25.06.2008: Der Fall Kaspar Hauser und die Homöopathie oder die Begegnung zweier ungeehrter Aschenputtel


Johannes Bär, Heilpraktiker

Ich möchte diesen Artikel allen noch ungeehrten Verwandten widmen. Beim Verfassen dieses Artikels bemerke ich eine gewisse anfängliche Vereinfachung meines Gemütes und bitte auch um Nachsicht für manch alterthümliche Ausdrucksweise.

Wenn wir den Namen Kaspar Hauser hören oder lesen, entstehen doch meist bei vielen eher traurige Gefühle und Gedanken oder auch Desinteresse. Ich hoffe mit diesen Zeilen diesem entgegenwirken zu können und Interesse, Einsicht und Hoffnung hervorzurufen, denn gerade für uns Homöopathen ist meiner Meinung nach diese Allianz von Kaspar und der Homöopathie hochinteressant. Aus mehreren guten Gründen.

In der Wanderausstellung zur 200-Jahr-Feier der Homöopathie, die Ende 2005 auch in Erlangen bei Nürnberg in Franken ausgestellt worden war, tauchte doch unvermutet für viele eine Schautafel über Kaspar Hauser auf. Genau hier in Erlangen machte Samuel Hahnemann 1779 seinen Doktor und 50 Jahre später spielt sich hier in der Nähe die Geschichte Kaspar Hausers ab. Diese erregte im 19. Jahrhundert europa-, wenn nicht gar weltweite Aufmerksamkeit („Das Kind Europas“). Die verschiedensten Fakultäten fanden und finden heute noch Stoff hierin – Politik, Pädagogik, Juristik, Ethnologie, Forensik, Religion und Kunst (sowie die Phantasie) und nicht zuletzt eben auch die zu jener Zeit aufblühende Homöopathie.

Und nicht nur aus geographischen Gesichtspunkten heraus (ich lebe in der Nähe von Erlangen) beschäftige ich mich seit dem Jahr 2000 intensiver mit diesem Thema. Durch meinen Freund Eckart Böhmer, Begründer und Intendant der Kaspar-Hauser-Festspiele Ansbach (seit 1998), bin ich im Schauspielerensemble dabei (ich hatte immer Angst vor Bühnenauftritten, aber da wo die Angst sitzt, da geht’s lang), wo wir uns mit allen Facetten dieser Geschichte und mit ihren Auswirkungen bis in die heutige Zeit beschäftigten und experimentelle Inszenierungen dazu auf die Bühne brachten. Während und zwischen diesen Festspielen habe ich eben auch die homöopathische Seite der Geschichte durch Seminare und Arbeitskreise veranschaulicht (siehe Quellenangaben). Und so fügte sich Teil an Teil:

Zur Zeit des unglaublichen Geschehens lebten meine Ahnen, ein gewisser Johann Jakob Adam Österlein mit seinen sieben Kindern, in Nürnberg und sie wohnten auf der Insel Schütt, wo auch Georg Friedrich Daumer eine Wohnung gemietet hatte. Bei ihm war Kaspar Hauser untergebracht. Mit höchster Wahrscheinlichkeit nahmen sie am Schicksal des Jungen leibhaftig teil, sahen, sprachen mit ihm und verfolgten den Verlauf des Dramas. Nicht zuletzt kommt noch ein Hinweis aus homöopathischer Ecke hinzu, die eine weitere Berührung beleuchtet: ein gewisser Eugene B. Nash aus USA, nicht nur ein Favorit meines verehrten Kollegen Hans-Wulf von Uslar, war ein Verwandter der Stephanie de Beauharnais, Stieftochter Napoleon Bonapartes und mutmaßlicher Mutter Kaspars. Das B in seinem Namenszug bedeutet Beauharnais. Es ist bis jetzt noch nicht klar, ob hier wirklich eine Verwandtschaft vorliegt, oder ob die Eltern unseres Herrn Nash Napoleonfans waren. Ich würde mich freuen von möglichen Recherchen hierzu zu hören.

Eine spannende Begegnung nahm ihren Verlauf, denn G. F. Daumer, Gymnasialprofessor im Ruhestand und erster „Erzieher“ Kaspars, hatte in den Jahren 1828 bis ca. 1831 Briefverkehr mit Samuel Hahnemann und es ging um die homöopathische Behandlung Kaspars. Hahnemann weilte zu der Zeit in Köthen und schrieb gerade „Die chronischen Krankheiten, ihre eigenthümliche Natur und homöopathische Heilung“. Der außergewöhnliche Junge wird von Hahnemann, dem „Laienbehandler“ Daumer und einem gewissen Dr. Preu, königlich bayerischer Stadtgerichtsarzt, der auch ein Verfechter der „neuen Lehre“ Hahnemanns war, begleitet und das ist der Hauptteil dieses Berichtes. Hahnemann bestätigt in einem Brief den Wert dieser Ergebnisse, „sie sind von ungemeinem Belange zum Erweise der hohen Kräftigkeit unserer hochpotenzierten Arzneien und erleuchten zugleich unsere Physiologie“. Die Physiologie der Homöopathie ist die des Menschen allgemein, sichtbar an den Wirkungsverläufen der Arzneien. Inwieweit Hahnemann selbst Hinweise zu Arzneimitteln für Kaspar gab, ist mir nicht bekannt.

Doch der Reihe nach.

Wer ist Kaspar Hauser?

Am Pfingstmontag, dem 26. Mai 1828 gegen 16 Uhr wird ein Findelkind unbekannter Herkunft am Unschlittplatz in Nürnberg aufgegriffen, der einen Brief an den Chevaulegers-Rittmeister Friedrich von Wessenig mit sich trägt: „Ich schücke ihnen ein Knaben, der möchte seinem König getreu dienen...ich mache mein Namen nicht kunthbar, den ich konte gestraft werden.“ Dafür kann der junge Bursche auf der Polizeiwache seinen Namen niederschreiben: „Kaspar Hauser, gebohren...im 30. Aperil 1812“. Binnen kürzester Zeit erfährt er aufsehenerregende Beachtung. Er scheint ab dem 3./4. Lebensjahr in Dunkelhaft (geheimes Kellerverlies im Schloss Pilsach bei Neumarkt, 35 km von Nürnberg), gewesen zu sein, das 1924 nach Beschreibungen Hausers entdeckt (!?) worden war. 1828 gehörte das Schloss einem bayrischen Offizier, der mit einer Hofdame der bayrischen Königin Karoline, die wiederum eine badische Prinzessin war, verheiratet war. Kaspar war hauptsächlich mit Wasser und Brot aufgewachsen, ohne jeglichen Kontakt zu Menschen und hatte mit 16 Jahren einen Sprachschatz von 50 Worten (alle Tiere: Ross, alle Menschen: Bur). Nachdem er einige Zeit im Vestner Turm wie ein „exotisches Tier ausgestellt“ gewesen war (man kann nur versuchen dies nachzuempfinden!), erbarmte sich der im Ruhestand befindliche Gymnasialprofessor G. F. Daumer des Findlings, ab Ende Juni 1828 besucht er ihn im Turm, lehrt ihn täglich Lesen, Zählen, ein kleines Musikstückchen auf dem Klavier etc. und bewirkte seine Umsiedlung zu sich nach Hause (Insel Schütt), weil Kaspar sich zwar als gelehriger Schüler zeigte, ihn die Umstände (permanentes Zurschaugestelltsein und Verschlechterung durch geistige Anstrengungen) aber immer mehr schwächten. Er entwickelte Schwäche, Kopfschweiße, Kopfschmerzen, besonders links im Gesicht Zuckungen; er erkrankte sehr.

Gottlieb Freiherr von Tucher, der erste Vormund Kaspars: „So wie ich diesen Menschen gefunden habe, mit seiner natürlichen, unmittelbaren Reinheit und Selbstbewusstlosigkeit, gab er im vollkommensten Grade das Bild des ersten Menschen im Paradies vor dem Sündenfall.“ Aus dem Gutachten von Dr. Preu, Stadtgerichtsarzt: „Dieser Mensch ist weder verrückt noch blödsinnig, aber offenbar auf die heilloseste Weise von aller menschlichen und gesellschaftlichen Bildung gewaltsam entfernt worden. Er kann nichts als nothdürftig lesen und einige Worte schreiben. Er ist wie ein halbwilder Mensch, in Wäldern erzogen worden, ist zur ordentlichen Kost durchaus nicht zu bequemen, sondern lebt blos von schwarzem Brod und Wasser. Doch ist er geimpft, wie man am rechten Arm deutlich sieht.“

Man vermutet die Pockenimpfung, die zu der Zeit wahrscheinlich nur höhere Stände in den „Genuss“ bekamen. In den folgenden 8 - 10 Wochen Erholung wächst er um zwei Zoll, bleibt aber noch ohne homöopathische Behandlung. Daumer beschreibt kurz die Charakteristik von Geist und Gemüt: „Er ist sehr gutmüthig und weichherzig, dabei aber allen Menschen mehr oder weniger misstrauend; sein Urtheil scharf, seine Beobachtung fein. Keine Authorität gilt ihm etwas, er vertraut nur eigener Anschauung und Erkenntniß. In seinen Anforderungen erkennt sein Verstand keine Grenzen, sein moralisches Gefühl ist rigoristisch, seine Ordnungsliebe und Reinlichkeit pedantisch. Hervorstechend sind ihm die technischen und künstlerischen Fähigkeiten.“

Dieser Professor scheint ein sehr genauer Beobachter gewesen zu sein, was ihn auch durchaus zu einem homöopathischen Blicke befähigte. Woher kam dies? Er scheint mir eine tiefe Empathie Kaspar gegenüber empfunden zu haben, hat diesen bis an sein Lebensende mit aller Kraft gegen alle Diffamierungskampagnen verteidigt, wahrhaft erkannt und geliebt. Außerdem äußert sich Dr. Preu noch über Daumer: „Dieser war ja selber von mehreren Ärzten jahrelang allopathisch misshandelt und dadurch völlig heruntergebracht worden, hatte erst seit einem Jahre zur Homöopathie gewendet (nachdem er ja vom Dienst, den er sehr liebte, auszuüben, suspendiert worden war, wegen seines Augenleidens) und meinen ärztlichen Rat gesucht, aber als Selbstdenker dieses nicht blindlings getan, sondern sogleich mit regem Eifer und mit dem ihm eigenen psychologischen (und pädagogischen) Scharfsinne die neue Lehre studiert und aufgefasst.“ Ein Glücksfall für Kaspar und die Homöopathie, dieser Mann!

Bevor ich Kaspars Lebenslinien und seine homöopathischen Behandlungen durch Daumer, Preu und Hahnemann (?) beschreiben will, ist noch ein besonderer Blick zu richten auf die außergewöhnliche Empfindsamkeit Kaspars gegenüber allen Erscheinungen der für ihn neu zu erfahrenden „Zivilisation“ und natürlich die der homöopathischen Arzneien. Ich versuche alles uns Wichtige aufzuzählen, kann keine Gewähr für die Vollständigkeit geben angesichts dieser Fülle an Fakten. Bitte bei Interesse mit den Quellen nachbereiten.

Das, was alle zum Staunen brachte:

• Überempfindlichkeit schon seiner Aura gegenüber Berührungen („wie kühler Wind“)

• seine „Art magnetischen Zustandes“

• Erkältung nur durch Anfassen eines kalten mineralischen Gegenstandes (evtl. ist ‚metallischen’ gemeint.)

• Erkennen verschiedener verborgener Metalle (stark besonders Gold und Quecksilber) und Edelsteine

• empfindlichster Geruchsinn z.B. von medizinischen Duftstoffen, die Konvulsionen hervorriefen, der Ausdünstung von Gräbern auf dem Johannisfriedhof (wo auch unsere Fami- liengruft sich befindet) und besonders der Geruch von Opium (s.u.)

• durch Gewitter Zuckungen, Nadelstichschmerzen in den Augen, Nasenbluten

• Unwohlsein durch Vollmond

• besonderes Verhältnis zu Tieren, z.B. kommt eine draußen lebende wilde Katze zu ihm, frisst sogar schwarzes Brot und Obst aus seiner Hand (dies verändert sich erst, nachdem er auch fleischliche Kost zu sich nahm)

• Vorahnung des Mordversuchs vom 17. 10. 1829 in Nürnberg, Hellsehen

• Nachtsichtfähigkeit, unterscheidet dunkles Rot von dunklem Braun nachts

• psorische Ansteckung durch „Anhauch“ etc.

In Bezug auf die homöopathischen Medikamente bemerkt Daumer: „Aus dem, was ich bisher über Kaspars physische Beschaffenheit bemerkte, kann man die Vermutung fassen, daß, wenn dem homöopathischen Heilverfahren nicht nur Diät und Abhaltung medizinischer Mißhandlungen des Organismus seine Erfolge verschafft, sondern die berüchtigten und vielverhöhnten kleinen Gaben wirklich die Hauptursache bei der Heilung sind, sich dies bei keinem anderen Subjekte in hellerem Lichte zeigen werde als bei dem gegen arzneiliche Einwirkungen überhaupt so beispiellos empfindlichen Hauser. Und wirklich ist die Empfänglichkeit und Empfindlichkeit Hausers für homöopathische Arzneieinwirkungen so ungeheuer befunden worden, daß sich die Homöopathie zu dieser Erscheinung, die diese Frage aufs Unwidersprechlichste zu entscheiden vermag, Glück wünschen kann (!). Nie wurde Hausern etwas, wenn auch homöopathisch weit verdünntes Arzneiliches eingegeben, und doch waren die Gaben, die er durch Riechen an den höchsten Potenzierungen empfing, fast alle weit über Gebühr und Genüge stark, obgleich nicht zu stark, um in bessernde Nachwirkung überzugehen.“ Aber auch uns tun diese Reisen zu den Wurzeln ab und an gut, oder? Noch weiteres vom Laien Daumer: „Wenn man sich erinnert, wie Düfte weit gröberer Art als die homöopathischen, z.B. der der starken tinct. Bestuscheff auf Hauser zwar heftig, aber doch bald vorübergehend wirkten, und damit die durch homöopathische Gerüche bewirkten wochenlangen gewaltigen Aufregungen und tiefgreifenden Nachwirkungen vergleicht, so wird man eine Ahnung von der Natur und Gewalt jener durch Hahnemanns Genie aufgeschlossenen Arzneikräfte und ihres eigenthümlichen Verhältnisses zum kranken Organismus bekommen.“

Das ist ein eindeutiger Standpunkt eines Erfahrenen. Interessant ist auch für uns noch, wie sich schon aus Versuchen vorher ergab, dass Kaspar beim Riechen homöopathischer Arzneistreukügelchen „dreierlei Gerüche empfindbar und unterscheidbar waren: ein süßer (also der des Milchzuckers im Kügelchen), ein geistiger (ohne Zweifel der des Weingeistes), und einer, den er entweder gar nicht zu beschreiben wusste, oder ihn mit anderen ihm bekannt gewordenen Gerüchen besonderer Art verglich. Die ersten beiden Gerüche waren bei allen Kügelchen gleich, der dritte war von verschiedener Art. Dieser war ihm der empfindlichste, kehrte ihm auch bei der Fortwirkung einer Arznei und bei erneuerten Erstwirkungen derselben noch nach Wochen öfters von selbst zurück. Offenbar war dieser dritte der der Arznei selbst... und wiewohl hier schon mit Million - und Decillionteilen begonnen wird, die aber auch nur durch den Geruch empfangen, für Hauser noch von ungeheuerer Stärke waren, wovon sich anfangs weder ich noch ein anderer etwas hatte träumen lassen. Nachher ließ man ihn bloß am Stöpsel des Arzneigläschens riechen....man machte Verdünnungen, die über die Hahnemannschen hinausgingen, zuletzt den Finger gar nur an das verschloßene Gläschen annähern zu lassen. Hätte mir früher jemand ein solches Verfahren beschrieben, so würde ich es wahrscheinlich für ein Tun der Verrücktheit gehalten haben. nun aber hatte mich der Wunsch Hausern die erschütternden Primärwirkungen zu ersparen, allmählich bis zu diesem letzten geführt, indem der mir befreundete Arzt (Preu), der sich seiner vielen Geschäfte wegen nicht so wie ich der Beobachtung Hausers hingeben konnte, mir öfters die Ausführung des von ihm Verordneten oder Gebilligtem überließ.“

Soweit vorläufig Daumer. Heutzutage können wir die Verschlimmbesserungen ja mit Hilfe der C4-Homöopathie (siehe Witold Ehrler et al.) vermeiden. Der außergewöhnlich empfindsame Kaspar, mit seinen in der mindestens 12-jährigen Isolationshaft (kann ein Mensch so etwas überhaupt ohne himmlische Hilfe überleben??) veredelten Sinnen, bewirkte damit vielleicht die spätere (?) Überzeugung Hahnemanns, dass allein daran zu riechen genügen würde für eine Umstimmung der kranken Lebenskraft, ein Tatbestand, den viele heutige Homöopathen schwerlich nachvollziehen können oder wollen, auch im Hinblick auf PatientInnen heutzutage, die voller „Mauern“, körperlich und geistig, sein können. Wie hat Kaspar die Homöopathie noch beeinflusst? Verfolgen wir die homöopathische Behandlung durch seinen Lehrer Daumer und Dr. Preu (aus Stapfs Archiv, Band 11, Heft 3, verfasst von Dr. Preu nach „Mittheilungen“ Professor Daumers):

Hinter allem Verhalten steht Liebe, manchmal auch der Segen des Schweren. Kaspar wohnt bei Daumer, hat sich einigermaßen erholt, seine täglichen Geruchsempfindungen und die geistige Arbeit bei seinem Unterricht von Daumer überreizen jedoch sein Nervensystem weiterhin. Später bemerkt Daumer einmal: „Hier hätte wahrscheinlich die kleinste Gabe Nux Vomica in der höchsten Potenzierung Wunder gewirkt.“ Hinzu kommt jetzt der Bericht von dem „Anhauch“ einer Person, die vor mehreren Jahren evident scabiös gewesen war, im Dezember 1828, und dies erzeugte bei Kaspar an der angehauchten Seite des Gesichts ein juckendes und brennendes Bläschen, das nach einer Stunde aufplatzte und gelbliche Feuchtigkeit ausfließen ließ. Nach ungefähr drei Wochen, am 12. Januar 1829, „geschah ihm das Nemliche von einer anderen innerlich psorischen Person durch Anlachen und wieder...“.

Das ist schon ein klarer Blick auf Hahnemanns Miasmen. Es folgt eine genaue Beschreibung von Krankheitsbild, Erstwirkung, Arzneiwirkungen aus Hahnemanns Arzneimittellehre, zusätzliche Symptome und dann zurückbleibende Symptome. Die erste homöopathische Arznei wird Kaspar am 13. Januar 1829 gegeben, ein „bis an die Millionpotenz gebrachtes Medikament, (im wahrsten Sinn des Wortes „in die Mitte zielend“) an dem Kaspar riecht: SULPHUR.

Danach folgt SILICEA (X.).und ich möchte Kaspar zu Wort kommen lassen: „Die Arznei versetzt mir einen ungeheueren Schlag, es fährt mir zuerst in den Kopf, dann in den Leib und in alle Glieder, dann wieder in den Kopf, bald bricht Schweiß auf der Stirn aus, dann Übelkeit, kann kaum aufbleiben, dann starkes Aufstoßen ohne Geruch, einige Minuten stärkeres mit einem Geruch, den auch die Umstehenden gewahren, und der dem Arzneigeruch gleich ist. Dann schwindet die Übelkeit und die Eingenommenheit des Kopfes mindert sich.“ Mit dem 17. Tag erhöhte Geistes- und Sinnestätigkeit: leuchtender Blick, das Gesicht bekommt einen erhöhten Ausdruck von Geistigkeit (was auch später bei wiederholter Gabe zu bemerken war). Immer besser bis 16. Mai, als er nach einem starken Geruch urplötzlich einen heftigen und unausgesetzten Krampfhusten bekam. Dr. Preu schickt abends IPECACUANHA (wahrscheinlich C 2) zum Riechen. Sofortige Verschlimmerung der Ipecacuanha-Art, am nächsten Morgen besser, dann bekam er NUX VOMICA (auch C 2? Von Daumer?) mit genauem Verlauf. Meiner Meinung nach war Sulphur als Antipsoricum angezeigt, Silicea besonders gut (Simile, s. Zeitungsartikel über ein Seminar anlässlich der Kaspar-Hauser-Festspiele in Ansbach), Ipecacuanha ein prozessorientiertes Akutmittel und Nux vomica schon lange überfällig. Am 16. Juni folgte dann SEPIA (?) in der Dezillionverdünnung (interessanter Verlauf, s. Quelle) und dann ARNIKA nach einem Stoß auf den rechten Hüftknochen. Hierbei ist der „umgekehrte“ Verlauf der Verletzung nach der Gabe bemerkenswert, also der Schmerz im ganzen Körper geht an die Ausgangsstelle zurück und vergeht dann. Es folgen 2x eine CAMPHORA-Gabe, Besserung, aber rückfällig. Diese Gabe ist mir etwas rätselhaft, aber gut... Im August wird Kaspar zusehends dicker, worüber er sich sehr beklagt. Er bekommt am 18. August 1829 CALCAREA (carb.), Kaspar ist hocherfreut, dass er etwas gegen diesen Übelstand des Fettseins bekam. Zur „Minderung“ der Arzneibeschwerden wieder Kampfer riechen. (Ah, deshalb!)

Er verliert täglich an Gewicht. Nach mehrtägigen Gemüthsbewegungen zum Zwischengebrauch Nux vomica.

Und jetzt folgt ein schwerwiegender Einschnitt in sein Leben, eine Ahnung hat er vorher schon, und am 17. Oktober 1829 geschieht der erste Mordanschlag. Er sitzt auf der Toilette, ein Eindringender verletzt ihn mit einem Messer, er hat eine Schnittwunde an der Stirn. Warum es nicht geklappt hat mit dem Mord, bleibt Vermutungen überlassen. Kaspar flüchtet in den Keller, wird bewusstlos, wird gefunden, zu Bett gebracht, seine Augen sind erblindet, desorientiert, will immer nach Hause. Er erzählt dann seinem inzwischen nach Haus gekommenen Erzieher Daumer den Hergang, dann wieder besinnungslos mit von Zeit zu Zeit auftretenden Paroxysmen, besonders bei Berührung der Schnittwunde an der Stirn und Lichtschein, die geschlossenen Augen treffend. Was für ein Verbrechen an der Seele dieses Jungen.

Dr. Preu sendet nach Inspektion und Wundbehandlung ACONITUM VIII. und Kaspar reagiert mit „stinkt--stinkt--warum mir so garstige Sachen geben??“ Nach 10 Minuten wird er ruhig. Aber nach einiger Zeit bricht er los, reißt den Verband von der Stirne, den er von nun an nicht mehr duldet. Als das Bewusstsein zurückkehrt, erzählt er seinem Daumer in beinahe poetischen Ausdrücken, was ihm geschehen, mit Einmischung scharfsinniger Vermutungen und Erklärungen. Außerdem ist er danach wieder sehr empfindlich gegenüber Metall, Glas und Animalischem (Wirkung Aconit?!). Daumer lässt Kaspar jetzt mesmeristische Behandlung angedeihen und verwendet magnetisiertes Wasser. Besser. Mitte November nach Beratung bekommt Kaspar LYCOPODIUM in der „vorletzten“ Verdünnung und „besonders weiterbereitet“ und Kaspar muss „aufhören zu schreiben“. Weitere Symptome, deshalb Minderung durch Kampfer- und Zimtgaben. Am 3. Tage nach Lycopodium hat Kaspar die erste Erektion und er versichert, dies sei „ die beste Arzenei unter allen, die er noch bekommen habe“. Dies ist schon interessant, da ja Lycopodium für Homöopathen das Mittel der Wahl ist für Napoleon Bonaparte, Kaspars Stiefgroßvater oder gar leiblichen Vater? Es „flammte und blitzte ihm in den Augen“ und seitdem sind diese klarer und kräftiger als sonst. Ein wollüstiges Gefühl stellt sich ein, doch es kommt nie zu einem eigentlichen Geschlechtstriebe, obwohl die Damenwelt eigentlich sehr an ihm interessiert ist, weil er etwas so Besonderes ist. Er hat eine sehr eigene Einstellung zum anderen Geschlecht, doch das ist ein anderes Thema. Kaspar spricht sehr unbefangen über sein Geschlechtsempfinden, meint es sei „etwas Unnützes, was er nicht an sich haben wolle“.

Es schlummert wieder ein, GRAPHITES in hoher Potenzierung ruft es später einmal wieder hervor.


Anfang des Jahres 1830 tritt Kaspar aus der Pflege Daumers, wegen dessen Unwohlsein (?), aus. Nach neuerlichen medizinischen Gutachten kommt man zu der Überzeugung, ihn „nun seiner Natur überlassen zu können“. (Verschiedenste Gutachten verschwinden auf mysteriöse Weise!) Und just zu der Zeit des ersten Mordanschlags taucht in Nürnberg ein gewisser Lord Stanhope auf (Kaspars „Schatten“ spiegelt sich in Lord Stanhope). Dieser englische Geheimagent in den Diensten vieler verschiedener dubioser Mächtiger der führenden Schichten der Welt (nicht wenige sind der Überzeugung, die Illuminaten hätten ihre Hände von Anfang an im Spiel gehabt) setzt jetzt alles daran, immer mehr Einfluß auf Kaspars Schicksal zu erlangen: Entfernung von seinen Freunden, Daumer, Tucher, Bürgermeister Binder, Übernahme der Pflegschaft und Einkaufen in Kaspars Vertrauen mit hohen Geldsummen und Zutritt in die höhere Gesellschaft. Und dies gelingt.

Doch bleiben wir noch bei der medizinischen Behandlung. Es kommt nun, nach Dr. Preu, das „Ende der antipsorischen Behandlung“. Kaspar nimmt bei Zahnschmerzen im Anfang des 1830er Jahres noch RHUS TOX. erfolgreich ein. Dann, aufgrund von Nachsinnen über seine Kindheit und Kopfschmerzen NUX VOMICA C 28 am 28. Mai 1830, nochmalig am 9. August eine C XII und nach einem Turnunfall ARNIKA C IV. Ein Wundarzt versucht erst sehr vergeblich seine Art der Behandlung, und Kaspar „glaubte sterben zu müssen“. Nach den bei ihm üblichen Erstverschlimmerungen (Hahnemann entwickelte die Idee der LM-Potenzen wann?), die Kaspar bravourhaft immer wieder erträgt, gibt es immer eine große Verbesserung bis Heilung. Von da an „ungestörtes Wohlsein“ bis Sommer 1831, obwohl ein 2. Mordanschlag 1830 mit einer Pistole erfolgte, Kaspar blieb unbeschadet – körperlich.

Im Sommer 1831 finden sich wieder mehrere Beschwerden ein wie Reizbarkeit, Hinfälligkeit, unterdrückte Geisteskraft und anderes. Und Daumer will einmal einen entscheidenden Versuch machen, wie weit die quantitative Verminderung der Arzneipotenzen bei Kaspar getrieben werden könne, ohne daß jede Einwirkung auf ihn verloren ginge, aber die lästigen Erstwirkungen möglichst beseitigt würden. Er wählte hierzu SILICEA C XXXIIII. Der Originalbericht: „Das Gläschen, welches diese hohe Verdünnung enthielt, wurde an ein offenes Fenster, ferne von Hauser, verschlossen hingestellt, und er mußte mit ausgestrecktem Finger sich ihm nähern. Ehe er das Gläschen noch hätte berühren können, zuckte der Finger, und Hauser sagte nachher, er habe den Arm herab und wieder zurück einen leichten Stoß gefühlt. Sonst auf der Stelle keine Veränderung. Nach einer kleinen Weile Wärme durch den Körper. Uhngefähr nach einer Stunde durchfällige Öffnung. Am 2. Tag 4 mal Nasenbluten, darauf jedesmal Schwindel, dann Gefühl von Leichtigkeit und Kraft. An eben diesem Tage stellte sich lange fortdauernder starker Fußschweiß ein. Nach einigen Tagen verlor sich alles vorherige Unwohlsein. Besonders wurde nun Hauser in geistiger Hinsicht viel besser. Hierauf lange Zeit dauerhaftes Wohlsein.“

Hier endet Professor Daumers homöopathische Einflußnahme, aber Dr. Preu beschreibt noch zwei Versuche: einmal den Nachweis des früheren OPIUM-Einsatzes im Kerker, Kaspar erinnert sich sofort an den Geruch, dieses wurde ihm 12 Jahre lang in Urtinktur immer ins Wasser gegeben, um ihm Pflege von Haaren, Nägeln usw. angedeihen zu lassen. Und einmal zufällig ein Vielgemisch von mehr als 100 hochverdünnten Arzneien als „Beweis von der außerordentlichen Kraft und der bis zum wahrhaft gesteigerten geistigen Wesen der Arznei durch vielfache Potenzierung“, und Preu unterstreicht seine Überzeugung von der Homöopathie.

Lord Stanhope gelingt es 1831, Kaspar nach Ansbach zu seinem Handlanger und Lehrer Meyer zu bringen, der ihn in seinem Sinne behandelt, d.h. Zerstörung von Leib, Seele und Geist. Aber wie immer findet er in dem Gerichtspräsidenten Anselm Ritter von Feuerbach, der die Folter in Bayern abschaffte und selber eines mysteriösen Todes auf einer Reise nach Frankfurt/Main starb, (ich erinnere mich eben an den kürzlichen Fall des russischen Exagenten in London, andere Zeiten, andere Methoden, selbe Gewalt) und in Pfarrer Fuhrmann, der ihn im Jahre 1831 konfirmierte, wieder Freunde und Gönner, die ihn so weit wie möglich förderten und unterstützten. Wen ungelöste und spannende Kriminalstories in europäischen Ausmaßen interessieren, der kommt hiermit heutzutage immer noch voll auf seine Kosten. Und wie oft müssen auch wir Homöopathen wie Kriminalisten nach Ursachen forschen auf allen Ebenen des Lebens eines Patienten. Und so ist der Fall des Kaspar Hauser bis auf den heutigen Tag immer extrem, umgeben von einerseits Intrigen, Gewaltverbrechen und Lügen und auf der anderen Seite von Großherzigkeit und Edelmut.

Am 14. Dezember 1833 erfolgt der 3. Mordanschlag, dem Kaspar erst am 17. 12. nach nicht erfolgter angemessener Behandlung erliegt (manche böse Zungen sprechen von Absicht). Es gibt noch soviel Geheimnisvolles zu erforschen, manches wird wohl auch nie ans Licht kommen. Zu erwähnen sind auch noch die Arztberichte von Dr. Osterhausen, Nürnberg (Urlaubsvertretung Dr. Preus), von dem Gerichtsmediziner Dr. Albert (königlicher Landgerichtsphysikus, Ansbach, Leichenschau und Sektion), Dr. Heidenreich (prakt. Arzt, Ansbach) und Dr. Horlacher (königlicher Kreis- und Stadtgerichtsarzt Ansbach), eine Geschichte für sich.

Um jetzt auf die für Homöopathen wichtigste Frage des damaligen Simile zu kommen, möchte ich nochmalig (siehe auch den auf meiner Homepage zu lesenden Zeitungsartikel) auf meinen Favoriten zu sprechen kommen: SILICEA. Kaspar bekommt es zum erstenmal am 17. Februar 1829, und ich möchte noch einige Symptome aus dem Verlauf zitieren:

•    Reißen im Vorderkopf
•    wenig Appetit
•    Ekel vor Fleisch, so daß er es kaum sehen kann
•    Augen entzündet und tränen, Lichtscheu
•    wankt und taumelt öfters
•    Schlaflosigkeit trotz Müdigkeit
•    Nasenbluten oft
•    starker Haarausfall, 4 Tage lang
•    am 12. Tag Übelkeit und der Geruch der Arznei kehrte zurück
•    roter Ausschlag Stirne und unter den Augen
•    14 Tage Ohrenklingen
•    Stiche in den Füßen und Brennen in allen Gliedern
•    Gesicht bekommt einen Ausdruck von Geistigkeit
•    unaufhörliches, aber klares Denken
•    Stich im obern Kopf, sodann hatte er ein Gefühl, als senke sich etwas den Kopf herab, und er fühlte sich im Oberkopf bis zum unteren Teil der Stirn herab ganz frei. Hier aber, sagte er, sei es wie abgeschnitten, es sei ihm, als sei ein Faden herumgebunden...
•    verstärkter Nachtschweiß, der das Hemd gelb färbt und übel riecht
•    erst am 2. April war der Urin ganz klar und hell
•    Empfindlichkeit vermindert sich (mehr Schutz)

und das 2. Mal mit dem besonderen Versuche Daumers am 2. August 1831 (siehe oben). Dieses Mal in einer Potenz von „weit über XXX hinaus. Es war die erste Gabe, die ihn nicht unmittelbar in Unwohlsein versetzte. Erst nach einer Weile fühlte er Wärme sich durch den Körper verbreiten.“ Durchfällige Öffnung, vier Mal Nasenbluten, Schwindel, dann Gefühl von Leichtigkeit und Kraft, größere Befähigung zu geistigen Arbeiten und Wiederkehr seines früher ausgezeichneten Erinnerungsvermögens und der Fußschweiß (Entgiftung der Psora, beschrieben in einer Fußnote). Eine auffallende Veränderung, „obwohl nicht dauerhaft“! Eine noch höhere Potenz wäre wohl angezeigt gewesen. Ich möchte noch einige Daten aus den verschiedenen Repertorien zitieren, die die SILICEA-Natur Kaspars unterstreichen:

•    „doch ist er geimpft“--Silicea als Impfantwort
•    nach 12 Jahren plötzlich in „gleißende“ Welt geworfen
•    < durch geistige Arbeit, Kopfschmerz, Zuckungen
•    < durch Lärm und Gewitter
•    „eigenthümliche“ Sinnenfeinheit und empfindsamster Geruch
•    > durch animalischen Magnetismus
•    Hellsehen und Hellfühlen
•    Schmerz in den Augen wie Nadelstiche
•    allen mißtrauend und nicht autoritätshörig
•    technische und künstlerische Talente
•    Hinfälligkeit und unterdrückte Geisteskraft
•    Durchlässigkeit für Energien, besonders Glas, Kristalle, Edelsteine
•    Reinheit und Sehnsucht nach Wärme (Mutter)
•    stur wie ein Fels, empfindsam wie ein Faden
•    Mama, ich wollte alles ganz richtig machen
•    nach Luftzug „wie auf ihn gerichtete Eisenspitzen“
•    orientierungslos wie in einem Traum
•    schüchtern
•    verleiht Durchsetzungskraft und bildet schützende Umhüllung
•    Austreibung von Fremdkörpern (sogar Kugeln aus Schußwunden) usw.

Wen hatte Kaspar aus heutiger Sicht noch an seiner Tafelrunde sitzen? Mein eigener erster Impuls, bestätigt auch durch Rücksprache mit Jürgen Becker, bei einem Vortrag in Ansbach, war Lac lupi, wenigstens für die erste Zeit. Im Symbolischen Repertorium steht Lac caninum zu Kaspar Hauser: Existenzberechtigung ohne Pflichterfüllung. In meinem ersten Seminar zu diesem Thema Kaspar Hauser und Homöopathie haben wir Myrrhe verrieben, nachweislich eine Nothelfermedizin wie alle Harze, allerdings mit eher religiösem Hintergrund (siehe C4-Text hierzu von W.Ehrler). Auch drängt sich Opium auf, nach der jahrelangen Verwendung in Urtinktur bei Kaspar im Kerker. Es bleibt aber meiner Meinung nach die Frage, ob dies in der damaligen Dosierung ihn nicht zu sehr an seine Kerkerhaft erinnert hätte. (Vielleicht wäre es in einer Q-Potenz für ihn verträglich gewesen.) Nux und Ipecacuanha sind wohl eher auch als Antidote und Akutmittel bekannt. Und was ist nun mit Lycopodium als sein „väterliches Herkunftsmittel“? Kaspar bezeichnet es ja als „beste Arznei, die er je bekommen habe“. Die Essenz Lycopodiums liegt darin, arglos verletzt worden zu sein und seine Erlösung liegt in der Fähigkeit, Macht konstruktiv anzunehmen, um Untergebene ebenso zu führen ohne sie zu verletzen. Es würde damit gut in höherer Potenz seine segensreiche Wirkung entfalten. Ein Spinnenmittel (als Spinnwebe in einem Seminar verrieben) oder ein Schlangenmittel als „Schattenmittel“ nach Hans-Jürgen Achtzehn wären durchaus angezeigt gewesen, oder? Kaspars Reaktion auf die Einwirkung von Spinnen bei Begegnung wurde von Daumer wie folgt beschrieben: „..fühlte er Frost und besonders starke Kälte an der Stirne...Brennschmerz...mehrere Bläschen...kalter Schauder wie von (Klapper)schlangen (die er früher einmal lebendig gesehen hatte), ...großer Schmerz...“ Crotalus erkennt das Böse in der Welt nicht. Bei der Berührung einer Kaiserkrone war es so, „wie es bei den Schlangen auch gewesen.“ Seine schweren Verdauungssymptome empfinde ich nicht als similebehandlungsbedürftig, da sie meiner Meinung nach einfach durch den abrupten Wechsel seiner Eßgewohnheiten bedingt waren. Und Sepia? Von Dr. Preu verordnet war es meiner Meinung nach zu tief potenziert, um das Androgyne in Kaspar zu beeinflussen (Würde – Wall - Maske). Barium carbonicum und Bufo waren meines Wissens damals noch nicht parat. Wohin könnte man noch denken? Borellia-Nosode zur Besinnung auf die Lebensbestimmung? Calcium carb. höher?

In einer Aufstellung allerdings (mit dem oft krankmachenden Satz „lieber ich als du, Vater“ und der unterbrochenen Hinbewegung zur Mutter), in der ich herausfinden wollte, was das oder die wichtigsten homöopathischen Mittel ge- wesen wären, um seine Bestimmung oder Berufung erfüllen zu können, stellten sich eindeutig zwei (aus 10): SILICEA und PLATINUM!! Bei Letzterem war ich doch einigermaßen überrascht, da doch auch z.B. Hitler im Symbolischen Repertorium hier aufgeführt ist. Ihr seid aufgerufen, ob dies Mittel nachdenkenswert wäre. Vielleicht kann es bei meinen Ausführungen zur geistigen Bedeutung von Kaspar Hausers Leben und Sterben klarer werden!? (siehe weiter unten)

Hat die Homöopathie nun Kaspar Hauser „gerettet“? Daumer ist davon später überzeugt! Meiner Meinung nach hätte ihm schon im Vestnerturm mit der völligen Überreizung seiner Sinne ein Dauertropf Nux vomica sehr geholfen. Für mich steht dann auch noch Daumers Bedeutung und Betreuung aus Menschenliebe und Interesse außer Frage. Dr. Preu hatte, bei allem Respekt, wohl mehr den medizinischen Blick. Der Verlauf der zeitgemäßen Behandlung zeigt jedenfalls, daß Kaspar sicherlich sehr von der Behandlung mit den homöopathischen Medikamenten profitierte, seine körperliche, seelische und geistige Gesundheit sich nach diesem existenziellen Kulturschock (Zivilisation) stabilisierte, und er seine Bestimmung hätte erfüllen können, wenn... Auch das Fernhalten der damaligen Schulmedizin gereichte ihm nur zum Segen. Und umgekehrt gedacht: Hat Kaspars Sensibilität Hahnemanns fortschreitende Entwicklung der Homöopathie beeinflußt? Er war aufgerufen, nach Daumers Berichten, seine Arzneien noch weiter zu potenzieren oder wenigstens damit zu rechnen, eben auch hypersensible Patienten auf den Weg zur Gesundung bringen zu können. Wann war der Durchbruch im Geiste zu seinen Q-Potenzen? Was hat er als Simile vielleicht empfohlen? Silicea?

Heutzutage wären wir als Homöopathen wahrscheinlich froh, solche feinsinnigen Menschen für homöopathische Arzneimittelbegegnungen begeistern zu können, wobei wir sicher auch sehr empfindsame Teilnehmer, uns selbst ein- geschlossen, zur Verfügung haben. Was könnten wir für Einblicke gewinnen in alte und neue homöopathische Mittelwirkungen! Können wir selbst in einen so paradiesischen Zustand für solche Begegnungen oder in der täglichen Praxis gelangen? Ist es dann noch möglich, in dieser Welt zu bestehen, mit all ihren Kompliziertheiten, oder sogar besser zu bestehen? Viele Fragen und immer mehr.

Auf jeden Fall ist so ein Ausflug zurück zu den Wurzeln solch eines kosmischen Gesetzes der Heilkunst, dank Kaspar, nie umsonst und kann Wunder bewirken.

Zu guter Letzt noch einige Ausführungen im Hinblick auf die geistig-religiöse Bedeutung Kaspar Hausers bis auf die heutige Zeit. Die wichtigste Aussage hierzu stammt wohl vom hochgeschätzten Rudolf Steiner: „Wenn Kaspar Hauser nicht gelebt hätte und gestorben wäre, wie er tat, so wäre der Kontakt zwischen der Erde und der geistigen Welt vollkommen unterbrochen!“ So wird er und sein Schicksal heute eigentlich fast nur noch in der Anthroposophie geehrt. Das sollte sich ausdehnen, auch in die Homöopathenschaft. Einzelschicksale wirken als Katalysatoren sowohl für Individuen als auch fürs Kollektiv. Und aus Aschenputtel wurde eine Königin. Zum Weiterdenken:

•    Die 5. Schöpfung beginnt mit Kaspar Hauser (nach anthroposophischer Meinung!).
•    Er kam in einer Zeit der aufbrechenden Geistfinsternis.
•    Er schenkte der Welt wieder die Liebeswärme!
•    Erlösung des Luzifer
•    Eröffner der Apokalypse
•    Was ist der Mensch?
•    Wenn er seine Bestimmung hätte leben können, wäre Hitler nicht gewesen!
•    Widar und/oder Bodhisattwa etc.

Es gibt noch viel zu erfahren, und ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit bei dieser Fülle an verschiedensten Gesichtspunkten. In diesem Sinne geht die Einladung an alle Interessierten, bei denen auch durchaus persönliche Fragen auftauchen können, dies auch gerne in Kommunikation mit mir zu tun. Die nächsten Kaspar-Hauser-Festspiele finden Ende Juli und Anfang August 2008 in Ansbach statt.

Dank an Eckart Böhmer, Intendant der Festspiele, und Dr. phil. Fritz Dross, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin.

Zum Abschluß noch der Text des Liedes über Kaspar Hauser von Reinhard Mey, bei dem auch einige historische Unklarheiten hinzunehmen sind:

KASPAR
Sie sagten, er käme von Nürnberg her und er spräche kein Wort
auf dem Marktplatz standen sie um ihn her und begafften ihn dort
die Einen raunten „Er ist ein Tier“, die Andern fragten „Was will er hier?“
und daß er sich zum Teufel scher, so jagt ihn doch fort,
so jagt ihn doch fort.

Sein Haar hing in Strähnen und wirre, sein Gang war gebeugt,
kein Zweifel, dieser Irre ward vom Teufel gezeugt.
Der Pfarrer reichte ihm einen Krug voll Milch, er sog in einem Zug.
Er trinkt nicht vom Geschirre, den hat die Wölfin gesäugt,
den hat die Wölfin gesäugt.

Mein Vater, der in diesem Ort der Schulmeister war,
trat zu ihm hin, trotz böser Worte rings aus der Schar,
er sprach zu ihm ganz ruhig und der Stumme öffnete den Mund
und stammelte die Worte: „heiße Kaspar,
heiße Kaspar.“

Mein Vater brachte ihn nach Haus, „heiße Kaspar“,
meine Mutter wusch seine Kleider aus und schnitt ihm das Haar,
sprechen lehrte mein Vater ihn, lesen und schreiben und es schien,
was man ihn lehrte sog er auf, wie gierig er war,
wie gierig er war.

Zur Schule gehörte zu der Zeit noch das Üttinger Feld.
Kaspar und ich pflügten zu zweit, bald war alles bestellt.
Wir hegten und pflegten jeden Keim, brachten im Herbst die Ernte ein,
von den Leuten vermaledeit, von deren Hunden verbellt,
von deren Hunden verbellt.

Ein Wintertag, der Schnee war frisch, es war Januar.
Meine Mutter rief uns zu Tisch, das Essen ist gar.
Mein Vater sagte: „Appetit“ wir warteten auf Kaspars Schritt.
Mein Vater fragte mürrisch: „wo bleibt Kaspar?“

Wir suchten und wir fanden ihn auf dem Pfad vor dem Feld,
der Neuschnee wehte über ihn, sein Gesicht war entstellt,
die Augen angstvoll aufgerissen, sein Hemd war blutig und zerrissen.
Erstochen hatten sie ihn, dort auf dem Üttinger Feld,
dort auf dem Üttinger Feld.

Der Polizeirat aus der Stadt füllte ein Formular.
„Gott nehm ihn hin in seiner Gnad“, sagte der Herr Vikar.
Das Üttinger Feld liegt lang schon brach, nur manchmal heulen mir noch Hunde nach.
Dann streu ich Blumen auf das Grab, für Kaspar,
für Kaspar.

Literaturverzeichnis:
G.F. Daumer, Mitteilungen über Kaspar Hauser, R. Geering Verlag, Dornach
G.F. Daumer, Kaspar Hauser, sein Wesen, seine Unschuld, ebendort
Preu, Osterhausen, Albert, Heidenreich, Kaspar Hauser, Arztberichte, ebendort
P. Tradowsky, Kaspar Hauser oder das Ringen um den Geist, Goetheanum, Dornach
Annchen Kröger, Briefe an Kaspar Hauser, ISBN 3-8330-0042-2
Jakob Wassermann, Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens, dtv
Philipp Portwich, Kaspar Hauser, naturphilosophische Medizin und frühe Homöopathie in Medizinhistorisches Journal 31 (1996) S. 89-119
M. Stolberg, Geschichte der Homöopathie in Bayern (1800-1914) in Quellen und Studien zur Homöopathiegeschichte 5, Heidelberg 1999 (umfangreiches Lit.verzeichnis, z.B. Briefe Preus an Hahnemann zitiert (Hahnemannarchiv Stuttgart)
3 berühmte Filme
Der Fall Kaspar Hauser von R.A. Stemmle 1963
Jeder für sich und Gott gegen alle von W. Herzog 1974
Kaspar Hauser, der Mensch, der Mythos, das Verbrechen von P. Sehr 1993
In den 90er Jahren die erste Genanalyse vom Spiegel.
2002 die zweite Genanalyse, die eine Verwandtschaft Kaspars mit dem Hause Baden (nach 170 Jahren!) bis auf ein Gen bestätigt.
Internet:
http://www.kaspar-hauser.info
http://www.Ansbach.de
http://www.burgstaedt.de/Hauser
http://www.gesch.med.uni-erlangen.de
Stapfs Allgemeines homöopathisches Archiv 11 von 1831
Sind wir nicht alle ein bißchen Kaspar!?


 
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