Natascha von Ganski, Heilpraktikerin
Zwischen Geisterfallen und lebendigen Apparaturen ist im Spagyrik-Labor nichts wie es scheint – und das Rückwärtslaufen verboten. Die Berliner Heilpraktikerin Natascha von Ganski erlebte eine spannende Laborwoche beim Schweizer Spagyrik-Guru Patrick Baumann.
Sechs Spagyrik-Begeisterte TherapeutInnen trafen sich im März in der Schweiz, um nach einer Woche Laborarbeit zu verstehen, worum es in der Spagyrik genau geht. Was es praktisch heißt, die Drei Prinzipien zu trennen. Was es für einen Sinn macht, bei der Zusammenfügung des „Endprodukts“ erst das merkurielle Prinzip in das Sulfurische zu geben, um anschließend diese Verbindung mit dem Salhaften zu vereinen. Das Labor, von dem hier die Rede sein wird, gehört zur Spagyros AG und befindet sich in der wunderschönen Naturlandschaft des Berner Oberlandes. Hier lebt und arbeitet Patrick Baumann, der seit mehr als zwanzig Jahren alchemistisch-spagyrische Prozesse erforscht und spagyrische Pflanzenessenzen herstellt, die in der Schweiz und in Deutschland über Apotheken erhältlich sind.Das Labor ist ein Ort der Wärme und Ruhe
Voller Erwartung und Spannung, nun auch in praktischer Hinsicht etwas mehr über die Spagyrik erfahren zu dürfen, sitzen wir an einem langen Tisch und erwarten den „Meister“. Im Labor angekommen, macht der uns zunächst mit einigen Regeln vertraut: Es dürfen keine Handys in das Labor mitgenommen werden und - wir sollen auf gar keinen Fall rückwärts laufen. Der Sinn dieser Anweisungen wird mir im Labor schnell klar: Der Raum ist klein, mit mehreren Destillationsapparaturen angefüllt. Was mir sofort auffällt, sind die Wärme und Ruhe, die dieser Ort ausstrahlt.
Daß hier etwas fehlt, wird mir erst nach einigen Tagen bewußt. Es ist der zu erwartende Geruch. Erst bei genauerer Betrachtung der Destillationsapparaturen erkenne ich, daß sie so konstruiert sind, daß etwaige Gerüche gar nicht entweichen können. Das Destillat gelangt ohne Verlust - bis auf eine kleine Ausnahme, von der noch die Rede sein wird - direkt in die Vorlage.
Als wir nun unsere Plätze in diesem kleinen Raum eingenommen haben, setzt sich unser Gastgeber an einen Tisch, auf dem eine brennende Kerze und zwei große, mit einer Flüssigkeit gefüllte Glasgefäße stehen. Es kehrt Stille ein. Patrick unterbricht diese Stille mit einer beeindruckenden Rede, in der er um ein gutes Gelingen für diese Arbeit bittet.
Das Interesse an der Spagyrik als traditionelle Heilmethode wächst in den letzten Jahren stetig an. Doch vielen ist nicht klar, was es mit der Spagyrik genau auf sich hat. Hat man beispielsweise in der Homöopathie klare Regeln zur Herstellung eines homöopathischen Mittels, so ist das Bild bei der spagyrischen Heilmittelzubereitung wesentlich komplizierter. Es gibt spagyrische Tinkturen, Essenzen, Einzelmittel und Komplexe. Zudem werden im HAB mehrere Verfahren beschrieben, die sich auf die alten Spagyriker beziehen.
Um Licht ins Dunkel zu bringen, durften wir einem erfahrenen Spagyriker bei seiner Arbeit über die Schulter schauen und zudem an drei eigenen Projekten arbeiten. Wasser und Weinstein als Ausgangsstoffe
Zunächst sollte ein „Archäus des Wasser“ nach einer Anleitung von Prof. Manfred Junius hergestellt werden. Dazu benötigt man nichts weiter als Wasser. Als außerordentlich nützlich hat sich ein Wasser bewährt, das die Erde nie berührt hat. Wir verwenden geschmolzenen Märzenschnee, der in seine Vier Elemente Feuer, Luft, Wasser und Erde fraktioniert wird. Dies bedeutet, das Wasser muß in vier gleiche Anteile abdestilliert und getrennt aufbewahrt werden. Wenn dies geschehen ist, werden die einzelnen Elemente wiederum in ihre Drei Prinzipien Sal, Sulfur und Merkurius, ebenfalls mittels Destillation, getrennt. Anschließend werden diese Teile in einer bestimmten Reihenfolge wieder vereint. Im Grunde könnte jede dieser einzelnen Fraktionen schon als Heilmittel genutzt werden, und werden es auch. In der ayurvedischen Medizin werden auf diese Weise überschüssige oder mangelnde Grundqualitäten, die für einen harmonisch funktionierenden Organismus als essentiell betrachtet werden, ausgeglichen.
Während des Herstellungsprozesses muß man ständig präsent sein, um die Temperatur zu überwachen und sicherzustellen, daß die bereits destillierte Fraktion auf keinen Fall das jeweilige Viertel des entsprechenden Elements übersteigt. Das wäre in unserem Fall fatal, weil es eine zusätzliche Nachtschicht bedeuten und damit unsere pünktliche Abreise gefährden würde. Ansonsten aber ist die Herstellung recht einfach. Wir haben es rechtzeitig geschafft und sind nun im Besitz eines Wassers, das angeblich niemals schlecht werden soll und ganz besondere Qualitäten in sich birgt. Die anderen Arbeiten bezogen sich auf die Herstellung einer Tinktur aus Weinstein (=Tartarus) nach der Anleitung von Georg von Welling sowie eine Tinktur aus dem Sal des Weinsteins nach Johann Agricola.
Bei diesen Arbeiten zeigte sich, daß die Alchemie weitaus mehr ist als ein gern gebrauchtes Schlagwort, das vor allem instrumentalisiert wird, um die Umsätze der esoterischen Literaturszene anzuheben. Wissen, was man tut
Natürlich dürfen die geistige Transformation sowie die damit verbundene persönliche Reife eines Menschen nicht in Abrede gestellt werden. Ich persönlich habe nur etwas gegen den allzu häufig mißbrauchten Begriff Alchemie. In der Alchemie geht es immer um die Wechselwirkung der Arbeit im Außen als auch im Inneren. Diese Prozesse können nicht getrennt betrachtet werden. Denn beides, die Arbeit im Außen, sowie im Inneren des Menschen bewirken, im Sinne des Begriffes Alchemie, letztlich die Veränderung, die jeder Einzelne anzustreben geneigt ist.
Zurück zur Laborpraxis. Ein alter Spruch der Alchemisten lautet „ora et labora“ („bete und arbeite”). Arbeiten ist hier im wortwörtlichen Sinne zu begreifen. Der Herstellungsprozeß erfordert ständige Präsenz. Immer wieder begibt sich Patrick in das Labor, um nach seinen Destillationen zu sehen. Je mehr er uns über die Prozesse erzählt, desto klarer erkenne ich, wie komplex die spagyrische Arbeit ist. „Du mußt vorher genau wissen, was du tust“. Wer dieses Grundprinzip nicht beachtet, läuft Gefahr, manch langwierigen Arbeitsprozeß im Nu zunichte zu machen.
Wir sind immer wieder erstaunt, wie konzentriert und geduldig Patrick auf unsere Fragen eingeht. Zum Beispiel, was es mit den sogenannten „Geisterfallen“ auf sich hat. Dies sind Zwischenstücke in der Destillationsapparatur für jene Stoffe, die den gasförmigen Zustand erreicht haben und „zu hoch“ gestiegen sind. Patrick erklärt uns, daß diese Stoffe nicht in das spagyrische Endprodukt mit einfließen dürfen. Sie verkörpern die „Hybris“ (Überheblichkeit) der Pflanze, die separiert werden muß. In einer solchen Geisterfalle befindet sich keine klare Flüssigkeit, so wie bei den übrigen Destillationsvorgängen, sondern eine gelbe? Also Patrick fragen. Er sagt: „Dies ist die Destillation der Lamium album, der weißen Taubnessel”. Aaah, dieses kleine, so zarte Pflänzchen. „Nein, nein, nicht klein und zart, die täuscht uns bloß! In Wirklichkeit hat es die Taubnessel faustdick hinter den Ohren!“ Das Wesen der Pflanze zeigt sich auch in ihrem Verhalten
Wieso denn das - und was hat das mit der Destillation zu tun? Patrick erklärt: Nach der Gärung einer Pflanze ist die Oberflächenspannung der Flüssigkeit sehr unterschiedlich. Bei der „zarten“ Lamia haben wir zum Beispiel eine sehr stark ausgeprägte Oberflächenspannung. Wenn beim Destilliervorgang die Flüssigkeit erhitzt wird, können die Moleküle, die sich unter der Oberflächenspannung befinden, nicht mit dem Wasserdampf aufsteigen. Bei stetig steigender Hitze lösen sie sich jedoch spontan mit einer extremen Kraft, so daß der zu destillierende Teil explosionsartig in die Höhe schnellt. Dabei kann etwas von dieser Flüssigkeit in die Geisterfalle gelangen. Und auch dies ist ein sehr bedeutsamer Faktor. Schon bei der Herstellung der unterschiedlichen spagyrischen Essenzen verhalten sich Pflanzen derart individuell. Und das Verhalten läßt Rückschlüsse auf ihre Heilkräfte bzw. auf die Indikation für bestimmte Erkrankungen zu.
Die weiße Taubnessel zählt zu der Familie der Lippenblütengewächse. Diese Pflanzenfamilie zeichnet sich durch einen hohen Gehalt an ätherischen Ölen aus. Die Taubnessel allerdings fühlt sich eher dem feuchten, wäßrigen Element zugehörig. Ihre Blüten entfalten einen schleimigen, süßlichen Geschmack, was auf eine Mond- und Venus-Signatur hindeutet. Ihre Herkunft aus der Familie der eher wärmebezogenen Lippenblütengewächse (Rosmarin, Lavendel, Thymian etc.) zeigt sich nur an der explosionsartig aufsteigenden Wasserfontäne bei der Destillation.
Während dieser Tage im Labor erkennen wir, wie komplex und ineinander verwoben die Herstellung spagyrischer Heilmittel, und welch ein Mikrokosmos das spaygrische Labor sind. Ich verstehe immer besser, daß Spagyriker mit ihren Laborapparaturen zu sprechen beginnen. Man kann nicht anders, denn sie sind tatsächlich lebendig. Literatur:
Baumann, Patrick: Spagyrik – Das Edelste aus der Pflanze Pelikan, Wilhelm: Heilpflanzenkunde
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