22.04.2010: Gespräche, die heilen


Raimar Ocken, Heilpraktiker
 
Es gibt selbst in Fachkreisen Men­schen, die nicht darüber Bescheid wissen, daß Gespräche auch bei schein­bar rein körperlichen Erkran­kungen helfen können, wenn …
 
Weshalb genügt es in vielen Fällen nicht wirklich, wenn ein Mensch seine Sorgen und Nöte, besonders die individuellen emotionalen, mit seinem Freund/seiner Freundin oder einem anderen nahestehenden Menschen bespricht? Tut nicht der Heilkundige dasselbe: zuhören, Rat­schläge erteilen und ähnliches? Nein, auch wenn es dreist so aussehen mag, so besteht doch zwischen beiden Arten ein großer Unterschied. Ist dieser nicht erkennbar, dann ist in der Regel der Heil­kundige ein schlechter. In vielen Fällen, besonders wenn es sich um Krank­heits- und Leidenszustände handelt, ist ein freundschaftliches oder ein kollegiales Gespräch nicht ausreichend. Ein therapeutisches Gespräch setzt voraus, daß der Heilkundige gut über sich Bescheid weiß und seine eigenen Sor­gen und Nöte aus der Therapie heraus hält. Ebenfalls Mitleid. Der Hilfe­suchen­de ist nicht der Freund oder die Freun­din des Heilkundigen. Er, der Patient, kann – in der Regel gegen Geld – fachlich qualifizierte Hilfe erwarten und muß sich nicht mit Problemen des Be­hand­lers belasten lassen. Therapie ist kein Kaffeekränzchen. Der Heilkundige hält sich demzufolge mit eigenen Erleb­nissen und Befindlichkeiten zurück und erzählt dem Hilfesuchenden auch nicht, was für ein „toller Hecht“ er ist.  In der Behandlung geht es um den Patienten, nicht um den Heilkundigen.
 
Okay. Ich wollte ja aufzeigen, weshalb therapeutische Gespräche auch bei so genannten körperlichen Krankheiten hel­fen können. Vorab: Ich mag den Begriff „Psychotherapie“ eigentlich nicht, denn er suggeriert, daß es Behandlung gibt, die nur für die Psyche (das Gemüt) gut ist. Nun wissen wir als Ganz­heits­mediziner, daß es keinen Bereich im Menschen gibt, der nur Psyche ist. Psyche und Soma (Körper) sind, wie ich immer zu sagen pflege, miteinander verwoben. Daraus ergibt sich, daß körperliche Berührung (Stimulation) auch auf die Psyche wirkt und umgekehrt. Dies ist in der Behandlung von Menschen, die psychotisch erkranken, von besonderer Bedeutung. In manchen Si­tua­tionen macht Reden nämlich keinen Sinn und zwar, wenn der Patient stark verwirrt ist. Die Verwirrung spielt sich sozusagen hauptsächlich im Kopf ab, und dort sind ganz besonders die Bereiche verbale Sprache und Denken betroffen. Wenn zwischen Heilkundigem und Patient ein gutes Einvernehmen besteht, dann kann der Heilkundige einen akuten Verwirrtheitszustand des Patienten durch Körperkontakt (zum Bei­spiel durch in die Arme nehmen) konstruktiv beeinflussen. In vielen Fällen klingt die Verwirrung in relativ kurzer Zeit ab, weil der Erkrankte auf einer nicht intellektuellen Ebene, auf der emotionalen Ebene, angesprochen wird. Dies wirkt, wie wir jetzt wissen – zur Erin­nerung: es gibt keine informative Tren­nung im Organismus –, auch auf den Intellekt.  
 
Das therapeutische Gespräch hat mehrere Wirkungsbereiche. An erster Stelle steht der zwischenmenschliche Kon­takt: fühlt der Patient sich bei „seinem“ Be­handler sicher, verstanden und an­genommen? An zweiter Stelle kommt: be­greift der Behandler den Zustand des Patienten und hat er Mittel und findet er Wege, konstruktiv auf ihn einzuwirken? An dritter Stelle folgt, und das wird in der Regel außer Acht gelassen, die Frage­stellung, ob der Patient überhaupt ge­sund werden will bzw. ob sein soziales Umfeld ihn gesunden läßt. Wir müssen bei diesem Punkt unsere Auf­merk­sam­keit auf die Phänomene „Krank­heits­ge­winn“ und „Opferrolle“ lenken. Was ich hier allerdings nicht weiter vertiefen will. 

Wir gehen jetzt davon aus, daß die Zei­chen günstig sind und einer Gesundung des Patienten letztlich „nichts“ mehr im Wege steht. Der Heilkundige hat in diesem Fall die besten Bedingungen. Was in natura (in Echt) allerdings nur selten vorkommt, möchte ich anmerken. Nach der Anamneseerhebung – der Heil­kun­dige sammelt Fakten aus dem Leben des Hilfesuchende, um sich ein möglichst detailliertes Bild von ihm und seinem Zustand machen zu können – folgt die Festlegung des Therapieziels: Was will der Patient erreichen?
 
Kommen wir zum eigentlichen Ge­spräch. Im therapeutischen Gespräch wirkt – und das sollte nicht vergessen werden – auch der Therapieraum: ist er hell/dunkel, warm/kalt, groß/klein genug; ist die Einrichtung passend: nicht er­drückend, nicht vereinsamend; sitzt der Patient bequem usw.? Nächste Frage­stellung: Ist der Behandler richtig (zum Bespiel nicht aufreizend) gekleidet? Wie riecht er? Besonders wichtig ist, daß der Behandler die passende Sprach­ebene findet. Er braucht sich keines besonders elaborierten Codes zu be­fleißigen, wenn sein Gegenüber nur Haupt­schul­ab­schluß hat oder aus anderen Gründen kaum Fremdworte benutzt und kein astreines Deutsch spricht. Zur Wortwahl kommen der Sprech­fluß, die Klang­mo­dulation und die Lautstärke hinzu. Alles okay?
 
Wir gehen jetzt davon aus, daß alle positiven Faktoren gegeben sind. Was wirkt denn nun in der Psychotherapie? Ganz einfach: Alles Positive und Ne­gative, das auf den zu Therapierenden einwirkt, sowie sein Wille, wieder ge­sund werden zu wollen, die Zustimmung der Mitwelt und last but not least (zum Schluss, aber nicht als Letztes) der Glaube des Patienten und der des Heil­kundigen. Dabei ist es egal, woran der Erkrankte leidet. Umkehrschluß: Wür­den mehr Mitbürger therapeutisch im Spre­chen geschult werden, würde es weniger Krankheit geben. 

 
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