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Heike Lück-Knobloch, Heilpraktikerin Botanik
Die Möhre (Karotte bzw. Mohrrübe) stammt von der wilden Möhre ab, die zur Familie der nahezu in ganz Europa heimischen Doldenblütler (Apiaceae) gehört. Im Gegensatz zur Wildform hat die Kulturpflanze eine größere, schmackhafte Wurzel. Sie ist zweijährig und erreicht eine Höhe von 30 cm bis 1 m. In der Regel ist die Wurzel spindelförmig und orange, wobei die Wurzelform von lang bis kurz aber auch von oval bis kugelförmig variieren kann. Im ersten Jahr bildet die Pflanze eine Rosette aus vielen, mehrfach gefiederten Blättern. Im zweiten Jahr zeigt sich ein verzweigter Stengel, der mit zwei- bis dreifach gefiederten Blättern besetzt ist. Die „Doldenblüte“ mit weißen Einzelblüten ist zunächst flach ausgebreitet. Sie erscheint von (Juni) Juli bis September (Oktober) und zieht sich nach dem Abblühen nestartig zusammen. Charakteristisch bei der wilden Möhre sind die schwarz-purpurnen Einzelblüten inmitten der vielen kleinen weißen Blüten, die aussehen wie Käfer, die mitten in der Dolde sitzen. Dieses Kennzeichen fehlt mittlerweile bei der Gartenmöhre. Geschichte
Wahrscheinlich kommt die Möhre ursprünglich aus Mittelasien, wo sie schon vor viertausend Jahren angebaut wurde. Die lateinische Bezeichnung „carota“, auf die das Wort Karotte zurückgeht, bedeutet übersetzt „gebrannt“ und bezieht sich auf die purpurrote Farbe der früheren Zuchtformen. Schon die Germanen kultivierten dieses Gemüse, das bei ihnen „morha“ Wurzel genannt wurde. Daher stammt auch der deutsche Name „Möhre“. Auch in Schweizer Pfahlbauten entdeckte man Möhrensamen. Römer und Griechen der Antike benutzten die Karotte lediglich als Heilpflanze, deren harntreibende Wirkung ihnen bereits bekannt war. Als Lebensmittel war ihnen die noch wenig weitergezüchtete Form vermutlich zu holzig. Schließlich setzte sich Karl der Große für den Anbau der Karotte ein. Aber erst im Mittelalter wurde sie in größerem Maße kultiviert. Die heutige orange Karotte, die ihre Farbe dem hohen Gehalt an ß-Carotin verdankt, wurde erst im 17. Jahrhundert von Holländern gezüchtet. Heute gibt es ungefähr 500 verschiedene Karottensorten. Den Anfang machten zwei Varianten: die Gelbe und die Violette, wobei die violette Färbung durch Anthocyane hevorgerufen wird. Dies sind gesundheitsfördernde Pflanzenfarbstoffe, die auch den kleinen violetten Blüten der Wildmöhre ihre Farbe verleihen. Der an Anthocyanen besonders reiche, dunkelrote Saft der Ur- oder Schwarzmöhre wird übrigens in Reformhäusern angeboten. In Großbritannien, heißt die Möhre wegen ihrer filigranen dunklen Blüten auch Queen Anne's lace (die Spitzen der Königin Anne). Einer Sage nach sollen die dunklen Blüten entstanden sein, nachdem sich Königin Anne beim Spitzennähen in den Finger gestochen hat und ein Blutstropfen in die Mitte der Handarbeit fiel.
Inhaltsstoffe
In ihrer ersten Wachstumsperiode speichert die Möhre alle für die Blüten- und Samenausbildung relevanten Nährstoffe in der Wurzel, so daß diese reich an Mineralstoffen und Spurenelementen ist. Trotz des recht geringen Kaloriengehalts ist sie ein ungewöhnlich guter Energiespender und zwar auf Grund des vom Körper leicht assimilierbaren hohen Zuckergehaltes (Glukose und Saccharose). In Möhren findet sich außerdem viel unverdauliches Pektin, das durch die Bakterien der Dickdarmflora abgebaut wird. Dadurch entstehen kurzkettige Fettsäuren und als Folge der ph-Wert-Verschiebung wird das Wachstum krankmachender Keime im Darm gehemmt. Durch die Fähigkeit zur Gelbildung werden gleichzeitig Bakteriengifte gebunden. Wegen ihrer hohen Quellfähigkeit sind Pektine bei Schleimhautentzündungen von Magen und Dünndarm sowie bei Durchfällen hilfreich.
100 g Karotten haben einen Brennwert von 180 kJoule und enthalten ca. 89 g Wasser, 0,70 g Eiweiß (darunter die Aminosäuren Asparagin und Glutamin), 0,5 g Fette, 3,6 g Kohlenhydrate und 2,4 g Ballaststoffe; 240 mg Kalium, 35 mg Kalzium, 40 mg Natrium, 10 mg Magnesium, 2 mg Eisen, 25 mg Phosphor, 1 mg Kupfer, 0,5 mg Zink, 25 µg Fluorid, 10 µg Jod; 5330 µg Carotinoide, 4 mg Vitamin C, 0,5 mg Vitamin E, 0,06 g B6, 28 µg Folsäure sowie die Vitamine B1, B2, Biotin; ätherisches Öl, Flavonoide, Phytosterine, Lecithin und Falcarinol.
Die Karotte ist der Namensgeber für die gesundheitsfördernden Carotine. Dies sind fettlösliche Pflanzenfarbstoffe aus der Gruppe der intensiv rot- oder gelbfarbenen Carotinoide, die nur von höheren Pflanzen und Mikroorganismen gebildet werden und als krebshemmend gelten. In den Blättern enthalten, schützen sie beispielsweise die Zellen vor Lichtschäden. Carotinoide stellen auch beim Menschen einen wirksamen Schutz gegenüber der zellschädigenden Röntgen-, UVB- und Höhenstrahlung dar. Als Sonnenschutz für die Haut werden sie daher schon länger eingesetzt.
Als Provitamin A werden Carotinoide im menschlichen und tierischen Organismus zu Retinol (Vitamin A) umgewandelt. Vitamin A ist erforderlich für Knochenwachstum, Reproduktion, Zellteilung und -differenzierung sowie das Sehvermögen. Möglicherweise kann eine carotinoidreiche Ernährung bestimmten Augenerkrankungen wie der altersbedingten Makuladegeneration und dem Grauen Star (Katarakt) vorbeugen. Vitamin A ist außerdem wichtig für eine intakte Haut und Schleimhaut und bietet somit Schutz vor bakteriellen und viralen Infektionen. Hohe Zufuhren von ß-Carotin führen nicht zu einer Vitamin A-Überdosierung, können allerdings eine vorübergehende Gelbfärbung der Haut bewirken. Provitamine des Vitamin A sind Alpha-, Beta- und Gamma-Carotin. Karotten enthalten neben Beta-Carotin auch alpha-Carotin, wobei das antioxidativ wirkende Beta-Carotin die höchste Vitamin-A-Wirksamkeit besitzt und toxische Sauerstoffradikale in Geweben mit niedrigem Sauerstoffpartialdruck beseitigt. Beta-Carotin aktiviert das Immunsystem und kontrolliert außerdem die geordnete Zellteilung, so daß die Entartung einer gesunden Zelle in eine Krebszelle vermieden wird. Carotinoide schützen beispielsweise vor Lungenkrebs, allerdings nur, wenn sie in Form von Lebensmitteln zugeführt werden. Denn in einer 1994 durch das National Cancer Institute und das National Public Health Institute Finnland an 29.000 männlichen Rauchern durchgeführten randomisierten, doppelblinden, Placebo-kontrollierten Studie erhöhte sich in der Gruppe der Männer, die täglich 20 mg ß-Carotin erhielten, überraschenderweise die Lungenkrebsrate um 18 %. Andererseits deuten doppelblinde, Placebo-kontrollierte Studien darauf hin, daß Vitamin A bzw. ß-Carotin möglicherweise Krebsvorstufen wie Leukoplakien (Auftreten von weißlichen, oberflächlichen Herden an der Zunge, den Lippen oder den Genitalien) und Dysplasien (Gewebefehlbildungen) des oberen Verdauungstraktes in gesundes Gewebe umwandeln können.
Einige Carotinoide werden Lebensmitteln auch als Farbstoffe (E 160a, e, f) zugesetzt.
Da die Möhre eine ausgezeichnete Nähr- und Heilpflanze ist, wird sie manchmal auch als „Ginseng-Wurzel des Nordens“ bezeichnet. Vorzugsweise sollte man Möhren aus kontrolliert-biologischem Anbau kaufen. Will man diese einlagern, sollte das Kraut immer entfernt werden. Anwendungsgebiete
Die Möhre besitzt einen guten Ruf als Kräftigungs- und Beruhigungsmittel. Daher ist sie das ideale Gemüse für Genesende, Kinder und alte Menschen. Sie läßt sich als Saft, Brei, Rohkost und auch als Tee verwenden. Ein Möhren-Tee kann aus getrockneten Wurzeln, dem Kraut oder den Früchten zubereitet werden: Jeweils 2 Teelöffel Droge (auch gemischt) werden mit ⁄ Liter kochendem Wasser übergossen und 5 Minuten ausgezogen. Man trinkt den Tee schluckweise über den Tag verteilt. ⁄ bis ? Liter pro Tag sind empfehlenswert.
Wissenschaftlich anerkannt ist die Möhre als therapeutisches Lebensmittel bei Eßstörungen von Säuglingen und Kindern sowie bei Vitamin-A-Mangel. Früher war Möhrensuppe als Diätetikum bei Verdauungsstörungen wie Erbrechen und Durchfall von Säuglingen und Kleinkindern ein gängiges Hausmittel. Die Erfahrungsheilkunde setzt Karotten bei überreiztem Magen-Darm-Trakt ein. Bei Blähungen empfiehlt sich ein Möhrensamen-Tee. Durch ihren hohen Anteil an Ballaststoffen beschleunigen Möhren die Darmpassage und binden einen Teil des Cholesterins. In der Kinderheilkunde ist die Pflanze zudem hilfreich bei Mandelentzündungen. Wegen ihres hohen Vitamingehalts ist sie außerdem ein gutes Vorbeugungsmittel gegen Erkältungskrankheiten. Aber auch bei bereits ausgebrochenen Infekten der Bronchien, der Lunge, der Nasen-Rachenschleimhaut und des Magen-Darm-Traktes kann eine Möhren- Diät oft gute Dienste leisten. Bei regelmäßigem Genuß sollen Möhren sogar die Lernfähigkeit verbessern.
Möhren sollte man hauptsächlich frisch verzehren. Der Körper kann die Carotinoide umso besser aufnehmen, je stärker das Gemüse zerkleinert wird. Dabei werden die Zellen aufgebrochen und die Inhaltsstoffe sind besser bioverfügbar. Man kann Möhren entweder ganz fein reiben oder sollte sie gründlich kauen. Für Kinder eignet sich frisch gepresster Möhrensaft, den man mit einem Teelöffel Zitronensaft (Vitamin C) und einem Esslöffel hochwertigem, kaltgepresstem Pflanzenöl (z. B. Weizenkeimöl) anreichert, um die Aufnahme und Haltbarkeit der fettlöslichen Carotinoide zu erhöhen. Frisch geriebene Möhren mit einer Handvoll fein gemahlener Nüsse verfeinert, sind aber ebenso effizient. Durch die Zugabe von einigen eingeweichten Rosinen (einige Stunden in Wasser und Zitronensaft) und/oder einem grob geriebenem Apfel erhält man eine gesunde, leckere Mahlzeit.
Ein Glas frischer Möhrensaft täglich getrunken, soll auch bei Knochenbrüchen heilungsfördernd wirken.
Das in Karotten enthaltene ätherische Öl besitzt eine schwach bakterizide Wirkung, besonders auf grampositive Bakterien. Auf Eingeweidewürmer wirkt das ätherische Öl erst leicht erregend und dann lähmend. Es ist bekannt, daß Möhren schwach wurmabtreibend wirken. Zum Austreiben von Darmparasiten sind Möhren auch in Teemischungen enthalten. Bei Madenwümern gilt der unterstützende Verzehr von Möhren jedoch als nicht sehr zuverlässig. Im Tierversuch kam es durch eine Möhrenkost zu einer vorübergehenden Senkung des arteriellen Blutdrucks. Möhren fördern außerdem die Sehschärfe, das Dämmerungssehen und die Harnausscheidung.
Untersuchungen der dänischen Anstalt für landwirtschaftliche Forschung deuten darauf hin, daß die in Karotten gefundene bioaktive Substanz Falcarinol die Metastasierung von Darmkrebs unterbinden kann (Möhren hemmen Krebs, eve 3/06).
Bei Hautkrankheiten wie polymorphen Lichtdermatosen (Sonnenallergien) und Pigmentanomalien wie Vitiligo (Weißfleckenkrankheit) sollen Carotin-Präparate nützlich sein. Zur Behandlung von Geschwüren, besonders der offenen Beine, leistete zuweilen Möhrenbrei gute Dienste. Als Breiumschlag sind Karotten ferner hilfreich bei Erfrierungen und Verbrennungen. Des Weiteren können sie die Bildung von wulstigen Narben hemmen. Kleingehacktes Karottengrün ergibt gedünstet nicht nur ein leckeres Gemüse. Das zerriebene frische Kraut, mit Honig vermischt, kann ebenfalls zur Wundbehandlung genutzt werden.
Das aus einem Trägeröl (Jojobaöl) und dem Wurzelextrakt bestehende Karottenöl unterstützt besonders Haut mit zu schwacher Talgsekretion, d. h. trockene, spröde, schuppige Haut. Aber auch normale Haut wird vorbeugend geschützt. Wer viel Möhren ißt, bekommt durch die enthaltenen Carotinoide einen gebräunten Teint. Bei Hautkontakt besitzen Karotten ein schwaches Sensibilisierungspotential. Auch Heuschnupfengeplagte können in Form einer Kreuzallergie (Sellerie-Karotten-Beifuß-Ge- würz-Syndrom) nach dem Verzehr von rohen Karotten unter Symptomen leiden. Viele pflanzliche Nahrungsmittelallergene sind jedoch hitzelabil, d. h. beim Erhitzen des Lebensmittels wird der als Allergen wirkende Bestandteil zerstört, so daß der Verzehr des rohen Nahrungsmittels zwar Beschwerden verursacht, als gekochte Speise aber gut verträglich ist. Literatur:
Christof Jänicke, Dr. Jörg Grünwald, Thomas Brendler, alle Berlin, Handbuch Phytotherapie, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH Stuttgart 2003;
Apotheker M. Pahlow, Das große Buch der Heilpflanzen, genehmigte Lizenzausgabe für Weltbild Verlag GmbH, Augsburg by Gräfe und Unzer Verlag GmbH, München, 2004;
PD Dr. med. Matthias Augustin, Dr. med. Yvonne Hoch, Phytotherapie bei Hauterkrankungen, 1. Auflage März 2004, Esevier GmbH, München, Urban & Fischer Verlag;
Dr. Johannes Gottfried Mayer, Dr. med. Bernhard Uehleke, Pater Kilian Saum OSB, Das große Handbuch Klosterheilkunde, genehmigte Lizenzausgabe der Verlagsgruppe Weltbild GmbH, Augsburg by Verlag Zabert Sandmann GmbH, München, 2005;
Hrsg.: Prof. Dr. Karsten Münstedt, Ratgeber unkonventionelle Krebstherapien, 2. Auflage 2005, ecomed Medizin, Verlagsgruppe Hüthig Jehle Rehm GmbH;
Dr. med. Christa Dandekar, Die Möhre (Daucus carota), Komplement. Integr. Med. KiM 2/2007, S. 58 - 60;
Gerda Dzialas, Die Möhre, ReformRundschau 4/2006, S. 14 - 15;
www.wala.de/qualitaet/pflanzenarchiv/druckversion.php?nam... (Die Karotte)
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