30.11.2007: Sanddorn (Hippophae rhamnoides L.)


Heike Lück, Heilpraktikerin


Volksnamen:

Seedorn, Stranddorn, Audorn, Dünendorn, Fasanenbeere, Haffdorn, Rote Schlehe, Griesbeere, Sandbeere; Der botanische Name Hippophae rhamnoides kann mit „leuchtender Pferdedorn“ übersetzt werden (griech. „Hippos“ = Pferd und „Phaos“ = Licht/Glanz). Pferdezüchter fütterten ihre Tiere mit Sanddornbeeren, wodurch diese angeblich ein ungewöhnlich glänzendes Fell bekamen.

Der Sanddorn, der zur Familie der Ölweidengewächse (Elaeagnaceae) gehört, gelangte erst am Ende der Eiszeit, vor 17.000 Jahren, aus Zentralasien zu uns. Die Pflanze ist in Asien und Europa weit verbreitet. In der Mongolei, Tibet und den angrenzenden Gebieten Chinas und Indiens müssen die Sträucher trockener Hitze im Sommer und sibirischer Kälte im Winter trotzen. Sie sind sehr gut an volle Sonne und hohe Lichtintensitäten angepaßt, wie sie an der See und im Gebirge vorkommen. Sanddorn wächst am besten auf kargem Kies- oder Kalkschotter mit wenig oder sogar ohne Humus. Er meidet wassergesättigte Böden. In Mitteleuropa sieht man ihn in Strand- und Dünennähe von Nord- und Ostseeküste, sowie auf Geröll- und Kiesfeldern der Alpenflüsse. Vermehren kann man ihn durch Wurzelbrut. Verletzte Wurzeln können ausschlagen und Sprößlinge bilden. Sanddorn durchwurzelt den Boden bis in drei Meter Tiefe und zehn Meter Weite. Da er leichte Böden bindet, wird er gerne zur Befestigung von Dünenböden und Böschungen (z. B. an Autobahnen) verwendet. Er dient aber auch als Zierstrauch. Wenn andere Pflanzen ihm das nötige Licht rauben, verkümmert er. In kleinen Knöllchen an den Wurzeln hat man Bakterien (Frankia) entdeckt, die Stickstoff aus der Luft binden und für die Pflanze nutzbar machen.

Der Sanddorn ist ein stark verästelter, dorniger, bis zu sechs Meter hoher Strauch. Die Blätter sind kurzgestielt, wechselständig, lanzettlich und ganzrandig. Die Blattoberseite ist silberglänzend und mit feinen Haaren besetzt. Unten sind die Blätter weißgrau. Im Herbst verfärben sie sich kupferrot. Die männlichen Blüten sind klein und grüngelb, die weiblichen Blüten bilden eine ährenförmige Traube. Die Blüten erscheinen von Mai bis Juni vor dem Blattaustrieb und locken mit ihrem feinen Honigduft Insekten an. Die Bestäubung vollzieht sich jedoch größtenteils durch den Wind. Weibliche und männliche Pflanzen sollten nicht zu weit auseinander gesetzt werden.

Die Früchte sind kleine, fleischige, kugelige bis eiförmige, bis sieben Millimeter lange Scheinbeeren, die aus dem Blütenbecher entstehen. Ein Viertel des Volumens nimmt der Kern ein. Die Beeren sitzen dicht an den Zweigen weiblicher Pflanzen und fallen auch bei Überreife nicht ab Die Früchte werden Mitte August bis September/Oktober reif. Dann sind sie gelb bzw. orangerot. Im rohen Zustand sind die Früchte ungenießbar. Da reife Sanddornbeeren geringe Mengen an niederen Fettsäuren enthalten, haben sie einen leicht ranzigen Beigeschmack, der mitunter für Reklamationen von Sanddornsäften verantwortlich ist, obwohl diese eigentlich in Ordnung sind. Sanddornbeeren schmecken sehr sauer, fruchtig und riechen leicht herb. Gesammelt werden sie im September.

Auf Grund der sparrigen Zweige und der zwei bis vier Zentimeter langen, starren, harten, sehr spitzen Dornen ist die Ernte der Beeren schwierig. Das folgende Vorgehen ist zu empfehlen: Man legt ein Tuch auf die Erde und bindet um größere Äste eine Schnur, mit der man die Zweige dann in Reichweite zieht. Nun schneidet man mit einer Schere die vollreifen Beeren von den kurzen Stielchen ab. Das Abpflücken mit den Fingern ist nicht zweckmäßig, weil dadurch die Beeren zerquetscht werden und der wertvolle Saft austritt. Ungeduldige trennen ganze Fruchtzweige ab, waschen diese, tupfen sie trocken, stecken sie in eine Plastiktüte und legen sie in den Gefrierschrank. Wenn die Beeren tiefgefroren sind, kann man sie leicht von den Zweigen lösen und zur Herstellung von Saft, Mus, Marmelade, Gelee etc. verwenden. Mus bereichert Natur-Joghurts, Quark- und Milchspeisen sowie Müslis.

Der Vitamin C-Gehalt der Beeren liegt weit über dem von Zitrusfrüchten. Lediglich Hagebutten können hier noch mithalten. Je nach Klima und Standort enthalten die Beeren 200 (Ostsee) bis 1.400 (Alpen) mg Vitamin C/100 g. Offensichtlich spielt die Höhe über dem Meeresspiegel eine große Rolle: In Sträuchern, die auf 800 Meter und darüber wachsen, finden sich 600-900 mg pro 100 g, auf 1800 Meter über dem Meer bis 1400 mg pro 100 g Vitamin C. Sanddornarten mit rot gefärbten Beeren zeichnen sich durch einen wesentlich höheren Vitamingehalt aus als diejenigen mit gelben Beeren. Auch sonnenverwöhnte Jahre steigern sowohl den Vitamin-C-Reichtum als auch die Menge an Spurenelementen. Selbst die Bodenbeschaffenheit ist von Bedeutung: Sanddorn, der auf Kalkboden steht, ist ärmer an Vitamin C als Sträucher, die auf Schiefer oder Gneis gedeihen. Auch in verarbeiteten Sanddornfrüchten, in Mus oder Saft, steckt noch viel Ascorbinsäure, da diese durch die enthaltenen Biophenole vor Zerstörung durch Hitze und Sauerstoff bewahrt wird. Als natürliche Vitamin-C-Quelle stärken die Beeren das Immunsystem.

Sie sind zudem reich an Carotinoiden (Beta-Carotin, gamma-Carotin, Lycopin), das auch für die orange Farbe verantwortlich ist. Neben fettem Öl mit den Hauptfettsäuren: Ölsäure, Isolinolsäure, Linolensäure, Stearinsäure findet man in den Beeren viel Vitamin E (Tocopherol), außerdem Bioflavonoide (bes. Kämpferol-, Isorhamnetin- sowie Quercetin-tri- und tetraglykoside), Anthocyane, Zuckeralkohole (Mannitol, Quebrachit), Fruchtsäuren (vorwiegend Apfelsäure, Essigsäure, Chinasäure), Vitamin B1, B2, B6, Folsäure und sogar B12, das von Mikroorganismen synthetisiert wird, die auf der Schale sitzen. Phytosterine, Mineralien (Calcium, Magnesium) und Spurenelemente (Mangan, Eisen) sind weitere bedeutende Inhaltsstoffe.

Sanddorn ist ein uraltes Hausmittel für Rekonvaleszenten nach Operationen, nach Infektionskrankheiten und als Aufbaumittel für alte Menschen, da er kräftigend und stärkend wirkt.

Die empfohlene Dosis im Stadium der Genesung und als Immunstimulanz beträgt dreimal täglich einen Teelöffel Sanddornmus oder -saft, möglichst noch mit Fruchtfleischöl versetzt.

In der anthroposophischen Medizin genießt der Sanddorn als „Lichtpflanze“ viel Anerkennung. Er ist eine der wenigen Pflanzen, die nicht nur in ihren Kernen und Samen Öl speichern, sondern, wie z. B. die Olive, auch im Fruchtfleisch. Sanddornöl und -saft werden seit Jahrhunderten in Russland, der Mongolei und China, hier besonders in Tibet, volksmedizinisch genutzt. Erst 1940 gewann die Pflanze auch in Mitteleuropa an Bedeutung, als man auf den hohen Vitamingehalt seiner Beeren stieß.

Fruchtfleisch- und Kernöl unterscheiden sich im Sättigungsgrad der Fettsäuren: Im Kernöl dominieren hoch ungesättigte Fettsäuren.

Fruchtfleischöl:

Palmitinsäure ca. 30 %
Palmitoleinsäure ca. 35 %
Oleinsäure ca. 25 %

Kernöl:

Oleinsäure ca. 20 %
Linolsäure ca. 35 %
Alpha-Linolensäure ca. 30 %

Die Palmitoleinsäure besitzt Ähnlichkeit mit Stoffen im menschlichen Hautfett. Sanddornfruchtfleischöl gewährleistet durch den hohen Anteil an Beta-Karotin eine gewisse Licht- bzw. Sonnenprotektion. Neben dem reinen Filtereffekt von UV-Licht zeichnen sich sowohl die Karotinoide als auch die Tocopherole als potente Radikalfänger aus. Die gleichzeitige interne und externe Nutzung bietet sogar einen Schutz vor Mallorca-Akne. Das Öl kann pur teelöffelweise eingenommen werden und hilft bei etlichen Schleimhauterkrankungen wie z. B. Zahnfleischentzündungen, Aphthen, Glossitis, Pharyngitis, Tonsillitis, Ösophagitis, Sinusitis, Laryngitis, Sodbrennen, Gastritis, Ulcera im Gastrointestinaltrakt, aber auch bei Colon irritabile. Bei einer Darmsanierung ist es ebenfalls wertvoll. Zudem profitieren Patienten mit bestimmten Augenerkrankungen von dem Öl. Es erhöht außerdem die Konzentration und Leistungsfähigkeit. Das Öl soll antikoagulativ wirken und die Gesamtflavone die Kontraktilität und Pumpleistung des Herzmuskels verbessern, den peripheren Widerstand verringern und die vaskuläre Elastizität steigern. Auf Grund der enthaltenen fettlöslichen Vitamine sollte man die Einnahme nach ca. vier Wochen beenden, um eine Überdosierung zu vermeiden.

Das Öl ist zudem abwehrsteigernd, stoffwechselregulierend, antioxidativ, analgetisch, antibakteriell, antiphlogistisch, reizmildernd, Haut und Schleimhaut schützend und regenerierend sowie leber-, ulcus- und tumorprotektiv. Es glättet Falten, macht rissige, trockene Haut wieder weich und elastisch und nährt und pflegt das Gewebe. Das Öl kann daher bei Akne, Furunkulose, Lippenherpes, Psoriasis, allergischen Hauterkrankungen und Ekzemen eingesetzt werden. Positive Meldungen gibt es sogar bei Neurodermitis. Selbst zur Förderung der Wundheilung bei Verbrennungen, Sonnenbrand, Schnitten, infizierten Wunden, Geschwüren, Dekubitus, Narbengewebe und Quetschungen sowie bei Pigmentstörungen wie z. B. Altersflecken leistet das Öl gute Dienste. Ein Verträglichkeitstest ist jedoch immer zu empfehlen.

Sanddornfruchtfleischöl, das sich auch bei Strahlenschäden bewährt hat, kann vorbeugend vor einer onkologischen Radiotherapie aufgetragen werden. Dabei ist es jedoch sehr wichtig, die für die exakte Durchführung der Strahlentherapie unverzichtbaren, auf der Haut markierten Areale nicht zu entfernen. Deshalb sollte die Haut im zu erwartenden Bestrahlungsgebiet großflächig behandelt werden, bevor die Einzeichnungen erfolgen. Erst nach Bestrahlungsende sollte die Behandlung fortgesetzt werden. Da das Fruchtfleischöl sehr wirksam und färbend auf der Haut ist, genügt es, ein bis zwei Milliliter davon mit 99 Millilitern fettem Pflanzenöl wie zum Beispiel Mandel- oder Johanniskrautöl zu mischen.

Empehlenswerte Präparate

Sanddorn-Ursaft (Saft und Mark der Sanddornbeere), Fa. Weleda;
Vollfrucht Sanddorn ungesüßt, Fa. Donath (Reformhaus);
Sanddorn-Pflegeöl (Sesamöl, Sanddornöl, Mischung natürlicher ätherischer Öle), Fa. Weleda;
Sanddorn-Handcreme, Fa. Weleda;
Sanddorn-Pflegemilch, Fa. Weleda;


Literatur
Dr. med. Lüder Jachens, D-88167 Stiefenhofen, Wirkungen des Lichtäthers in Natur und Mensch am Beispiel von Sanddorn und Neurodermitits, Der Merkurstab: Heft 6, 2001, S. 364-373;
Alexandra Kammerer, Sanddorn – die einheimische „Vitaminbombe“, Brückenschlag Nr. 48/2006, S. 7,
Hrsg. u. Verlag: Klinik für Tumorbiologie Freiburg;
Sylvia Luetjohann, Sanddornöl, Zeitschrift BIO 3/2000, S. 59;
Sylvia Luetjohann, Sanddorn, Natur und Heilen 12/99, S. 726-733;
Hans Wagner, Sanddornkongreß empfiehlt UV-Schutz von innen, Natur und Heilen 2/2002, S. 56-57;
Norbert Messing, Die Klassiker der Nahrungsergänzung, Natur und Heilen 3/2007, S. 20;
Florian Bauer, Sanddorn, Kraut & Rüben 1/07, S. 19-21;
Christof Jänicke, Dr. Jörg Grünwald, Thomas Brendler, alle Berlin, Handbuch Phytotherapie, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH Stuttgart 2003;
Apotheker M. Pahlow, Das große Buch der Heilpflanzen, genehmigte Lizenzausgabe für Weltbild Verlag GmbH, Augsburg by Gräfe und Unzer Verlag GmbH, München, 2004.


 
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