13.07.2010: Chi Nei Tsang - "Je weniger man fühlt, desto weniger besitzt man"


... wo sich Chi und Materie berühren (Mantak Chia)

Anne-Christine Heuhsen, Heilpraktikerin und Wolfgang Heuhsen, Tao Lehrer

Chi Nei Tsang* (CNT) ist eines der wirkungsvollsten, therapeutischen Mas­sage­verfahren der östlichen Medizin. Durch Anwendung spezieller Techniken zur Gewebe- und Organmassage und Vertreibung von kranken Energien oder Winden kann Chi Nei Tsang den Menschen helfen, ihre Gesundheit wiederherzustellen und zu bewahren. Letztlich dient Chi Nei Tsang dem Ziel, sich körperlich, geistig, emotional und spirituell zu befreien.

Diese fortgeschrittene Praxis beschäftigt sich mit den Winden im Körper, ihren Blockaden und den Methoden zu ihrer Vertreibung.

Emotionen wie Angst, Zorn, übermäßige Besorgtheit, Depression und Grü­beln können großen Schaden in unserem Körper anrichten. Diese negativen Emo­tionen und giftigen Energien streben nach Entladung und lagern sich so auf und um die Organe in unserem Körper ab, der Teile dieses emotionalen Mülls verarbeiten kann. Es bleiben aber üblicherweise genügend Blockaden zurück, um den Energie-Durchfluß im Körper zu behindern, was in der Regel irgendwann zu Krankheiten führt. Ne­gative Emo­tionen können derartig übermäßige Hitze in den Organe erzeugen, daß sich Funktionsstörung bis hin zu To­tal­ausfall entwickeln können. Ener­gie­verluste können ebenso durch Überarbeitung, Streß, Unfälle, chirurgische Ein­griffe, Drogen und Giftstoffe, schlechte und belastete Nahrung und be­sonders durch berufliche Un­sicher­heiten entstehen.

Im Chi Nei Tsang Massagesystem wird zum größten Teil im abdominalen Be­reich gearbeitet. Dabei kommt dem Na­bel eine besonders wichtige Bedeutung zu. Nach der Empfängnis wird die erste Zelle des Embryos im Nabel gebildet und alle Körperteile entwickeln sich dann in einer Spirale von dieser ersten Zelle aus. Da der Nabel in direkter Beziehung zu jedem anderen Körperteil steht, beeinflußt die therapeutische Arbeit in diesem Bereich wechselseitig den ganzen Körper.

Innerlich erzeugte Winde
In einem gesunden, ausgeglichenen Körper zeigen sich bei den Organen Unterschiede in der Temperatur und im Feuchtigkeitsgrad. Das trägt dazu bei, die Homöostase (die Selbstregulation des inneren Systems) aufrechtzuerhalten, und sorgt für einen gesunden Kreis­lauf der Energie. Wenn jedoch einzelne Elemente im Organismus nicht richtig funktionieren, gerät der ganze Körper aus dem Gleichgewicht.

Falsche Ernährung, schlechte Körper­haltung, Verletzungen, negative Emo­tionen und Streß können die Meridiane (Energiebahnen) blockieren und verursachen Beschwerden und kranke, innere Winde. Chi (Energie), das von Natur aus frei fließen sollte, sitzt im Körper fest und stagniert. Dieser Zustand beeinträchtigt alle Körperfunktionen und führt häufig zu Beschwerden wie Kopfweh, Migräne, Schmerzen, Sodbrennen und so weiter.

Durch Nahrung erzeugte Winde
Damit der Körper beschwerdefrei funktionieren kann, muß er mit der richtigen Art von Treibstoff versorgt werden. Zu den Faktoren, die zur Erzeugung krankmachender Winde führen, gehören neben nährstoffarmen Nahrungsmitteln auch ungeeignete Lebens­mittel­kom­bi­nationen und schlechte Eßgewohn­hei­ten. Nach taoistischer Auffassung sammelt sich bevorzugt Wind im Unterleib, wenn Verdauungsstörungen auftreten. So entsteht das, was man im Westen „Gas“ nennt. Da viele lebenswichtige Organe im abdominalen Bereich liegen, stört gestauter Wind ihre natürlichen Funktionen und kann vielfältige Be­schwerden verursachen.

Durch Emotionen erzeugte Winde
Emotionen machen einen wesentlichen Teil der menschlichen Lebenserfahrung aus. Nach taoistischer Erkenntnis gilt emotionale Energie als Indikator für die Organgesundheit. Emotionen haben direkte Auswirkungen auf den Körper. Ungezügelter Zorn erzeugt im Körper einen expansiven, heiß aufflammenden Wind; Furcht erzeugt dagegen einen kalten, zusammenziehenden inneren Wind. Bei Eifersucht und Frustration entsteht ein saurer Wind.

Emotionale Veränderungen führen zu biochemischen Reaktionen im Orga­nis­mus. Dabei handelt es sich im We­sentlichen um hormonal gesteuerte Vor­gänge. Forschungen an der University of California in Los Angeles (UCLA) haben gezeigt, daß bestimmte Hor­mone im Körper freigesetzt werden, wenn Menschen emotional erregt sind.

Die stark durchbluteten Faszien werden als einer der Speicherorte dieser emotionalen Manifestationen im physischen Körper angesehen. Faszien durchdringen den ganzen Körper als ein umhüllendes und verbindendes Span­nungs­netzwerk, sie sind hoch innerviert mit sensorischen Rezeptoren, die Schmerz signalisieren (Nozizeptoren), Bewe­gungs­änderungen (Propriozeptoren), Änderungen von Druck und Schwin­gun­gen (Mechanorezeptoren), Änderungen des chemischen Milieus (Chemorezeptoren) sowie Tempe­ra­tur­schwan- kungen (Thermorezeptoren) überwachen.

Im Allgemeinen schützen wir uns vor Gefühlen, die uns unangenehm oder zu intensiv sind, indem wir sie ignorieren oder blockieren, besonders durch Ein­schränkung des Atmens werden solche Emotionen dann im Körper gespeichert.

Unser Körper reagiert auf festsitzende Emotionen mit Symptomen, die es uns erlauben, abgekapselte, emotionalen, Energien zu verdauen und zu verarbeiten. Somit können Blockaden zu frei fließender Energie werden, die uns nützlich zur Verfügung steht. Je weniger man fühlt, desto weniger besitzt man, Analyse und pragmatisches Verständnis allein reichen nicht aus, um blockierte Emotionen freizusetzen. Chi Nei Tsang befreit durch Arbeit an den inneren und äußeren Organstrukturen, den Winden und dem Atem. In westlichen Gesell­schaften sind wir konditioniert, unsere Emotionen zu kontrollieren und zu un­terdrücken. Unter Streß können wir die­se unterdrückten Emotionen nicht mehr kontrollieren, wir explodieren und stülpen die meist unerfreulichen Launen un­seren Mitmenschen über. Dieses Ver­halten der Stimmungsübertragung ist in unserer Gesellschaft weit verbreitet.

Der Einfluß kranker Winde auf die Or­gane
In jedem Organ gibt es einen inneren Wind, der in gesunder Weise fließt und so für die Vitalität dieses Organs sorgt. Sind die inneren Energiekanäle jedoch blockiert, werden die Winde zu abtrünnigen Kräften, die den Organismus aus dem Gleichgewicht bringen.

Äußere Attacken von heißen, kalten, kühlen oder kranken Winden beeinträchtigen unsere Gesundheit. Kranke Winde können durch den Nabel, den Hinterkopf, die Unterarme und die Unterschenkel in einen unausgeglichenen Körper eindringen oder im Körper­inneren entstehen. Haben sich die kranken Winde erst einmal im Körper fest­gesetzt, wird der natürliche Ener­giefluß weiter behindert. Wird dieser Zustand der Stagnation nicht wieder in einen vitalen Zustand umgewandelt, kön­nen Degenerationserscheinungen sowie Schäden an Organen, Nerven und Kreislauf-, Lymph- und Immun­system auftreten und die emotionale Stabilität wird beeinflußt.

Behandlung von Windbeschwerden
Ein CNT-Praktiker kann kranke Winde aus dem Körper ausleiten, bevor sie irgendwelche Beschwerden verursachen. Die Kontrolle der Winde ist eine Erfahrungswissenschaft, die sich erlernen und beherrschen läßt.

Wenn der blockierende Wind den Orga­nismus verläßt, werden die Symptome oder Anzeichen seiner Präsenz verschwinden. Winde transportieren Toxi­zität aus dem Körper; sie gehen als Fla­tulenz, Rülpser, Gähnen und Knacken in Gelenken ab. Hautausschläge (zum Beispiel in der Ellbogenbeuge, am Hals und in der Kniekehle) zeigen ebenfalls an, daß die Winde aus dem Körper abgehen, es können verschiedene Aus­leitungssymtome auftreten. In solchen Fällen muß für eine tiefergehende Ent­giftung gesorgt werden.

Die Arbeit am physischen Körper verhindert, daß der Geist die unterdrückten Emotionen versteckt und verschleiert. Wenn wir unsere Bewußtheit verstär-ken und zulassen, daß wir unsere Erfahrungen akzeptieren, können wir wieder in eine tiefere Verbindung mit unserem wahren Selbst treten.

Selbstschutz für Praktizierende
Im System des Universalen Tao nach Großmeister Mantak Chia legt man großen Wert auf den Selbstschutz, der einen wesentlichen Bestandteil der CNT-Praxis bildet. Denn bei vielen Heil­verfahren kommt es dazu, daß sich die Unerfahrenen erschöpfen und selbst krank werden.

Bei der therapeutischen Arbeit besteht die Gefahr, kranke Energie von der Per­son aufzunehmen, mit der man gerade arbeitet. Da die Knochen eine kristalline Struktur haben, kann es leicht dazu kommen, daß sich Energie darin festsetzt. Es empfiehlt sich, Selbst­schutz­techniken gut zu trainieren, damit die kranke Energie des Schülers, selbst wenn wir sie aufnehmen sollten, sofort aus den eigenen Knochen und Organen in den Boden abgeleitet werden kann.

Fazit
Das Chi Nei Tsang Massagesystem er­laubt sozusagen einen Zugriff auf die Stellen, an denen sich energetische Muster im physischen Körper  manifestieren, ... wo sich Chi und Ma­terie be­rühren. Die genauen Zu­sam­menhänge sind hier noch nicht er­forscht, die effiziente Wirksamkeit des Chi Nei Tsang Massagesystemes er­staunt und begeistert die Beteiligten jedoch immer wieder aufs Neue.

Abschließend ist hervorzuheben, Chi Nei Tsang dient nicht zur direkten Hei­lung von Krankheiten und akuten oder chronischen Problemen. Chi Nei Tsang kann jedoch helfen, die De­ge­neration von Organen und Geweben aufzuhalten und deren Zustand zu verbessern und zu stärken.


 
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