Chiropraktik


Schach dem Schmerz
Die Chiropraktik nach der Methode Ackermann
 
Gabriele Raimer, Heilpraktikerin
 
Manuelle Behandlungsmethoden zur Regulierung von Fehlhaltungen sind uns aus den verschiedensten Kulturepochen unserer Erde überliefert, aus dem Alten Ägypten, aus China, Japan, Tibet und den indianischen Kulturen Nord- und Südamerikas. Auch in unseren Breiten wurde die Kunst des „Knochensetzens“ über die Jahrhunderte hinweg praktiziert. Jedoch erst im 19. Jahrhundert gewann die Technik der Wirbelsäulenbehandlung in Europa an Boden, nachdem Daniel D. Palmer die erste Chiropraktikschule 1897 in Davenport, USA, eröffnet hatte und damit dieser Behandlungsmethode erstmalig eine wissenschaftliche Grundlage verlieh.
 
Die Methoden der chiropraktischen Behandlung haben sich heutzutage bei der anwachsenden Zahl der Wirbelsäulen- und Gelenkerkrankungen in der naturheilkundlichen Medizin etabliert. Patienten klagen nicht nur über Schmerzen im Bereich der Wirbelsäule, des Rückens, der Schultern usw., es bestehen auch häufig fortgeleitete Schmerzen, die im ursächlichen Zusammenhang der Wirbelsäule zuzuordnen sind und bestimmte Krankheitsbilder erzeugen. Somit kann eine chiropraktische Behandlung bei allen schmerzhaften Zuständen des gesamten Bewegungsapparates und auch bei inneren Erkrankungen mit Erfolg angewendet werden.
 
Eine lang anhaltende Belastung deformiert die Pufferfunktion der Wirbelsäule, die Bandscheiben. Sie können durch den entstehenden Druck die austretenden Nervenwurzeln irritieren. Gleichzeitig werden Gelenke und deren Knorpelteile einem zusätzlichen Verschleiß ausgesetzt und irritierte Gelenkkapseln werden zum dauernden Reizherd. Über Nervenreflexe wird das vegetative Nervensystem, das den Blutkreislauf und die Organfunktionen steuert, mit einbezogen. Rund 60.000 Deutsche liegen jährlich wegen Bandscheibenvorfalls auf dem OP-Tisch, viele vorschnell und überflüssig. Das Schlimmste an diesen Operationen ist, daß danach alles wie zuvor ist. Nach jeder zehnten Operation treten erneut Beschwerden auf. Das kann daran liegen, daß vernarbtes Gewebe Nervenwurzeln reizt, daß Muskeln vernarben oder verkümmern. Unter Umständen ist selbst ein Bandscheibenvorfall noch therapierbar. Allerdings kommt man um eine Operation nicht umhin, wenn der Druck auf die Nervenwurzel Lähmungen auslöst, z.B. Taubheitsgefühle und Muskelschwächen in Armen und Beinen oder Lähmungen von Blase und Darm. Es ist wichtig zwischen Bandscheibenvorwölbung und -vorfall zu unterscheiden. Vorgewölbte Bandscheiben haben ohne Operation eine gute Chance, sich wieder durch eine entsprechende Therapie, wie z.B. Chiropraktik, zurückzuverlagern.
 
Rund 80% der Bundesbürger leiden heutzutage an Rückenschmerzen. Manche Patienten haben eine jahrelange Leidensgeschichte hinter sich, da viele Rückenleiden oft falsch und einseitig diagnostiziert werden. Bei den meisten Diagnosen werden Bandscheibenschäden, bzw. deren Abnutzungserscheinungen für Schmerzzustände verantwortlich gemacht. Häufig sind jedoch andere Ursachen für den Schmerz verantwortlich, wie z.B. Störungen der Statik durch Beinlängenunterschiede bedingt durch Beckenschiefstellung, Wirbelblockierungen mit einhergehenden Entzündungen oder arthrotischen Veränderungen der Facettengelenke oder des Iliosacralgelenkes.
 
Eine dreijährige Studie an 741 Patienten, die im August 1995 im Fachblatt „British Medical Journal“ veröffentlicht wurde, bestätigt, daß chiropraktisch behandelte Patienten um ein Drittel weniger Schmerzen hatten als anderweitig behandelte Patienten. Außerdem eignet sich diese Therapie hervorragend zur Prophylaxe von Bandscheibenbeschwerden, da diese häufig die Folge von statischen Fehlbelastungen sind.
 
Die Chiropraktik geht von einer blockierten Gelenkmechanik aus. Das betroffene Gelenk läßt sich nicht mehr frei bewegen - ähnlich einer Schublade, die klemmt und sich nur schwer herausziehen läßt. Die Folgen sind Schmerzen an Ort und Stelle, sowie Verspannungen der zugehörenden Muskulatur, die wiederum selbst Schmerzen verursachen. Entscheidend dabei ist, daß die Funktionseinschränkung funktionell und damit reversibel ist - und nicht etwa durch Veränderungen wie Ankylosen, entzündliche oder traumatische Gelenksdeformitäten, Kapselschwellungen oder Ergüsse bewirkt wurde. Das Ziel ist es, diese funktionsbehinderten Gelenke durch einen kurzhebeligen und gezielten Handgriff wieder zu lösen. Damit wird die Reizung der dazugehörigen segmentalen Nerven beseitigt und die Ursache der Schmerzen ist behoben. Somit dient diese Behandlung zur Wiederherstellung der Gelenkfunktion und zur Aufdehnung bzw. Stabilisierung des umgebenden Muskel-Bandapparates.
 
Gelenk- und Wirbelsäulenblockierungen können sich hochdramatisch unter starken Schmerzen, aber auch unbemerkt einstellen. Sie können sich teilweise selbst lösen, aber auch ungelöst in ein Stadium klinischer Latenz zurückfallen, um bei bestimmten Gelegenheiten, z.B. Infekten, Traumen, seelischen Einflüssen oder hormonellen Störungen, erneut Beschwerden zu verursachen. Die Symptome, die durch Blockierungen hervorgerufen werden, können vielfältig sein. Sie reichen über Kopfschmerzen, Schwindel, Magendrücken bis hin zu Knie- oder Fußschmerzen. Dabei muß der Patient noch nicht einmal den Zusammenhang mit einem blockierten Gelenk spüren, trotzdem bestehen vegetative Probleme. Die aufgeführten Krankheitsbilder werden den entsprechenden Wirbelsegmenten zugeordnet.
 
Die Ursache einer Gelenkblockierung kann z.B. ein Trauma sein, hervorgerufen durch einen Sturz, Unfall oder ganz banales Verheben. Auch chronische Verspannungen bedingt durch einseitige Tätigkeiten, z.B. Computerarbeit, können einen Wirbel aus seiner ursprünglichen Stellung verlagern und eine Blockierung hervorrufen. Die seelischen Umstände nehmen einen breiten Raum bei blockierungsbedingten Schmerzen ein. Jede Beeinflussung des psychischen Gleichgewichts kann als eine Art Kettenreaktion auf den Rücken einwirken. So deuten auch Redewendungen wie „ihm sitzt die Angst im Nacken“ auf Verspannungen der Nackenmuskulatur hin, die die gesamte Wirbelsäule beeinträchtigen können. Das Nervensystem antwortet auf Streß mit Absonderung von Adrenalin. Der Blutdruck steigt, die Aktivität von Herz und Schweißdrüsen wird gesteigert, die Muskeln spannen sich. Der moderne Mensch kann im Gegensatz zu seinen Vorfahren seine inneren angestauten Spannungen nicht mehr durch starke physische Reaktionen abbauen, wie beispielsweise durch Angriff oder Flucht und somit bleiben Muskelspannungen bestehen. Wenn man berücksichtigt, daß der Bewegungsapparat als Muskel-Skelett-System das größte Organsystem des Körpers darstellt, ist er dadurch der größte Verbraucher von Energie und der größte Produzent von Stoffwechselabfallprodukten im Körper. Das bedeutet, daß eine verkrampfte Muskulatur mehr Energie benötigt und auch mehr Abfallprodukte produziert, woraus dann chronische Müdigkeit und Erschöpfungszustände resultieren. Zudem leiten Muskelverspannungen, seien sie durch statische oder psychische Störungen verursacht, einen Teufelskreis ein: Verspannung-Kreislaufstörung-Schlackenanhäufung mit Schmerzreiz-vermehrte Muskelspannungen, aus denen sich multiple Störfelder entwickeln können.
 
Die Chiropraktik versucht nun den Teufelskreis von Schmerzen, Bewegungseinschränkungen und nachfolgenden degenerativen Veränderungen zu durchbrechen, indem sie die funktionell gestörten Regelkreisläufe bzw. die geschwächten Muskel- und Gelenkfunktionen zunächst symptomatisch behandelt. Nach T. Bergmann wird die Chiropraktik wie folgt definiert: „Eine Disziplin wissenschaftlicher Heilkünste, die sich mit Pathogenese, Diagnose, Therapie, sowie Prophylaxe funktioneller Störungen, pathomechanischen Vorgängen, Schmerzsyndromen und neurophysiologischen Effekten in Beziehung zur Statik und Dy namik des Bewegungsapparates, insbesondere der Wirbelsäule und des Beckens beschäftigt.“
 
Das bedeutet unter anderem, daß sich die Chiropraktik hauptsächlich mit der Erforschung der Beziehung zwischen Wirbelsäule und Nervensystem beschäftigt. Das mechanische Zusammenspiel aller Wirbel untereinander ist entscheidend für die ungestörte Leitungsverbindung zwischen peripherem und zentralem Nervensystem. Die Nervenleitungen verlaufen bündelweise durch die Zwischenwirbellöcher auf ihrem Weg vom Rückenmark und sind zum Gehirn durch die Wirbelbögen und Bänder geschützt, welche den Wirbelkanal bilden. Jedoch können die Übergänge von einem zum anderen Wirbel mechanische Schwächen beinhalten. Schon kleinste Verschiebungen in der Größenordnung eines Millimeters, die über den physiologischen Gelenkspielraum hinausgehen, können nervale Fehlsteuerungen auslösen. Es treten nicht nur Schmerzen oder Bewegungsstörungen auf, sondern es werden, wie aufgeführt, auch innere Organe und symphatische Nervenzentren des Rückgratabschnittes über den Grenzstrang gestört. Neben den neurologisch exakt diagnostizierbaren Störungen besteht ein Wechselspiel zwischen Erkrankungen der inneren Organe und den Fehlfunktionen der Wirbelsäule. Dies kann auch der Fall sein, wenn ein „alter“ Bandscheibenvorfall mittels Computertomogramm oder Kernspin nachgewiesen wird. Nicht selten entsteht so eine Fehldiagnose, bei der fälschlicherweise dem Bandscheibenvorfall die Beschwerden anderer umgebender Gewebsstrukturen zugeordnet werden. Innerhalb der Chiropraktik gibt es unterschiedliche Lehransätze und praktische Herangehensweisen. Hierbei hat sich in den letzten Jahrzehnten vor allem die Methode des Ackermann-Institutes Stockholm in vielfacher Hinsicht bewährt. Der besondere Verdienst des Dr. Wilhelm P. Ackermann ist, daß er innerhalb seiner Forschungen auf dem Gebiet der Behandlung von Rückenleiden Gesetzmäßigkeiten im Hinblick auf Diagnostik und Behandlung herausgearbeitet hat. Als Fünfjähriger vom Pferd gefallen, weiß er aus eigener Betroffenheit, was es heißt, mit einer unbehandelten Beckenverschiebung mit all ihren Nachwirkungen und Spätfolgen leben zu müssen. Die Kenntnis der biomechanischen Zusammenhänge sind auch für den besten Arzt vonnöten, um teils unerträglichen Schmerzzuständen abzuhelfen.
 
In der Entwicklungsgeschichte des Menschen findet sich die fundamentale Erklärung für haltungsbezogene Beschwerden und Schmerzsymptome. Das Becken als Basis der Wirbelsäule ist der Fortbewegung auf allen Vieren sehr gut angepaßt. Mit dem aufrechten Gang - einer relativ späten Stufe der Evolution - findet nun die Kraftübertragung vertikal auf den Beckenring statt und es kommt zu einer starken Belastung in einer dafür zu labilen Zone. Somit wurde die aufrechte Haltung über das diffizile Zusammenspiel zwischen Skelett und Muskeln ein ständiger Balanceakt. Da nun täglich das gesamte Gewicht des Oberkörpers auf diesen Bereich einwirkt, hat das tiefgreifende Konsequenzen für die gesamte Statik des Beckenringes, der Wirbelsäule und der Muskulatur. Beim gesunden, aufrecht stehenden Menschen stehen die Muskeln, die für die Körperhaltung verantwortlich sind, unter dauernder gleichmäßiger Spannung. Dieser gleichmäßige Muskeltonus ermöglicht die gerade, aufrechte Haltung. Bei Fehlhaltungen der Wirbelsäule werden die Muskeln ungleichmäßig belastet, wodurch einige Muskelpartien unter dauernder Überbelastung stehen, während andere erschlaffen. Bei einem überlasteten Muskel ist der Blutkreislauf und die Sauerstoffversorgung erschwert. Damit entsteht langfristig ein Störfeld, ein konstanter Nervenreizherd, auf den das zentrale Nervensystem in verschiedenster Weise reagiert.
 
Die Wirbelsäule stellt die bewegliche Achse des Körpers dar. Ihre Doppel-S-Form mit den einzelnen Wirbeln und den dazwischengelagerten Bandscheiben, die aus flüssigkeitsreichem Faserknorpel bestehen, federn Stöße ab. Sie umgibt schützend das Rückenmark und stützt Schulter und Beckengürtel. Die Größe der einzelnen Wirbelkörper nimmt von oben nach unten, entsprechend der Belastung, zu. Untereinander sind die Wirbel durch die kleinen Wirbel- und Facettengelenke miteinander verbunden.
 
Die Funktionseinheit des Beckenringes besteht aus dem Kreuzbein, den zwei Hüftbeinen und dem 5. Lendenwirbel, die durch folgende Gelenkverbindungen miteinander verbunden sind: das Iliosacralgelenk, die Verbindung des Kreuzbeines zu den beiden Hüftbeinen, das Lumbosacralgelenk, die Verbindung des Kreuzbeines mit dem 5. Lendenwirbel, und die knorpelige Symphyse, die die beiden Hüftbeine miteinander verbindet. Die Summe dieser elastischen Verbindungen gibt der Bewegungsdynamik einen gewissen Spielraum. Wenn nun durch eine äußere Krafteinwirkung oder langandauernde Fehlbelastung eines der beiden Hüftbeine aus seiner ursprünglichen Lage verschoben oder verlagert wird, nehmen infolgedessen die beiden Oberschenkelköpfe eine asymmetrische Stellung zueinander ein. In der Folge erscheinen sie unterschiedlich lang und man spricht in diesem Fall von einer erworbenen, scheinbaren Beinverkürzung, die eine Verdrehung des Beckenringes nach sich zieht. Dies führt dazu, daß das Kreuzbein unter Einwirkung des Oberkörpergewichtes gezwungen wird, sich der Fehlhaltung der Hüftbeine anzupassen. Es wird förmlich aus seinen Gelenkverbindungen „herausgehebelt“ und somit ist die Biomechanik des Beckens aufs empfindlichste gestört. Dieser Schiefstellung und Verdrehung des Kreuzbeines folgt dann die kompensatorische Anpassung der Wirbelsäule, bei der sich einzelne Wirbel verlagern oder verdrehen und vor allem die Bandscheiben einem erhöhten Druck ausgesetzt werden.
 
In diesem Zusammenhang spricht Dr. Ackermann von einer „Primärursache“ und einem „sekundären Krankheitsverlauf“. Die Fehlstellung des Kreuzbeines wird meistens bereits in Kinder- und Jugendjahren verursacht und ist die Ursache von chronisch bedingten Blockierungen. Da durch ein schief stehendes Becken die Statik und das Bewegungsspiel der gesamten Wirbelsäule beeinträchtigt wird, kommt es infolgedessen zu den kompensatorischen Folgeerscheinungen, die einen sekundären Krankheitsverlauf bedingen, der oft erst viele Jahre später auftreten und zu Wirbelblockierungen, Skoliosen, Lumbalgien, Ischialgien und Bandscheibenschäden führen kann. Überbeanspruchungen wie z.B. durch das eigene Körpergewicht, einseitige Haltungen, zu langes Sitzen auf nicht geeigneten Stühlen forcieren diese Entwicklung. Die entsprechenden Gelenke sind nicht nur mechanische Funktionsteile. Wenn der Bewegungsablauf beeinträchtigt ist, lösen die Propriozeptoren der entsprechenden Gelenkkapseln Störsignale des betroffenen Gebietes aus mit allen vegetativen, vasomotorischen Reaktionen aus; es entstehen Störfelder und Triggerpunkte. Diese Störfelder müssen zunächst nicht unbedingt schmerzen, doch sie reagieren bei einer Druckpalpation an Muskeln, Sehnen und Bändern schmerzhaft. Langfristig führen alle Hüftbeinverdrehungen zu Kniebeschwerden.
 
Bei auffallend vielen Patienten sind es dann meist banale Ereignisse, die den ersten Hexenschuß auslösen: „Ich wollte mich gerade bücken, um das Bett zu richten.“ Dies Beispiel verdeutlicht, daß die Ursache für Rückenleiden häufig an anderer Stelle als bei den auslösenden Faktoren zu suchen ist. Am Ende der „Latenzzeit“ (Reifezeit des pathologischen Umbaus) bedarf es nur noch einer kleinen Überanstrengung, um den akuten Hexenschuß auszulösen.
 
Aus den Ausführungen wird ersichtlich, daß die pathologische Stellung des Kreuzbeines in Verbindung mit einer erworbenen Hüftbeinverdrehung die Basis für das gesamte Wirbelsäulengeschehen, insbesondere für Skelettverschiebungen, darstellt. Die Wirbelsäule in ihrem Kompensationsbestreben paßt sich dann den gestörten statischen Veränderungen an. Hier liegt die Ursache bei 80% aller Patienten mit Rückenbeschwerden; die daraus entstehenden Folgeschäden stellt für viele Menschen häufig den Beginn eines langen Leidensweges dar. Wenn der Betroffene mit seinen eigenen aktiven Bewegungen diese Gelenkblockade nicht mehr lösen kann und entsprechende Schmerzsymptomatik eingetreten ist, so sollte ein Chiropraktiker so rasch wie möglich eingreifen!
 
Die praktische Vorgehensweise der Methode Ackermann besteht darin, eine ganz genaue Diagnose bezüglich statischer Fixierungen, vor allem im Bereich des Beckenringes, zu ermitteln. Dabei sind gewisse Faustregeln zu beachten. Auf der jeweiligen Diagnose aufbauend, erfolgt die darauf abgestimmte, gezielte Grifftechnik, die über eine erfolgreiche Behandlung entscheidet. Der Vorteil dieser Methode liegt darin, daß vor allem sparsam dosierte, spezifisch gezielte und weniger unspezifische Grifftechniken zum Einsatz kommen. Daraus ergibt sich eine sehr schonende und sichere Behandlungsform, bei der es zu keinen Überdehnungen der Gewebe und Gelenkkapseln kommt. Dies ist vor allem im Hinblick auf mögliche Gefahrenquellen, insbesondere bei der Behandlung der Halswirbelsäule, bedeutsam. Darüber hinaus bringt die Regulation der Körperstatik eine Entlastung des Muskeltonus des gesamten Körpers mit sich.
 
Zur Diagnosefindung steht am Anfang eine ausführliche Anamnese: gab es Operationen, wurde eine chiropraktische Behandlung schon einmal durchgeführt? Wo lokalisieren sich die Schmerzen, wie lange bestehen sie, bzw. wann sind sie zum ersten Mal aufgetreten, Schmerzqualität, gab es ein besonderes Vorkommnis, einen Unfall oder Gehirnerschütterung? Gab es andere schwere Erkrankungen, Infektionen? Hat der Patient einen Gleitwirbel oder nimmt er Cortison ein? Bestehen Kopfschmerzen oder Migräne? Die gesamte Anamnese muß jegliche Kontraindikationen wie Tumore, Metastasen, TBC, Osteoporose, Gleitwirbel, Randzackenbildungen der Wirbelkörper ausschließen. Bei Verdacht ist vorher ein Röntgenbefund oder eine Kernspinaufnahme erforderlich. Es werden nur erworbene, keine angeborenen Erkrankungen behandelt. Im Vordergrund der Behandlung stehen die statischen Fixierungen, weniger die degenerativen Veränderungen. Frakturen oder Verletzungen der Muskeln und Bänder werden selbstverständlich nicht chiropraktisch behandelt.
 
Zunächst erfolgt ein umfassender Ganzkörperstatus, beginnend mit einer Inspektion der Körperstatik und Funktionsprüfungen, wie z.B. der Test nach Lasègue, der auf eine Beteiligung der Ischiaswurzel hinweist. Dem erfahrenen Behandler bieten sich bereits bei der Untersuchung viele Anhaltspunkte, mit deren Hilfe er erworbene Skelettschiefstellungen feststellen kann. Ohne an dieser stelle allzu sehr ins Detail zu gehen, zeigt sich auf der Seite eines scheinbar kürzeren Beines z.B. im Sichtbefund des Rückens unsymmetrisch stehende Schulterblätter, eine verschobene Taille, ungleichmäßig nach unten hängende Arme und Plattfüße. Liegt eine Skoliose vor, so steht eine Schulter höher als die andere. In der leicht nach vorn gebeugten Haltung des Patienten kann die Lage des Kreuzbeines durch das Sichtbarwerden der Kreuzbeingrübchen erkannt werden.
 
Bei der darauffolgenden Palpation tastet der Behandler zuerst die beiden Beckenkämme am stehenden Patienten nach eventuellen Höhenunterschieden ab, bevor er die gesamte Wirbelsäule diagnostiziert. Am Kreuzbein befinden sich Kontrollpunkte, die weitere Hinweise über das Lageverhältnis zu den übrigen gelenkigen Verbindungen geben.
 
Die Beinlängenvergleichsmessung erfolgt unter Zug in Bauchlage des Patienten, um eine eventuelle Lendenskoliose vorübergehend auszugleichen. Das Bein, das kürzer erscheint, befindet sich auf der Seite der Beckenverschiebung. Die hauptsächlich vorkommenden Beinlängendifferenzen liegen zwischen 5 bis 15 mm.
 
Die Behandlung zielt auf eine physiologische Gelenkdynamik ab, wobei zunächst die gestörte Biomechanik des Beckens wieder hergestellt wird. Das bedeutet, das scheinbar verkürzte bzw. verlängerte Bein in die ursprüngliche Position zurückzureponieren. Daraufhin kommt das Kreuzbein innerhalb des Iliosacralgelenkes wieder in seine physiologische Stellung, die Blockierung ist aufgehoben und damit eine der möglichen Schmerzursachen beseitigt. Weiterhin werden alle weiteren Blockierungen an der Wirbelsäule aufgespürt und entsprechend behandelt. Dabei sollten nie zu viele Griffe während einer Behandlung ausgeführt werden. Die unterschiedlichen Grifftechniken an den jeweiligen Wirbelsäulenabschnitten entsprechen den unterschiedlichen Drehmomenten der entsprechenden Wirbel.
 
Aufgrund statischer Gesetzmäßigkeiten spiegeln sich die Verhältnisse des Beckens in der Halswirbelsäule, vor allem in der Okzipital- und Atlas-Region wider. Die Wirbelsäule kompensiert Schiefstellungen mit Gegenkrümmungen bis zum Kopf, um das Gleichgewicht beizubehalten. Aufgrund von Spannungen in den Längsbändern, den Skelettmuskeln und den Bandscheiben verdrehen sich dabei die Wirbel. Kritisch wird es bei sich entgegenwirkenden Wirbelverdrehungen. Die reaktive Achsenveränderung der Halswirbelsäule ist als Folge primärer Fehlstellung des Beckens aufzufassen. Bei anhaltender Blockierung der oberen Halswirbelsäule kann eine normale Statik der restlichen Wirbelsäule nicht wiederhergestellt werden, ohne daß zunächst die Halswirbel, reponiert werden. Aus Sicherheitsgründen muß bei älteren, adipösen Schwindelpatienten vor einer Behandlung der Halswirbelsäule die arteria vertebralis über einen einfachen Test untersucht werden.
 
Zum Abschluß der Behandlung erfolgen weitere Behandlungsgriffe an Becken, Lendenwirbelsäule, Knie-, Sprung-, Schulter- und Handgelenke, um etwaige Verlagerungen zu korrigieren und die Gelenke zu lockern. Für den Erfolg einer Behandlung ist es wichtig exakt zu arbeiten, keine anderweitigen Grifftechniken hinzufügen, aber auch keine auslassen.
 
Gerade bei hochakuten Schmerzzuständen, wo von einer chiropraktischen Behandlung vorerst abzusehen ist, bewährt sich das sogenannte „Sekundenphänomen“. Dies ist als eine Reflexpunktmethode zu verstehen, wo ein kräftiger Druck entweder lateral an der Axis oder gegebenenfalls an der Beckenschaufel ausgeführt wird. Diese schmerzfreie Methode korrigiert vorübergehend Beinlängenunterschiede und leistet sofortige Hilfe.
 
Zur begleitenden Therapie eignen sich neben anderen Methoden Akupunktur, Physiotherapie und Neuraltherapie. Durch die Injektionen mit Procain erfolgt eine zusätzliche Schmerzlinderung und eine Umstimmung bei schlechter Durchblutung und Sauerstoffmangel im Körpergewebe. Je nach Indikation sind neben Procain weitere Injektionen homöopathischer Komplexmittel, wie z.B. Chiroplexan oder Disci Bamb. HM, Fa. Pflüger, angezeigt. In der täglichen Praxis haben sich diese Mischungen vor allem bei entzündlichen schmerzhaften sakralen und lumbalen Wirbelsäulensyndromen, Myalgien, Muskelschwächen und schwachem Bandapparat bestens bewährt. Diese Mittel sind auch in Tropfenform verfügbar und eignen sich erfahrungsgemäß gut als begleitende medikamentöse Verordnung.
 
Zusammenfassend kann man feststellen, daß das Ziel einer chiropraktischen Behandlung sowohl die Verbesserung der Schmerzsituation als auch die Funktionsverbesserung und Behebung der Symptomatik ist. Darüber hinaus ist eine Aufklärung über die Vermeidung von Rezidiven unumgänglich.

 
zurück top Druckversion