22.04.2010: Homöopathische Weltreise


Sigrid Häse, Heilpraktikerin
 
Wenn wir uns mit dieser Artikelserie auf eine spannende Entdeckungstour quer durch die Welt machen, geschieht das mit dem Versuch, die einzelnen, vorgestellten homöopathischen Mittel mit der genannten Re­gion in eine Beziehung zu setzen, um so in einem neuen Kontext besser zu verstehen und eventuell Fami­lien­zu­ge­hörig­keiten zu entdecken, die auch den Per­sonen, die diese Mittel vielleicht brau­chen, zu eigen sind.
 
Teil 1: Arabien
Wir beginnen unsere Reise heute in Arabien. Denken wir an den Orient, sind die ersten inneren Bilder die von heißem Sand, flirrender Hitze, tausend-und einer Nacht, Bauchtanz, wohlriechenden Düften, den Stundengebeten der Muezzin, Kaffeehäusern, Domino­stei­nen und Reichtum aus Erdöl. Heiß­blü­tiges Temperament steht im Gegensatz zu hinter Schleiern verborgener Schön­heit, unermeßlicher Reichtum im Ge­gensatz zur Kargheit der Wüste, Ge­dränge in der Medina im Kontrast zur Weite der Sahara.
 
Coffea arabica
Soll das erste und wahrscheinlich be­kannteste Mittel der vorgestellten Schön­­heiten heute Abend sein.
 
Das Mittel paßt zum überreizten, schreck­­haften, sensiblen Menschen, der schnell und übersteigert handelt, ohne allzu sehr über die Folgen für sich und andere nachzudenken. Schlaflosigkeit und Heimweh sind die häufigsten Indi­kationen für Coffea, auch Kopf­schmer­zen, Zahn­schmerzen und Geburts­schmer­zen, die bis zur Ohnmacht füh­ren.
 
Geschwätzigkeit, theoretisieren, übersteigerte Fantasien – Coffea wirkt auf andere immer leicht hysterisch, überkandidelt, aufgedreht. Doch das Ge­plapper soll nur ablenken von mangelndem Tiefgang, das Aufgedrehte ka­- ­schiert Langeweile durch Überfluß, das ganze Theoretisieren maskiert Heimweh nach sich selbst. Genau das wird be­stätigt durch ein höchst ungewöhnliches Symptom, welches praktisch ein Kar­dinalsymptom von Coffea ist: Freude verschlimmert! Freudige Ereignisse, wie Feste, Reisen, Zusammenkünfte ma­chen den Betreffenden schlaflos, unruhig, zittrig, und steigern das Schmerz­em­pfinden.
 
Ich sehe in Coffea die in Kaffeehäusern Domino spielenden Islamisten, die sich gegenseitig die Köpfe heiß reden, statt etwas zu tun, und Klageweiber, die am geöffneten Sarg verstorbener Fami­lien­mitglieder weinen und jammern gegen Geld.
 
Bei vielen orientalischen Familien ist der Fernseher das wichtigste Möbelstück überhaupt, der den lieben langen Tag läuft, und dessen Geplapper letztlich nicht wahrgenommen wird, weil er in erster Funktion ein Statussymbol ist, der aber auch das Heimweh (Fern-seher) in den Familien widerspiegelt. Fern­sehen und Kaffee passen zusammen wie Topf und Deckel, sind Spiegel derselben Grundeinstellung zum Leben.
 
Doch paßt Coffea nicht nur zu orientalischen Menschen, sondern durchaus genauso zu Juppies und Managern, die viel Geld verdienen, aber keine Zeit haben es auszugeben, unter Kopf­schmerzen leiden von Nächten ohne Schlaf, die sie vor den PC beim daddeln zubringen und die um die Außenalster joggen, auf der Flucht vor sich selber. Coffea lebt ein oberflächliches Leben, und unsere Zeit ist häufig sehr oberflächlich.
 
Interessant ist Coffea in der Sexualität, bei vorzeitigem Samenerguß der Her­ren und Vaginismus der Damen, denn es paßt zur Übererregbarkeit beider Ge­schlechter und zur Oberflächlichkeit in Beziehungen.
 
Eine große Hilfe ist das Mittel bei zappeligen, unkonzentrierten Schulkindern, die durch Computer und Fernsehen sowie Zucker und Colakonsum überreizt sind.
 
Coffea ist aber genauso das Pa­ra­de­mittel für Hunde an Silvester, die beim Geknalle den Schwanz einklemmen und unruhig in der Wohnung hin-und herrennen, sowie Hunde in Pflege mit Heim­weh nach ihrem Rudel, die nachts in der fremden Umgebung nicht einschlafen können.  
 
Phoenix dactylifera – die Dattelpalme
Dies ist ein kleines, feines Mittel für Frauen, die in lebenslanger Sehnsucht nach einer erfüllten sexuellen Be­zie­hung leben.
 
So, wie die Dattelpalme in Oasen lebt und den Menschen über Monate als einziges Nahrungsmittel mit allem versorgt, was er braucht, selber aber in der Kargheit der Wüste (wenig Wasser = wenig Emotionen) überdauern kann, so können auch die Frauen (und die Dat­telpalme ist explizit ein Frauenmittel) in größter Beziehungskargheit existieren und von ihrer großen Liebe in Form eines Traumprinzen träumen, um am Ende festzustellen, daß er sich als Fata Morgana entpuppt.
 
Feuer und Angst vor Feuer ist ein zweites Kennzeichen des Mittels, und in der Tat ist ein Traumprinz letztlich sicherer, als gelebte Leidenschaft, die lodert und vergeht.
 
Aber Angst vor Feuer ist ein gängiges Symptom aller Baummittel, außer Se­quoia.
 
Die körperlichen Symptome bestätigen die psychischen auf allen Ebenen: Ho­neymoon Zystitis (unerfüllter Sex schmerzt), Vaginalmykosen (vom „Fal­schen“ besetzt sein), Nephritisneigung (Wut, an den „Falschen“ geraten zu sein) und einseitige Gonarthritis (Wut, vor dem „Falschen“ auf die Knie gehen zu müssen). Alle geschilderten Schmer­zen ha­ben brennenden Charakter. Das Mittel wird leicht verwechselt mit Medor­rhinum. Immer wenn Medorrhinum versagt, lohnt der Gedanke an die Dat­tel­palme.
 
Das männliche Gegenstück zur Dattel­palme ist die Zwergpalme, Sabal serrulata. Hier stehen Prostatabeschwerden im Vordergrund.
 
Phoenix dactylifera erneuert erkaltete Leidenschaft einer lauwarmen Be­zie­hung und läßt diese wie Phönix aus der Asche neu entstehen. Frau erkennt mit diesem Mittel die positiven Eigen­schaften ihres Spatzes in der Hand und vergeudet ihre Sehnsucht nicht länger an die Taube auf dem Dach.
Wichtiges Eherettungsmittel!!!
 
Lac cameli dromedari – Kamelmilch
Dieses Mittel läßt Gefühle jeglicher Art gar nicht erst zu. Vollkommen rational und kontrolliert lebt der Patient sein Leben und wird dadurch zum Fels in der Brandung für alle anderen.
 
Lac cameli dromedari ist der ewig gute Freund, bei dem man sich ausweint, der aber scheinbar emotional unbeteiligt bleibt. Der Freund, der für alle anderen die Lasten des Lebens klaglos mitträgt, ohne etwas zu verlangen und so leicht in Gefahr gerät, ausgenutzt zu werden. Der Freund, der einen in die sichere Wüstenoase führt, vor einem Wüsten­sturm beschützt, und dessen emotionalen Durst man selber gar nicht mehr wahrnimmt, weil er selber nie weint. Denn wer hat schon mal ein Kamel weinen sehn?
 
Doch diese scheinbare Emotions­losig­keit ist die Reaktion auf erlebte und verkapselte (Höcker = Speicher!) Trau­ma­ta, weil irgendwann einmal auf seinen Ge­fühlen herumgetrampelt wurde (Tram­peltier). Vorsicht: Lac cameli dromedari holt Leichen aus dem Keller!
 
Auf Körperebene wird die emotionale Trockenheit gespiegelt durch Ver­sto­p­fung, trockene Haut und Schleimhaut, trockenen Husten und großen Durst. Ein gutes Vergleichsmittel wäre Bryonia, doch während Bryonia Gartenzwerge im Kleingartenverein zählt, träumt Lac cameli dromedari von Fernreisen durchs wilde Kurdistan, Bryonia ist engstirnig und kleinlich, Lac cameli dromedari denkt weit und raumgreifend. Tiere haben einfach einen anderen Radius als Pflanzen.
 
Elephas, das Elfenbein, ist ein blutiges, rachdurstiges Mittel, und bei diesem Mittel muß ich sofort an die vom Islam geforderte Blutrache und Ehrenmorde denken. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Die Patienten sind innerlich zerrissen von Vergeltungsgefühlen und echtem Wunsch nach Versöhnung.
 
Am liebsten würde ich dieses Mittel großflächig über Israel und Palästina streuen.
 
Genauso wenig, wie der Elephas Pa­tient anderen Fehler verzeihen kann, kann er sich selbst vergeben. Selbst­vor­würfe, Reue und die Erkenntnis eigener Schuld quälen ihn. Elephas hat ein Elefantengedächtnis für alle emotionalen Vergehen, die von anderen und die von ihm selber.
 
Familie geht ihm über alles, für die Familie opfert er sich auf, wer ein Familienmitglied angreift, greift ihn persönlich an. Vergangenheit nimmt einen großen, zu großen Raum, ein und läßt Freuden der Gegenwart und Visionen für die Zukunft gar nicht zu. Körperliche Beschwerden sind blaue Flecke, Blu­tungen aller Art, chronisch vergrößerte Polypen mit ständig verstopfter Nase, kariöse Zähne schon als Kind, Ge­sichts­neuralgien, blutig gekratzte Haut und Verlangen nach vegetarischer Kost.
 
Elephas liebt große und starke Tiere, hat aber selber Höhen­angst.
 
Androctonus amoreuxii hebraeus – der hebräische Skorpion
Dieser Patient hält all seine Emotionen unter Verschluß, lebt zurückgezogen, isoliert, einsam, die Welt erscheint ihm feindlich gesinnt. Aufgewachsen in Familien mit Gewalt und Drogen oder im Waisenhaus, hat er nie gelernt, Emo­tionen zu zeigen. Er tut nicht nur cool, er ist cool (Eminem).
 
Drogen helfen ihm die feindliche Umwelt zu vergessen, Waffen geben ihm innere Sicherheit. Soziale Verhaltensweisen hat Androctonus nie gelernt, er ist der ideale potentielle Auf­trags­killer oder Ter­rorist, der emotionslos Menschen tötet.
 
Nur wenn er tanzt, ist seine innere Un­gezähmtheit zu spüren, und wenn er schläft, verkrampfen sich seine Muskeln.
 
Androctonus ist ein gutes Mittel bei Dro­genentzug, wenn der Patient krampfhaft erbricht und zu Gewalttätigkeit gegen den Behandler neigt, weil er seine Dro­ge will.
 
Alle Schmerzen von Androctonus sind stechend (wie Apis), eine Spinnen­phobie sichert die Wahl des Mittels ab, der Sprachschatz von Androctonus ist meist bregenzt auf Scheiße, geil und cool, es besteht im Gehabe und der Äußerlichkeit viel Ähnlichkeit zu Anti­monium crudum. Antimonium tut aber nur cool, Androctonus ist cool.
 
Scorpio australis, ein anderer Skorpion, zeigt ebenfalls gelebte Aggression und Extremismus.
 
Crocus sativus, der Safran, hat viel Ähnlichkeit mit Sepia.
Zyklusabhängige Schmerzen, PMS, schwaches Binde­ge­we­be, Schein­schwan­gerschaft, Blähungen, Blu­tun­gen, Som­mer­­spros­sen, Pubertätsakne, Überarbeitungs-Mutter-Kind-Syn­drom – Alles genau wie bei Sepia. Doch einige Be­son­der- ­hei­ten gibt es schon, wie ja auch der Safran etwas ganz Be­­son­­deres ist.
 
Safran hat auffällige Stimmungswechsel von großer Heiterkeit zu plötzlichem Zorn, von ärgerlichen Ausbrüchen zu Reue und Bedauern, von Melancholie zu Entrüstung.
 
Sepia ist gern allein, Safran braucht Gesellschaft (lebt in großen Kolonien).
Genauso, wie die Stimmung leicht kippt, schlagen die körperlichen Symptome leicht um in geistige, und umgekehrt. Weinen fällt Crocus sativus schwer, doch gibt es viele Augensymptome, wie Funken vor den Augen oder Glau­kom­bildung.
 
Crocus hat Atemprobleme, Asthma, Schnappatmung, Gähnen, Seufzen und das Verlangen tief zu atmen sind kennzeichnend für das Mittel. Alle Symptome bessern sich, wenn sich Crocus künstlerisch ausdrücken darf. Singen, schreiben, töpfern, malen, musizieren – all dies beschäftigt den Geist von Crocus und läßt den Patienten nicht mehr an seine Beschwerden denken, woraufhin diese von allein verschwinden.
 
So paßt das Mittel zu den vielen Frau­en, die ihre Individualität für das Wohl der Familie geopfert haben, die sich angepaßt haben an die Ge­ge­benheiten. Ihre unterschwellige Wut darüber läßt sie körperlich erkranken. In dem Mo­ment, wo sie sich ihre In­divi­dualität er­lauben, verschwindet auch das Krank­heitsbild.
 
In moslemisch geprägten Kulturen verschwindet die Individualität von Frauen hinter einem blickdichten Schleier, öffent­liche Anerkennung bleibt ihnen in der Regel versagt. Nicht einmal die Wahl ihres Mannes steht ihnen frei, ganz zu schweigen von eigenem Geld, eigenem Beruf, eigener Zeitgestaltung, eigener Religionsausübung. Nur Familie und Un­terordnung sind erlaubt, streng bewacht von Vater, Bruder, Mann, Schwie­ger­mutter oder sogar Erstfrau. Wer in solchen Gesellschaftsstrukturen aufwächst, resigniert irgendwann oder schafft sich künstlerische Überlebensnischen. Re­signation führt in die Krank­heit, Überlebensnischen sichern inneres Ent­kom­men aus dem äußeren Ge­fäng­nis.
 
Sal maris mortuis – Salz des Toten Meeres
Das Tote Meer ist so salzhaltig, daß Leben darin nicht existiert, so sind Tod und Sterben in diesem Mittel impliziert.
 
Wenn wir im Toten Meer baden, ist der Auftrieb so hoch, daß wir nicht untergehen und ertrinken können, wir müssen oberflächlich bleiben, die Tiefe zu er­gründen, ist uns nicht möglich.
 
Neurodermitiskranken tut es gut, im Toten Meer zu baden, und auch als Kügelchen sind trockene, rissige, aufspringende Haut die Hauptindikation für das Mittel. Waschzwang und Räus­per­zwang sind Neurosen, die durch dieses Mittel geheilt werden können. Extremer Durst, Stuhlentleerung nur mit Klistier möglich und Schilddrüsenerkrankungen sind weitere bewährte Anwendungs­gebiete für dieses Mittel.
 
Patienten, die es benötigen, sind vom Wesen her ernst, moralisch, verantwortungsbewußt und wirken viele Jahre älter, als sie sind (was aber auch an der trockenen Haut liegen mag). Wer sich früh mit Tod, Sterben, Alter auseinandersetzt, findet meist früh eine Lösung für diesen Konflikt, und die heißt loslassen. Und so fügen sich Tod und Getragen sein in der gesunden Form von Sal maris mortuis harmonisch ineinander. Es ist das beste Mittel gegen die Angst vor dem Tod.

Olibanum sacrum – Weihrauch
Weihrauch ist das Gnadenmittel in der Homöopathie.
 
Es geht bei Olibanum um die Sehnsucht nach Verschmelzung. Das Harz des Weihrauchbaumes Boswellia fließt aus der Wunde, welche symbolisch für alle Wunden des menschlichen Lebens steht. Die Wunde wird dadurch gereinigt und verschlossen, der Baumkörper schließt Frieden. Und genau diese Frie­denskraft wirkt auch in den Kügelchen für den Menschen bei Einnahme. Sie bewirkt innere Aussöhnung mit dem erlebten Trauma, echtes Heil und da­durch eine Erhöhung der Schwingung, bis hin zu Hellsicht und Pro­phe­tie. Schmerzen aller Art, Schwere, Schwel­lungen, Schüttelfrost, Fieber, Ganz­kör­perjuckreiz, chr. Ver­dauungs­be­schwer­den, Rheuma, schwache Libido – alles wurde in den Prüfungen gezeigt und bei späteren Anwendungen des Mittels be­hoben. Die Wirkung des Mittels scheint eher unspezifisch heilend, ganzheitlich wirkend. Es scheint die Lebenskraft anzuregen, verjüngend, erneuernd, so daß der Körper langfristig in der Lage ist, sich selbst zu helfen. Frieden und Aussöhnung sind Vorraussetzung für jeden Heilungsprozeß. Olibanum sa­crum schlägt die Brücke zur Lebenskraft im 3. Auge, was die Hellsicht erklärt. Man könnte es als Abkürzung für den spirituellen Erweckungsprozeß betrachten. Abkürzungen haben aber generell den Nachteil, daß bestimmte Infor­mationen keinen Zugang zu uns finden. Dennoch ist das Mittel für alle Men­schen von höchstem Wert, einem Wert, der offenbar schon den drei Weisen im Morgenland bekannt war.
 
Punica granatum – Granatapfelbaum
Man kommt am Morgenland nicht vorbei, ohne den Granatapfel zu beleuchten. Wenn Olibanum sacrum das Mittel der drei Weisen aus dem Morgenland ist, ist Punica granatum das Mittel von Sheherazade und Eva. Verführung, aber auch Abhängigkeit sind das Ober­thema dieses Mittels. Die körperliche Wirkung ist verjüngend und blutreinigend, doch die energetische Wirkung ist viel spannender, denn Punica granatum löst uns aus emotionalen Ab­hängig­keiten in Beziehungen und macht uns so zu un­serem eigenen Herrn und König (Reichs­­apfel).
 
Nach erlebten Traumata, wie z.B. sexuellem Mißbrauch, ist es so, daß ein Teil des Emotionalkörpers des  Miß­brau­chers noch im Emotionalkörper des Opfers hängt, quasi wie ein Saugrüssel, und das Opfer so ein Leben lang Opfer bleibt, und ihm Energie entzogen wird. Ein einmal erfolgter Mißbrauch findet so ein Leben lang statt, wenn die Ver­bindung nicht gelöst wird. Punica granatum ist in der Lage, den Saugrüssel zu lösen.
 
In der Esotherik-Szene gibt es jede Men­ge Einweihungszeremonien. Auch nach solchen Ritualen bleiben Meister und Schüler ein Leben lang energetisch verbunden, nicht nur im Emo­tional­körper, und nicht immer zum Nutzen des Schülers. Zumindest auf der emotionalen Seite läßt sich eine solche unfruchtbare Verbindung wieder lösen durch Punica granatum.
 
Beziehungssüchtige Menschen werden leicht Co-abhängig, das heißt, aus dem Bedürfnis nach Nähe und Harmonie heraus unterstützen sie z.B. Süchtige aller Art und versorgen sie mit dem Grundstoff ihrer Sucht. Meist sind es Frauen alkoholabhängiger Männer, oder Mütter von Drogenkids. Punica granatum kappt die emotionale Verbindung, so daß wir in der Lage sind, uns zu emanzipieren. Und eine Emanze wollte Gott schon im Paradies nicht haben, er wußte, was er tat, als er den Apfel verbot. Mit dem Biß in den Apfel machten sich Adam und Eva unabhängig von ihrem Schöpfer, deshalb mußten sie das Paradies verlassen. Und was machte Sheherazade? Sie machte den Sultan abhängig von ihrer Daily Soap, die sie ihm in Endlosfortsetzungen erzählte, bis er sie endlich heiratete. Gar nicht dumm, die Frau....
 
Petroleum – Steinöl
Die Energie des Orients ist das Steinöl, oder Öl des Petrus (Petr-oleum) Es entspricht dem Blut der Erde, welches wir wie Zecken aussaugen und für kurzfristige Belange verpulvern.
 
Petroleum entstand durch großen Druck und es sorgt dafür, daß alles wie ge­schmiert läuft. Und so hilft dieses Mittel besonders Patienten, die Beschwerden durch unterdrückte Emotionen haben, die ihre Gefühlswelt einschließen und abkapseln und selbst unter großem Druck weiterfunktionieren. Erfolg, Ge­winn und Karriere sind ihnen wichtig, aber auch reibungsloses Arbeiten im Team, wo sie häufig als Schlichter funktionieren. Diese Rolle kennt jedes Sandwichkind (Mittelmaus), wenn es wieder einmal zwischen den Ge­schwistern steht, oder zwischen streitenden Eltern. Diese Kinder werden notgedrungen früh reif, und nicht selten benötigen sie hin und wieder Petroleum. Petroleum bezieht selber am liebsten keine Position und „schleimt“ sich durch. Das Temperament kippt leicht ins Ge­genteil nach dem Genuß von Alkohol, dann brechen die aufgestauten Gefühle sich Bahn, wie eine Erdölfontäne nach dem Anbohren.
Petroleum hat sich sonst immer unter Kontrolle, hält in der Öffentlichkeit die Klappe, haßt Schmutz, Schlamm, Kle­briges, leidet an migräneartigen Kopf­schmerzen und trockener, schrundiger Haut, besonders im Winter, sowie an Seekrankheit. Zu Wasser wird den Pa­tienten schwindelig und übel. Sie mögen nicht gern berührt werden, sind leicht beleidigt und leiden verstärkt an Haar­ausfall, besonders am Hinterkopf.
 
Petroleum ist heute die Wunderlampe des Orients, die Arabien Anerkennung und Reichtum in der Welt schenkt, schmierig-ölige Händler gebiert, die händereibend mit blumiger Sprache uns in die Abhängigkeit treiben – bis alles in sich zusammenfällt. Denn die Erde wird sich unseren Raub nicht mehr lange gefallen lassen.
 
Falco peregrinus disziplinatus – Wanderfalke
Falken sind traditionell ein Prestigeobjekt reicher Ölscheichs. Beim Falken heißt
das zentrale Thema Geschwindigkeit, denn Falco ist seinen Mitmenschen im Denken immer 10 Schritte voraus. Aller­dings fällt es ihm schwer, sein inneres Tempo in die Realität umzusetzen, und so kommt es bei ihm zu Koordinations- und Wahrnehmungs­schwächen, die sich in Unfällen, Schreib­­problemen bei Diktaten, Kla­vierspielen nach Noten und sonstigen motorischen Schwierig­keiten äußern. Er liebt Motorradfahren, Ach­ter­bahn­fahren und raketenhaftes Flie­gen. Schlägereien ist er nicht abgeneigt und hat gern ein lockeres Messer in der Tasche. Gegenüber langsam denkenden Menschen verhält er sich ungeduldig. Bei ihm besteht eine latente Ge­walt­bereitschaft, und feige ist er über­haupt nicht. Die Disziplin, die im lateinischen Namen des Mittels steckt, läßt der Klient manchmal vermissen.
 
Naja tripudians – die Brillenschlange
Die Kobra, die durch die betörende Musik des Fakirs zum Aufrichten und Tanzen gebracht wird, spiegelt perfekt das orientalische Bild der Bauchtänzerin wieder. Verführung, Sünde, Fleisches­lust, Intrigen und Herzlosigkeit sind Stich­punkte, die diesen Typ Mensch (meist Frauen) charakterisieren. Naja drängt sich rücksichtslos in bestehende Beziehungen, um ihre eigene Lust zu stillen. Körperausdruck ist im Falle von Naja allerdings ein Zeichen von gestörtem sprachlichen Ausdruck. Naja ist ein hervorragendes Mittel gegen Stottern. Gehemmte Sprache, in der Regel durch elterliche Bevormundung ausgelöst, finden wir bildlich wieder in dem zugenähten Maul der Kobra eines Schlan­gen­beschwörers, was bei den Tieren na­tür­­lich unstillbaren Hunger und Ag­­gressivität hervorruft. Hunger nach Fleisch (Fleischeslust) und Aggressivität finden wir dann auch wieder bei den An­wärtern auf diese Arznei. Selbstzweifel, denen Naja mit auffälligen Gebärden und Kleidung begegnet, sowie exzessiven Behang durch Modeschmuck (Li­berace) und übergroße Brillen (Elton John), goldene Schuhe und eine große Ent­schei­dungsschwäche (sich in alle Richtungen windender Schlangen­kör­per) sind Mar­kenzeichen eines Naja-Patienten. Naja hilft bei Herz­be­schwer­den, Asthma bron­chiale, Heuschnupfen, sowie Mi­gräne mit Sehstörungen. 

Wenn wir uns mit dieser Artikelserie auf eine spannende Entdeckungstour quer durch die Welt machen, geschieht das mit dem Versuch, die einzelnen, vorgestellten homöopathischen Mittel mit der genannten Re­gion in eine Beziehung zu setzen, um so in einem neuen Kontext besser zu verstehen und eventuell Fami­lien­zu­ge­hörig­keiten zu entdecken, die auch den Per­sonen, die diese Mittel vielleicht brau­chen, zu eigen sind.

Teil 2: Indien
Indien ist wohl eines der orientalischsten Länder überhaupt. Heilige Kühe, prunkvolle Paläste, religiöser Tief­gang, Ash­rams, Gandhi, Bud­dha, Gewürze, Kolo­nialzeit, Elend und Bollywood, Ka­sten- ­system und aufstrebende Computer­industrie – alles ist in Indien versammelt und zu finden.

Dieser Abend ist dem Versuch gewidmet, den Glanz Indiens in den homöopathischen Mitteln dieses Erdteils wiederzufinden, und zu schauen, wie sie uns nützen, und welche Verbindung es zwischen Indien, den Mitteln und den potenziellen Nutzern vielleicht gibt.

Indium metallicum
– ist ein unedles Metall, das in technischen Geräten, wie Batterien und Tran­sistoren, in Motorlagern und beim Schweißen Verwendung findet, aber auch in der Halbleiterindustrie.

Es ist für Menschen geeignet, denen die gesamte technische Industrie zu schnell geht, die zurückbleiben hinter dem Fort­schritt und sich daher zurückziehen. In der neuen, schnellen Zeit haben sie ihre Orientierung verloren. Ihre Interessen richten sich auf die gute, alte Zeit, auf Antiquitäten, klassische Meister der Musik und der bildenden Kunst. Die Entscheidungen des Lebens überfordern sie, das Selbstvertrauen fehlt, Karriere, Geld verdienen und ein sicheres Leben sind ihnen wichtig. Die Zeit hat sie überholt und ihnen den Sinn des Lebens, den sie vermeintlich zu kennen glaubten, genommen, so daß sie den Boden unter ihren Füßen verloren ha­ben. Beschwerden an Hüfte, Knie oder Füßen zwingen die Patienten zu lang­samem Gang, wobei ihre Beine, wenn sie sitzen, unruhig und ruhelos sind, was den Wunsch nach Fortschritt, aber auch das Unvermögen symbolisiert.

Kaum ein Land hat eine solch sprunghafte Entwicklung hinter sich, wie In­dien, das in den letzten hundert Jahren seiner Geschichte an die 1000 Jahre Ent­wicklung aufgeholt, und An­schluß an das moderne Leben gefunden hat. Das Mittel Indium metallicum dient dem bedürftigen Menschen auf ähnliche Weise.

Indigo tinctoria/Baptisia
Bei diesem Mittel geht es um Kon­zen­tration, Indigo fängt tausend Dinge an und bringt nichts zuende. Der Patient möchte es allen recht machen und ist in diesem Spagat hoffnungslos überfordert. Er dreht sich im Hamsterrad, versucht sich durch Aktivität und Fleiß freizukaufen, doch Unzufriedenheit und Depression sind die Folge.

Indigo ist – welch Wunder – ein tolles Mittel für Indigokinder mit ADHS, die durch ihre überdrehte, überreizte Mo­torik ihre Umgebung in den Wahnsinn treiben. Nasenbluten, Harn­drang, Ko­liken, Würmer, Mi­gräne und in einigen Fällen Epilepsie sichern die Ver­schrei­bung ab.

Was erinnert in diesem Mittel an Indien? Nun, sehr viele Men­schen in Indien sind extrem fleißig, um sich aus existenziell belastenden Situationen herauszuarbeiten. Fleiß, Ge­­­tüch­tigkeit sind die herausragenden Talente dieses Volkes. Gandhi lehrte die Inder, sich durch Spinnen des eigenen Garns von der Kolo­nial­macht freizukaufen. Auf seinem Marsch durch Indien (Hyper­ak­tivität) folgten ihm viele unzufriedene Inder nach. Gandhi war zwar wütend über die Situation in Indien, doch zeigte er seinen Zorn nicht im Kampf, sondern nur im Hungerstreik (Würmer/Koliken). So trat seine Wut in transformierter und transformierender Form zutage.

Indigo ist ein solcher Transformator für Gefühle, auch heute noch.

Cannabis indica – indischer Hanf
Cannabis indica fällt auf durch schrilles, dümmliches Lachen zu unpas­senden Gelegenheiten, was eine verschobene, illusionäre Sicht auf die Welt zeigt. Ge­schwätzigkeit und heftiges sexuelles Ver­­langen (oft, aber nicht immer La­chesis), Konzentra­tions­un­fä­hig­keit, Ge­schwafel, nie beendete Pubertät, Ge­danken, die sich im Kreis bewegen, Ab­gehobenheit, Desorient­ierung, Phan­ta­sien, übersteigerte Sinne runden das Persönlichkeitsbild ab. Chro­nische Harn­blasenentzündungen sollen den Körper daran erinnern, sich wieder wahr-zu-nehmen, was dem Patienten nur schwer gelingt.

Cannabis indica ist die abgehobene Situation eines Ashram-Jüngers, der von Luft und Liebe lebt und mit der realen Welt nicht mehr klarkommt. Doch Träume machen den Bauch nicht satt, und die Konfrontation mit Arbeit läßt ihn die Achtung vor sich selbst verlieren, was zur Flucht in Drogen führen kann, die es ihm erlauben, weiter zu träumen.

Gelegentlich ist das Mittel sehr nützlich bei Alzheimer-Patienten und Dementen, die vergleichbare Symptomatiken zeigen.

Anas indica – die indische Laufente
Das zentrale Gefühl von Anas indica ist die innere Überzeugung, häßlich zu sein und im Leben eine Außen­seiter­rolle spielen zu müssen. Scham ist das zweite große Gefühl, und so zieht sich Anas indica zurück, bleibt schüchtern und unberührbar. Entstellende Ekzeme und Akne sind die körperlich wesentlichen Symptome der Arznei. Das Thema „Unberührbarkeit“ kommt in Indien gleich zweifach zum Tragen, zum einen im Kastensystem, mit der untersten Kaste der Paria, der „Unberührbaren“, die die niedersten Arbeiten verrichten müssen, sowie in der entstellenden Krankheit Lepra, die in Indien heute wie gestern grassiert. Interessant in diesem Zusammenhang mag das Detail sein, daß Anas indica sich gern die Augen­brauen zupft, und der Verlust des Augen­brauenhaars ist das erste äußere Zeichen von Lepra. Ob das Mittel nun gegen Lepra wirkt, weiß ich nicht, aber es ist zu vermuten. Lepra führt zum Verlust der sensiblen Nerven, und als übersensibel könnte man Anas indica bezeichnen. Die Ente ist auch bei uns heimisch geworden und ernährt sich hier gern von den Nacktschnecken, die sich bei uns mangels echter natürlicher Feinde überproportional vermehren. Die Ente ernährt sich also von dem, was andere Tiere verschmähen – ein Zei­chen für geringen Selbstwert, der in die Arznei eingegangen ist.   

Daphne indica – indischer Seidelbast
Homöopathen kennen dieses Mittel fast nur als gängiges Mittel gegen Niko­tin­sucht. Mal abgesehen davon, daß es gar keine wirkliche Nikotinsucht gibt, weil Nikotin kein abhängig machendes Gift ist (sonst würden Raucher nachts aufwachen, um eine zu rauchen), hilft diese Arznei wunderbar gegen andere, ausgesuchte Symptome.

Wann fangen wir in der Regel an, Zi­garetten zu konsumieren? Meist wenn wir in der Trotz-und Rebellionsphase gegen Eltern und Lehrer sind, gegen die, die alles „besser“ wissen und uns bestimmen wollen. Und so befindet sich ein Raucher in permanenter „Trotz­hal­tung“ gegen „oben“, ohne damit zu realisieren, daß er nur sich selber schadet.

In genau dieser Rolle befindet sich der Patient, der Daphne indica benötigt, er probt den Ausbruch aus der bisher innegehabten Rolle, ohne jedoch schon eine neue, passende Rolle für sich gefunden zu haben. Daphne indica nimmt ihn an die Hand und führt ihn behutsam über die Schwelle.

Ein klassisches Symptom, nämlich die Empfindung, daß Teile des Körpers von anderen Teilen getrennt sind, symbolisiert die innere Zerrissenheit, das „nicht Fisch, nicht Fleisch sein“. Lipome und Schläfrigkeit sind weitere Behand­lungs­schwerpunkte. Daphne indica kennzeichnet einen Loslösungsprozeß von alten Strukturen hin zu einer neuen Selbstfindung. Auf diese Weise ist es ein wertvolles Mittel für alle Pubertisten (und ihre Eltern).

Das Land Indien ist auf kollektiver Ebe­ne in diesem Selbstfindungsprozeß.

Cocculus indicus – Scheinmyrte
Cocculus ist das Seekrankheits- und Übernächtigungsmittel. Egal ob über­näch­tigte Mütter von Keinkindern, Kran­kenschwestern, die müde von zu vielen Nachtwachen sind – alle werden durch dieses Mittel wieder aufgebaut.

Kennzeichnend sind ein ausgeprägtes Helfersyndrom, Heimweh, Kummer, Rühr­seligkeit und ein Hang zu Hysterie und Depression (also gar nicht so viel anders, wie Causticum, daß einen Ver­gleich lohnt. Schlüssel in der Unter­scheidung wäre dann die Frage nach der Seekrankheit). Alles in allem eine eher instabile Persönlichkeit mit viel Unsicherheit und innerer Angst, ausgedrückt durch die Seekrankheit, die sich bei Cocculus auch auf Auto-, Eisen­bahn- und Busfahrten erstreckt. Immer, wenn Cocculus sich fortbewegen muß und sein heimatliches Umfeld verlassen muß, regt sich Angst, bis zu Übelkeit, Schwindel, Ohnmacht. Angst, die sich auch ausdrückt in übertriebener Hilfs­bereitschaft, nach dem Motto: Wenn ich immer lieb bin, tut mir keiner was...
 
In meiner Praxis habe ich dieses Mittel immer für Hundebesitzer parat, denn fast jeder zweite Hund hat einen Horror vor Autofahrten, und reagiert darauf mit Übelkeit. Die Kügelchen haben noch immer geholfen, und die Frauchen und Herrchen sind unverhältnismäßig dankbar.

Nux moschata – Muskatnuß
... ist ein absolutes Schockmittel. Die Bewegungen sind automatenhaft, die Hände eiskalt, das Herz flattert, man wird ohnmächtig, apathisch, somnolent. Angst vor Gewalt ist das Thema des Patienten, aus Angst heraus blockiert er sich selber und erstarrt.

Angst davor Blut zu sehen, ist das Kardinalsymptom des Mittels, irgendwann einmal muß der Patient in eine für ihn lebensbedrohliche Situation geraten sein, oder war deren Zeuge, so daß er heute fast panisch derartige Si­tuationen vermeiden möchte und z.B. lieber in Ohnmacht fällt. Die Erinnerung an das Leid wurde erfolgreich verdrängt, doch in belastenden Situa­tionen droht es, erneut an die Ober­fläche des Be­wußtseins zu kommen. Der Körper reagiert darauf hysterisch, panisch.

Bei diesem Mittel muß ich unwillkürlich an die korsettbewaffneten Kolonial­gat­tinnen denken, die mit Fächer und Riechfläschchen bestückt reihenweise in Ohnmacht fielen in der schwülen Luft Indiens. Trägheit, Albernheit, Reizbarkeit und Schläfrigkeit sind ebenfalls Mittel­symptome und passen zum oben be­schriebenen Typ Damenelite.

Das Mittel ist aber auch ein sehr gutes Mittel gegen Prüfungsangst, wenn man vor lauter Angst vor der Prüfung, weil man sie schon ein- oder mehrmals nicht bestanden hat, sich gar nicht mehr an­meldet, um dem Druck auszuweichen, was natürlich für niemanden eine Lö­sung ist, schon gar nicht für das eigene Selbstbewußtsein. Auch eine nicht bestandene Prüfung kann ein Schock­erlebnis sein, Nux moschata löst den Schock auf.

Anacardium orientale – ostindische Elefantenlaus
Anacardium orientale ist geprägt von Zweifeln aller Art, hervorgerufen durch ein zwiespältiges Elternhaus. Entweder Vater oder Mutter waren im Verhalten unberechenbar für das Kind, so daß es frühzeitig lernte, Konfliktsituationen besser zu vermeiden, oder die Eltern stellten an ihr Einzelkind höchst unterschiedliche Erwartungen, so daß die- ­ses zwar beiden Elternteilen gehorchen wollte aber nicht konnte, weil Gehorsam dem Einen gegenüber immer Verrat dem Anderen gegenüber bedeutet hätte (wenn Geschwisterkinder in der Familie sind, übernimmt das eine die Er­war­tun­gen des Vaters, und das andere die Erwartungen der Mutter). Selbst­ver­trauen zu entwickeln, wird in solchen Familienstrukturen unmöglich, zielgerichtetes Handeln hat keine Chance, Entscheidungen zu fällen, birgt immer Probleme. Der innere Streß führt bei Anacardium zu Magenproblemen, Zwölf­­fingerdarmgeschwüren, Neu­ro­der­mitis, Migräne, Depressionen und Hä­morrhoiden. Das Verhalten von Ana­cardium wird oft als feige im Wechsel mit Grausamkeit beschrieben, was die innere Zwiespältigkeit unterstreicht. Wie die Laus auf der Haut des Elefanten den Dickhäuter reizt und besetzt, sitzt eine fremde Stimme im Patienten, und er kann sich nicht dagegen wehren.

Die Kolonialmacht England war für lange Zeit die fremde Stimme Indiens, symbolisiert durch die East-India-Com­pany. So wurde Indien seiner Boden­schätze, seiner Traditionen und Kultur beraubt, erhielt aber im Gegenzug Anschluß an den westlichen Fortschritt. Heute ist das Land zwiegespalten zwischen modernem Industriezeitalter und traditioneller Lebensweise.

Lapis lazuli – blauer Stein
Lapis trägt den „Blues“ in sich, eine tiefe Me­lancholie. Beleidigt sein mit Rückzugstendenzen, viel Verantwor­tungs­be­wußt­sein, Schwermut, all dies ist die Essenz von Lapis. Körperlich gesehen sind Kopfschmerz (möchte das Problem rational lösen), und Druckgefühl auf der Brust (unerlöstes Herz) vorherrschend. Wir kennen dieses Bild vom Märchen: der eiserne Heinrich/Froschkönig, der seinem erlösten Herrn immer wieder antwortet, nachdem dieser auf ein knallendes Geräusch hin fragt, ob der Wa­gen bricht: Nein, Herr, der Wagen nicht, es ist ein Band von meinem Herzen, daß da lag in großen Schmerzen..., aus Erleichterung über die Erlösung seines Herrn. Und genau diese Er­leich­te­rung kann das Mittel einem noch unerlösten Herzen bringen.

Hineingesprenkelt in das Blau des Stei­nes sind immer wieder kleine Gold­tupfen, unerreichbar für das Blau und dabei ständige Sehnsucht, sei es als goldene Kugel (denn wer kann sich ein goldenes Spielzeug schon leisten), sei es als Reichtum – denn Lapis hat in der Regel haushohe Schulden und wünscht sich nichts sehnlicher, als davon freizukommen (erlöst zu sein), um seine Verpflichtungen gegenüber Familie und Gläubigern zu erfüllen.

Und wissen wir, wie der verzauberte Königsohn in den Brunnen gekommen ist? Darüber gibt das Märchen keine Auskunft. Vielleicht hatten seine Gläu­biger die Geduld mit ihm verloren und ihn dort hineingeworfen? Und nur eine vermögende Frau könnte ihn erlösen? Vermutungen, ich weiß, aber jedes Märchen hat ja einen wahren Kern...

Ein Frosch ist ein Tier ohne Fell und Federn, also nackt- vielleicht war der Königsohn von seinen Gläubigern nackt ausgezogen und in den Brunnen ge­flüchtet? Aber es ging ja alles gut aus, er durfte heiraten, und sein alter Diener war erleichtert.

Schulden, Gläubiger und Armut sind natürlich weitverbreitete Themen in Indien.
 
Der blaue Hindugott Vishnu ist in Indien Symbol des Weltenerhalters, der sich als Avatar immer wieder über alle Zeiten verkörpert. So gilt auch Buddha als eine seiner Inkarnationen, was gläubigen Hindus erlaubt, den Buddhismus nicht als Gegenreligion zu betrachten und umgekehrt. Hindus verehren aus der Vielzahl der Götter immer ihren persönlichen Lieblingsgott, was zu einem immensen Reichtum an religiösen Splittergruppen geführt hat, die aber merkwürdigerweise alle miteinander harmonisieren und sich gegenseitig tolerieren. Ein erleichternder, erlösender blauer Stein mag sich auch als Wel­tenerhalter herausstellen, der Frosch im Brunnen würde jedenfalls als Kö­nigssohn wiedergeboren durch die Königstochter.

Blatta orientalis – Küchenschabe
Fettsucht, Passivität, Faulheit, Ver­wahr­losung, Unsauberkeit, Atemnot und Bla­senentzündung, das sind die Stich­- punkte für dieses Mittel. Die Patienten fühlen sich dem Leben nicht gewachsen und wissen nicht, was sie dagegen tun können. Alles ist ihnen zuviel, also tun sie konsequenterweise gar nichts.

Blatta orientalis spiegelt die Slums, die Kloaken der Millionenmetropolen wie Mumbai und Delhi wieder, und die Perspektivlosigkeit ihrer Bewohner, die nur vegetieren, aber nicht leben. Bei uns eignet sich das Mittel für Obdachlose, deren Leben sich ohne jede Aussicht auf Besserung am Rande der Ge­sell­schaft abspielt, und die aus Mülltonnen essen.

Leberstörungen und Wasserein­lage­rungen im Gewebe vervollständigen das Bild des Arzneimittels.

Lac simiae – die Affenmilch
Humorvoll, gesellig, aber auch chaotisch, linkisch, unkonzentriert und überfordert – so sind Patienten, die Affen­milch benötigen. Dazu zählen oft Mütter, die Jahr um Jahr ein Kind bekommen haben und jetzt total genervt sind von der Rasselbande. Ein Druckgefühl auf der Brust schnürt ihnen die Luft ab, mit Süßigkeiten kompensieren sie Frust­gefühle, was ihren Körper unschön aufgeschwemmt hat, juckende Ekzeme werden aufgekratzt, und die Lenden­wirbelsäule schmerzt vom zu vielen Bücken, Heben, Tragen. Sie wünschen sich nichts als Ruhe, Rückzug und Privatleben, doch das läßt die Familien- und Wohnungssituation nicht zu.

Indien ist für seinen Kinderreichtum be­rühmt, aber die oben beschriebene Situation trifft auch auf viele Frauen unseres Kulturkreises zu, wobei einige Kinder durch den Beruf ausgetauscht werden. Eingesetzt habe ich dieses Mittel schon einmal bei einer Lehrerin mit Burn out, übrigens erfolgreich. Die Kinder müssen also nicht immer eigene sein.

Hanuman ist ein hinduistischer Affen­gott, der Hingabe und Treue verkörpert, symbolisch dargestellt durch seine aufgerissene Brust (Druckgefühl auf der Brust), und der Legende nach wird seine Hingabe und Treue von Jahr zu Jahr größer und stärker.

Nelumbo lucifera – Lotus
Hier hat der Patient durch eine Tragödie sein Vertrauen in die Existenz Gottes verloren. Der entsetzliche Verlust läßt diesen Patienten ins Bodenlose fallen. Er sucht Halt und findet ihn vermeintlich in einem Guru oder einer Sekte.

Ohnmacht, Dreh- und Schwank­schwin­del, Seekrankheit, Weinen nach Koitus sowie Bänder-und Sehnenrisse drücken innere Halt-und Orientierungslosigkeit aus.

Indien ist das Land der Sekten, der Gu­rus, der Heilsbringer, für viele Europäer, deren Religion ihnen keinen inneren Halt mehr geben konnte.

Nelumbo lucifera ist billiger als ein Guru! Und vor allem besser für die innere Stabilität.

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