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So wie uns der Atem buchstäblich vom ersten bis zum letzten Atemzug ein Leben lang begleitet, so vielseitig sind auch die Möglichkeiten an und mit ihm zu arbeiten. Diese Vielseitigkeit, die sich ganz und gar nach den Bedürfnissen der Menschen richtet, erklärt sich aus dem Ursprung und Ansatz der modernen Atemarbeit. In der jetzigen Form ist sie in Deutschland relativ neu. Sie hat tiefreichende Wurzeln in verschiedenen jahrtausend alten Religionen. Jedoch haben in der heutigen Atempädagogik und -therapie religiöse Inhalte keine Bedeutung mehr. Geblieben aber ist der ganzheitliche Ansatz, d.h. leibliche, geistig-seelische und soziale Aspekte werden berücksichtigt. Somit bietet die Atemtherapie eine Art und Weise der Behandlung und Gesundheitspflege an, die sehr vielen Menschen einen echten Gewinn für ihren finanziellen und persönlichen Einsatz bietet. Atmung = Leben Die Atmung ist u.a. eine Grundvoraussetzung für Leben und paßt sich allen äußeren und inneren Bewegungen an. Nicht nur für körperliche Bewegung oder Organbewegung, sondern auch gefühlsmäßiges Bewegtsein, für inneres und äußeres Wachsen ist Energie notwendig. Im Stofflichen beruht sie auf einem chemischen Prozeß, der von der Atmung, der Zufuhr von Sauerstoff (O2) abhängig ist. Egal, ob die Energie anaerob, für kurzfristige explosive Bewegungen mit hoher Intensität, oder aerob für relativ geringe Intensität, aber langer Dauer aufgebracht werden muß, chemische Oxydationsvorgänge sind mittelbar und unmittelbar daran beteiligt. Unser Leben und unsere Lebensqualität ist direkt von unserer Fähigkeit der O2-Aufnahme und -Verwertung abhängig, also davon, wie wir atmen. Die Atmung wird vom Atemzentrum gesteuert. Es befindet sich im verlängerten Mark (Medulla oblongata) des Hirnstamms, einem der ältesten Teile unseres Gehirns. Über Nervenbahnen (Nervus phrenicus) gibt das Atemzentrum seine Impulse an die Atemmuskulatur. Um die Atmung in Einklang mit dem Gesamtorganismus zu bringen werden viele Einflüsse berücksichtigt: Chemorezeptoren, die den Gehalt von O2 und Kohlendioxyd (CO2) im Blut erfassen Hormonhaushalt Dehnungsrezeptoren in der Lunge Dehnungsrezeptoren in Muskeln und Sehnen Pressorezeptoren, die über den Blutdruck Einfluß auf die Atmung haben Rezeptoren für Temperatur in der Haut und in den Blutgefäßen Einflüsse aus unwillkürlichen Körpervorgängen, wie Husten, Niesen, Gähnen, usw. aber auch Schmerzen Eingaben aus höheren, entwicklungsgeschichtlich jüngeren Teilen unseres Gehirns, z.B. Willküratmung Weitere Einflüsse haben Reflexleitungen im Rückenmark auf die Atmung. Unerwartete Berührungen, Stöße, Kälteschocks, aber auch Erschrecken können über Reflexzucken in der Atemmuskulatur die freie Atmung behindern. Der gesamte Organismus ist von der Atmung abhängig, ist somit auch durch Einschränkungen der Atmung beeinträchtigt. Wie dies konkret aussehen kann erlebte ich einige Male am eigenen Körper. Während meines ersten Berufs als Pilot wurden wir regelmäßig in der Unterdruckkammer durch verminderten Luftdruck simuliert großen Höhen ausgesetzt und hatten uns von der Sauerstoffversorgung zu trennen. In ca. 12 km Höhe stellten sich in wenigen Minuten deutlich Sauerstoffmangelsymptome ein, die individuell unterschiedlich waren, sich auch verändern konnten. Hierzu einige Beispiele: Sehen wie durch Grauschleier, Veränderung des perspektiven Sehens, eingeschränktes stereotypes Sehen Wärmeempfindung bis hin zum Schweißausbruch, aber auch das Gegenteil Eingeschränkte Denkfähigkeit Eingeschränkte Ansprechbarkeit Verminderte Selbstreflexion und -einschätzung Lallen wie ein Betrunkener und andere muskuläre Koordinierungsprobleme Euphorie oder Apathie Ängste bis hin zur Panik Halluzinationen im Hören und Sehen Übelkeit, Kribbeln in den Extremitäten, Juckreiz in der Haut Mir und meinen Kollegen wurden die Veränderungen meist erst dann bewußt, wenn wir uns wieder an die Sauerstoffversorgung angeschlossen hatten und unsere normalen Fähigkeiten und Wahrnehmungen in kurzer Zeit zurückkamen. So wie die O2-Mangelsymptome in der Unterdruckkammer in kurzer Zeit zu echten Störungen geführt haben, so führen täglich kleine Blockierungen der Atmung über längere Zeit auch ohne Atemwegserkrankungen zu gesundheitlichen Problemen. Um zu erkennen, wie bereits kleine Veränderungen im Körper das Atemgeschehen beeinflussen, versuchen Sie bitte folgende Übung: Stehen Sie bitte auf. Legen Sie eine Hand auf den Unterbauch und die andere Hand darüber, ungefähr zwischen Bauchnabel und Brustbeinspitze. Erspüren Sie mit den Händen die Bewegung im Zusammenhang mit dem Atem. Nun drücken Sie langsam die Knie vollständig durch. Nach einer Weile lösen sie die Knie, gehen über die Mittelstellung hinaus bis eine leichte Beugung entstanden ist. Dann drücken Sie die Knie wieder langsam nach hinten durch. Während der ganzen Zeit versuchen Sie die Veränderungen unter Ihren Händen wahrzunehmen. Wie verändert sich dabei auch Ihre Gefühlslage? Wiederholen Sie es mehrmals, auch mit wechselndem Tempo. Wann spüren Sie mehr, wann weniger Veränderungen? Beenden Sie die Übung in der Kniestellung, die die größte Bewegung unter Ihren Händen zuläßt und fragen Sie sich: Wie geht es mir? Atemmuster = Lebensmuster Die Atembewegung, das Weit und Schmal der Lungen wird sich im gesunden, durchlässigen Organismus in alle Richtungen ausbreiten, vom Zentrum zur Peripherie, bis in die Finger- oder Zehenspitzen. Vielleicht beobachten Sie einmal Kleinkinder oder Tiere diesbezüglich. Über das vegetative Nervensystem ist die Atmung mit dem Unbewußten verbunden. Wenn wir erschrecken halten wir unwillkürlich den Atem an, ebenso, wenn wir leise sein wollen, usw. So hat jede Gefühlsregung, ob heiter oder traurig, ob wütend oder freudig direkten Einfluß auf das Atemgeschehen im Körper und wiederum auf alle Prozesse im Körper. Besteht eine emotionale Grundtendenz, reagieren wir häufig auf eine bestimmte Art und Weise, festigt sich diese Reaktion. Dabei entstehen Verspannungen, Verkrampfungen oder aber unterspannte und erschlaffte Bereiche. Durch sie wird die Atembewegung im Körper behindert, sie wird blockiert oder versackt. Auf lange Sicht kommt es zu organischen und anatomischen Veränderungen, unsere Körperhaltung entsteht. Alles zusammen ergibt ein Muster, das teilweise permanent ist und teilweise die momentanen Erlebnissituationen widerspiegelt. In diesem Muster können individuelle Reaktionsweisen auf die Impulse von außen im Zusammenhang mit inneren Wünschen und Nöten erkannt werden. Immer reagiert auch der Atem, paßt sich den Umständen und dem Körpergeschehen an, was aus der Erfahrung heraus den Schluß zuläßt, daß Atemmuster gleich Lebensmuster ist. In betroffenen Körperregionen können Schmerzstellen, Unterversorgung, Krankheiten entstehen, die auf unser gesamtes Wohlbefinden Auswirkungen haben. Beispiele sind neben Atemwegsstörungen und -erkrankungen u.a.: Erschöpfungs- und Spannungszustände, Schlafstörungen, Ängste, Depression, Störungen des Herz-, Kreislauf- und Verdauungssystems, Haltungsfehlformen, Rükken- und Gelenkschmerzen, psychosomatische Störungen. Es wird deutlich, daß ein Krankheitssymptom ein Ausdruck psycho-physischer Vorgänge ist. Die Einstellung, daß Krankheit ein Störfall ist, der die Funktion in meinem Körper, in meinem Verhalten, in meinem gesellschaftlichen Umfeld beeinträchtigt, wird dem Geschehen nicht gerecht. Krankheit ist die Folge von bestimmten eigenen Reaktionen auf die Umwelt. Die Reaktion hingegen besteht aus, in der Regel unbewußt übernommenen Lösungen eigener Konflikte u.a. über den Körper und speziell auch der Atmung. Da es individuelle Reaktionen sind, ist die Krankheit trotz verallgemeinbarer Symptome so einzigartig, wie ein Fingerabdruck. Es gibt keine Krankheiten, sondern nur kranke Menschen - Dr. Edward Bach Ein psychosomatischer Deutungsversuch kann bestenfalls eine Möglichkeit der Ursache erbringen, aber keine Feststellung sein. Somit weiß wirklich nur der Patient, was der Auslöser war und wie der Prozeß in die Krankheit verlief, aber auch wie der Weg hinaus sein kann, auch wenn es fast immer im Unbewußten verborgen bleibt. Der Gewinn in der Krankheit Was ich jetzt schreibe mag kontrovers aufgenommen werden, was ich gut verstehen kann, besonders wenn man unter einer Krankheit zu leiden hat. Krankheit sollte nur in bedrohlichen Fällen bekämpft werden. Sie ist für den erkrankten Menschen erst einmal ein Gewinn. Auf dem tief in jedem Organismus verwurzelten Bestreben Schmerz zu vermeiden und Lust zu suchen, beruhen unsere Reaktionsweisen. Die Reaktionsweise, das Verhalten, das unter Beteiligung des Körpers letztendlich in die Krankheit geführt hat, hat mit Erfolg verhindert, den auslösenden Schmerz zu spüren, Unangenehmes zu vermeiden, Wut zu deckeln, Angst zu verdrängen etc. Nun ist mit der Krankheit eine Situation entstanden, die neue Leiden schafft. Krankheit gibt somit zu erkennen, daß die eingeschlagene Richtung bzw. Reaktionsweise an eine schädigende Grenze gestoßen ist, daß etwas geändert werden muß. Krankheit ist ein Regulativ. In unserer Gesellschaft wird die Krankheit lieber weggemacht und zwar mit sehr effektiven und oft auch sehr belastenden Mitteln. Der Patient wird wieder auf die Beine gestellt und alles geht mehr oder weniger seinen gewohnten Gang weiter - bis zum nächsten Mal. Da diese Vorgehensweise von Geburt an, z.T. bereits pränatal bis zum Tod beibehalten wird, akkumuliert die Mißachtung des Regulativs Krankheit über die Jahre, was zur Zunahme und zur wachsenden Schwere der Krankheiten im Alter führt. So gilt es, in der Therapie den Gewinn zu achten, den die Krankheit bringt, das Regulativ hinter der Krankheit zu erkennen und eine wirkliche Veränderung im Patienten herbeizuführen, und nicht nur ein Zurücksetzen in einen vorsymptomatischen Zustand erreichen zu wollen. Der Ansatz der Atemtherapie Da Denken und der Verstand in unserer Gesellschaft überbewertet werden, wird eine Therapie über den Verstand kaum zum Erfolg führen. Diese Einseitigkeit ist oft Teil des Weges in die Krankheit. Das Gegensatzpaar Denken - Fühlen beeinflussen sich ständig. Fühle ich mich schlecht, kreisen meine Gedanken um meinen Zustand und dessen Lösung. Ebenso beeinflussen meine Gedanken meine Gefühle. Wichtig ist dabei, daß in allen Fällen der Körper mitbeteiligt ist, wie das Autogene Training deutlich machen kann. C. G. Jung stellte zu den Polen Denken - Fühlen zwei weitere in Beziehung: Empfinden - Intuieren. Wie die Abbildung zeigt, beeinflussen sich alle vier Elemente. Jede Veränderung in einem zieht eine Veränderung der anderen nach sich, sofern sie gleichwertig gelebt werden. Jedoch ist die Achse Denken - Fühlen in unserer Gesellschaft überstrapaziert, die Achse Empfinden - Intuieren hingegen außer acht gelassen. Die Überbetonung des Denkens läßt bestenfalls noch das Gefühl zu. Neutrale Empfindungen und Intuition haben keine Berechtigung, da sie sofort vom Verstand, aus der Erinnerung heraus bewertet werden und somit zum Gefühl, zur Betroffenheit mit Reaktionszwang verzerrt werden. So wird die Lufttemperatur nicht mehr als warm oder kalt erlebt, sondern sofort bewertet als angenehm oder unangenehm, meist jedoch mit dem zerstörenden Zusatz „zu" - zu heiß, zu kalt (achten Sie in diesem Zusammenhang einmal auf sich, Ihre Mitmenschen oder die Medien). Die Atemtherapie, so wie ich sie als den Weg des ERFAHRBAREN ATEMS erlernt habe, setzt auf die Schulung des neutralen Empfindens. Mit Dehnungen, Bewegungen, Tönen und Druckpunkten, nicht aber mit geführten Atemübungen schulen wir die Empfindung über unseren Körper für uns selbst. Wir erfahren unseren individuellen Atem in seiner Ganzheit und seiner Bedeutung. Wir lernen unser Atemmuster von innen heraus kennen. Je tiefer die Erfahrung, desto deutlicher wird uns bewußt, daß Körper, Geist und Seele eine Einheit sind, daß körperliche Symptome seelische Entsprechungen oder Ursachen haben - nicht nur vom Verstand her, sondern als tiefgehende Erfahrung. Wissen wird zur Gewißheit! Sehr schnell erfahren wir unsere verinnerlichten, d.h. auch im Körper manifestierten Grenzen. Mit Hilfe des Atems können wir es aber wagen sie zu überschreiten, was in erster Linie ein Loslassen und nicht ein Tun von uns erfordert. Dadurch, daß die Empfindung in den Vordergrund gerückt wird, verändern sich auch die anderen Elemente, Denken, Fühlen, Intuieren (letztere bringt eine neue Kreativität ins Leben). Für die Therapie, für das Verändern der Reaktionsweise des Patienten ist wichtig, daß die Geschichte der Krankheit aus dem Körper in das Bewußtsein gebracht werden, sei es als Bilder, Gedanken, Gefühle oder als Körperzustände. Dadurch kann sie erkannt werden und, wenn es so gewünscht wird, verändert werden. Hier setzt die Eigenverantwortung des Patienten ein. Er muß mit schonungsloser Offenheit erkennen wollen, was in ihm ablief, mit aller Konsequenz wollen, daß sich etwas ändert und bereit sein den Gewinn der Krankheit für das eigene Heil zu opfern. Der Therapeut kann hierzu nur Angebote machen. Für mich war es erst einmal schwierig zuzugeben, daß ich dem Patienten keine Lösung anbieten kann. Ich mußte akzeptieren, daß ich mit jedem Patienten Neuland betrete und daß wir nur gemeinsam auf die Suche gehen können. Sicher sind beim Lesen viele Fragen entstanden oder noch offen geblieben. Ich versuche gerne, auch schriftlich Fragen zu beantworten. Ein wichtiges Prinzip der Atemtherapie ist jedoch die persönliche Erfahrung. Sie klärt vieles, auch wenn manches für den Verstand unbegreiflich bleiben wird. Die Atemarbeit ist ein lebendiger Prozeß, indem unsere automatisierten Reaktionsmuster erkannt und hinterfragt werden können. Belasten sie uns oder führen sie in Schmerz und Krankheit, können wir sie ändern. Wir werden freier in unseren Antworten auf das tägliche Leben. Wir müssen nicht immer wieder den gleichen Streit, den gleichen Frust durchmachen. Dabei kann der Atem zur Quelle der Kraft werden, ohne daß wir ihn manipulieren müssen. Frei und zugelassen trägt er uns im Alltag und in besonderen Erlebnissen. Bereits kleine Veränderungen im Atemgeschehen, bereits ein bißchen mehr den Atem frei kommen oder gehen zu lassen, kann unser leben positiv verändern. Atemtherapie als körperorientierte Therapieform ist keine Psychotherapie. Sie lehnt sich aber in ihrem Verständnis an die Psychologie C. G. Jungs an.
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