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Dr. rer. nat. Michael Rössig Die in der gemässigten und kalten Vegetationszone Eurasiens und Nordamerikas beheimatete Heidelbeere, botanische Bezeichnung Vaccinium myrtillus, zählt zur Familie der Heidekrautgewächse. Der dichtbeblätterte, sommergrüne kleine Strauch bildet an lichten Stellen des Waldes, auf Heiden und in Torfmooren, häufig ausgedehnte Bestände. Etwa im Juli und August entwickeln sich, aus kleinen unscheinbaren Blüten, blauschwarze Beerenfrüchte, die Blaubeeren. Die frischen Früchte der Heidelbeere enthalten Zucker, Fruchtsäuren, Vitamine und Mineralstoffe. Sie sind wohlschmeckend und zugleich vitalisierend. Getrocknete Heidelbeeren, und nur diese, sind dagegen ein altes Hausmittel bei Durchfallerkrankungen und bei Entzündungen im Mund und Rachenraum. Die in relativ hoher Konzentration enthaltenen Gerbstoffe festigen entzündete und wunde Gewebeoberflächen. Man kann die getrockneten Früchte unzubereitet oder als konzentrierte Abkochung nach Bedarf einnehmen (1). Eine besondere Bedeutung für die gesundheitliche Wirkung der Heidelbeere haben die unter der Schale der Frucht liegenden Farbstoffe, die bei Hautkontakt eine intensive Blauverfärbung bewirken. Es handelt sich um Anthocyane, die zur umfangreichen Stoffgruppe der Flavonoide zählen. Die Ergebnisse zahlreicher wissenschaftlicher Studien belegen, dass sie eine die Blutgefässe schützende Wirkung entfalten und dem Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen. Von den Anthocyanen der Heidelbeere ist schon seit längerem bekannt, dass sie sich hervorragend als Naturarznei zur Behandlung von Augenproblemen eignen. So liess sich durch die Wirkung von Anthocyanen eine gesteigerte Aktivität von Netzhautenzymen nachweisen, die eine schnellere Regeneration des Sehpurpurs bewirken. Letzterer ist bekanntlich dafür verantwortlich, dass die Energie des Lichtstrahls im Gehirn als Seheindruck wahrgenommen wird. Durch die Aktivierung der für das Hell/Dunkel-Sehen und die Kontrastwahrnehmung verantwortlichen Stäbchenzellen unterstützen Anthocyane die Sehfunktion. Die Einnahme von Anthocyanen in konzentrierter Form verbessert vor allem in der Dunkelheit die Sehempfindlichkeit: Die Wahrnehmung wird besser, die Augen ermüden weniger und die Blendempfindlichkeit nimmt ab. So wurde festgestellt, dass sich nach Einnahme des Wirkstoffes die Regenerierungsphase des Auges nach einer künstlichen Blendung um etwa 0,7 Sekunden oder 17 Prozent verkürzt (2). Bei einem mit einer Geschwindigkeit von 100 km/h fahrenden Auto hätte das eine Verkürzung des Bremsweges um 17 m zur Folge. Damit wird deutlich, dass Autofahrer bei Nacht und in der Dämmerung erheblich von der Sehkraft stärkenden Wirkung der Anthocyane profitieren können. Ausser durch ihre nützliche Wirkung für die Sehkraft schützen die Anthocyane die Augenfunktion durch eine Verbesserung der Stabilität der feinsten Blutgefässe, der Kapillaren. Sie wirken einer pathologisch erhöhten Durchlässigkeit der Gefässwände entgegen, indem sie das Bindegewebe der kapillaren Basalmembran vor enzymatischem Abbau schützen. Patienten, die an Bluthochdruck leiden oder blutgerinnungshemmende Medikamente einnehmen, profitieren von der erhöhten Widerstandskraft der Kapillaren. Anthocyane haben eine günstige Wirkung auf die Erscheinungen der diabetischen Retinopathie. So kommt es bei Diabetes zu einer anormal erhöhten Synthese von Bindegewebe in den Blutgefässen. Diese führt zu Gefässausweitungen und Gefässverschlüssen, zu Blutungen und Ablagerungen im Auge, die im schlimmsten Fall zur Erblindung führen können. Inzwischen konnte experimentell nachgewiesen werden, dass es durch die Einnahme von Anthocyanen zu einem Rückgang der erhöhten Synthese von Bindegewebe kommt (3). Dem entsprechen die Resultate klinischer Untersuchungen: Während der Einnahme eines Anthocyan-Präparates kam es zu einer deutlichen Verbesserung der diabetischen Retinopathie und des Augenhintergrundes (4). Dragees mit einem Wirkstoffkonzentrat aus der Heidelbeere sind in Apotheken erhältlich. Zur Stärkung der Sehkraft in der Dunkelheit wird die vorsorgliche Einnahme von 2 bis 4 Dragees, das sind 200 bis 400 mg, z.B. vor einer nächtlichen Autofahrt, empfohlen. Menschen, bei denen ein erhöhtes Risiko für Störungen der kapillaren Durchblutung besteht, legen die Ergebnisse medizinischer Studien nahe, dass die langfristige Einnahme von täglich bis zu 4 Dragees die Augen vor schwerer Schädigung schützt. Bei wem ein erhöhtes Risiko für Netzhautprobleme besteht, sollte mit dem Arzt reden, ob eine Einnahme von Heidelbeerdragees von Nutzen sein kann. 1) Pahlow M., 1994 Das grosse Buch der Heilpflanzen, Verlag Gräfe und Unzer, München 2) Brandl H., 1996 Heidelbeerwirkstoff hilft gegen Blender - Ergebnisse einer Studie basotherm informationsdienst, c/o sigma-tau Arzneimittel GmbH 3) Boniface R., Robert AM., 1996 Einfluss von Anthocyanen auf den Bindegewebsmetabolismus beim Menschen Klinische Monatsblätter für Augenheilkunde 209: 368 - 372 4) Huismans H., 1988 Medikamentöse Behandlung der diabetischen Retinopathie in der augenärztlichen Praxis Der Augenspiegel 6: 16.
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