15.10.2008: Gift in der Natur- und Kulturgeschichte des Menschen


Ein Beitrag zur umweltmedizinischen Aufmerksamkeit in der Naturheilkunde

Dipl.-Pädagoge Rainer Meerkamp, Heilpraktiker

2005 erschien in dieser Zeitschrift mein Beitrag „Die Folgen der Chemiesierung unseres modernen Alltagslebens, eine Herausforderung für die Naturheilkunde“. Seitdem habe ich mit einem medizinsoziologischen Beitrag den sozialen Rahmen chronischer Gesundheitsprobleme dargestellt (R. Meerkamp, 2007/2008) und an anderer Stelle über Grenzwerte in Toxikologie und Umweltmedizin berichtet (R. Meerkamp, 2007). Weitere Aspekte der Thematik blieben seit 2005 unerwähnt. In diesem Aufsatz geht es um den geschichtlichen Rahmen von Vergiftungen und Entgiftungen, damals nur kurz in einer einführenden Bemerkung angesprochen. Und in einem nachfolgenden Beitrag wird es dann um die giftfrachtbelasteten modernen Biographien gehen, um die Vergangenheit des Umwelterkrankten, der den Heilpraktiker aufsucht - ein Thema, das im Aufsatz von 2005 aus Platzgründen ganz wegfiel.

Es geht auf den nächsten Seiten um Gifte in der Natur- und Kulturgeschichte, um ungewollte und gewollte Vergiftungen, um unsere ererbte „Fremdstoffentgiftung“ und schließlich um die radikale Zäsur durch die massenhafte industrielle Chemikalien-Produktion in der Moderne. Der Mensch ist ein Allesfresser und muß wissen, was für ihn giftig ist und was nicht. Weiß er es nicht, ist er in Lebensgefahr. Gelegenheiten zur Vergiftung sind reichlich vorhanden. Es kommt aus dem Labor der Natur einiges auf uns zu! Durch die Naturgeschichte sind wir seit jeher umgeben von lebenzerstörenden Giften.

Von 200 Arten giftiger Pilze in unseren Breiten sind 40 gefährlich und 10 tödlich für uns. (Der Fliegenpilz enthält Ibotensäure, und da dieser Giftstoff insektizid wirkt, wurden in früheren Zeiten Pilzstücke mit Milch übergossen und als Fliegenköder genutzt. Der Fliegenpilz ist aber auch eines der ältesten Halluzinogene des Menschen.) Unterschiedliche Pflanzen sind giftig, z.B. das Adonisröschen (mit herzwirksamen Glykosiden), das Buschwindröschen, die Küchenschelle, dann der Rittersporn, schon in alten Zeiten als Mittel gegen Läuse und Krätze empfohlen, die Schwarze Nieswurz, ein wichtiges Arzneimittel der Antike, damals u.a. menstruationsfördernd, abtreibend, gegen Epilepsie und Manie verwendet. Blauer Eisenhut ist eine der giftigsten Pflanzen unserer Flora und enthält Aconitum im Wurzelknollen, ein Herzgift, so daß im 16. Jahrhundert Verbrecher zum Tod durch Aconitum verurteilt wurden (der Tod tritt durch Atemlähmung ein). Lebensgefährlich giftig können für uns Maiglöckchen und Herbstzeitlose, schwarze Tollkirsche und Stechapfel, schwarzes Bilsenkraut und Dieffenbachia, Fingerhut, Lebensbaum und gefleckter Schierling sein. An die Beeren der Eibe mit dem hochgiftigen Alkaloid Taxin in allen Teilen der Pflanze, an das Pyrethrum aus den Chrysanthemenblüten ist zu denken, ein Gift, das der Mensch seit alten Zeiten als Insektizid nutzt, auch an giftige Pflanzenpollen (z.B. des Goldregen, bei dem schon vier Früchte für Kinder tödlich sind).

Die Alkaloide stammen überwiegend aus Pflanzen: Nachtschatten-, Mohn- und Hahnenfußgewächse und einige Hülsenfrüchtler liefern diese Naturstoffe. Als erstes Alkaloid wurde 1806 Morphin entdeckt und isoliert. Dieses wichtigste Alkaloid des Opiums wird seit 1814 als Schmerzmittel verwendet. Es kommt zu vielen Alkaloidanwendungen in der Medizin, doch kann man mit hohen Dosen auch Menschen umbringen bzw. sich mit ihnen umbringen.

Giftige Tiere an Land und zu Wasser: An Land droht z.B. der Skorpion- oder der Schlangenbiß, von Vipern oder Giftnattern, wobei das Gift der Sandotter, medizinisch gegen Rheuma und Neuralgien eingesetzt, für den Menschen tödlich ist, ebenso wie die Berührung des südamerikanischen Farbfroschs (der den Indios Pfeilgift liefert). Weiterhin zu denken ist an Hornissen-, Honigbienen-, Kröten- und Spinnengift. Und im Wasser schwimmen einige „Giftfische“ (Kugel-, Kröten-, australischer Tintenfisch, Muräne, Stachelrochen). Unter Wasser leben Schnecken (Giftzüngler), Seeschlange, Seeanemone, Quallen wie die kleine Seewespe vor Australien, deren Giftdepot für den Tod von 250 Menschen ausreicht. Trotzdem geht man dort zum Schwimmen, angelt und fischt.

Mineralien sind zu nennen (z.B. krebserregende Chromsalze im Gestein). Doch auch schlichte 200 Gramm Kochsalz bringen einen Menschen schon um. Salze wie das Blausäuresalz, das die Cyangruppe enthält, wirken ebenso. Zyankali ist Kaliumcyanid, leicht in Wasser löslich, in dem die Blausäure abgespalten wird. Es ist eines der stärksten und am schnellsten wirkenden Gifte. Unter dem Decknamen „Zyklon“ wurde Blausäure in den Vernichtungslagern beim Völkermord eingesetzt. Es kommt in der Gaskammer zum Tod durch Atemlähmung. Ein Halbmetall wie Arsen ist zu nennen. Als Spurenelement ist es in fast allen menschlichen Organen vorhanden. Die Natur liefert es im Scherbenkobalt, einem Mineral. Arsenik, im Mittelalter als Kräftigungsmittel empfohlen, schädigt die Blutkapillaren und führt innerhalb von 24 Stunden qualvoll zum Tode.

Natürlich-giftige Stoffwechselprodukte von körperfremden Lebewesen wie Viren und Bakterien machen uns zu schaffen (z.B. Lebensmittelvergiftung durch das Bakterium Clostridium botulinum). Zuletzt kommen in dieser Aufzählung die legalen „modernen“ Genußgifte wie Nikotin, Alkohol, Kaffee und andere willkommengeheißene Drogen hinzu (das seit 1886 verkaufte „Coca Cola“ wurde 1903 entkokainisiert). Tabak wirkt auf das Kommunikationssystem unseres Gehirns, stimuliert und euphorisiert, ohne bewußtseinsverändernd zu sein. Die Konzentrationsfähigkeit wird angekurbelt, eine bessere Gedächtnisleistung wird erzeugt, das „Glückshormon“ Dopamin wird dank Nikotinaufnahme nicht so schnell metabolisiert.

Aber auch das gute Gift, das Leben schützt, ist Teil der Naturgeschichte: Die Ritterwanze saugt aus ihren Wirtspflanzen Weißer Schwalbenwurz und Frühlings-Adonisröschen Giftstoffe und speichert sie in ihrem Körper so, daß sie ungenießbar für andere Beutejäger wird. Erfolgreiche Patente der Natur: Weich- und Ölkäfer schützen sich mit dem Cantharidin in ihrem Blut; 0,03 Gramm sind für den Menschen tödlich, doch als Pflaster kann das Gift zur Heilung eingesetzt werden (eine Vergiftung führt u.a. zu schmerzhaften Dauererektionen, so daß einige Unentwegte das Gift als Aphrodisiakum/Spanische Fliege testeten). Schimmelpilze können den Staphylococcus aureus, den Auslöser von Abszessen und lebensbedrohlichen Lungen- und Herzerkrankungen beim Menschen, zerstören. Die Gifte, mit denen sich diese und weitere Bodenpilze (aber auch Bakterien) gegen andere Mikroorganismen zur Wehr setzen, sind die Antibiotika. Der schottische Bakteriologe Alexander Fleming machte 1928 eher zufällig diese Entdeckung, die ihn berühmt machte.

Auch das Gift, das willkommen ist, ist hier mit einem Schwenk zur Kulturgeschichte der Menschheit zu erwähnen. Die Schwarze Tollkirsche (Atropa belladonna) war Teil der Renaissance-Morgentoilette, denn das gefäß- und pupillenerweiternde Gift erzeugte, in Augentropfen verarbeitet, große „rehäugige“ Pupillen, die eine Frau im 16. Jahrhundert schön machten (deshalb: Bella donna). Vor vielen Jahren bin ich durch die völkerkundliche Ausstellung „Rausch und Realität“ darüber belehrt worden, daß überall auf der Welt und auf allen erdenklichen Wegen Menschen freiwillig und gezielt versuchen, sich, d.h. ihr intaktes Großhirn mit „Biodrogen“ zu vergiften, um die Welt und das schwere Leben für eine Weile im Rausch vergessen zu können. Alkohol ist ein weltweit beliebtes und kollektiv verharmlostes Genußgift; der Weinbau wird seit ca. 7.000 v. Chr. betrieben. Die Verlangsamung der Gehirnfunktion durch Vergiftung wird als Entspannung erfahren. Als das Betäubungsmittelgesetz geschrieben wurde, diskutierten Juristen darüber, ob der Mensch ein „Recht auf Rausch“ habe. - „Der narkotische Rausch, der für die Euphorie, in der das Selbst suspendiert ist, mit todähnlichem Schlaf büßen läßt, ist eine der ältesten gesellschaftlichen Veranstaltungen, die zwischen Selbsterhaltung und -vernichtung vermitteln ...“ (M. Horkheimer, Th. W. Adorno, 1986, S. 40).

In unseren Breiten scheint es ein Wissen über (hochgiftige) „Hexensalben“ gegeben zu haben, über „natürliche Magie“ mit Pflanzen, die es Frauen, den sogenannten Nachtfahrenden, erlaubte zu „fliegen“. Wer mit „Flugpflanzen“ wie Tollkirsche, Engelstrompete, Bilsenkraut, Eibe, Stechapfel, Eisenhut, Muskatnuß und gewissen Kakteen umzugehen weiß, kann Halluzinogene für den Rausch gewinnen, wer es nicht versteht, kann sich eine schwere Vergiftung und einen Horror-Trip zuziehen (H. P. Duerr, 1978). In anderen Kulturen wiederum genießen Halluzinogene bis heute ein hohes Ansehen und werden die richtigen Umgangsformen mit ihnen gepflegt und geübt.

Die Vergiftung wird als Hilfe verstanden im Peyote-Kult der nordamerikanischen Indianer: Das Kulturgift Mescalin sichert sozial-kulturelle Integration, kollektive Identität und Solidarität unter den Kult-Teilnehmern, obwohl die Scheiben der Kakteen neben Halluzinationen auch alle unangenehmen Begleiterscheinungen einer akuten Vergiftung hervorrufen. Einige psychoaktive „Pflanzen der Götter“ werden im Ritus gezielt als Andachtsmittel genutzt und rufen einen psychoseähnlichen Zustand hervor. 1938 wurde bei einem Laborexperiment der Lysergsäure (Grundstruktur der Mutterkornalkaloide des Mutterkornpilzes im Getreide, besonders im Roggen) eine Diäthylamid-Gruppe hinzugefügt, es entstand LSD-25. Diese halbsynthetische Zusammensetzung führt über mehrere Stunden zu einer „experimentellen Psychose“, die in den 50er und 60er Jahren viel Beachtung fand. LSD schien für die Ausbildung von Psychiatern geeignet zu sein, die die Entfremdungserlebnisse und Realitätsverrückungen ihrer schizophrenen Patienten besser nachempfinden würden, schien die therapeutische Regression in Psychotherapien zu eröffnen oder zu erleichtern, schien unbewußtes Material zu aktivieren und damit den therapeutischen Prozeß zu unterstützen. Künstler interessierte die bewußtseinserweiternde Wirkung (St. Grof, 1985).

Noch heute leben Menschen, die Gift zum Lebensunterhalt verbrauchen und Pfeilgifte für Jagd und Krieg herstellen. Strychnin ist das Alkaloid aus dem Samen der Strychnos-Arten (z.B. Brechnuß). Mehrere südamerikanische Strychnos-Arten liefern den Indios Curare (indianisch für „Auf wen es kommt, der fällt“) - seit 1942 bei uns in der Medizin als Muskelrelaxans eingesetzt.

Die Natur fordert uns überall heraus. Ein Mohnkuchen kann heute so viel Morphin enthalten, daß man ihn in der Apotheke nur mit einem Betäubungsmittelrezept bekommen würde. Beim Fischräuchern und beim sommerlichen Grillabend steigen die krebserregenden Benzpyrene mit dem Rauch hoch und umhüllen seit Urzeiten die Bratwürstchen. Im Garten gedeihen unbemerkt Tollkirsche, Fingerhut und Bilsenkraut. Das menschliche Leben findet immer schon in vielen verschiedenen „Störfeldern“ statt, und der Mensch hat's alles mal recht, mal schlecht überlebt. - Das natürliche radioaktive Edelgas Radon, das beim Zerfall von Uran und Thorium im Erdboden entsteht, wird seit Adams und Evas Zeiten eingeatmet und erzeugt Lungenkrebs. Doch schon hier zeigt ein Blick aufs moderne Leben, daß die Vorgaben der Energiesparverordnung das natürlich vorkommende Edelgas in einen anderen Kontext versetzen, der das radonbedingte Lungenkrebsrisiko erhöht, wenn z.B. neue Fenster und dicht schließende Türen eingebaut werden, das Dach wärmegedämmt wird, eine Fassadendämmung aufgebracht wird usw. (dazu A. Guhr, B. Leißring, 2005).

Wir selbst übrigens geben außer Kohlendioxid viele flüchtige Stoffe in die Luft ab: z.B. Wasserstoff, Methangas, Phenole, Schwefelwasserstoff und Ammoniak. Und wenn unser Leben beendet ist, soll sich in unserem Körper ein „Leichengift“ bilden! Gemeint sind die Ptomaine, die bei Fäulnis durch bakterielle Zersetzung der Aminosäure Lysin (griechisch l?sis = Auflösung) und der Aminosäure Ornithin des Harnstoffzyklus entstehenden Amine Cadaverin und Putrescin, die zu unserem unangenehmen Verwesungsgeruch führen, sowie das aus dem für unseren Stoffwechsel nun nicht mehr benötigten Cholin entstehende und in der Tat giftige Neurin, eine organische Base, die auch sonst bei Fäulnis von Fleisch entsteht.

Ein weiterer Blickwechsel von der Natur- zur Kulturgeschichte: Die unmittelbare Antwort auf eine Vergiftung ist in vielen Kulturen zu diagnostischen Zwecken genutzt worden. Beim Gottesurteil wird der Unschuldige und Gerechte, wenn er auf die Probe gestellt wird, vom Gott als dem Hüter des Rechts geschützt. Beim Probebissen oder Kurbissen/Kürbissen ist derjenige schuldig, der das vergiftete Brot wieder von sich geben muß. Dem Reinen und Unschuldigen kann das Gift nicht schaden, dem Schuldigen bleibt beim Brotgericht der Bissen im Halse stecken, wie wir's seit jener Zeit und bis heute noch metaphorisch sagen. In der Bibel wird die Variante beschrieben, mit der eifersüchtige Männer ihre Frauen prüfen, die vor dem Priester einen bitter-vergifteten und fluchbringenden Trank zu sich nehmen müssen; dieses scheußliche Verfahren zum Test der ehelichen Treue wird bei Männern nicht angewandt, da die per se immer frei von Schuld sind (4. Mose 5, 11-31). Im tropischen Afrika mußten in alten Zeiten die alkaloidhaltigen Samen der Gottesurteilsbohne/Calabarbohne vom Beschuldigten eingenommen werden. Wer am Gift starb, war schuldig.

Auch für den Selbstmörder stand Gift bereit. Die ägyptische Königin Kleopatra ließ sich von einer Kobra beißen, was zu einem vergleichsweise milden Tod führt. Der Feldherr und Staatsmann Hannibal vergiftete sich, um seiner Auslieferung an die siegreichen Römer zuvorzukommen. Und in der antiken (Schierling) und mittelalterlichen Rechtsprechung (Aconitum) kam Gift bei Todesurteilen zum Einsatz (und hier und da noch heute) - und nun auch als Mordwaffe.

Das Leben, Morden und Sterben: Auch heimtückische Giftmischer hat es in der Geschichte gegeben. Viele Frauen haben nicht die Kraft für den Griff zur Axt, sind an der Pistole nicht ausgebildet und nehmen kein Messer, sondern morden listig und unblutig, bequem und unauffällig-diskret mit „natürlichem“ Gift. Während in dieser Zeitschrift oft über die Möglichkeiten entgiftender und ausleitender Naturheilverfahren gesprochen wird, ist hier über die vorindustriellen Naturmordverfahren zu reden: erst am Hund ausprobieren, dann am Ehemann durchexerzieren, mit einem schnell, geruchlos und sicher wirkenden Gift, das eine unverdächtig aussehende Leiche zurückläßt. Wenn die Frauen früherer Zeiten des Mordes überführt wurden, war das in der Entwicklungsgeschichte der Toxikologie immer wieder ein Meilenstein.

Chemiker und Apotheker nahmen die Herausforderung durch Arsenmörderinnen an und entwickelten Arsen-Testmethoden. Die Giftmörderinnen besannen sich daraufhin wieder auf die Alkaloidpflanzen und wechselten vom metallischen zum organischen Gift. 1806 wurde Morphin entdeckt, 1818 wurde Strychnin isoliert, 1853 wurde die Injektionsspritze erfunden, neue Möglichkeiten waren den Frauen damit eröffnet. Die Ärzte standen am Totenbett vor einem unbekannten Vergiftungsbild. Wer mit Gift morden will, muß studieren und ist auf den wissenschaftlichen Fortschritt angewiesen. 1868 wurde Zyankali populär, und das trotz des verräterischen Bittermandelgeruchs. Amygdalin (nach dem griechischen amygdalé = Mandel) kommt in der Natur in 2.500 Pflanzen vor, auch in Pflaumen- und Kirschkernen, die man mit Wasser vermischt an der Luft stehen läßt. (Wer 50 bittere Mandeln essen würde, müßte sterben.) Später wurde Parathion/E 605, offiziell als Insektizid und Akarizid verwendet, von mordenden Apothekerinnen, die bereits die nötigen Spezialkenntnisse hatten, in Milchspeisen und Pralinen plaziert. Neue Verbrechen mit neuen Waffen, ohne die Produktpalette der Chemieindustrie undenkbar, erforderten wieder neue Nachweisverfahren.

Es hat Zeiten in der menschlichen Geschichte gegeben, wo man sich um alles selbst und höchstpersönlich kümmern mußte und jeden Angehörigen von Hand und ausgesucht mit Naturprodukten vergiften mußte. Napoleon Bonapartes Vergiftung mit Arsen war ein Einzelfall, und es war damals ein gezielter Anschlag ganz allein auf sein Leben, den er getrost persönlich nehmen durfte. Der berühmte Schierlingsbecher für den verurteilten Sokrates (die Pflanze durfte in Athen nur in wenigen Gärten unter Aufsicht wachsen) mußte für den Einzelfall hergestellt werden und reichte aus für genau eine Person. In einigen US-Staaten wie Texas werden verurteilte Mörder mit der Giftspritze hingerichtet, Mann für Mann, jeder ein Einzelfall. (Und wenn der Henker nervös ist, kann er schon mal 10 Anläufe brauchen, bis er die geeignete Vene gefunden hat.) - Doch die Situation ist in unseren Tagen eine völlig andere, auch für die Toxikologen, Gerichtsmediziner und Angehörigen der Heilberufe. Diese historische Wende verdient ein Aufmerken.

Heute stehen die tödlichen Gifte der Natur und die einzelnen Opfer nicht mehr allein da, und die Vergiftung ist jetzt die Folge eines ganz „normalen“ Marktgeschehens rund um den Globus. Seit der industriellen Revolution, der Erfindung neuer „Fremdstoffe“, giftiger „Kunststoffe“, tödlicher Schadstoffe und seit den Versuchen mit Giftgas-Einsätzen im ersten Weltkrieg ist die Lage eine ganz andere, und das nicht nur in Kriegszeiten. Der Einsatz des neu erfundenen Giftgases „Zyklon B“ zum Massenmord in den Gaskammern der Vernichtungslager Auschwitz und Majdanek und danach in vielen deutschen Konzentrationslagern zeigt die Möglichkeit des monströsen Versuchs, ein ganzes Volk mit den Methoden und Produkten der Industrie auszurotten. („Zyklon“ ist ein Begasungsmittel, das bis heute unter unverändertem Namen zur Schädlingsbekämpfung im Vorratsschutz eingesetzt wird. Die Phosphorsäureester machten nach dem Krieg eine große Karriere als Insektenvernichtungsmittel.)

Dieser Kontext ist mit den vorindustriellen Verhältnissen nicht vergleichbar. Auch die Dimensionen sind in unseren Tagen völlig andere als in allen früheren Zeiten, und die Toxikologie steht vor ganz anderen Herausforderungen. Als eine japanische Sekte 1995 mit „Sarin“ einen Giftgasanschlag auf die Tokioter U-Bahn verübte, gab es fast 4.000 Verletzte und mehrere Tote. Selbstmörder haben dank der Fortschritte in der Chemieindustrie historisch neue Möglichkeiten, sich zu vergiften: Ein Mundvoll herkömmlichen Holzschutzmittels mit zwei Gramm Pentachlorphenol ist tödlich (E. Schöndorf, 1998, S. 36). In der heutigen Organisationsgesellschaft bleibt der Giftanschlag nicht länger dem privaten Können böser Individuen vorbehalten - er geht in Serie. Nachdem Ende 2006 ein russischer Ex-KGB-Agent in London mit dem radioaktiven Metall Polonium ermordet wurde, das in Kernreaktoren erzeugt wird, erinnerte man an das vom russischen Geheimdienst 1922 gegründete Geheimlabor. Dessen Hauptziel ist die Entwicklung von Gift-Kombinationen, die nicht nachweisbar sind und deren Symptome Ärzte und Ermittler vor Rätsel stellen. In unserer Zeit des massenhaften Fliegens waren etwa 30.000 Passagiere mit jenen kontaminierten Maschinen geflogen, in denen das Polonium von Moskau nach London geschmuggelt worden war.

Und mit dem Gaskrieg, dem Massenmord in Vernichtungslagern, giftigen „ABC-Waffen“, neuen Entwicklungen in Gift-Laboren kommt überall die Chemieindustrie ins Spiel und schafft mit der Produktion des Unnatürlichen einen radikal neuen Rahmen. Die Chemikalien-Exposition wird endgültig zu einem gesamtgesellschaftlichen Ereignis, und die Industrie kennt kein Halten mehr. Eine Produktivität, die frühere Gesellschaften nur in Kriegszeiten mobilisierten, wird heute zum Normalfall. Über 14 Millionen industriell produzierte chemische Verbindungen sind im „Chemical Abstract Service“ registriert. Jede neue Substanz ist ein neues, unbekanntes Risiko.

Wie antworten wir auf die Herausforderungen der Natur? Was wissen wir vom Leben, seiner Geschichte und was über die Gesetze des gesunden Lebens? Die Fremd-/Schadstoffentgiftung gelingt uns als Teil unseres biologischen Erbes mehr oder weniger erfolgreich und wird seit ca. 400 Millionen Jahren von z.T. noch unbekannten Genen gesteuert. Die Entgiftungskapazität trifft heute auf vom Menschen hergestellte, „anthropogene“ Stoffe. Wir stehen mit unserer alten biologischen Ausstattung vor einer historisch vollkommen neuen Grenze. Mit Beginn der industriellen Revolution wird nach Jahrtausenden langsamen Wandels vieles sehr schnell ganz anders im Alltagsleben der Gegenwart. Zum modernen industrialisierten Leben gehören von der Natur nicht vorgesehene, lebensfremde, synthetisch-technisch hergestellte Schadstoffe, und sie überfordern das in der Evolution des Organismus entstandene Metabolisierungsvermögen. Der industriellen Aggressivität und „ökologischen Aggression“ (Klaus Töpfer) gegen die Natur ist das langsam lernende menschliche Giftverarbeitungs- und
-verstoffwechselungsvermögen nicht gewachsen. Unser Körper weiß darauf keine gute Antwort und findet zu einer Intoleranzreaktion (ein Beispiel schildert F. Bartram, 2007).

Schadstoffe zwingen unser Immunsystem zu reagieren. „Das ist fremd, schlecht und unvereinbar mit dem Leben!“, stellt unser permanent arbeitendes, zwischen „selbst“ und „fremd“ unterscheidendes Immunsystem bei seiner „Umweltverträglichkeitsprüfung“ fest, wenn z.B. die Pharmakokinetik eines modernen Medikamentes nicht zum evolutionsgeschichtlichen, pharmakogenetischen „Wissen“ des Systems „paßt“ und ein Tausende von Jahren altes „Feindgedächtnis“ die Antikörper alarmiert. Alles Eigene soll geschützt, alles Fremde, ob Bakterie, Insektengift oder Asbeststaub, soll nach Überwinden der Barriere (Haut und Schleimhäute) erkannt und vernichtet werden, wenn es nicht zum Innen-Leben paßt. Auf alles muß unsere innere Natur als ganze antworten.

Chemiesierung des Alltags: Für den Einsatz giftiger Pflanzenvernichtungsmittel (Pestizide) in der Landwirtschaft werden in Europa jährlich mehrere 100.000 Tonnen Wirkstoffe legal verkauft. Laut Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland sind mehr als 1.000 synthetische Pestizide zugelassen - was nicht ohne Folgen für unser Leben und unsere Gesundheit bleibt. Der durchschnittliche Erwachsene trägt heute 300 bis 500 Chemikalien in seinem Körper, ohne jedes Wissen über deren Eigenschaften, stellte die EU-Kommission bereits 2001 fest. „Laut Pressemitteilung des Umweltbundesamts (UBA) vom 16.1.2004 sind ,von den rund 30.000 Stoffen, die jährlich mit mehr als einer Tonne produziert werden, bislang nur 140 ausreichend auf ihre Wirkungen bewertet’. Daraus zu schließen, daß die anderen 29.860 keine Wirkungen haben, ist unlogisch.“ (A. Fabig, K. Otte, 2007, S. 108) Der Risiko-Begriff ist in rasanter Bewegung. Risikoforscher im Bundesinstitut für Risikobewertung beschäftigen sich mit Risikopolitik, wenn sie zu „Risikodialogen“ einladen. Sie verändern ihre Aufmerksamkeitsrichtung, sehen im modernen Leben anders und genauer hin als frühere Generationen, üben und schärfen ihre Risikowahrnehmung - zu der auch diese Seiten beitragen.

Resümee: Wir haben lebensgefährlich giftige Pilze, Pflanzen, Tiere, Mineralien, Metalle sowie Stoffwechselprodukte als Teil der Natur bemerkt, in die wir eingebettet sind. Wir kennen jedoch auch das lebenschützende Gift als Selbstverteidigungsmöglichkeit, kennen Gift als willkommenes profanes Rausch- und Betäubungsmittel, wenn Drogenkonsum uns als Alltagshilfe dient, Gift als sakrales Kulturwerkzeug und Andachtsmittel in der Religion, wo es als heilige Rausch- und Zauberpflanze sozialintegrativ eingesetzt wird, kennen die psychotrope Droge als Hilfe in der Psychotherapie, das lebenzerstörende Pfeilgift in der Kriegs- und Jagdkunst, und schließlich haben wir Gift als Diagnosemittel bei Gottesurteilen und in der Magie, bei Selbstmördern, in der Rechtsprechung und bei Giftmorden kennengelernt. Das schützende und heilsam-gute Gift in der medizinischen und naturheilkundlichen Therapie bekommt zu allen Zeiten „Konkurrenz“ aus anderen „Lagern“. Synthetisch-technisch hergestelltes Designer-Gift der Chemieindustrie ist eine neue Herausforderung für unser vielfältig herausgefordertes Immunsystem und unser Metabolisierungsvermögen. Daß es für alle Heilberufler (und für die Risikoforscher) wichtig ist aufzumerken, genau und seit der industriellen Revolution anders als zuvor hinzusehen und über schleichende Vergiftungen im normalen modernen Lebenslauf neu nachzudenken (R. Meerkamp, 2003), auch über Giftausleitungsmöglichkeiten und Entgiftungen gut Bescheid zu wissen, ist evident geworden.

Zitierte Literatur:
F. Bartram (2007): Titanunverträglichkeit : Analytik und Diagnostik, in: umwelt medizin gesellschaft, 20. Jgg., Heft 2, S. 114-118

H. P. Duerr (1978): Traumzeit: über die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation, Frankfurt/Main

A. Fabig, K. Otte (2007): Hrsg., Umwelt, Macht und Medizin, Kassel

A. Guhr, B. Leißring (2005): Gesundheitsrisiko infolge natürlicher Radioaktivität in Wohn- und Aufenthaltsräumen, in: umwelt medizin gesellschaft, 18. Jgg., Heft 2, S. 126-129

St. Grof (1985): Topographie des Unbewußten: LSD im Dienst der tiefenpsychologischen Forschung, Stuttgart

M. Horkheimer, Th. W. Adorno (1986): Dialektik der Aufklärung, Frankfurt/Main

R. Meerkamp (2003): Aufmerken, Hinsehen, Nachdenken bei Wahrnehmungsfallen im Alltagsleben, Köln

R. Meerkamp (2005): Die Folgen der Chemiesierung unseres modernen Alltagslebens, eine Herausforderung für die Naturheilkunde, in: „Wir Heilpraktiker“ Fachzeitschrift für Naturheilkunde, Hefte 1 und 2

R. Meerkamp (2007): Grenzwerte als soziale Konstruktionen im Alltagsleben, in der Medizin, der Toxikologie und der Umweltmedizin, in: umwelt medizin gesellschaft, 20. Jgg., Heft 1, RundBrief der Interessengemeinschaft der Holzschutzmittelgeschädigten e.V.

R. Meerkamp (2007/2008): Kontexte chronischer Gesundheitsprobleme, in: „Wir Heilpraktiker“ Fachzeitschrift für Naturheilkunde, 2007, Heft 2, Heft 3, Heft 4, 2008, Heft 1

E. Schöndorf (1998): Von Ratten und Menschen, Göttingen


 
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