.

 
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