Einführung in die Atemtherapie nach Frau Prof. Ils


Rolf Pessel, Heilpraktiker

Für viele ist die Arbeit mit dem Atem, eine weitere Methode in dem unüberschaubaren Angebot der körperorientierten Therapien. Oberflächlich betrachtet gleicht sie anderen Methoden, wie z.B. Trager, Rebalancing, Eutonie, Alexandertechnik oder in Teilen der Atlaslogie. Bei genauerer Betrachtung jedoch werden Unterschiede sehr klar. Was mich persönlich sehr angesprochen hat, ist die umfassende Tiefe, die ich erlebt habe und die sich entwickelnde Unabhängigkeit von einem Behandler. Dies wurde allerdings erst dann möglich, als ich mich mit meinem Atem immer vertrauter gemacht hatte, ihn als Kraft und Potential erfahren habe und sehr viel Vertrauen als Träger meines Selbst entwickelt habe. Vor allem ist es eine Möglichkeit im Alltag mit mir zu üben, ohne auf große Umstände oder Übungen angewiesen zu sein.
 
Drei Weisen zu atmen
Zum einen kennen wir den unbewußten Atem und zum anderen den willentlich gesteuerten Atem. Eine dritte Art, der Erfahrene Atem, ist ein neuer Weg, mit dem Atem umzugehen. Der unbewußte Atem begleitet uns das ganze Leben hindurch. Vom ersten Atemzug bis zum letzten Atemzug wird unser Atemgeschehen von dem Atemzentrum im zentralen Nervensystem gesteuert. Um den Atem brauchen wir uns keine Sorge zu machen, denn das Atemzentrum paßt die Atmung den Bedürfnissen des Körpers an. Steigen wir Treppen, wird der Atem angeregt, liegen wir ruhig, da wird der Atem beruhigt. All dies geschieht völlig autonom. Hingegen wird der willentlich gesteuerte Atem ganz bewußt von uns eingesetzt. Vor Anstrengungen holen wir tief Luft. Wir machen Atemübungen um durch erhöhte Sauerstoffversorgung die Gesundheit zu verbessern. In der Meditation werden Atemübungen eingesetzt um innerlich zur Ruhe zu kommen und um spirituelle Erfahrungen zu ermöglichen. All dies hat gemeinsam, daß der Atem bewußt gelenkt wird. Diese bewußte Lenkung des Atems hört aber in dem Moment auf, in dem ich nicht mehr daran denke, zum Beispiel wenn wir einschlafen.
 
Aus dem bereits Gesagten wird deutlich, daß der Atem die Brücke zwischen dem Bewußten und Unbewußten ist. Auf der einen Seite ist der bewußt geführte Atem, mit dem wir willentlich etwas verändern und erreichen möchten und können, was bedeutet, das die erreichte Veränderung auf meinen Vorstellungen beruht, mit all der damit verbundenen Problematik. Darunter verstehe ich, daß Dinge angestrebt werden, die in den meisten Fällen nichts mit meinen echten inneren Bedürfnissen zu tun haben, sondern mit Dingen, die mir von außen angetragen worden sind. Schon allein die Vorstellung, daß mein Atem tiefer sein sollte, gehört dazu.
 
Auf der anderen Seite funktioniert der Atem völlig autonom, hat uns so zu unserem jetzigen Status quo begleitet. Er paßte sich allen erwünschten und unerwünschten Einflüssen an. Dieser Vorgang bleibt zum Großteil völlig unbewußt. Es ist wichtig zu erkennen, daß wir in jeder Situation zwar unbewußt aber völlig richtig atmen. Die Frage ist nur, welche Einflüsse in der Atmung berücksichtigt werden. Und hier möchte ich betonen, daß die Atmung nicht nur von den bekannten Faktoren abhängt, wie zum Beispiel Sauerstoffgehalt des Blutes, sondern daß die Atmung auch sehr eng mit unseren Gefühlen verbunden ist.
 
Wenn wir erschrecken, halten wir automatisch den Atem an. Genauso verändert sich der Atem, wenn wir uns freuen, traurig sind, depressiv oder euphorisch. So wie der Atem den körperlichen Bedürfnissen angepaßt wird, genauso paßt das Atemzentrum den Atem unseren Gefühlsreaktionen an. Anders herum paßt sich der Körper oder besser gesagt das Körpergeschehen unseren Gefühlslagen an. Wenn wir uns depressiv fühlen wird im Körper kein freudig erregter Bewegungsimpuls sein. Auch werden wir uns nicht depressiv fühlen können, wenn erregte Bewegungsimpulse in unserem Körper zur Verwirklichung drängen.
 
Greifen wir nun in dieses autonome Geschehen ein, indem wir den Atem bewußt verändern, ist es durch unsere Wünsche und Vorstellungen möglich, dies autonome Geschehen in eine Richtung zu verändern, die uns eher unzufriedener macht und auf die Dauer sogar schädlich sein kann. Wie oft unterliegen wir diesem Dilemma, getrieben von unseren Vorstellungen, wie wir zu sein haben oder sein sollen?
 
Der Erfahrbare Atem läßt aus diesem Grund den Atem unverändert. Was versucht wird ist, daß wir das unbewußte Atemgeschehen bewußt machen wollen. In der langsamen Bewußtwerdung liegt die große Chance die Diskrepanz zwischen unseren inneren Bedürfnissen und äußeren Impulsen klar zu bekommen. Es ist mir bewußt, daß wir im Gefüge einer Gesellschaft nicht immer unsere inneren Bedürfnisse ausleben können, aber wir können sie wahrnehmen und dann bewußt auf sie eingehen, wenn Zeit und äußere Umstände es erlauben. Wir kommen auf diese Art und Weise uns, wie wir wirklich sind, wieder näher, anstatt uns im Laufe der Zeit immer weiter von uns selbst zu entfernen. Oft laufen wir sogar in Augenblicken, die nur für uns allein da sind, Dingen und Vorstellungen nach (Schönheitsideal, Fitnesskult, Coolsein), die von außen an uns herangetragen worden sind.
 
Zum Beispiel fühlen wir uns kribbelig und unrastig und wollen ruhiger werden, oder tiefer atmen und beginnen deshalb Kurse in Entspannung oder Meditation zu belegen. Das eigentliche Bedürfnis könnte aber sein, unterdrückte Aggression des stressigen Alltags mit einer ausagierenden Tätigkeit auszugleichen, wonach sich automatisch Ruhe und tieferer Atem einstellen können. Natürlich kann Entspannungstherapie oder Meditation einen guten Effekt auf uns haben und haben es anfänglich auch oft. Aber in der Regel wird der positive Effekt nachlassen und wir werden Neues suchen, da der eingeschlagene Weg sich nicht hundertprozentig sich mit unseren inneren Bedürfnissen deckt, was sich durch Unzufriedenheit bemerkbar macht.
 
Atembewegung und Atemraum
Im Erfahrbaren Atem beginnen wir mit reiner Schulung der Empfindung. Basis dafür ist die Bewegung die durch die Atmung entsteht. Das Weit und Schmal werden der Lunge im Rhythmus des Atems pflanzt sich im ganzen Körper fort. So ist es zu erklären, daß der Bauch sich im Atemrhythmus bewegt, obwohl die Lunge gerade bis zu dem Zwerchfell innerhalb des Brustkorbes reicht. Diese Atembewegung ist gemeint, wenn ich vom Atem spreche. In einem eutonischen Körper kann sich die Atembewegung vollständig ausbreiten ähnlich wie sich die Wellen an der Oberfläche eines ruhigen Sees ausbreiten, nachdem der Stein hineingeworfen wurde. Leider haben wir erwachsenen Menschen sehr oft Bereiche im Körper, die einerseits verspannt, oder andererseits erschlafft sind. In und durch diese Bereiche des Körpers kann die Atembewegung sich nicht ausbreiten, da sie entweder abgeblockt wird oder versackt.
 
Wenn Atembewegung sich ausbreitet, dort wo die Muskulaturen sich weiten können, entstehen Räume, die wir über die Empfindung deutlich wahrnehmen können. Wir haben mehrere Räume, die ein Ganzes bilden. Sie sind nicht immer gleich klar umrissen, sondern können je nach Verfassung größer oder kleiner, klar oder verschwommen abgegrenzt, deutlicher oder mehr ahnungsweise sein.
 
Zentren, Kraft und Richtung
Jeder Raum hat einen inneren Bereich, der sein Zentrum ist. Es ist die Polarität zur Außengrenze des Raums. Lassen wir den Atem gehen, schwingen wir in das Zentrum zurück, strömt der Atem in uns ein, trägt er uns zu den äußeren Grenzen des Raums.
 
Auf den Einatem folgt der Ausatem. Der Raum wird kleiner, verdichtet sich und wandelt sich in Kraft. Würde diese Kraft nicht fließen dürfen, entstünde ein innerer Druck, der als sehr unangenehm empfunden werden kann. Dies geschieht häufig, wenn wir uns zurücknehmen und einen inneren Impuls nicht leben. Um diesen unangenehmen Druck nicht aushalten zu müssen, nehmen wir den Atem zurück und unsere Atmung wird flacher und oft auch kürzer. Wenn der Atem aber natürlich fließen darf, dann strömt er im Ausatem in eine Richtung, und Kraft kann sich entfalten.
 
Selbsterfahrung - Basis zur Selbsterkenntnis
Begeben wir uns auf den Weg, das oben Gesagte in uns zu entdecken, machen wir immer neue Erfahrungen, da der Atem ein überaus lebendiges Geschehen ist. Wo bin ich durchlässig, wo halte ich fest, sind Fragen, auf die wir in der Atemarbeit sehr schnell Antworten bekommen. Diese Antworten kommen nicht von außen, sondern werden von innen entdeckt. Dadurch entsteht eine andere Qualität. Es ist auf einer ganz profanen Basis der erste Schritt zur Selbsterkenntnis. Auf dieser Basis baut sich dann der weitere Weg auf, der uns dann letztendlich zur vollständigen Selbsterkenntnis führt.
 
Dies klingt sehr einfach, ist aber gerade zu Beginn sehr schwer, da wir selbst unsere innersten Dinge von außen zu ergründen versuchen. Zusätzlich sind wir voreingenommen und haben die Tendenz alles zu bewerten und nicht erst neutral wahrzunehmen.
 
Frau Prof. Middendorf sagt in ihrem Buch dazu: „Erfahrung setzt voraus Unvoreingenommenheit - keine Vorstellungen haben. Erfahrung, aus dem Erlebnis entstanden, ist Offenheit ........ für Einflüsse, Mut zu neuem, noch nicht Erlebtem, Neugier in gradueller Abstufung. Erfahrung ist eine Seelenhaltung - keine intellektuelle Tätigkeit. Erst wenn ich erfahre kann ich betrachten und mich auseinandersetzen mit allen anderen Seins-Komponenten. Erfahrung kann zur Kraft werden, wenn sie integriert wird. Sie ist inneres Wissen, wenn sie mit Intuition verbunden ist. Sie ist Reflex, wenn sie sich wie beim Tier rein körperlich äußert. Wenn ich erfahre, bin ich im Zustand des Lassens. Ich kann eine Erfahrung nicht tun, ich kann sie nicht 'machen'. Deshalb wird die Erfahrung im Üben am Atem besonders gefördert durch das Wahrnehmen und die Empfindungsfähigkeit."
 
Frau Prof. Middendorf definiert eine einfache Atemformel: atmen, sammeln, empfinden. Wenn wir atmen bewegt sich zum Beispiel unser Bauch. Legen wir nun unsere Hände auf den Bauch und sammeln unsere Aufmerksamkeit in diesem Bereich, so können wir die Atembewegung dort empfinden. Die einzelnen Punkte sind unmittelbar voneinander abhängig und austauschbar. So wird sich automatisch Atembewegung dort einstellen, wo ich mich innerlich sammle und dies werde ich empfinden können. Auch wenn ich durch eine Berührung an einer Stelle meines Körpers zuerst die Empfindung habe, werde ich mich dort mit meiner Aufmerksamkeit sammeln und der Atem wird in diesen Bereich folgen. Es entsteht ein Bild, eine innere Landkarte, wo es besser geht oder schlechter, oder welche Gefühle und Erinnerungen an bestimmten Stellen gespeichert sind.
 
Auf diese einfache Art und Weise lernen wir uns immer besser kennen. Dies ist das Grundprinzip des Erfahrbaren Atems. Und in der Tat, wer erst einmal mit der Atemarbeit angefangen hat, wird auch im Alltag immer wieder mit der Sammlung in sich gehen um sich selbst zu erfahren, mit dem Vorsatz Dingen die unbequem, schmerzhaft, unangenehm oder sonst störend sind zu verändern, oder sich an der eigenen Kraft, der Leichtigkeit und Möglichkeit zu erfreuen.
 
Natürlich würde das bereits Beschriebene ausreichen um aktiv an der eigenen Haltung zu arbeiten. Eine systematische Vorgehensweise ist effektiver und führt zu harmonischen Ergebnissen. Die Systematik wurde von Frau Prof. Middendorf in ihrer Atemlehre zusammengefaßt. Hier werden einfache Übungen aufgeführt, die von dem Therapeuten angeboten werden, um Schritt für Schritt Erfahrungen zu ermöglichen, die analog zu unserer Natur bereits eine heilende Freisetzung der Kraft Atem ermöglichen. Über Dehnungen, Bewegungen, Druckpunkten und Vokalarbeit werden in Gruppenstunden das bisher unbewußt ablaufende Atemgeschehen bewußt gemacht. Unter der einfühlsamen Leitung des Therapeuten, der über Jahre der Ausbildung selbst die Erfahrung machen mußte, kommen wir scheinbar mühelos auf die Gesetzmäßigkeiten des Atems. Dabei wird jede Vorgabe seitens des Gruppenleiters vermieden um unvoreingenommene Erfahrungen zu ermöglichen.
 
Nicht das Ergebnis steht im Vordergrund, sondern der individuelle Teilnehmer und seine einzigartigen Erfahrungen, so wie nur er sie wahrnimmt. Es geht auch nicht darum schnelle Abhilfe zu schaffen, sondern darum über ........ Selbsterfahrung zur Selbsterkenntnis und schließlich zum Selbstvertrauen zu gelangen. Dieses grundlegende Selbstvertrauen, das uns vor den Vorstellungen und dem Streben nach vermeintlichen Lösungen schützt, ist uns bereits in frühester Kindheit abhanden gekommen, da wir sehr schnell erfahren mußten, daß unsere Bedürfnisse nicht immer mit den Bedürfnissen unserer Umwelt übereinstimmen. Aber gerade dieses Selbstvertrauen ist die Grundlage eine selbstbestimmten Handelns und damit eines glücklichen und vor allem gesunden Lebens.
 
Dehnung und Bewegung
Dehnungen haben den Sinn uns aus unserer Enge herauszuhelfen, die wir im Alltag immer oder fast immer einnehmen und auch körperlich verwirklichen. Gründe dafür gibt es viele; sei es um zu gefallen, sei es aus anstrengendem Bemühen, oder weil wir uns zwingen oder gezwungen werden Dinge zu tun, die wir eigentlich gar nicht tun möchten. Bei den Dehnungen kommt es nicht auf extremes Strecken an, sondern auf ein Lösen angespannter Muskulatur. In dem Maße, wie sich die Muskulatur lösen kann, wird sich auch der Atem ausbreiten. Hilfreich ist den Zugang über sehr kleine Dehnbewegungen zu suchen. Denn mit unserem Leistungswillen haben wir die Tendenz uns zu strecken und damit verhärtet sich die beteiligte Muskulatur (Dehnreflex). Mit kleinen Dehnungen bin ich eher in der Lage loszulassen, so daß sich die Muskulatur auch wirklich lösen kann.
 
Bewegungen haben anfänglich ebenfalls den Sinn zu lösen und dabei zu helfen den Atem freizugeben. Dazu wird auch versucht, den Körper als ganzes die Bewegung ausführen zu lassen. Wie oft bewegen wir uns nur partiell? Wir bewegen zum Beispiel nur einen Arm wenn wir stehend etwas greifen wollen, anstatt die Bewegung von den Fußsohlen her durch und mit dem ganzen Körper auszuführen.
 
Es ist eine irrige Annahme, daß die Teilbewegung ökonomischer ist, wie die Bewegung des ganzen Körpers. Muskulatur arbeitet am effektivsten, wenn sie in Bewegung ist. Sie ermüdet sehr schnell, wenn sie statisch beansprucht wird. Auch bei Teilbewegung ist weitgehend die gesamte Muskulatur des Körpers beteiligt. Alleine das Heben des Armes verändert das Gleichgewicht. Da unser Gleichgewicht rein physikalisch betrachtet labil ist, bedarf es ziemlicher Muskeltätigkeit des gesamten Körpers (Muskelschleifen) um das Gleichgewicht aufrecht zu erhalten. Wenn wir uns statisch verhalten und nur einen Körperteil bewegen, dann arbeitet die restliche Muskulatur statisch und somit nicht effektiv. Wir ermüden schneller, als wenn wir den ganzen Körper in die Bewegung einbringen.
 
In der Atemarbeit wird versucht wieder den ganzen Körper zuzulassen. Die Bewegungen werden leicht, machen Freude und sehen ästhetisch aus. Dabei hilft der mehr und mehr bewußt werdende Atem innere Blockaden zu entdecken, denn er kann sich nur in gelösten Bereichen des Körpers ausbreiten.
 
Im fortgeschrittenen Stadium wird versucht die Bewegung, die durch die Kraft des Atems in uns ist, freizugeben und der Bewegung mit Hilfe des Körpers Ausdruck zu verleihen. Bewegung aus dem Atem ist unser ureigenster Ausdruck und Zeichen unseres inneren Heilseins. Zu Beginn werden die Bewegungen übernommen und es wird versucht, den Körper vollständig daran teilhaben zu lassen. Später entstehen die Bewegungen aus uns selbst heraus und wir geben uns ihnen hin. Im Idealfall decken sich äußere und innere Impulse und ein tiefes Glücksgefühl kann in uns entstehen.
 
Druckpunkte und Vokalatemraum
Mit Druckpunkten zu arbeiten ist eine spannende Angelegenheit. Über das Aktivieren der Druckpunkte kann die Atemarbeit auf eine sehr einfache und bequeme Art und Weise durchgeführt werden. Dabei wird die Bildung des Atemraums gefördert, der Einatem wird verstärkt, ebenso der Ausatem, der dann die kraftspendende Atempause nach sich zieht.
 
Wie genau die Zusammenhänge sind, ist wissenschaftlich noch nicht erklärt worden. Aber die Wirkweise wird ähnlich sein, wie bei der Fußreflexonenmassage oder bei Shiatsu. Auch in der Atembehandlung werden die reflektorischen Reaktionen genutzt. Druckpunkte sind über die gesamte Oberfläche des Körpers verteilt. Angefangen von den Zehen bis hin zum Scheitel sind verschiedene Punkte zu finden. Natürlich reagiert der Atem unterschiedlich auf die Stimulierung verschiedener Punkte. Aber es kann auch versucht werden, einen bestimmten Effekt über verschiedene Punkte zu erreichen.
 
Zum Beispiel kann der untere Raum nicht nur von den Fersen her angeregt und erweitert werden, sondern auch von den Händen her oder sogar vom Kopf. Eine besondere Rolle spielen die Hände. Die Fingerkuppen lösen ganz leicht Effekte aus, was schon in früheren östlichen Kulturen bekannt war und uns über die sogenannten Mudras überliefert worden ist. So fördert z.B. das leichte Zusammendrücken der Fingerkuppen der kleinen Finger den Atem im unteren Raum. Versuchen Sie es einmal und lassen Sie während des Drückens dem Atem freien Lauf. Was erleben Sie?
 
Ein weiterer Zugang über den wir uns des in uns fließenden Atems bewußt werden können ist der Einsatz von Vokalen oder Konsonanten. Dabei wird nicht nur die Resonanz im Körper gesucht, sondern, und das ist das Erstaunliche dabei, fast jeder Buchstabe hat einen Bezug zu unseren Atemräumen. Ein „A" hat z.B. einen anderen Einfluß auf die Atembewegung als ein „U". Dieser Bezug kann besonders klar in Abwesenheit der Resonanz erfahren werden, wenn ein Vokal schweigend gesungen bzw. kontempliert wird.
 
Die Atembewegung wird sich verändern, der Atemraum und damit meist auch die Stimmung. Das Besondere am schweigenden, innerlichen Tönen ist, daß sie den Vokal auch im Einatem in sich erklingen lassen können. Versuchen Sie es einmal und entdecken Sie unvoreingenommen ........ die Veränderungen in sich, die zwar sehr subtil sind aber trotzdem mit geschulter Wahrnehmung sehr stark sein können. Es kann zu einer spannenden Entdeckungsreise werden, alle Buchstaben des Alphabets auszuprobieren. Gerade die Konsonanten können sehr viel Spaß bereiten, da sie mehr gerichtet oder punktuell wirken. Aber auch hier gilt, gehen Sie spielerisch damit um und wechseln Sie öfter von lautlos zu laut getönten Buchstaben. Leicht lassen wir uns verleiten mit Zwang bestimmte Effekte erreichen zu wollen. Gerade dies ist der Atemarbeit vollständig abträglich.
 
Schluß
Die Atemarbeit ist eine Arbeit, die den Menschen in seiner Gesamtheit erfaßt und ihm hilft, eine Brücke vom Bewußten zum Unbewußten zu schlagen. Somit wird eine innere Spaltung überbrückt, die sehr zum persönlichen Leid beiträgt. Wie oft suchen wir Lösungen ganz bewußt und denken darüber nach. Dies hat den Nachteil, daß wir nur im begrenzt zur Verfügung stehenden Erfahrungsschatz unseres Bewußtseins suchen, und hier beziehe ich alle Beteiligten mit sein, sei es der Patient oder der Behandler.
 
Es funktioniert sehr gut, solange es sich im rein körperlichen Bereich abspielt. Die Erfolge von Kollegen und Kolleginnen sowie der Schulmedizin beweisen dies deutlich. Dies hat aber Grenzen, wenn es um das gesamte Sein eines Menschen geht. Auch die Psychologie deckt nur einen Teil des Menschseins und erfährt somit ebenfalls Grenzen in der Möglichkeit zu helfen. „Sobald wir aber nach dem Menschsein fragen, nach seiner Ganzheit, nach seinem beseelten Leib, ist die Frage nach der eigenen Verantwortung nicht mehr zu unterdrücken. Sein Atem ist die Brücke, sein Zentrum und sein Raum, die Führung seiner selbst zu übernehmen und Herr in seinem Hause zu sein. Das schließt nicht aus, daß er die Hilfe des Mitmenschen kommunikativ annehmen kann, aber er sollte auch seine eigenen Heilkräfte kennen und unterscheiden lernen und sie (atmend) in seine Selbständigkeit einbeziehen. Die psychosomatische Einheit steht um so mehr im Vordergrund, als der Atem das scheinbar Gegensätzliche von Materie und Seele wie ein Gefäß auf- und umschließt. Heilung entsteht, wenn der objektive Kern im Atem subjektiv in die Gestaltung gebracht wird."
 
(Alle Zitate: Prof. Ilse Middendorf, Der Erfahrene Atem - Eine Atemlehre, Jungfermann Verlag, 1991, Paderborn)

 
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