20.01.2010: Hyperthermie, Energie und Elektrizität


Eberhard W. Eckert

Die Messung der Körpertemperatur wurde vor reichlich einem Jahrhundert von deutschen Medizinern und Tech­nikern eingeführt und, wie üblich in Deutschland für dort entstehende Erfin­dungen und Entwicklungen, zunächst abfällig kommentiert. Noch heute liefert sie Stoff für medizinische Fachartikel mit Fragestellungen wie etwa, welches die „Normtemperatur“ beziehungsweise der „Normtemperaturbereich“ sei und wo der optimale Meßort dafür ist.

Wie bei vielen anderen Meßwerten am Körper lassen sich aus sehr vielen Mes­sungen nach Anwendung statistischer Formeln ein (allgemeiner) Mittelwert und ein (allgemeiner) Streubereich definieren.
 
Für ein Individuum lassen sich aus sehr vielen Messungen an ihm ein individueller Mittelwert und ein individueller Streubereich gewinnen, mit denen man präventiv, diagnostisch und therapeutisch sehr viel anfangen kann bzw. könnte -aber wer mißt schon regelmäßig seine Temperatur, vor allem im gesunden Zustand?
 
Der menschliche Körper regelt seine Kerntemperatur in einem recht engen Bereich um 37 Grad C, die Körper­tem­peratur ändert sich in einem Tagesgang im allgemeinen in der Größenordnung 0,5 1/4 0,7 Grad C. Dem Tagesgang können längere Zyklen überlagert sein wie etwa der weibliche Zyklus, der sich zu praktischen Zwecken mittels Frauen­ther­mometer erfassen läßt.
 
Selbstverständlich ist die Körper­tem­pe­ratur neben der individuellen Schwan­kung auch charakteristisch von Umwelt und eigener Aktivität abhängig, bekannt sind z.B. ungewöhnlich hohe Tempe­raturen von Marathonläufern. In aller Regel bewegt sie sich aber dank eines aufwendigen, vom vegetativen Ner­ven­system gesteuerten Temperatur­rege­lungssystems in engen Grenzen. Selbst bei einem ausgedehnten Saunagang in 95 °C heißer Umgebung steigt die Re­k­taltemperatur nur um wenige Zehntel Grad C. Warum das so ist, liegt auf der Hand. Chemische wie auch biochemische Prozesse sind temperaturabhängig. Bereits geringe Tempe­ratur­än­de­rungen haben großen Einfluß auf die Stoff­um­setzungsgeschwindigkeit, die Stoff­wech­selrate (Reaktionsrate). Deshalb ist z.B. bei Tieren im Winterschlaf die Körpertemperatur deutlich abgesenkt.
 
Aus den Grundzügen der Physik ist bekannt, daß die Brown’sche Mole­ku­larbewegung umso größer wird, je höher die Temperatur ist. Steigende Moleku­lar­bewegung bedeutet steigende Wahr­scheinlichkeit für chemische Reak­tio­nen. Da chemische Reaktionen immer auf Veränderungen in den Valenz­elek­tronen der beteiligten Atome von Mo­lekülen beruhen, hat Körperwärme auch etwas mit körpereigener Elek­tri­zität zu tun. In der Chemie gilt im normalen Temperaturbereich die Faustregel, daß 10 °C Temperaturerhöhung die Um­setzungsrate verdoppeln. Bei einem von vielen Hormonen und Enzymen katalysierten höchstkomplexen Stoff­wech­selgeschehen ist Temperatur­kon­stanz ganz besonders wichtig, deshalb sorgt die körpereigene Regelungs­automatik dafür, daß die individuelle Kern­tem­peratur (im absolut lebenswichtigen Be­reich) möglichst genau eingehalten wird, auch auf Kosten der Peri­phe­rie/Extre­mitäten -bei denen sogar Erfrierungen in Kauf genommen werden. Ausnahmen nach oben in Form von Fieber gibt es nur zu wichtigen Zwecken, indem kör­pereigene (endogene) Pyrogene über eine Prozeßkette des Hypothalamus zu einer Verstellung des Temperatur-Sollwertes anregen. Der Zweck besteht im allgemeinen in gesteigerter Abwehr, auch katabolen (Abbau) Vorgängen. Schon nach wenigen Grad C Erhöhung ist infolge Eiweiß­de­natu­rierung Schluß, das überaus komplexe Stoff­wech­sel­Ionenmobile wird aus seinem stabilen in einen labilen Gleich­gewichtszustand verschoben und bricht zusammen.

Warum ist die Temperatur so wichtig? Dazu muß die Energie (naturwissenschaftlich definiert!) im menschlichen Körper betrachtet werden, deren wichtigster Energieträger die letztlich aus dem Verdauungssystem gelieferte Ade­no­sinphosphorsäure (ATP) ist. Che­mische Energie wird in unserer Bio­sphäre „Körpersystem“ durch Re­dox- ­prozesse in den Stoffwechselreaktionen erzeugt. Aerob lebende Organismen gewinnen Energie i.a. aus der Oxidation von Nährstoffen; bei uns findet das in den Mitochondrien statt.
 
Oxidation am Beispiel der Knall­gas­reaktion ist allgemein bekannt, 2H2 + O2 verbinden sich mit einem Knall und beträchtlicher Wärmeentwicklung zu
2H2O, wenn das Gasgemisch gezündet wird. Im „Energiediagramm“ dieser chemischen Reaktion zeigt sich, daß dabei vom Energie-Anfangszustand her ein beträchtlicher Spitzenwert „Freie Ener­gie der Systemzustände“ erreicht wird, der dann auf den Endzustand des Was­sers absinkt. Es bedarf also zunächst einer nennenswerten Aktivierungs­ener­gie, um den Prozeß anzustoßen, die Moleküle müssen einen angeregten „Übergangszustand“ erreichen. Im vorliegenden Fall wird Energie abrupt nach außen abgegeben.
 
Energiezufuhr für die (bio-)chemischen Reaktionen kann durch Tempe­ratur­stei­gerung (im menschlichen Körper z.B. lokale Temperaturerhöhung/Entzündung oder ganzheitliches Fieber) oder durch günstigere sterische Orientierung bei den sich stoßenden Molekülen oder durch Polarisierung mit Hilfe elektrischer Felder, Druckerhöhung o. a. erfolgen.
 
Die Natur/Biologie bedient sich noch eines weiteren, sehr ausgefeilten We­ges: Katalysatoren, Enzyme, Hormone, häufig hoch spezifisch, vermindern die für eine Reaktion erforderliche Akti­vie­rungsenergie. Die Wirkung von En­zy­men als Katalysatoren wird verständlich durch die Zerlegung einer Gesamt­reaktion in mehrere Einzelschritte nach dem Prinzip der Zwischenstoffkatalyse. Im Rahmen einer solchen enzymkatalysierten Reaktion zeigt das „Energie­dia­gramm“ mehrere aufeinanderfolgende Reaktionen mit jeweils moderater Ak­tivierungsenergie, also Übergangszustände, die keine erhebliche Freie Ener­gie der jeweiligen Systemzustände be­dingen: In der Humanbiologie geht es ökonomisch, ohne Knall und große Wärmeentwicklung zu ! Enzyme erlauben eine fast isotherme Reak­tions­füh­rung, sie sind ihrerseits recht temperaturempfindlich, was z.B. erhebliche Aus­wirkung auf die Unter­suchungs­ver­fahren in der Klinischen Biochemie hat.
 
Das Ganze ist auf ca. 37,5 °C optimiert, die Einzelreaktionen werden auf die skizzierte Weise um das 10 hoch 8 bis 10 hoch 10-fache beschleunigt. Man sieht, Katalyse mittels Enzym und dgl. ist hoch wirksam. Da sie Temperatur-maßgeschneidert ist, hat auch die Temperatur einen maßgebenden Einfluß. Da gibt es einen Q10-Wert, der angibt, um welchen Faktor die Geschwindigkeit einer Gesamt­reaktion zunimmt, wenn man die Tem­pe­ratur um 10 Grad C steigert. Norma­ler­weise findet man Q10-Werte um 2 ... 3.
 
Überwärmung als äußeres Hilfsmittel zur Unterstützung der Selbst­hei­lungs­kräfte wurde offenbar seit Urzeiten in­stinktiv erkannt und dann auch bewußt herbeigeführt. Viele Tiere und die Gat­tung Mensch haben wohl seit ihrem Auftreten Sonnenbaden praktiziert, wo­bei Sonnenlicht = elektromagnetische Strahlung im Frequenzbereich um 10 hoch 14 Hz. Tier und Mensch suchten warme/heiße Quellen auf; Menschen entwickelten auf allen Kontinenten unabhängig voneinander die Nutzungen von Feuer, Warmwasser, Dampf (Sauna, Schwitzhütten, ...) warmen Wickeln, fiebererzeugenden Naturdrogen, alles hat eine weit zurückreichende Geschichte.
 
In der Neuzeit/Neuesten Zeit kam im Zu­ge der rasant fortschreitenden Ent­wicklung die Hochfrequenz zur Wärme­erzeugung hinzu.
 
Als Hochfrequenz bezeichnet man elektrische, magnetische, insbesondere aber elektromagnetische Felder, deren Ursache (Trennung/Verschiebung elektrischer Ladungen, Spannung, Strom) und deren dadurch entstehende Strah­lungsparameter (elektrische und ma­gnetische Feldstärke, Ausbreitungs­ge­schwindigkeit) durch zeitliche Än­de­- rungen – etwa sinusförmig – mit Fre­quen­zen von mehr als etwa zwei Dutzend Kilohertz (kHz) gekennzeichnet sind.
 
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts er­kannte man, daß sich menschenerzeugte elektromagnetische Wellen und Im­pulse durch den Raum ausbreiten (strahlen), wenn sie nur genügend hochfrequent sind. Die Erzeugung von „genügend hochfrequenten“ elektromagnetischen Schwingungen ausreichender Leistung stellte für einige Jahrzehnte ein Problem dar. Es wurde mit Fun­ken­strecken, Unterbrechern, speziellen Magneteinrichtungen und rotierenden Hochfrequenzmaschinen angegangen, bis die Erfindung der Lieben´schen Elektronenröhre und der Rückkopplung in Verbindung mit entsprechenden An­tennen den Weg zur wohldefinierten Erzeugung von hochfrequenter elektromagnetischer Strahlungsenergie frei machte. So begann vor knapp einem Jahrhundert das Radiozeitalter, in dem heute die Elektronenröhren weitgehend durch Halb­leiterbauelemente abgelöst sind.
 
Die Entwicklung führte zunächst über Langwellen zu Mittelwellen, die schein­bar unbrauchbaren Kurzwellen überließ man Funkamateuren, die damit Er­staunliches zuwege brachten. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg stieß man in der Forschung in die Re­gion der Ultra­kurzwellen (UKW) und dann in noch kürzere Wellenlängen (d.h. immer höhere Fre­quenzen) vor, deren Nutzung im Kriege ebenso ge­heim wie intensiv war. Nach Kriegs­ende wurde Deutschland eines Groß­teils seiner Mittel- und Langwellen beraubt und war gezwungen, den flächendeckenden UKW-Rund­funk­bereich als große Inno­vation neu aufzubauen. Als Konver­sions­produkte entstanden u.a. die Mikrowelle für Küchen und Industrie und die Ra­dioastronomie.
 
Schon zu Langwellenzeiten war be­merkt worden, daß Perso­nal mit längeren Verweilzeiten im Bereich starker elektromagnetischer Hoch­frequenz­fel­der an Temperaturerhöhungen litt, die zum Teil geraume Zeit nachwirkten und als „Radiofieber“ bezeichnet wurden. Auch bei Funkamateuren oder Funk-Nachrichtenpersonal beim Militär zeigten sich in einer Anzahl Fälle gewisse Abweichungen von üblichen Normen, was im Jargon als „Funkermacke“ zum Ausdruck gebracht wurde.
 
Das war nicht weiter aufsehenerregend, schließlich wurden auch die alten Hoch­frequenzmaschinen und später die Elek­tronenröhren sowie andere elek­tri­sche/ elektronische Bau­elemente warm oder heiß. Seit Jahrhunderten gab es Na­turforscher und Ärzte (früher nicht selten in Personalunion), die Elektrizität zu Diagnose- und Therapiezwecken zu nutzen suchten. Doch die Hoch­fre­quenz­technik war schon von Hause aus schwierig, sie wurde mit fortschreitender Entwicklung immer komplexer und komplizierter, umfassend interdisziplinär arbeitende Einzelkämpfer kamen ins Hintertreffen und sind heute so gut wie ausgestorben.
 
Gezielte Anwendung von hochfrequenten elektrischen, ma­gnetischen und elektromagnetischen Feldern zu medizinischen Zwecken der Erwär­mung/ Über­wärmung in größerem Umfang wird in den 1930er Jahren verzeichnet, ein wichtiger Name aus jener Zeit ist Schliep­hake und die „Kurz­wellen­thera­pie“ im Spulen- oder Kondensator- oder Antennenfeld. Dabei wird Energie in Form hochfrequenter elektromagnetischer Wellen auf den Körper gestrahlt, durchdringt verhältnismäßig gut die Haut, durch Inter­aktion mit seinen molekularen u.ä. Be­stand­teilen wird sie (letzt­lich durch so etwas wie Reibung) in Wärme verwandelt, und zwar am jeweiligen Interak­tions­ort. Das ist ein grund­sätzliches und wichtiges Unter­schei­dungs­merkmal zur Wärmeleitung, zum geleiteten Wärme­strom- und übrigens auch der Grund, warum die Zubereitung mancher Le­bens­mittel in der Mikrowelle so unerfreuliche Ergebnisse hat: Sie werden von innen erhitzt und gegart, die sogenannten Maillard-Reaktionen bleiben aus.
 
Die o.a. Entwicklung der Technik zu immer höheren Frequenzen erlaubte immer höheren Energieinhalt der elektromagnetischen Strahlung (E = h x f; wobei E = Energie, h = Planck´sches Wirkungsquantum, f = Frequenz) und wegen der immer kleineren Wellenlänge in Luft (die umgekehrt proportional zur Frequenz ist), auch immer genauere Fokussierung.

Heute steht im Prinzip zwar ein großes Frequenzspektrum, in der Realität aber nur eine bescheidene Anzahl an medizinisch nutzbaren Fre­quenzen zur Ver­fügung, wobei die Kurzwelle zur The­rapie weitgehend verschwunden ist; in der Hoch­fre­quenzchirurgie wird der Bereich 350 kHz ... 1 MHz noch benutzt. Dabei schneidet die auf kleine Flä­chen/Vo­lumina aufgebrachte Hoch­fre­quenz­energie durch Hitze­ent­wick­lung das Gewebe und verschließt durch Koa­gulation gleichzeitig Gefäße, ist also eine angenehme Ope­rationsmethode. Weniger angenehm ist die Anwen­dung von Mikrowellen als sogenannte „Nicht­tödliche Waffen“ (NLW), die je nach Energiehöhe und Bündelung eine ganze Palette von häßlichen Wirkungen aufweisen.
 
Die heute üblicherweise angewandte Hyperthermie mit elektromagnetischen Strahlern bedient sich der Frequenz von 13, 56 MHz. Dazu muß nochmals auf Physik und Physiologie eingegangen werden.
 
In Physik und Hochfrequenztechnik wird gemeinhin Elektronenleitung mit ausschließlich negativen Ladungsträgern, den Elektronen, betrachtet; das entspricht der elektrischen Leitfähigkeit in Metallen. Für eine elektromagnetische Welle, die z.B. auf ein Metallvolumen, etwa eine ebene Platte auftrifft, läßt sich auf Grund dieses Leitfähig­keits­mecha­nismus und seiner bekannten Para­meter eine „Eindringtiefe“ der Wellen definieren, ebenso die Erscheinungen der (Energie-)Reflexion und Absorption berechnen. Das hat z. B. zur Folge, daß man Metalle im Hochfrequenzfeld in wohldefinierten Schichtdicken zum Zweck der Oberflächenhärtung erhitzen kann. Auch in nichtmetallischen Stoffen kann Hochfrequenz auf Grund deren dielektrischer Eigenschaften Wärme entwickeln, Holztrocknung und das Verschweißen von Watte sind Beispiele dafür.
 
Im lebenden Körper ist das allerdings etwas gänzlich anderes als in der Technik, schon allein deshalb, weil es im Körper sowohl positive als auch negative Ladungsträger in Form von Ionen gibt, die in vielerlei Variationen auftreten und dazu noch kompartimentiert sind. Die weitreichenden Folgen sind nachzulesen in „Die 10 Grundsätze der Elek­tro­physiologie“. Auch die schönen Formeln und Erfahrungswerte aus der Technik für (Energie-)Reflexion und Absorption sind angesichts dieses vollkommen anderen Leitungsmechanismus sowie nicht konstanter Parameter auf die Humanbiologie und - Physiologie nicht anwendbar. Statt dessen muß man sich im Bereich von mehr als 100 kHz mit mehr oder weniger gut empirisch ermittelten Spezifischen Absorptionsraten (SAR, frequenzabhängig!) oder der Spezifischen Absorption (SA, frequenzabhängig!) behelfen. SAR bedeutet Leistung/Masse (W/kg); SA bedeutet Energie/Masse (z.B. Wh/kg). Das Gebiet ist deshalb so schwierig, weil der Körper in keiner Hinsicht, auch nicht in elektrischer, homogen ist; er lebt, der vom vegetativen Nervensystem gesteuerte Blutkreislauf u.a. transportieren Wärme­mengen und wirken automatisch ausgleichend/verteilend. Und schließlich ist jeder Körper und seine Regulation ein Unikat, jeder Moment im Leben unterscheidet sich vom anderen, statistische Werte sind angesichts der hoch kritischen Temperaturobergrenze nur be­dingt von Nutzen. SAR-Werte sind z.B. auch bei der Betrachtung der durch die hochfrequente Strahlung von Mobil­funk­telefonen am Kopf verursachten Er­wärmungsgebiete wichtig.
 
In neuerer Zeit versucht man den Kunst­griff, das Tumorgewebe mit elektrisch leitfähigen Partikeln anzureichern, um damit die SAR zu erhöhen.
 
Ein ungelöstes Problem stellt die Tem­peraturmessung am Wirkungsort dar. Man möchte natürlich gerne wissen, wie hoch die Temperatur im Tumorgewebe ist. Die Einbringung eines Thermo­me­ters bedeutet aber eine Gewebe­ver­letzung in diesem kritischen Gebiet, die man besser unterläßt; außerdem stört ein noch so kleiner Meßfühler mit seiner Verbindung zur Außenwelt sowohl die hochfrequenten als auch die thermischen Verhältnisse, von den körpereigenen Verhältnissen ganz zu schweigen. Man muß also gezwungenermaßen eine Anzahl indirekter Meßwerte heranziehen, und so ist insbesondere die Ganzkörperhyperthermie durch den Aufwand für fortlaufende Patien­ten­daten­überwachung, Steuerung und Re­gelung personell und apparatemäßig keine einfache Sache. Aber sie kann durchaus auf Erfolge verweisen.
 
Was soll denn erreicht werden? Man will bestimmte Volumina im Körper – und nur diese – möglichst genau auf knapp unter 42 °C (bzw. im Extremfall ganz wenig mehr) erwärmen.
 
-    Hyperthermie (im vorliegenden Fall mit elektromagnetischer Hoch­fre­quenz­­strah­lung definierter Frequenz) ist die passive Überwärmung des Kör­pers, sie wirkt antiphlogistisch, analgetisch, durch­blutungsfördernd, muskeldetonisierend, stoff­wechsel­raten- erhöhend, VNS-stimulierend (Vagus, Sympathikus)
 
-    Das Streßhormon Cortisol zeigt etwa synchronen Anstieg unter akuter Streß­­reaktion: Im Blut werden also Cortisol und Lymphozyten hochgefahren. Untersuchungen bestätigen den Wärmeeinfluß auf Zytokinmilieu, Plas­ma­zytokinspiegel von TNF-*, Inter­leukin 1-3 und Interleukin 6
 
-    Wärme steigert die metabolische Ak­tivität der gesunden Zellen, die den malignen Zellen Wachstumsstoffe liefern und damit deren Proliferation und Ausbreitung stärken: Ein unerwünschter Effekt! Bei entsprechender Me­di­kation kann sich die durch Wärme gesteigerte Stoffwechselrate am beabsichtigten Wirkungsort wiederum als recht erwünschter Effekt herausstellen!
 
-    Tumorzellen sind - erstaunlicherweise - überwärmungsempfindlich, sie können durch erhöhte Temperatur am Wachstum gehemmt werden, bei noch weiter gesteigerter Temperatur können sie wegen Hypoxie und anderer Wärmeschäden zugrunde gehen Bei der sogenannten locoregionalen Tiefenhyperthermie ist erfahrungsgemäß ab 41 °C signifikante Zell­ab­tö­tung zu erwarten, ab 42,5 °C sollte di­rekt zytotoxische (zelltötende) Wir­- kung eintreten. Bei Tumoren mit schlechter Durchblutung, d. h. geringer Kühlwirkung durch Blutstrom u. a., können schon niedrigere Tempe­raturen zelltötend wirken. Es ist beobachtet worden, daß Hyperthermie zu Resistenzverringerung der Tumor­zel­len führt und die Effektivität einer nachfolgenden Strahlentherapie mit ionisierender Strahlung steigert.
 
-    Die vorstehend skizzierten erwünschten und unerwünschten Effekte versucht man durch technische Maß­nahmen zweckdienlich in den Griff zu bekommen, etwa durch Modulation der 13,56 MHz-Strahlung, durch ein asymmetrisches elektromagnetisches Feld, durch besondere Fokussierung. Eine besondere Rolle spielt dabei die Ausschüttung von Hitze­schock­prote­inen (HSP) an den Zellwänden.
 
-    Wärme wird in Physik/Ther­mo­dy­na­mik als niedrigste Form der Energie betrachtet, je höher die Temperatur, desto niedriger der Ordnungsgrad und Zusammenhalt der atomaren/molekularen Teilchen in Stoffen. Im Körper herrscht aber eine auf rund 37 °C optimierte Ordnung. Ihre Störung fordert die Teilsysteme der körpereigenen Regulation heraus, die die Ord­nung wieder herstellen wollen. Wie wichtig und auch variabel körpereigene Regulation sein kann, weiß jeder aufmerksame regelmäßige Sauna­besucher: Man hält Hitze schlechter oder nur kürzer aus, wenn man körperlich und/oder mental angeschlagen ist, die Regulation (Reaktionsfähigkeit-Reserve) ist dann eingeschränkt.
 
-    Eine ethisch-moralische ebenso verwerfliche wie naturwissenschaftlich-medizinisch interessante Anwendung von elektrisch erzeugter Hyperthermie  – allerdings mit Niederfrequenz und direktem Stromdurchgang – findet sich beim elektrischen Stuhl. Dort stirbt das Nervensystem/ZNS durch übermäßige Energiezufuhr verhältnismäßig bald den Wärmetod, während die Herzfunktion u.U. noch länger bestehen bleiben kann.
 
-    Energiezufuhr auf wohldefinierte kleine Volumina im Körperinneren findet sich z.B. bei der Lithotripsie, der Zer­trümmerung von Konkrementen wie Nieren-, Blasen- oder Gallensteinen; bei der Auflösung von anderen festen Ablagerungen, z.B. an Gelenken. Da­bei werden Ultraschall oder Stoß­wellen so gebündelt, daß der Brenn­punkt und damit die Energie oder wenigstens deren Löwenanteil auf das entsprechende Volumen konzentriert sind. Es spricht einiges dafür, daß Kombinationen von Hyper­ther­mie mit Hochfrequenz plus direktem Strom­durchgang (wie beispielsweise bei der elektrischen Gleichstrom-Krebstherapie, Galvanotherapie/ECT angewendet) oder plus Schall/Ultra­schall oder plus Infrarotstrahlung und nicht zuletzt plus passender Me­dikation Fortschritte bringen könnten.
 
Dabei gibt es eine tatsächlich unendliche Fülle von Möglichkeiten allein bei der Anwendung von Elektrizität in ihren vielen verschiedenen Formen, sei es die Spannung, die Frequenz, die Strom­richtung usw. Es weist einiges darauf hin, daß es Frequenzen gibt, bei denen spezifische Prozesse anders ablaufen als sonst, Stichworte dazu sind Re­sonanz und – nicht zu vergessen – Däm­pfung. Auch die Eigentümlichkeiten der Wirkung von zeitlich veränderlichen Magnetfeldern im Körper, die mit jenen in der Technik kaum etwas gemein haben, harren noch weithin der naturwissenschaftlich-medizinisch untermauerten Erklärung.
 
Fortschritt kann in einer Zeit der Wis­sensexplosion und immer weiter zunehmenden Spezialisierung nur in interdisziplinärer Zusammenarbeit Aussicht auf Erfolg haben. Dabei ist Erfolg nicht nur am erzielten Effekt festzumachen, sondern u.a. auch an der Kosten-Nutzen-Beziehung und der allgemeinen An­wendbarkeit. Was bedeuten z.B. na­tur­- wissenschaftlich-medizinisch de­tailliert erklärbare Schwerionen­be­strah­lungsanlagen mit riesigem Personal- und Kostenaufwand und einem einzigen Standort für das allgemeine Ge­sund­heitssystem und dessen Finanzierung?
 
Was bedeuten z.B. die vielfältig den Markt überschwemmenden Magnet­feld­therapiegeräte, zu denen auch auf in­tensive Nachfrage kein naturwissenschaftlich-medizinisch hinreichend ge­sicherter Wirkungsmechanismus erhältlich ist?
 
Wenn Körperwärme etwas mit körpereigener Elektrizität zu tun hat, gilt das natürlich in beiden Richtungen. Beides sind Formen von Energie, wobei Elek­trizität in ihren vielen verschiedenen Erscheinungsformen hervorragend ge­steuert, geregelt und gemessen werden kann und dazu noch eine ebenso universelle wie hochwertige Form von Energie darstellt. Sie eignet sich a priori für begrenzte Volumina, auf die sie auch impulsweise applizierbar ist und damit den Zeitfaktor hinsichtlich Wär­me­ausgleich zu überlisten gestattet. Wär­me gilt in der Physik als minderwertige Form der Energie, in der Physiologie hat sie jedoch die vorstehend beschriebenen wichtigen Funktionen.

Die Hyperthermie mit Hochfrequenz und die skizzierten Weiter­ent­wicklungs­möglichkeiten können sich auf einen hervorragenden Fundus an mathematisch-physikalischen Grundlagen und industriell preiswert erhältlichen Bau­steinen stützen, und auch für medizinische Anwendungen gibt es zahlreiche Erfahrungswerte oder Analogien. Man muß es nur wollen – und machen.

 
zurück top Druckversion