22.04.2010: Homöopathische Weltreise Teil 3 und 4


Teil 3: China
China ist ein riesiges Weltreich über tausende von Jahren, seine lange Reihe von Herrscherdynastien beeindruckt uns auch noch heute, denn trotz Mao und Kommunismus bleiben die Menschen sich selber treu.
 
Kulturelle Meisterleistungen wie die Große Mauer oder die Tonkriegerarmee werden abgelöst durch technische Meisterleistungen, wie den Staudamm des Yangtsekiang oder organisatorische Wunder, wie die Olympischen Spiele 2008.
 
Überbevölkerung mit tausenden von Fahrrädern und dicker Luft in den Groß­städten steht Einsamkeit in stillen Zen-Klöstern gegenüber. Erfindungen, wie Porzellan, Schwarzpulver, Seide und Tee lockten schon immer Kaufleute, wie Marco Polo ins Land des Drachens, jahrtausend alte Heilverfahren wurden immer wieder weiter verfeinert und ausgereift.
 
Alles in China ist fein, kunstvoll ästhetisch und dennoch überdimensional.
 
Heute Abend wollen wir sehen, ob diese Attribute auch in den aus China stammenden Mitteln wiederzufinden sind.
 
China
Dieses Mittel ist wahrscheinlich allen Kollegen bestens bekann als Malaria­mittel, bzw. Schwächemittel. Das ge­sam­te Nervenkostüm ist überreizt, aus Schwäche flüchtet der Patient in Phan­ta­­sie­welten und erlebt dort die wildesten Abenteuer, körperlich sind starkes Schwitzen und Blutverluste aller Art kennzeichnend, mit anschließenden Kopfschmerzen und Schwindel. Die extreme Empfindsamkeit des Mittels wird gerne als „Prinzessin-auf-der-Erbse-Syndrom“ beschrieben, eine Mär­chenfigur, die nach einer Nacht auf einer Erbse unter zig Matratzen grün und blau geschunden war. China hilft alten Men­schen, die bettlägerig sind, wunderbar gegen Wundliegen, denn die Situation ist ähnlich. Entkräftende Ent­bin­dungen, schwächende Operationen mit viel Blutverlust, schwächende Men­struation, wiederkehrende Fieber – das sind die großen Einsatzgebiete von Chi­na. Die Patienten wirken anämisch blaß und mögen keine leichten Berührungen, wie Streicheln – festes Angepacktwer­den
tut ihnen dagegen gut. Doch auch schwäch­lichen, kränkelnden, unterentwickelten Kindern, die an wiederkehrenden Durchfällen leiden oder magersüchtig sind, tut China sehr gut; genauso gut wie gegen Folgen übermäßigen Fastens. China fühlt sich schwach, will nach Außen hin aber Stärke beweisen. Wer sich dagegen stark fühlt, braucht solche Beweise nicht zu führen.   

Die Stärkebeweise mit Militärparaden  und Übergriffe gegen echte oder vermeindliche Regimegegner (z.B. Tibet), hätte ein wirklich starkes Land nicht nötig. Rückbesinnung auf innere Werte, wie sie die Shaolinmönche z.B. praktizieren, würden dagegen zu echter Stärke führen. Mit dem Mittel China finden wir unser inneres Kloster.

Ailanthus glandulosa
Der chinesische Götterbaum ist ein ganz wichtiges Mittel gegen Scharlach, Rachenentzündung und unterdrückten Hautausschlag. Scharlach ist eine Kin­derkrankheit, die bevorzugt Kinder be­kommen, die ihren Mund nicht aufmachen dürfen und darüber wütend sind. Eine Entzündung des Rachens sagt dasselbe aus: Ich möchte schreien, ich will Feuer speien und sagen, was mich quält, aber ich darf nicht. Und hinter einem Hautausschlag steht: Ich will meine Peiniger schlagen, doch sie sind stärker, deshalb schlage ich lieber meine Haut, denn irgendetwas schlagen muß ich. Also Wut und Unter­drückung auf allen Ebenen. Was bleibt ist Pflicht­erfüllung und Funktionieren­müssen, Freude und Genuß sind untersagt.

Wenn wir uns das Land China ansehen, sind diese Verhaltensweisen in der Be­völkerung nicht fremd: Das Volk wird mundtot gemacht und muß funktionieren, es leidet still vor sich hin, es wird im Status des unmündigen Kindes gehalten, dem Freude versagt wird. Und die Fahne ist scharlachrot.

Gingko biloba
Der chinesische Tempelbaum ist ein uralter, höchst beständiger Baum, der Themen wie Widerstandsfähigkeit und Anpassung symbolisiert, individuell (hilfreich gegen das Altern), als auch kollektiv (5000 Jahre Kultur).

Er symbolisiert durch die gespaltenen Blätter, deren Rippen in einem Punkt zusammenlaufen, eine Verschmelzung der männlichen und weiblichen Pole, also Yin und Yang.
 
Gelassenheit, Klarheit, Ruhe, wie beim Meditieren, sind die Folge. Zeit ist unwichtig.
 
Körperlich wirkt der Gingko vorwiegend gegen Migräne, altersbedingte Hirn­leistungsschwäche, Arterienverkalkung, Karies, Leistenbruch (Leistungs-einbruch) und knackende Gelenke.
 
Wenn es China gelingen könnte, männliche Dominanz (Militärdiktatur) und weibliche Intuition (Meditation, Zen-Klöster) zu vereinen, wäre das Land wirklich zeitlos. Seine Schwäche liegt in seiner Einseitigkeit und Starre.

Bambusa arundinacea
Bambus ist eine Antwort auf Über­lastung, Erschöpfung, Zusammenbruch, wenn uns alles über den Kopf wächst (Bambus ist ein Gras, das uns meterhoch überragt, wie ein Wald).

Es gibt eine entzückende Geschichte, in der der Bambus im Garten des Meisters diesem mithilfe des Windes zuraunt, er würde alles für ihn tun. Und der Meister sagt seinem Bambus jeden Tag, er sei ihm die liebste Pflanze seines Gartens. Jahre später fordert der Meister den Liebesdienst seines Bambus ein und bittet ihn darum, ihn abschlagen zu dürfen. Voller Erschrecken sterben zu müssen, fragt dieser: „Warum, ich bin doch Deine liebste Pflanze, Du hast mir immer wieder gesagt, wie sehr Du mich liebst.“ „Ja,“ sagt der Meister, „aber jetzt brauche ich Dich, um aus Deinen Hal­men ein Bewässerungssystem für den gesamten Garten zu machen.“ Erst da erkennt der Bambus seine ehrenvolle Aufgabe fürs Ganze und gibt sich hin.
 
In dieser Geschichte steckt die ganze Essenz des Bambus, die innere Ver­neigung vor dem Dienst am Ganzen, die innere Größe, das eigene Leben zu geben, damit andere leben können, die Gelassenheit zu vertrauen, daß alles gut wird.
 
Bambus richtet uns innerlich wieder auf, wenn wir gebrochen wurden (geschlagene Kinder genauso, wie politische Gefangene, ebenso Tiere aus Tier­heimen oder Tiertransporten) und alle körperlichen Beschwerden durch eine überlastete Wirbelsäule, sei es durch Prellungen, Unfälle oder einfach die Last des Lebens.
 
Bambus hilft bei Schicksalsschlägen aller Art (ein Rohrstock, mit dem früher geschlagen wurde, ist aus Bambus), und gestattet uns, den Kopf oben zu behalten.

Angelica sinensis
Die Anwendungsbereiche des chinesische Engelwurz oder Dong Quai stehen den phytotherapeutischen in nichts nach, körperlich hilft das Mittel Frauen in den Wechseljahren, bei nächtlichen Schweißausbrüchen und den gefürchteten „Flushs“. Angelica beeinflußt die Hypophyse und Temperaturregelung unseres Körpers. Passend dazu ißt Angelica sinensis gerne Eis, auch im Winter. Die Welt interessiert sie nicht, sie möchte gerne alleine sein und alleine leben an einem ruhigen Ort.

Alles an dem Mittel erinnert mich an das Buch „Die Frauen des Hauses Wu“, in dem eine chinesische Frau an ihrem 40. Geburtstag auszieht aus der ehelichen Wohnung und ihrem Mann eine blutjunge Zweitfrau zuführt, weil sie sich zu alt für ihn, der auch noch 15 Jahre älter ist als sie, fühlt und ihre Ruhe haben will.

Opium
Opium hat auch Rückzugstendenzen – wenn man es so nennen will. Es ist das Schockmittel par excellence, nicht nur bei Katastrophen, wenn Menschen apathisch neben sich stehen und nicht mehr in der Lage sind klar zu denken, nicht nur nach Gedächtnisverletzungen durch Unfall, Sonnenstich, Krieg, Apoplex oder Meningitis, sondern auch durch großen Schreck, wenn Mama zu streng ge­schimpft hat (sehr sensible Kinder können sich dann völlig in sich zurückziehen und die wahrgenommenen Gefühle bis zur Gefühllosigkeit unterdrücken), und bei Schock durch Impfungen, was zu mangelnden Reaktionen auf gut gewählte homöopathische Mittel führen kann. Also Schocks durch Unter­drückung (Tadel, Impfung) heilt Opium auch.
 
Als „Milch der reinen Denkungsart“  macht es unsere Empfindungen und die darauf folgenden Reaktionen wieder rein und ursprünglich, kindlich, wenn man so will.
 
Schmerzlose Lähmungen, Heißhunger ohne Geschmack, sexuelles Erleben nur im Schlaf, das sind Beschreibungen von Zuständen, die Opium benötigen. Doch es gibt noch eine häufige Indi­kation, die nach Opium verlangt: Schlaf­apnoe, also wenn wir so tief schlafen, daß wir vergessen, wie man Luft holt. Diese Zu­stände bewirken kurzfristigen Sauer­stoffmangel im Gehirn und, wenn sie gehäuft auftreten, eine massive Ta­gesschläfrigkeit. Opium hilft in solchen Fällen sofort.
 
Opium als Rauschmittel unterdrückt vi­tale Empfindungen und Reaktionen, und in China wird die kenntlich durch eine staatlich verordnete Ge­burtenkontrolle, denn hier wird die vitalste Äußerung von Leben gewaltsam unterdrückt. Leid und Schmerz werden bis zum Nicht-mehrwahrnehmen weggedrückt. Doch die Kinderseelen, die es schaffen in China geboren zu werden und aufzuwachsen, sind Kronprinzen und Kronprinzes­sin­nen und werden innerfamiliär gehütet, wie ein Augapfel – diese Generation wird sich ganz gewiß nicht in ein soziales Korsett pressen lassen, dazu wurden ihre Egostrukturen zu sehr gefördert. Das System zerstört sich selber, wie Opium einen Opiumraucher. Die kommunistische Partei von Mao liegt im kollektiven Tiefschlaf.
 
Bombyx mori
Die Seidenspinnerraupe ist Opium ex­trem ähnlich. Sie ist ebenfalls ein wunderbares Schockmittel nach Traumata und anzuwenden, wenn eine Seelen­flucht die Folge war. Traumata mit See­len­flucht sind so schwer, daß die verwundete Seele nicht mehr von allein in den Körper zurückfindet. Was die Seele so stark verletzt hat, kann höchst individuell sein, ein Fritteuseunfall, ein Treue­bruch, eine OP-Narkose, eine Kneipen­schlägerei, ein Geburtstrauma (so die Fälle, die ich damit behandelt habe).

Wenn eine Seele aus dem Körper flüchtet und sich nicht mehr rückverbinden kann, hat das in der Regel höchst dramatische Folgen: von Schluckstörungen bis Bulimie, von Alzheimer bis Koma, Wahrnehmungsstörungen aller Art bis Impotenz und Frigidität.
 
Bombyx mori ist der Seidenfaden, der eine solche Seele behutsam umspinnt und wieder einfängt, um sie dann rückzuverbinden mit dem Körper. Bombyx mori ist ein Gnadenmittel, es gewährt uns die Gnade, zurückzukehren von unserem Ausflug in die Anderwelt.
 
Das große Land China ist ebenfalls gerade dabei, seine kulturelle Seele zu verlieren, und so ist es kein Zufall, daß dieses Mittel gerade aus dieser Region stammt.  
 
Kaolinum – Porzellan
... ist eine Mischung aus Silicium, Cal­ziumcarbonat und Aluminiumoxyd.

Die Hauptanwendungen dieses Mittels sind dem Mittel Alumina sehr ähnlich, die trockene Haut, der Identitätsverlust, die Depression. Dennoch ist es auch ein Mittel gegen Krupp, Asthma und Bron­chitis. Kaolinum hat das Gefühl, ihm bliebe die Luft weg, es fühlt sich beengt, erdrückt. Kaolinum hat keinen Appetit und fühlt sich selbst wie tot. Die Nähe zum Tod ist auch gekennzeichnet durch ein übergroßes Schlafbedürfnis.
 
Ich sehe in Kaolinum die reichen Por­zellanpüppchen des idealisierten chinesischen Frauenbildes früherer Epochen, die auf ihren geschnürten Füßchen nur noch trippeln konnten, mit kreideweiß geschminkten Gesichtern ihre Identität verloren und sich ständig mit ihren Fächern Luft zufächeln mußten. Diese Damen waren ausschließlich Schmuck­stücke ihres Mannes, reine Zierobjekte, die sich innerlich wie tot fühlten.
 
Thea – Tee
Tee, in Maßen genossen, führt zu Be­wußtheit, Klarheit, Achtsamkeit und ist darüber hinaus auch noch Genuß. Tee im Übermaß macht dagegen schlaflos, übel, Kopfschmerzen und Herzklopfen, wie Kaffee, da auch Tee Coffein enthält, und zwar genauso viel wie Kaffee. Allerdings wird dieses Gift zeitverzögert in den Körper abgegeben, so daß Tee­trinker länger und letztlich schonender etwas davon haben.

All die Vergiftungssymptome erscheinen dann als Leitsymptome des homöopathischen Mittels Thea, darüber hinaus Seekrankheit, Gehörhalluzinationen, Neuralgien und sogar Mordlust den eigenen Kindern gegenüber. Thea hat Furcht vor dem eigenen plötzlichen Tod und sagt die Todesstunde voraus (wie Arsen). Die pathologischen Seiten von Thea lassen den Patienten phasenweise wie fremdbestimmt wirken, bis er aus dem Wahn erwacht und zur gewohnten Klarheit zurückfindet, das Leben er­scheint ihm wie vergiftet, und er möchte sich mit Gewalt daraus befreien. Starre Normen, Gesetze, Regeln, sei es in einem festgefügten Klosterleben, sei es im Palast früherer Kaiser, sei es im heutigen Großreich China, wollen ge­sprengt werden, um die tiefen und echten Gefühle dahinter frei zu lassen und tiefe Kontemplation zu leben.
 
Thea ist in weiten Zügen das komplette Gegenteil von Opium. Opium zieht sich zurück, Thea geht in die Aktion, und sogar manchmal „über Leichen“; Opium verschließt sich, Thea öffnet sich;
 
Opium macht schläfrig, Thea macht wach und klar; Opium ist schmerzlos, Thea sehr schmerzempfindlich; Opium ist faul, Thea sehr fleißig. Dennoch sind beide in ihrer extremen Ausprägung pathologisch.
 
Fremdbestimmt sein, so würden heute wohl viele Chinesen ihr Dasein be­schreiben, wenn man sie ließe. Und das System geht zum Machterhalt über Leichen – auch das ist bekannt. Doch das war auch schon zu Kaiserzeiten so und ist eigentlich nichts Neues in China.
 
Glonoinum
Das Schwarzpulver ist ein hochexplosives Mittel und es ist interessanterweise eine Mischung von Opium und Thea. Es ist ein hervorragendes Schockmittel, wie Opium, besonders nach Zuständen von Sonnenstich, hat berstende Kopf­schmer­zen, wie Thea. Es verliert das Erin­nerungsvermögen in Bezug auf Örtlichkeiten, wie Opium, und hat Hallu­zi­nationen (Funken sehen, Lichtblitze), wie Thea. Es ist Zündschnur und Pul­ver­faß in einem, ein Möchtegern, der sich aber nur in seiner Phantasie traut. Be­währt hat sich das Mittel bei drohendem Apoplex und im Klimakterium, wenn uns hoher Blutdruck und Wallungen quälen, und uns das Blut zu Kopf steigt. Glo­noinum möchte Bomben legen, um etwas zu verändern, greift dann aber doch lieber zu Silvesterknallern.

Über Marco Polo kam die Erfindung des Schwarzpulvers zu uns und hat die westliche Welt quasi über Nacht verändert, sei es durch Kriege, Tunnelbau oder Abbau von Bodenschätzen. Diese Substanz, die vorher schon über Jahrhunderte in China bekannt war, wurde dort ausschließlich in transformierter, weiser Form genutzt, nämlich zur Illumination und zum Schmuck von Festen. Heute dürfen wir sie erneut in Weisheit als homöopathisches Mittel verwenden.  
 
Lotus – die Lotusblume
Lotus ist ein Mittel für kollektive Schockzustände, wenn nicht nur ein Mensch neben sich steht, sondern alle Überlebenden nicht fassen und verarbeiten können, was da geschehen ist, weil es einfach unfaßbar und zu schlimm für einen allein ist. Egal, ob Flutkatastrophe, Eschede, Winnenden oder Erdbebenopfer – Lotus ist das Mit­tel für alle, um die Katastrophe an sich abperlen zu lassen, wie ein Regen­tropfen auf einem Lotusblatt. Hurra, wir leben noch! Lotus ist der psychische Regenmantel, an dem das Drama an uns heruntergleitet und uns die dringend benötigte Pause gibt zum Entspannen in einer angespannten, chaotischen Welt. Lotus gibt uns die Übersicht in unübersichtlichen Zuständen.

Am Ende des Kinoklassikers „Vom Winde verweht“ sagt Scarlett O`Hara: Darum kümmere ich mich morgen – und macht genau das, was der Lotus macht – sie gönnt sich im Angesicht des Dramas eine Auszeit, um zu innerer Gelassenheit zu finden.
 
Lotus ist das Mittel für Gelassenheit und Frieden im Angesicht von Katastrophen. Nichts ist zu ändern, es ist zu groß für einen alleine, man muß es nehmen, wie es ist und Morgen kommt noch früh genug.

Teil 4: Karibik
Bei der Karibik denken wir an Sommer, Sonne, Strand und Meer, weißen Sand, rote Korallen, grüne Palmen und Blüten­pracht – kurz: das Paradies schlechthin.
 
Nichtstun, Hängematte, Reggea­klän­ge, Rastalocken und Longdrinks – ein Bild wie im Webefernsehen. Alles ist leicht, verspielt, die ganze böse Welt mitsamt dem Hamburger Schietwetter bleibt draußen. Gut, vielleicht gibt es ein paar Piraten, aber hey, was solls, die sind doch nicht böse, sondern wollen nur ein paar Abenteuer erleben.
 
Braungebrannte, hübsche Mädels und knackige Kerle mit Charming-Lächeln und Sixpacks laufen überall herum. Natürlich hat auch das Paradies seine Ecken und Kanten, das sagt uns der Verstand, doch den verdrängen wir gern in unserer Urlaubslaune. Wir­belstürme, soziale Unruhen, Voo­doo, Drogen, Fidel Castro und Che Guevara – all das wollen wir nicht so gern anschauen.    
 
Heute Abend werden wir uns homöopathisch auf die Karibik und die von dort stammenden Mittel konzentrieren und so vielleicht zu einem umfassenden und harmonischen inneren Bild kommen, von dieser Region der Erde.
 
Cocos nucifera – die Kokospalme
Aus Kokos wird in der Karibik fast alles hergestellt: die Dach­be­deckungen, Ge­fäße, Matten, Öl, Nahrung, trinken, Brenn­material und Boote, Kokos deckt die Grund­be­dürf­nisse der dort lebenden Men­schen in fast jeder Hinsicht ab. Das The­ma Grundbedürfnis ist dann auch durchgehend in der homöopathischen Arznei zu finden, denn Cocos hilft Kindern, die zu­wenig gestillt wurden und bietet damit die Chance, das emotionale Defizit aufzuholen.

Cocos ist stur (harte Nuß) und gerät leicht auf die Palme, kann aber auch sehr spaßig sein und andere leicht zum lachen bringen.

Vor dem Meer hat Cocos einerseits Respekt, andererseits eine verklärte, ro­mantische Vorstellung (Kokosnüsse schwimmen oft lange im Meer, bis sie eine Insel finden, um wurzeln zu können, sie werden „zu früh von der Mut­terbrust entlassen“, fühlen sich entwurzelt). Auch Schiffbrüchige, die einen Tro­pensturm gerade so überstanden haben, schwimmen oft tagelang an ein Brett geklammert im Meer, in Er­man­gelung aller Grundbedürfnisse, bis sie an einen Strand ge­schwemmt werden.
 
Heimatlosigkeit und Heimweh sind da­neben große Themen des Mittels, Ro­binson Cruso läßt grüßen.
 
Ein körperlicher Schwerpunkt von Co­cos ist Neurodermitis, die die Patienten kratzen läßt; unter der Haut schlummert der Kon­flikt (keine Erfüllung des Grund­bedürfnisses, Heimweh) und kratzt uns noch. Wenn wir in der Anamnese diese Konflikte als Causa finden, ist das Heilmittel Cocos.
 
Viele Haustiere werden zu früh der Mut­terbrust entrissen und leiden dann unter psychischen Problemen, ebenfalls viele Tiere aus Tierheimen. Hier würde das Mittel sehr viel Segen bringen.
 
Ananas
Ananas ist eine Bromelienfrucht, die wie ein gekröntes Haupt aussieht, in ihr finden wir den geklärten, gereinigten Zu­stand des Menschen, der alles Leid durchlaufen hat, um zu sich selbst zurückzufinden. Erschaffen im Paradies, führt sie uns zurück ins Paradies, wo die Seele so weit ist, daß sie alles lieben kann, auch sich selbst.
 
Ananas hat die Kraft zur Selbst­verge­bung, Selbsterfüllung, der maximalen Potenzialentfaltung des Menschen, als Krone der Schöpfung, so, wie er einstmals von Gott erdacht war. Ana­nas ist das Kind im Paradies und macht uns kindlich, leicht und unbeschwert.
 
Ein Schwerpunkt in der körperlichen Anwendung ist Rheuma (Bromelain, das Enzym der Ananas, hilft hier ja auch in materieller Form sehr gut, allerdings sind viele Patienten dagegen allergisch – diese Klippe können wir mit dem Hom. Mittel umschiffen). Rheuma macht das Leben beschwerlich, Ananas löst diesen Zustand wieder auf.
 
Diabetes ist der zweite körperliche Schwerpunkt in der Anwendung des Mittels. Wieder ist es das Enzym, daß hier hilft, denn es kurbelt die Bauch­speicheldrüsentätigkeit ordentlich an.
 
Der dritte Schwerpunkt ist die Alz­hei­mer’sche Erkrankung – und bekanntermaßen hilft Bromelain, die Eiweiß­plaques aufzulösen, die diese Krankheit auslösen.
 
Rheuma, Diabetes und Alzheimer sind bevorzugt Krankheiten der heutigen Zivilisationsgesellschaft – vielleicht sollten wir mal wieder in die eher unzivilisierte Welt des Para­dieses wechseln, um diese Krank­heiten aus unserem Erleben zu verbannen – und dabei hilft uns die Ananas. Die Süße des Lebens kehrt zurück, die Schwere darf gehen, und wir dürfen unser gottgegebenes Po­tential ausleben.
 
Corallium rubrum – Rote Koralle
Keuchhusten, Krupp und Asthma – das sind die bekannten Indikationen der roten Koralle. Vorher Erstickungsanfälle, hinterher Erschöpfung – so kennen wir das Mittelbild. Kein Wunder, weist die Signatur der roten Koralle doch eine kaum zu übersehende Ähnlichkeit mit dem baumartigen Geflecht unserer Bronchien auf. Koralle besteht aus verfestigten Strukturen, und sind unsere Bronchien nicht dehnbar, müssen wir ersticken.
 
Typisch: der Patient kann sich nicht entscheiden, ob ihm zu heiß oder zu kalt ist. Außerdem hat er Halluzinationen von Gerüchen, etwa Rauch oder Zwiebeln. Dabei ist die Nase meist dick verstopft. Psoriasis mit roten, umschriebenen Flecken sind eine weitere Besonderheit von Koralle.
 
Emotional betrachtet ist Koralle ein Angstmittel, wie andere Kalziummittel auch (Auster, Ei, Schnecke, Zähne), denn das Gerüst der Koralle ist fast nur aus Kalzium aufgebaut..
 
Anders als Schnecken oder Muscheln kann eine Koralle sich nicht fortbewegen, sie ist auf Gedeih und Verderb auf die sie umgebenden Verhältnisse angewiesen. Das Einzige, was ihr Sicherheit gibt, ist ihre Struktur. Obwohl sie ein Tier ist, wächst sie wie ein Baum und verzweigt sich dem Licht zu. Nur absolut klares und sauberes Wasser erhält ihr Leben, Umweltverschmutzung wird nicht toleriert. Und so sind es auch beim Patienten immer wieder Umwelt­ver­schmutzungen, weshalb sie mit Husten und Atemnot sowie Hauterscheinungen reagieren, und feste Strukturen in Familie und Arbeits­platz geben ihnen Halt, den sie zum Überleben brauchen. Umbrüche in Fa­milie und Arbeit durch Scheidung, Um­zug, Arbeitsplatzverlust ziehen ihnen den Boden unter den Füßen weg und sind dann Causa für die geschilderten Symp­tome. Angst vor Ver­änderung ist eine wesentliche Indikation bei Koralle.
 
Doch gerade dauernde Veränderung ist ein Kennzeichen der Karibik, von wechselnden Kolonialisierungseroberern bis zur Entstehung der Inseln aus Korallen und angeschwemmten Kokosnüssen selbst, die vielleicht nach einem heftigen Tropensturm, von einem auf den anderen Tag gar nicht mehr da sind und sich durch die Unruhe des Meeres immer wieder neu erschaffen.    

Chrysemis scripta elegans – der Schildkrötenpanzer
Ein kaum geprüftes und wenig bekanntes Mittel.
 
Bei einer Schildkröte sind die Rippen­bögen zum Rücken gewölbt und zum Panzer verwachsen, in den die Tiere bei Gefahr Kopf und Gliedmaßen einziehen können. An Land bewegen sie sich un­beholfen und langsam, doch im Wasser sind ihre Bewegungen ge­schmeidig.
 
Ich denke bei diesem Mittel immer an Käptn Nemo von der Nautilus, der sich von der Welt zurück gezogen hat auf sein U-Boot, 20.000 Meilen unter dem Meer.
 
Zu denken wäre an Schildkröte bei Symptomen wie linkische, langsame Bewegungen, Rückzug von lauter Ge­schäftigkeit, verspannter Nacken- und Rückenmuskulatur und nicht altersgemäßer Weisheit/Hellsicht. Wer kennt nicht Nessaja, die Meeresschildkröte, die Peter Maffay in seinem Musical besungen hat.

Cypraea elegantina – die Kaurischnecke
Kaurischnecken oder Porzellan­schnek­ken waren jahrhunderte lang in der Südsee anerkanntes Zahlungsmittel, und bei diesem Mittel drehen sich alle Gedanken um Geld, bzw. Geld­pro­bleme, sowie das Verlangen nach Gold. Das zweite Thema ist Schutzlosigkeit und Verlangen, sich zu verstecken. Und wer versteckt sein Gold in der Karibik? Der Pirat!
 
Dazu paßt aber nur in der Verfilmung „Fluch der Karibik“ die ebenfalls auftretende Überempfindlichkeit gegen Men­schen und Hellsichtigkeit, sowie Sehn­sucht nach Romantik und Ver­schmel­zung (Langnese Eiscreme?), also das ganz große Kino, das volle Programm – womit wir wieder bei der Fülle wären.....

Vanilla planifolia – die Gewürzvanille
Vanilla bringt oben und unten zusammen. Als Kletterpflanze strebt sie dem Licht zu, und bleibt doch gleichzeitig geerdet. Sie verbindet Geist und Sexu­alität, Anspruchsdenken mit Ver­sa­gens­ängsten, geistige Hoch­leistung mit Burn-out und hohen Blutdruck mit Kreis­laufkollaps. Vanilla will hoch hinaus und fühlt sich doch gleichzeitig zu schwach dazu. Das macht Druck (die schwarzen Sa­men­körner der Vanille werden durch Druck herausgepreßt) und, Druck­schmerz ist das geschilderte Schmerz­empfinden von Vanilla.
 
Über lange Zeit übten die Kolonialherren in der Karibik viel Druck aus auf ihre schwarzen Sklaven, bis hin zum Verbot von Musikinstrumenten (so entstanden die Steelbands), und Sklaven, die ihren Rücken fast waagerecht verbiegen konn­ten und unter Stäben hindurchtanzen konnten, wurden freigelassen (Va­nille ist extrem biegsam) – Süße und Schwere finden leicht Platz nebeneinander in der Karibik, stehen nur scheinbar im Widerspruch.

Piper methysticum – Kava Kava – Rauschpfeffer
Piper methysticum fühlt sich ständig wie berauscht, lebt sein Leben oberflächlich, flattert von einer Party zur nächsten, will sich nur mit angenehmen Dingen die Zeit vertreiben. Die ganze Szenerie ist die, die uns die Bacardi-Werbung weismachen will: Hey Leute, das Leben ist Spaß, feste Arbeit und feste Be­zie­hungen sind etwas für Spießer.
 
Wer kennt übrigens den etwas anderen Bacardi-Song?
 
„Wir sind schön und wir sind jung,
perfekte Körper unter Palmen,
doch wir fallen ständig um,
wir ernähr’n uns von Bacardi Rum...“ – egal.
 
Ständige Ablenkung, Vergnügen und Oberflächlichkeit bergen kein Wachs­tum in sich, und so fühlen sich die Patienten irgendwann ausgelaugt und zermürbt, und auch die schönste und längste Party wird irgendwann langweilig.
 
Paris Hilton und unser König von Mal­lorca passen recht gut in das hom. Mittelbild.
 
Passiflora incarnata – Passionsblume
Übersetzt: Fleisch gewordenes Leid. Meist wird die Geschichte Jesu hineininterpretiert. Schaut man sich aber die Symptome des Mittels an, hat man unwillkürlich ganz andere Asso­zia­tionen. Passiflora ist ein ganz großes Krampfmittel. Von Epilepsie, unkontrollierbaren Tics, akuter Manie, Spasmen, Tetanus, Asthma, Keuchhusten, Migräne – kein Körperteil wird ausgelassen, wenn es um Krämpfe geht. Selbst im Schlaf werden die Patienten von Zuckungen gequält. Und die Bilder, die da in mir hochsteigen, zeigen die dunkle Seite der Karibik, die Besessenheit, den Voodoo, die Zombies.
 
Passiflora beruhigt die Nerven und er­löst den Patienten aus seinem andauernden Albtraum des Leidens.
 
Zwischen den strahlenförmigen Blüten­blättern sind bei Passiflora haarfeine, gerollte Blütenblätter, die wie Nadeln wirken. Nadeln, die in Puppen gestochen werden?
 
Krämpfe haben wir nur, wenn wir krampf­haft etwas mit unserem Willen erzwingen wollen, um krampfhaft etwas festzuhalten. Dann werden wir zum Loslassen gezwungen. Vielleicht ist es Zeit, die alten Götter gehen zu lassen.
 
Tabacum – der Tabak
Die Karibik ist ohne Zigarren aus Havanna nicht vollständig.
 
Tabacum ist kotzübel, schwindelig, es hat rasende Kopfschmerzen, Herzrasen, Schweiß auf der Stirn und fühlt sich so elend, daß es sich abstützen muß also akute Vergiftungssymptome, die vielen bekannt sind vom ersten Versuch, zu rauchen oder zu trinken. Tabacum wäre also das Mittel der Wahl nach der rauschenden (berauschenden) Bacardi-Party. Man will nur noch seine Ruhe haben. Und beim Rauchen von Tabak tut man genau das: Man nebelt sich ein, um in Ruhe gelassen zu werden, vom Gemecker der Eltern, der Ehefrau oder des Chefs. Dadurch wird der Konflikt vermieden, man steht nicht zu sich selbst.
 
Das Mittel Tabak gibt die innere Stärke zur Konfrontation – und plötzlich braucht man den blauen Dunst gar nicht mehr. Tabacum ist ein Raucher­entwöh­nungs­mittel (in Tiefpotenz, täglich).
 
Bekannt ist die schnelle Hilfe von Tabacum auch bei der Reisekrankheit (Fortbewegung ist das Gegenteil von Rückzug, der ja eigentlich gewünscht wird). Außerdem ist es ein tolles Mittel bei Durchblutungsstörungen der Beine (Schaufensterkrankheit, Raucherbein), und wieder geht es um das Thema Fortbewegung!
 
Selbstverständlich hilft das Mittel auch allen Hunden, die das Autofahren hassen, weil ihnen so schlecht dabei ist.

Psittacus erithacus – der Graupapagei
Eine wertvolle Arznei für alle, die die Sehnsucht in sich tragen, Bewertungen loszulassen. Das Grau des Papageis steht für die Auflösung von Schwarz und Weiß, von Gut und Böse, er ist der Bote der wertfreien Wahrheit. Witold Ehrler bezeichnet ihn als „Landkarte zur Schatz­insel des Goldes in unserem Ge­genüber“.
 
Indem er sich als Vogel in die Luft schwingt, ist er in der Lage, unsere Spielchen untereinander aus der Me­ta­ebene zu betrachten und den höheren Sinn hinter allem zu er­kennen. Ganz besondere Bedeutung kommt dieser Arznei als Basisarznei bei allen autoaggressiven Krankheiten zu (wenn wir einen Teil unserer Person bewerten und ablehnen, bzw. kontrollieren wollen) sowie in der Sterbehilfe (wenn wir noch bewertende Aspekte erlösen wollen, um angstfrei gehen zu können).
 
Bewährt hat sich die Arznei gegen Nägel beißen (ist auch autoaggressiv).
 
Piraten werden gern mit Papageien auf der Schulter dargestellt.
 
Tarantula cubensis – die Kubanische Vogelspinne
Tarantula macht immer eine Show, wo sie geht und steht. Sie schwatzt ungebremst drauf los und zieht sich gern schwarz an. Alles an ihr ist wild: die Gesten, die Arbeit (Worrcaholic), die Bewegungen, der Sex, das Lachen. Auffällig sind die Nervenanspannung und die Zap­peligkeit (ADHS), der sie am besten durch Stricken Herr wird. Exzessives Stricken deutet immer auf ein Spin­nenmittel.
 
Dem ganzen Bewegungsdrang stehen ein starrer, hypnotischer Blick ge­gen­über (sonst eher Schlangen­kenn­zeichen) und eine Vorliebe für Salziges.
 
Hirn- und Rückenmarkserkrankungen stehen bei Tarantula im Vordergrund, Epilepsie, Meningitis, Rücken­schmer­zen, wie wenn eine Lanze hineingestoßen würde, sowie rückwärts beugen der WS (Meningitiszeichen). Immer ist bei Ta­rantula die Zeit knapp, und sie ist in Eile, sie tanzt sehr gern, hat we­nig Appetit, aber viel Durst. Ihr soziales Verhalten ist oft manipulativ und sogar hinterlistig
 
Saccharum offizinale – der Rohrzucker
Der Rohrzucker sucht nach Liebe, indem er andere bemuttert und versorgt. Na­türlich liebt er selber Süßig­keiten und zeigt genau dadurch sein Liebesver­langen. Ist das größte Mittel gegen Nägel kauen und zum Abnehmen. Rohrzucker steht für orales Kon­sumverhalten an sich. Nägelkauen ist, wie schon gesagt, autoaggressiv (lieber verletze ich mich selber als andere), und auch Autoaggression ist in diesem Mittel enthalten. Gepaart mit Süße wirkt es ideal gegen autoaggressiven Dia­betes, gleicht so die hormonelle Schau­kel von Überfluß und Mangel aus.
 
Die Karibik wird oft fälschlicherweise als Schla­raf­fenland mißverstanden, wo einem ohne Arbeit gebratene Tauben in den Mund fliegen. Wir wollen eigentlich Liebe leben dürfen, ohne etwas dafür tun zu müssen, wie im Pa­radies.
 
Ein Patient, der Rohrzucker braucht, fängt vieles an, ohne es zu Ende zu führen. Schlußendlich ist er frustriert, fühlt sich minderwertig (raffinierter Zucker ist minderwertiger Zucker), wird depressiv (Gehirn ohne Zucker = Depression). Rohrzucker heilt die Sucht (Suche) nach schneller Befriedigung durch Konsum von Süßem / Waren / Freizeit.

Mehr lesen ...
 
zurück top Druckversion