23.09.2009: Adipositas bei Kindern und Jugendlichen


Elvira Bosse, Ernährungsberaterin

Synonyme:
Obesitas, Obesity, Fettleibigkeit, Fettsucht, krankhaftes Übergewicht

Übergewicht ist längst nicht mehr das Phänomen der Erwachsenen – immer mehr Kinder und Jugendliche sind übergewichtig und sogar „fett“. Medien sprechen von einer XXL-Generation. In Deutschland sind jeder 3. Jugendliche und jedes 5. Kind übergewichtig oder gar adipös (krankhaft übergewichtig). Die Zahl der „dicken Schulanfänger“ ist lt. Untersuchen doppelt so hoch wie noch vor 20 Jahren, bei den Zehnjährigen vierfach höher - Tendenz steigend.
Die Ursachen für die Adipositas sind vielfältig und müssen im Einzelfall abgeklärt werden.
 
Wichtig ist das Gespräch mit den Eltern, um möglichst genaue Informationen über das Umfeld, das soziale Verhalten und das Eßverhalten der Kinder und Jugendlichen zu erhalten.


Häufige Ursachen für eine Gewichtszunahme
-    unregelmäßiges Essen
keine festen Essenszeiten, dadurch wird zwischendurch auf Snacks zurückgegriffen, meist sind es Süßigkeiten, Fastfood und/oder Junkfood.

-    unausgewogene Ernährung
vorwiegend zu fettes ballaststoffarmes Essen, Süßigkeiten und dazu stark zuckerhaltige Getränke.

-    mangelnde körperliche Bewegung
mit dem Auto oder mit anderen Verkehrsmitteln zum Kindergarten, in die Schule und im Kindergarten und in der Schule wird vorwiegend sitzende Tätigkeit. Fernseher und Computer tun ihr übriges.
 
-    genetische Faktoren
lt. wissenschaftlichen Studien und aus der Zwillingsforschung geht man davon aus, daß der Anteil der genetischen Veranlagung zwischen 50 und 70 % liegt.
 
-    soziokulturelle Hintergründe
niedriger Sozialstatus und niederer Bildungsgrad der Eltern, berufliche Situation und Stellung der Eltern, adipöse Eltern, sozial schwaches Umfeld, Einwandererfamilien
 
-    psychische Faktoren
Angst, Streß, Depressionen, Aggressionen, gestörtes Sozialverhalten
 
-    Hypothyreose
 
-    Obstipation
durch ballaststoffarmes Essen, zu wenig Bewegung, zu wenig Flüssigkeit
 
Sehr selten sind angeborene Erkrankungen:
-    Cushing-Syndrom
-    Wilson-Turner-Syndrom
-    Prader-Willi-Syndrom
-    Badet-Biedl-Syndrom
-    Cohen Syndrom
-    Borjeson-Forssman-Lehmann-Syndrom
-    Leptinmangel
-  Appetitanregung als Nebenwirkung von Medikamenten wie z. B. Glukokortikoide, Antidiabetika, Antidepressiva oder Neuroleptika
 
Feststellung von Übergewicht oder Adipositas bei Kindern und Jugendlichen:

Die Feststellung von Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter wird anhand von BMI-Perzentilen vorgenommen. Es sind Referenztabellen, die von Gesundheitsorganisationen (WHO) anhand von alters- und geschlechtsspezifische Daten entwickelt wurden.
 
Kurzform zur Auswertung der BMI-Perzentilen bei Kindern und Jugendlichen:
 
BMI-Werte bei Erwachsenen:
Normalgewicht 18.5 - 24.9
Übergewicht 25.0 - 29.9
Adipositas Grad I 30.0 - 34.9
Adipositas (Grad II) >35.0
Adipositas (Grad III) ab 40.0
 
BMI-Perzentilen für Kinder:
Normalgewicht  p10 - p90
Übergewicht p90 - p97
Adipositas Grad I >p97
Adipositas (Grad II) p97 - p99,5
Adipostias (Grad III) >99,5
 
(Tabellen, die genaue Werte zu männl. oder weibl. Kindern und Jugendlichen beinhalten s.z.B. unter www.adipositasgesellschaft.de, www.aid.de)
 
Gewichts- und Größentabelle (Durchschnittswerte) Altersklasse 1-14 Jahre
 
         Mädchen                                        Knaben    
Alter  Größe in cm  Referenzgewicht in kg  Größe in cm   Referenzgewicht in kg
                            (Normalbereich)                               (Normalbereich)
1       75 +/-6        9,3 (7,4–11,2)            77 +/-6          10,3 (8,2–12,4)
2       87 +/-7        12,2 (9,8–14,6)          89 +/-6          12,8 (10,2–15,4)
3       96 +/-7        14,5 (11,6–17,4)        97 +/-7          14,9 (11,9–17,9)
4       103 +/-8      16,6 (13,3–19,9)        104 +/-8         16,8 (13,4–20,2)
5       111 +/-9      19,0 (15,2–22,8)        111 +/-8         19,1 (15,3–22,9)
6       117 +/-9      21,0 (16,8–25,2)        117 +/-9         21,1 (17,0–25,4)
7       122 +/-9      23,3 (18,6–28,0)        124 +/-10       24,0 (19,2–28,8)
8       129 +/-10    26,8 (21,4–32,2)        130 +/-10       26,9 (21,5–32,3)
9       135 +/-10    29,8 (23,8–35,8)        135 +/-11       29,6 (23,7–35,5)
10     142 +/-11    34,5 (27,6–41,4)        141 +/-12       33,5 (26,8–40,2)
11     148 +/-12    38,8 (31,0–46,6)        147 +/-13       37,1 (29,7–44,5)
12     154 +/-14    43,7 (35,0–52,4)        156 +/-14       45,1 (36,1–54,1)
13     158 +/-13    46,3 (37,0–55,6)        161 +/-16       50,5 (40,4–60,6)
14     165 +/-11    54,3 (43,4–65,2)        168 +/-17       53,5 (47,4–71,2)
 
Quelle: Reinken L.; Stolley H.; Droese W. (1980): Monatsschr. Kinderheilkunde 128:662-667.
 
Die Auswirkungen von Übergewicht und Adipositas im Kindesalter sind ebenso bedrohlich und schwerwiegend wie bei Erwachsenen. - Die Schäden beginnen nur früher und wirken sich negativ auf die normale Entwicklung des Kindes aus.

Es kann zu folgenden evtl. irreparabelen Gesundheitsstörungen kommen:
 
-    Diabetes mellitus Typ II
-    Metabolisches Syndrom
-    Hyperlipidämie
-    Hypertonie
-    Eisenmangelanämie
-    Herz-Kreislauferkrankungen
-    psychische Probleme
-    Störungen im Hormonhaushalt
-    Überlastungserscheinungen der Gelenke und des Skeletts
-    Haltungsfehler
-    Eßstörungen

Richtwerte zur orientierenden Beurteilung von Lipidbefunden bei Kindern und Jugendlichen bis 19 Jahren
 
Alter             Cholesterin    LDL-Chol.    HDL-Chol.    Triglyceride
                    (mg/dl)         (mg/dl)       (mg/dl)        (mg/dl)
1-3               <140            <90             ≥35            <100
4-7               <150            <100           ≥40            <110
8-15             <160            <110           ≥40            <110
16-19            <170           <110           ≥40            <120
Erwachsene    <200           <130           ≥40            <150
 
(Leitlinien unter www.aps-med.de)
 
Vorschläge zur Prävention der Adipositas:
 
-    Wahrnehmung des kindlichen Eßverhaltens
welcher Übergewichtstyp ist das Kind: Big-Eater – Sweet-Eater – Fat-Eater – Snack-Eater –  Nightly-Eater –  Binge-Eater
-    Einhaltung von bestimmten Essenszeiten - regelmäßige Mahlzeiten
-    Frühstück niemals ausfallen lassen
-    Mahlzeiten gemeinsam mit den Kindern einnehmen
-    auf bewußte Nahrungsaufnahme beim Kind achten
-    dem Kind Vorbild sein durch eigenes Eßverhalten
-    das Kind nicht mit Essen belohnen (Süßigkeiten)
-    gesunde und ausgewogene Ernährung
-    Süßigkeiten, Cola, Chips usw. nur in kleinsten Mengen
-    regelmäßige Bewegung wie z. B. in den Kindergarten oder in die Schule laufen
-    für genügend Entspannung sorgen – Streß vermeiden


Vorschläge zur Gewichtsreduktion:

-    Änderung des Eßverhaltens
-    Mischkost: fettmoderat, stärkebetont, faserstoffreich
-    Süßigkeiten: wegen des hohen Fettanteils möglichst keine Backwaren und Schokolade
-    regelmäßig trinken: Wasser pur oder gemischt mit Säften, Früchte- oder Kräutertees, die füllen den Magen
-    für zwischendurch, um „Heißhunger“ zu vermeiden, Obst, Yoghurt, Salzstangen, Müsli
-    regelmäßige körperliche Aktivitäten: möglichst 3 Mal die Woche 30 Minuten, denn „jeder Gang macht schlank“

Wichtig:
Sich mit dem Kind über einen Abnehmerfolg, und sei er noch so klein, freuen.
 
Fakt ist:
Ist die Energieaufnahme in Form von Nahrung höher als der Körper an Energie verbraucht, kommt es zur Gewichtszunahme.
Energieaufnahme im Vergleich zum Energieverbrauch

Wie lange muß ich mich körperlich betätigen, um ca. 500-550 kcal zu verbrennen?
Inlineskating    35 Min.
Seilspringen (mittlere Intensität)    44 Min.
Fahrradfahren (mittlere Intensität)    55 Min.
Langlaufen (mäßige Intensität)    55 Min.
Jogging allgemein    1 Std. 4 Min.
Skifahren    1 Std. 4 Min.
mit Hund spazieren gehen    2 Std. 27 Min.
Schlafen    8 Std. 9 Min.
(Teilansicht einer Tabelle:  Nutritional Consulting Mannhart)


Bei stark übergewichtigen Kindern können zur unterstützenden Therapie pflanzliche Arznei- oder Nahrungsergänzungsmitteln eingesetzt werden:

Pflanzliche Präparate, die sich positiv auf die Verdauung und den Lipidstoffwechsel auswirken:

Knoblauch (Allium sativum L.) im Handel erhältlich als Dragees und überzogene Tabletten
 
Artischocke (Cynara scolymus) im Handel erhältlich als Liquidum, Dragees, Kapseln und Tabletten
 
Fischöl im Handel erhältlich als Kapseln
 
Flohsamenschale (Psyllii semen) im Handel erhältlich als Pulver und Granulat
 
Sojabohnen (Glycine max) im Handel erhältlich als Kapseln
 
Mate (Ilex paraguariensis St.-Hil.) im Handel erhältlich als Tee, Tropfen und Kapseln
 
Topinambur (Helianthus tuberosus) im Handel erhältlich als Trinkpulver, Pulver, Kautabletten
 
Madar (Calotropis gigantea) im Handel erhältlich als Pulver, flüssige Verdünnung und Tabletten
 
Blasentang (Fucus vesiculosus) im Handel erhältlich als Kapseln und Tabletten
 
Grüner Tee
 
Spargel (Asparagus officinalis L.) im Handel erhältlich als Tabletten
 
Brennesselblätter (Urticae dioicae folia) im Handel erhältlich als Tee, Tropfen, überzogene Tabletten, Kapseln
 
Birkenblätter (Betulae folium) im Handel erhältlich als Tee, Tropfen und Tabletten
 
Katzenbartkraut (Orthosiphonis folium) im Handel erhältlich als Tropfen, Kapseln und Tabletten
 
Goldrutenkraut (Solidaginis virgaureae herba) im Handel erhältlich als Tee und Tabletten
 
Alternative Methoden
Psychotherapie – Verhaltenstherapie – Hypnose –  Akupunktur – Bioresonanz – Bachblüten – Entspannende Maßnahmen – Bewegungstherapie 

 
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