Applied Kinesiology (AK) Geschichte und Grundlage


Zusammenfassung Applied Kinesiology (AK) ist eine ganzheitlich orientierte Diagnose- und Therapiemethode, die von dem amerikanischen Chiropraktiker George Goodheart begründet wurde, und weltweit zunehmende Verbreitung in den verschiedenen therapeutischen Berufen findet. Es werden nachfolgend die Geschichte der AK und die Grundlagen der Methode dargestellt.
 
Schlüsselwörter
Applied Kinesiology (AK), Chiropraktik, ganzheitliche Therapie.
 
Summary
Applied Kinesiology (AK) is a holistic diagnostic and therapeutic method, which was foundet by the American Chiropractor George Goodheart, and has found increasing acceptance worldwide in a variety of therapeutic professions. The history of AK and the basic principles of the methode are presented.
 
Keywords
Applied Kinesiology (AK), chiropractic, holistic method.
 
A. Geschichte der AK
 
Was ist Applied Kinesiology?
Applied Kinesiology (AK) ist eine primär diagnostische Methode, die von George Goodheart Jr., D.C., seit dem Jahr 1964 vorgestellt wurde. Sie benutzt den manuellen Muskeltest, um Körperfunktionen und die Reaktion des lebenden Organismus auf verschiedenartige Reize zu beurteilen. Dazu werden einzelne Muskeln in standardisierter Weise getestet, wobei die meisten der Muskeltests von Kendall und Kendall abgeleitet sind.
 
Applied Kinesiology
Definition AK ist eine hauptsächlich diagnostische Methode, mit der durch Testung einzelner Muskeln und ihrer Stärkeänderung durch Reize und therapeutische Maßnahmen verschiedenster Art Aussagen über funktionelle Zusammenhänge bzw. Störungen möglich sind.
 
Beachte:
1. Richtige Fragestellung: Wie arbeite ich? Was will ich überhaupt herausfinden?
2. Meßmethode: „Meßgerät“, definierte Position, Prüftechnik den Gegebenheiten anpassen, kein Wettkampf!
3. Therapie: Jeder wie er kann!
4. Überprüfung wieder mit dem Muskeltest.
 
Die Entwicklung der AK
AK begann mit der einfachen Beobachtung von George Goodheart, daß die Mehrzahl sogenannter „Muskelspasmen" nicht primär sind, sondern sekundär als Folge einer Schwäche des oder der jeweiligen Antagonisten.
 
Ein junger Mann mit chronischen Schulterschmerzen war der erste Patient, der Goodheart dazu brachte, die Methode zu entwickeln. Bei der körperlichen Untersuchung zeigten sich die klassischen Zeichen eines paralytischen M. serratus anterior mit Schwäche im Muskeltest nach Kendall und Kendall und Scapula alata. Bei Palpation der Insertionszonen des betroffenen Serratus fanden sich mehrere, äußerst schmerzhafte Verhärtungen, die Goodheart mit der einzigen ihm damals zugänglichen Methode, nämlich einer tiefen, kreisenden Massage, behandelte.
 
Unmittelbar nach Behandlung ergab sich zur Überraschung von Goodheart und zur Freude des Patienten ein völlig anderer Befund: Die Schmerzen waren deutlich reduziert und der Serratus stark im Muskeltest mit normaler Funktion!
 
Die Genialität von Goodheart bestand darin, dieses bis dahin noch nicht beschriebene Prinzip zu erkennen und danach zu suchen, ob auch bei anderen „normalen" - d.h. nicht ganz oder teilweise gelähmten - Patienten schwache Muskeln zu finden waren; und dann zu untersuchen, welche Faktoren die normale Muskelfunktion wiederherstellen können. So entwickelte er den Grundsatz von AK, daß der Spasmus oder Hypertonus eines Muskels nicht primär und eine selbständige Einheit ist, sondern vielmehr eine Motoneuron-Facilitation als Reaktion auf den schwachen Antagonisten durch reziproke Innervation.
 
Goodheart untersuchte in den darauf folgenden Jahren verschiedenste andere naturheilkundliche Therapieverfahren und integrierte sie, falls möglich, in die AK. Dies schloß die neurolymphatischen Reflexpunkte des Osteopathen Chapman ebenso ein, wie die sogenannten Neurovaskulären Reflexpunkte des amerikanischen Chiropraktikers Bennett.
 
1969 entdeckte Goodheart die Zusammenhänge zwischen einzelnen Muskeln sowie Akupunkturmeridianen und Organen. Zusammen mit den neurolympathischen und neurovaskulären Reflexpunkten von Chapman und Bennett, die ebenfalls Bezüge zu einzelnen Organen hatten, ergaben sich so die ersten faszinierenden Querverbindungen in energetischer Sicht, die Goodheart in den nächsten Jahren bis zum heutigen Tag immer weiter ausbaute.
 
Er fand z.B., daß der Magen mit dem claviculären Anteil des M. pectoralis major in Beziehung steht. Bei Patienten mit gesicherter Magendysfunktion oder gar -pathologie fand er fast immer einen schwachen Pectoralis clavicularis. Der Muskel testete sehr häufig stark nach Stimulation der neurovaskulären, neurolymphatischen oder Akupunkturpunkte, die bereits früher von den anderen Therapieverfahren her mit dem Magen in Verbindung gebracht worden waren. Mit dem Muskeltest nach AK konnte Goodheart so die Entdeckungen früherer Autoren bestätigen und integrieren.
 
In den nächsten Jahren konnten Goodheart und andere Untersucher eine immer größere Anzahl energetischer Querverbindungen in die AK integrieren: Fuß- und Handreflexe, Reflexpunkte am Schädel und vor allem Zusammenhänge zwischen bestimmten Nährstoffen und Muskel-Organ-Dysfunktionen.
 
Auf strukturellem Gebiet konnten neben den üblichen chiropraktischen Verfahren auch die Cranio-Sacrale-Therapie nach Sutherland sowie die Sacro-Occipitale-Therapie (SOT) nach DeJearnette integriert werden; hierbei zeigte sich gleichzeitig die große Bedeutung der Kiefergelenksfunktion bzw. besser des Stomatognatischen Systems, d.h. der Funktionseinheit aus Schädel, Kiefergelenk, HWS und Schulter-Nacken-Muskulatur.
 
Anstatt sich wie die cranialen Osteopathen nach Sutherland und Upledger („Lehrbuch der Cranio-Sacralen-Therapie") nur auf die äußerst feine und diffizile Palpation der Schädelrhythmik verlassen zu müssen, fand Goodheart mit der Atemkorrelation einzelner Schädelfehler über die AK einen genial einfachen und relativ leicht zu erlernenden Zugang zu diesen Zusammenhängen. So war für Manualtherapeuten, aber auch für Zahnärzte plötzlich die Integration des stomatognatischen Systems mit dem Rest des Körpers funktionell untersuchbar. Im „Journal of the International Academy of Preventive Medicine" schrieb John Diamond, MD, 1977: „AK kann sich als der größte therapeutische Fortschritt dieses Jahrhunderts herausstellen. Sie kann der Zahnheilkunde die stärksten ganzheitlichen Argumente für die Ausübung dieses medizinischen Fachgebietes anbieten", da sie es dem Zahnarzt ermöglicht, „die ganze Breite von Auswirkungen zu zeigen, die auch kleine Änderungen in der Mundhöhle auf den ganzen übrigen Körper und die Psyche haben können."
 
Harold Gelb, Clinical Professor am „College of Medicine and Dentistry of New Jersey", schrieb im „Clinical Management of Head, Neck and TMK Pain and Dysfunction" ein ganzes Kapitel über den AK-Ansatz zur Behandlung von Kiefergelenksstörungen. In einer Bewertung der Persönlichkeiten, die in den letzten 25 Jahren sein medizinisches Denken am meisten beeinflußten, räumte er George Goodheart den zweiten Platz ein.
 
Dr. Willie May, einer der Pioniere auf dem Gebiet der Behandlung von Okklusionsstörungen mit Aufbißschienen, erklärte, daß „die Hälfte des sensorischen Gehirnanteils direkt mit der Mundhöhle in Verbindung steht. Das bedeutet, daß es immer genügend Übertragungsmöglichkeiten von diesen wichtigsten Muskeln unseres Skelettsystems zum ZNS gibt." Eversaul nannte sieben Hauptgründe für die Integration der AK in die Zahnmedizin:
 
1. Besserer Zugang zur Mundhöhle; AK-Methoden erlauben es dem Arzt, den Öffnungswinkel zu vergrößern.
2. Zur Verminderung von Muskelhypertonus und -schmerz nach der Behandlung.
3. Reduzierung von Gelenkknacken und/oder Knirschen.
4. Als Anpaßmethode für Prothesen, Aufbißschienen.
5. Ausdauersteigerung des Patienten.
6. Motivationssteigerung des Patienten.
7. Einfache Identifizierung „schlechter Zähne".
 
Die Zusammenhänge zwischen Muskeln, Organen und Ernährungssubstanzen wurden in den ersten Jahren der AK in einigen interessanten Studien untersucht:
 
Carpenter, Hoffman und Mendel versuchten, spezifische Muskeln dadurch zu schwächen, daß sie zugehörige Organe einem spezifischen Streß aussetzen. Auge, Lunge, Ohr und Magen wurden wie folgt untersucht: einträufeln von chloriertem Wasser in das Auge, Inhalation von Zigarettenrauch in die Lunge, Beschallung mit 2000 Hz bei 99 Dezibel für das Ohr und Instillation von 1,2 Liter Eiswasser in den Magen. Es ergab sich eine deutliche Korrelation zwischen dem erzeugten Streß und spezifischen Muskeln. Zwar waren in den meisten Fällen auch andere Muskeln betroffen, doch zeigte sich kein erkennbares Muster. Nur die von Goodheart mit dem jeweiligen Organ assoziierten Muskeln wurden immer durch den jeweiligen Streß geschwächt!
 
Sandweiss untersuchte in einer Doppelblindstudie den Zusammenhang zwischen Vitamin A und dem Pectoralis Sternalis als Kennmuskel der Leber. Während 60% der untersuchten Patienten mit PMS-Schwäche durch Vitamin A stärker wurden, reagierten auf Placebo nur 10% positiv.
 
Leaf untersuchte die Verbindung des Teres minor mit der Schilddrüse. In dieser Doppelblindstudie wurde jedem Patienten mit einem schwachen Teres minor ein Fragebogen vorgelegt, der verschiedene Symptome, die bei Schilddrüsendysfunktion vorkommen, enthielt. Dann erfolgte die Messung der axillären Temperatur nach Broda Barnes und die AK-Testung von 4 verschiedenen Ernährungssubstanzen mit Bezug zur Schilddrüse sublingual und mit Hautkontakt. Die Ergebnisse dieser Studie zeigen keine Korrelation zwischen dem Test der Substanzen auf der Haut und der Schwäche des Teres minor. Lediglich die orale Testung von Schilddrüsenextrakt zeigte bei Patienten mit Symptomen von Schilddrüsendysfunktion ein positives Ergebnis. Die Zahl der falsch positiven Ergebnisse stieg mit steigender Zahl der Symptome! Der Schilddrüsenextrakt führte jedoch in all den Fällen zu einer Störung des Teres minor, bei denen die axilläre Temperatur unter 97,2 Grad Fahrenheit gelegen hatte und der Patient mehr als drei Schilddrüsensymptome angekreuzt hatte. (Anmerkung: Nach Barnes - „Hypothyroidism, The Unsuspected Illness" - liegt die basale axilläre Temperatur bei optimaler Schilddrüsenfunktion im Bereich von 97,8-98,2 Grad Fahrenheit, dies entspricht etwa 36,4-36,8 Grad Celsius.)
 
Sheinkin, Chacter und Hutton propagieren in dem Buch „The Food Connection" den AK-Test zur Bestimmung von Nahrungsmittelallergien. Ihre Empfehlung entspricht der von Scopp, veröffentlicht im „Journal of Orthomolecular Psychiatry", daß eine Korrelation von 81% zwischen der AK-Diagnose und der Eliminations- bzw. Rotationsmethode nach Philpott in bezug auf die Identifizierung von Nahrungsmittelallergien besteht.
 
Grundprinzipien der AK
Die ganzheitliche Sichtweise von Goodheart spiegelt sich in der „Triad of Health".
 
Er meint damit, daß man bei allen gesundheitlichen Fragen eine strukturelle, psychologisch/psychisch/geistige und eine chemisch-ernährungs-medikamentöse Komponente zu beachten hat. In der Abb. 1 kann man erkennen, wie vielseitig die Diagnose- und Therapieansätze der AK heute sind.
 
Die Behandlungsmethoden der AK werden entsprechend der Differentialdiagnose aus der Akupunktur, Chirotherapie, Zahnmedizin, Homöopathie, Neuraltherapie, Orthomolekularen Medizin, Osteopathie, Phytotherapie, Schulmedizin usw. abgeleitet.
 
Realistischerweise muß gesagt werden, daß heute kein Therapeut mehr alle Aspekte des Dreiecks vollständig und ausreichend beherrscht. Dies ist auch gar nicht entscheidend, da man mit der AK bei entsprechender Ausbildung zumindest die Differentialdiagnose stellen kann, welche der aufgeführten Verfahren individuell bei jeweiligen Patienten einzusetzen sind. Hierzu gibt es eine Vielzahl an der Physiologie des Menschen orientierter Screening-Methoden, die schnell und sicher Aufschluß über die einzuleitenden therapeutischen Schritte geben. Man sollte also das Dreieck nicht so mißverstehen, daß sich die verschiedenen genannten Verfahren gegenüberstehen, sondern daß sie sich vielmehr ideal ergänzen können.
 
B. Grundvoraussetzung: Ein guter Muskeltest
Der Muskeltest ist prinzipiell isometrisch und wird in einer Position durchgeführt, die den Muskel optimal isoliert und den Patienten in möglichst großen Vorteil bringt. Der Patient wird nach möglichst guter Instruktion über die Art des Tests aufgefordert, den Test zu beginnen, indem er den Muskel so stark wie möglich gegen den Widerstand des Untersuchers kontrahiert.
 
Der Untersucher übt einen, mit dem Kraftanstieg des Patienten sozusagen parallelen Gegendruck aus, so daß der Muskel des Patienten isometrisch bleibt. Nachdem der Patient sein Kraftmaximum erreicht hat, übt der Untersucher einen nochmals leicht höheren Druck von allenfalls 3-4% aus, und testet damit die Fähigkeit des Patienten, problemlos über eine intakte neuromuskuläre Kette zu reagieren („Locking in").
 
Entscheidende Voraussetzung für diese Art der Testung ist neben ausreichenden muskelphysiologischen Kenntnissen, daß der Untersucher den Test keinesfalls als Wettkampf sieht (Stichwort: „Sehen Sie, wie ich den Muskel herunterdrücken kann").
 
Vielmehr muß der Untersucher erkennen, wie seine eigene Körperkraft im Vergleich zur Kraft des Patienten ist; und dann die Testposition, vor allem die Länge des Hebels, so wählen, daß er immer das maximale Kraftniveau des Patienten erreichen kann; erst dann kann er ja, wie von Goodheart immer wieder gefordert, „alle Vorteile dem Patienten geben".
 
Das Gegenteil ist leider sehr häufig: das Kraftniveau des Patienten ist höher als das des Untersuchers, oder der Hebel ist zu klein, oder der Untersucher erkennt nicht, daß der oder die Muskeln hyperton sind! Dann muß der Tester Geschwindigkeit einsetzen, um den Muskel zu „überpowern", was ja genau zu vermeiden ist.
 
Andere Muskeltestarten
Der AK-Muskeltest überprüft somit in Wirklichkeit die Möglichkeit der Kontrollsysteme des Körpers (des Nervensystems und des Systems der Grundregulation nach Pischinger), den Muskel an den veränderten Druck des Untersuchers anzupassen. Der AK-Test sollte niemals ein Wettkampf zwischen Untersucher und Patient sein. Er erfordert Übung und gute Ausbildung in Anatomie, Physiologie und Neurologie der Muskelfunktion.
 
Es ist eindeutig die Position des International College of Applied Kinesiology (ICAK), daß die AK-Untersuchung als funktionelle Untersuchung verbunden werden soll mit Anamnese, möglichst detaillierter körperlicher Untersuchung, Laboruntersuchung, wenn nötig Röntgen und anderen spezifischen Untersuchungsmethoden. AK-Diagnostik sollte die übliche Diagnostik ergänzen und andererseits durch diese abgesichert werden.
 
Prinzipiell kann natürlich jeder Muskeln testen, wie er will. Das Problem ist nur die Vergleichbarkeit und Kommunikation in bezug auf die verschiedenen Muskeltests untereinander und vor allem die Erklärbarkeit der Physiologie des Muskeltests gegenüber anderen medizinischen Schulen, die ja leider dem AK-Test (noch) sehr skeptisch gegenüberstehen und die wir gerne vom Gegenteil überzeugen würden.
 
Der wesentliche Unterschied zwischen der klassischen Methode nach Goodheart und den verschiedenen Abwandlungen wie Touch for Health (Gesund nach Berühren), Angewandte Kinesiologie, Edukinesthetik, Klinische Kinesiologie, Physioenergetik usw. ist der, daß die Qualität des Muskeltests nicht der von Goodheart angegebenen Methode entspricht, sondern meistens den eingeschränkten diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten der Untersucher.
 
Originalzitat Goodheart: „You can only find what you know."
 
Der immer wieder zitierte Zuckertest kann diese Problematik veranschaulichen:
 
1. Fast immer wird der Deltoideus getestet, allerdings nicht in der von Goodheart angegebenen Position, sondern mit dem lang ausgestreckten Arm. Der offenkundige Unterschied: Verdoppelung des Hebelarms mit erheblichem Vorteil des Untersuchers gegenüber dem Patienten!
2. Für die oben genannten AK-Kopien ist nun typisch, daß der Patient „halten" soll, was ja bedeutet, daß der Untersucher als erstes drückt und der Patient auf diesen ihm völlig unbekannten Druck (was sowohl Geschwindigkeit als auch Stärke anbelangt) reagieren muß. Auch hieraus wird ersichtlich, daß wieder alle Vorteile beim Untersucher liegen. Da der Patient nicht in der Lage ist, sein P-Maximum zu erreichen, wird er vom Druck des Untersuchers irgendwo zwischen dem Nullpunkt und P-max getroffen. Es hängt allein von der Geschwindigkeit des Testdrucks des Untersuchers ab, ob der Patient reagieren kann oder nicht!
3. Zuguterletzt wird immer wieder behauptet, daß weißer Zucker jeden Patienten schwäche. Angesichts der Physiologie des Menschen ist dies barer Unsinn. Wir haben ja ein Adaptionssystem, und wenn dieses gut funktioniert, sollte die geringe Extrabelastung durch einige Körnchen Zucker keine Auswirkung haben. Besteht aber beim Patienten eine Schwäche des Nebennieren-/Pankreas-/Leberregulationssystems, so kann natürlich der Muskel schwach werden. Da aber Zucker häufig zu Suchtallergien („addictive allergy") führt, ist auch eine hypertone Antwort des Muskels - d.h. der Muskel wird übermäßig stark im Sinne einer Alarmreaktion - immer wieder zu sehen.
 
Gar nicht so selten ist auch die Möglichkeit, daß sogar ein schwacher Muskel durch weißen Zucker normal stark wird: hypoglykäme Phase des Patienten, in der wir ja im Extremfall therapeutisch reine Glukose geben.
 
Sinnvollerweise verwendet man also in der klassischen AK das Testergebnis, daß ein starker Muskel durch Zucker schwach wird, nicht dazu, daß man dem Patienten erzählt, weißer Zucker sei generell schlecht. Dies ist ohnehin bekannt. Vielmehr sollte sich eine Beratung und Therapie nach weiterer Diagnostik für die Regelkreise Nebenniere, Pankreas und Leber anschließen, samt einer möglichst kausalen naturheilkundlichen Therapie und Diätmodifikation des Patienten.
 
C. Die Grundprinzipien der AK
Während es in der frühen Geschichte der Applied Kinesiology das „Trial and Error"-Prinzip gab, um die notwendige therapeutische Maßnahmen zu finden, fand Dr. Goodheart bald zwei Methoden zur Verbesserung der AK-Diagnose:
 
Challenge
Wenn der Patient einem Testreiz ausgesetzt wird und die Muskelstärke sich ändert, dann spricht man von einem positiven Challenge. Wie bei der Therapielokalisation (TL) kann die Stärkeänderung von stark nach schwach oder von schwach nach stark erfolgen; beides wäre ein positiver Befund.
 
Es gibt fünf mögliche Reaktionen auf einen Challenge:
 
Challenge
a) kann einen starken Muskel schwächen
b) kann einen schwachen Muskel stärken
c) kann die Stärke eines starken oder schwachen Muskels nicht ändern
d) kann einen Muskel hyperton machen, sozusagen im Sinn einer Alarmreaktion. „Hyperton" heißt in der AK: nicht schwach werden auf einen normalerweise sedierenden Reiz!
e) kann einen Muskel normoton machen (d.h. aus dem hypertonen Zustand in einen normalen Reaktionszustand zurückführen).
 
Fall a): Der Körper erkennt den Challenge als einen Streß, der groß und spezifisch genug ist, um mit einer neuromuskulären Inhibition zu reagieren. Fall b): Der Körper erkennt den Challenge als spezifisch genug, eine bestehende neuromuskuläre Inhibition zu korrigieren, was zur Muskelstärkung führt.
Fall c): Der Challenge mag potentiell bedeutsam sein, aber der Körper reagiert zu diesem Zeitpunkt nicht auf den Reiz. Die Adaptionsmechanismen des Körpers funktionieren gut, und beispielsweise eine potentiell schädliche Substanz wie weißer Zucker muß einen Muskel nicht schwächen, wenn Leber, Pankreas und Nebenniere gut funktionieren.
 
Die Fälle d) und e) sind erst in den letzten Jahren entdeckt und voll in das diagnostische Procedere integriert worden. Sie sind sicher schwieriger zu verstehen, bieten aber vor allem bei den verschiedensten Immunsystem-bezogenen Krankheiten inkl. Allergien faszinierende Möglichkeiten (Literatur beim Verfasser anfordern).
 
Tatsächlich ist der Challenge zur Grundlage jeder gründlichen AK-Untersuchung geworden:
- An der Wirbelsäule, Schädel, Becken und allen anderen Gewebestrukturen liefert der Challenge den exakten Korrekturvektor und, wenn nötig, die Atemphase, die eine weiche, mobilisierende Technik unterstützt.
- Oraler oder nasaler Challenge deckt Nahrungsmittelintoleranzen, für den Körper unverträgliche und toxische Substanzen, Allergien etc. auf, wenn ein vorher starker Muskel auf Inhalation oder Ingestion der Substanz schwach wird (Fall a).
- Wenn ein Muskel auf eine orthomolekulare Substanz stark wird, kann man annehmen, daß diese Substanz dem Patienten derzeit helfen würde (Fall b). Das bedeutet nicht unbedingt, daß der Patient einen Mangel an dieser (Nährstoff-)Substanz hat, sondern sollte zu einer genaueren Untersuchung hinführen, die Anamnese, körperliche Untersuchung und Labor usw. beinhaltet. - Wenn ein schwacher Muskel auf ein homöopathisches Mittel, Phytotherapeutikum oder allopathisches Mittel stark wird (Fall b), dann würden wir unter Umständen dieses Mittel verschreiben.
- Auch hier sollten andere diagnostische Kriterien erfüllt werden und die Heilmittel sollten entsprechend Arzneimittelbild, Pathophysiologie und Wirkspezifik verordnet werden.
- Wenn das Denken an ein Problem oder die Exposition gegenüber einer psychologisch belastenden Situation einen starken Indikator schwächt, dann spricht man von einem positiven psychischen Challenge, der weitere Untersuchung und entsprechende Behandlung erfordern würde.
 
Therapielokalisation (TL)
Obwohl das Phänomen der TL noch nicht vollständig erklärt ist, weiß man, wie es in der AK-Untersuchung funktioniert:
 
Wenn der Patient eine Körperregion berührt und eine Änderung der Muskelstärke auftritt, bezeichnen wir dies als positive TL. Therapielokalisation sagt uns, wo eine Störung liegt, aber nicht, welcher Art diese Störung ist.
 
Beispiele:
- Positive TL einer Wirbelsäulenregion indiziert weitere Untersuchung durch Palpation und funktionelle Analyse. Wenn eine Subluxation (Blockierung) oder Fixation gefunden und kunstgerecht korrigiert wird, dann sollte die positive TL verschwinden.
- Positive TL an einer Cholezystektomienarbe zeigt eine Störung in diesem Bereich an. Diese kann einerseits von der Narbe selbst ausgehen oder von irgendeiner der darunterliegenden Strukturen und Organe. In diesem Fall sollte man damit beginnen, die Narbe mit einer oder mehreren Behandlungsmethoden wie Laser, Neuraltherapie, Eis, Massage etc. zu behandeln und dann erneut testen. Sollte die positive TL persistieren, dann muß eine gründliche Untersuchung der Organe erfolgen.
 
D. Die Muskel/Meridian/Organ-Beziehung
 
Sehr frühzeitig in der Entwicklung der AK wurde deutlich, daß gewisse Muskeln eng mit spezifischen Organen verbunden sind: Dr. Goodheart bezeichnete diese Muskel/Organ/Meridian-Assoziation als Teil der „Body Language". Klassischerweise kann eine Organstörung zu Muskelschwäche führen.
 
Wenn man die Körperreaktionen und adaptiven Mechanismen des Körpers betrachtet, kann man drei Arten von Reaktion unterscheiden:
 
Organstörung assoz. Muskel
a) testet schwach
b) testet normal
c) testet hyperton
 
Die Fälle b) und c) sind diejenigen, die problematisch sein können, wenn der Muskeltest nicht mit dem nötigen Können durchgeführt wird. Wenn jedoch ein sorgfältiger AK-Test und andere anerkannte diagnostische Methoden verwendet werden, dann gibt es beinahe immer eine natürliche Erklärung:
 
für b): Der Körper hat sich unter Umständen voll an die Dysfunktion angepaßt und mag nur eine Schwäche in einem oder mehreren der für die Adaption notwendigen Regelkreise zeigen, oder überhaupt keine Schwäche. - oder - Der Körper kann aufgrund von neurologischer Dysorganisation, Psychological Reversal o.ä., unfähig sein, die Schwäche zu zeigen.
 
für c): Hyperton bedeutet in der AK „nicht schwach werden auf einen physiologisch schwächenden Reiz". Ein einfacher Grund kann sein, daß das Regulationssystem einen Überfluß von Energie in den gestörten Kreislauf zieht.
 
Interessant ist, daß die Patienten, bei denen sich hypertone Muskeln finden, alle äußerst gestreßt sind. Entsprechend sind die Diagnosen immunsystem-bezogene Störungen wie Allergien, Abwehrschwäche, rheumatische und pseudorheumatische Beschwerden, klinisch-ökologische Erkrankungen (Intoxikationen etc.), Enteropathiesyndrom mit Dysbiose inkl. v.a. Candidosen, psychosomatische Beschwerden, Nebennieren- und/oder Thymusschwäche, „vegetatives Streß-Syndrom" usw.
 
Häufig stehen die Patienten auch unter Einfluß von Stimulantien (Kaffee, Tee, Modedrogen) oder/und Antirheumatika-, Cortison- oder Psychopharmakamedikation.
 
E. AK und das Streßkonzept nach Selye
Die drei Möglichkeiten der Reaktion eines Muskels - schwach, normoton und hyperton - passen ideal mit dem Streßkonzept nach Selye zusammen:
 
Normotonus
Dies entspricht einer relativ zufriedenstellenden Reaktionslage, denn offensichtlich kann der Körper sowohl potentiell negative als auch positive Reize erkennen und über den Muskeltest adäquat beantworten. In diese Kategorie gehören auch isolierte Muskelschwächen unterschiedlichster Genese, die sich ja meist durch eine ganze reihe von Maßnahmen stärken lassen.
 
Hypertonus
Dies entspricht, vor allem, wenn praktisch alle Muskeln hyperton sind, einer langen und massiven Adaptionslage an großem Streß, egal welcher Genese. Hier wäre nach Selye primär Ruhe angezeigt, für uns in der naturheilkundlichen Praxis bedeutet das m.E. den Zwang zur Polypragmasie mit dem Ziel einer Entlastung des Patienten von möglichst allen Seiten her. Im Maximalfall, der aber jeden Tag vorkommt, muß man also wohl entgiften, Darm sanieren, Allergene meiden, Herde sanieren, für bessere Bewegung - auch geistig - sorgen, psychische Streßfaktoren angehen, Mangelzustände substituieren.
 
Generelle Schwäche
Die nächste Stufe ist dann das Erschöpfungsstadium nach Selye; dies entspricht wahrscheinlich in der AK dem Patienten, bei dem alle oder fast alle Muskeln schwach sind und bei dem es ja häufig sehr schwierig ist, überhaupt eine Stärkung zu erreichen. Ohne eine feste Regel geben zu können, bedarf es bei diesem Patienten wohl immer einer maximalen Drainage (reines Wasser ist das wichtigste für das Lymphsystem!) und einer massiven Substitution, auch mit Aminosäuren, (Multi-)Vitamin- und -Mineralstoffpräparaten usw., natürlich nach vorheriger Testung! Und Ruhe, Wärme, positive Energie, woher auch immer!
 
F. Resümee
Es geht also darum, zu erkennen, wie der Körper und seine Reaktionsfähigkeit momentan einzuschätzen ist. Dann kann der Behandler die AK als wirklich holistisches diagnostisches Konzept verwenden und praktisch jede Störungsquelle und die notwendige Behandlung bestimmen. Niemals vergessen werden dürfen dabei allerdings die übrigen klinischen Verfahren, und zwar sowohl schulmedizinischer als auch naturheilkundlicher Art. Einen „Kinesiologen" sollte es also nicht geben, sondern nur möglichst viele Therapeuten, die in ihrem Gebiet die AK zur funktionellen Diagnostik verwenden.
 
Applied Kinesiology ermöglicht es jedem Therapeuten, gleichgültig ob er hauptsächlich manuell (krankengymnastisch, chirotherapeutisch, osteopathisch), internistisch, zahnmedizinisch, logopädisch oder psychotherapeutisch usw. arbeitet, seinen Horizont zu erweitern und fortgesetzt von anderen therapeutischen Disziplinen zu lernen. Dies ist sicher eine große Herausforderung, aber auch Chance für jeden AK-Therapeuten.
 
Literatur: Wolfgang Gerz, Lehrbuch der Applied Kinesiologiy (AK) in der naturheilkundlichen Praxis.

 
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