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René Marx, Heilpraktiker Psychotherapie Alkohol ist das weitaus gebräuchlichste Suchtmittel in unserer Gesellschaft und – neben Nikotin auch die gängigste Einstiegsdroge. In Deutschland gibt es ca. 2 bis 2,5 Millionen Menschen, die so stark vom Alkohol abhängig sind, daß sie dringend einer Behandlung bedürfen. Dazu kommen weitere 4 bis 5 Millionen sogenannte Problemtrinker wie der Konflikttrinker und der Gelegenheitstrinker. Diese gelten jedoch im Sinne der Sozialgesetzgebung nicht als krank.
Über drei Viertel aller erwachsenen Bundesbürger trinken mindestens einmal pro Woche Alkohol, ca. ein Drittel der Erwachsenen trinken sogar täglich. Lediglich eine Minderheit von ungefähr 10 Prozent der erwachsenen Bevölkerung lebt vollkommen alkoholabstinent. Die Normalität des Alkohol-konsums zeigt sich auch darin, daß man ihn bei uns in der BRD in jedem Le- bensmittelgeschäft kaufen und in jeder Gaststätte bestellen kann. Das ist nicht überall so. In vielen Ländern wie z. B. den USA oder Großbritannien kann man Alkohol nur in bestimmten Läden kaufen und auch nur in Gaststätten mit einer speziellen Alkohollizenz bestellen. In der Bundesrepublik ist dagegen Alkohol sogar in den meisten Großbetrieben während der Arbeitszeit erhältlich.
Es ist daher nicht verwunderlich, daß angesichts dieser enormen Verbreitung und Verfügbarkeit der Alkohol in der Regel das erste Suchtmittel darstellt, mit dem Jugendliche in Berührung kommen. Das Einstiegsalter liegt derzeit zwischen 6 und 10 Jahren und ist somit niedriger als bei Zigaretten und anderen Drogen.
Zwischen Genuß und Alkoholmißbrauch
Die meisten Menschen kennen die positiven Wirkungen des Alkohols. Man schätzt seine beruhigende und entspannende Wirkung, z. B. nach einem besonders anstrengenden Tag.
Trinkt man jedoch zuviel, fällt der Blutdruck deutlich ab, die motorischen Re - flexe werden verlangsamt, die Körperwärme und die Atemfrequenz sinken. All dies sind objektive Belege für die dämpfende Wirkung des Alkohols.
Rein subjektiv empfinden die Konsumenten das jedoch genau entgegengesetzt:
Sie fühlen sich angeregt, stark und tatkräftig. Ursache für diese paradoxe Wirkung ist, daß die Vorgänge und Substanzen im Gehirn, die für Ängste und Hemmungen zuständig sind, eingedämmt werden. Alkohol enthemmt also, und obwohl seine pharmakologische Wirkung beruhigend ist, wird er als stim- mungsanregend und befreiend empfunden. Dieses angenehme und subjektive Erleben erklärt auch seine Beliebtheit: „Das Fell versaufen“, einen Schnaps zur Verdauung, einen Grog zum Aufwärmen, der Aperitif zum Essen, der Absacker, der Piccolo für den Kreislauf, der Einstand, der Gute-Nacht-Trunk und viele andere Anlässe sprechen eine klare Sprache: Schöne Situationen werden noch schöner und schlimme Situationen werden erträglicher durch Alkohol.
Das Lernen durch „positive Verstärkung“ gehört zum Normalverhalten des Menschen und ist kein Zeichen für sich krankhaft entwickelnde Verhaltensmuster. Wird also der Genuß von Alkohol und seiner stimmungsaufhellenden, entspannenden und ent hemmenden Wirkung als positiv erfahren, wird diese Erfahrung tief im Unterbewußtsein gespeichert. Steht dem keine „negative Verstärkung“ gegenüber, kommt es zur Wiederholung dieser angenehmen Trinkerfahrung.
Stellenwert von Alkohol Die gesamte heutige Werbelandschaft zielt darauf ab, Alkoholkonsum zu ver- harmlosen. Den jüngeren Zuschauern wird suggeriert, daß der Genuß von Alkohol etwas völlig Alltägliches und Normales ist. Zu diesem Zweck wird der Konsum von Alkohol in der Werbung immer mit einer angenehmen Situation verbunden, z. B. Straßencafeambiente und Urlaubsstimmung bei einem italie- nischen Likör oder eine wunderbare Freundschaft zwischen zwei jungen Männern, die immer wieder durch den Genuß einer bestimmten Biersorte bekräftigt wird. Glücklichsein, Dazu gehören und schöne Dinge erleben sind hier untrennbar mit Alkohol verbunden, und genau das ist die Botschaft, die bei den jungen Leuten ankommt. Werden wir zu Trinkern gemacht? -Psychosoziale Risikofaktoren Für viele Menschen sind schwierige Lebenssituationen, scheinbar unüber- windbare Probleme in der Familie oder im Beruf oder extreme Situationen in ihrer Vergangenheit die Auslöser, die sie in die Alkoholabhängigkeit führen. Diese bestimmten Situationen werden in der Fachsprache psychosoziale Risiko- faktoren genannt. Eine Langzeitstudie der Universität Berkeley in Kalifornien brachte hierzu wichtige Erkenntnisse. Es wurden bei ca. 100 Personen von deren dritten bis zum achtzehnten Lebensjahr ganz gezielt die Zusammenhänge zwischen Persönlichkeitsentwicklung und späterem Suchtmittelgebrauch untersucht. Die erwachsenen Personen konnten schließlich in drei etwa gleich große Gruppen unterteilt werden.
- Ein Drittel der untersuchten Personen konnten als Gelegenheitskonsumenten bezeichnet werden. Sie nahmen hin und wieder Suchtmittel wie Alkohol zu sich, waren aber nur in geringem Maße suchtgefährdet. - Ein Drittel nahm häufig Suchtmittel zu sich und mußte als stark gefährdet bis abhängig eingestuft werden. - Ein Drittel lebte fast oder sogar vollständig abstinent.
Bezüglich der Persönlichkeitsentwicklung dieser Gruppen ist Folgendes interessant: Die Gruppe der Gelegenheitskonsumenten wies über den gesamten Beobachtungszeitraum in der Regel positive Persönlichkeitsmerkmale auf. Die Betroffenen stammten aus intakten Familien und schienen als Kinder und Jugendliche relativ glücklich gewesen zu sein. Sie waren sozial akzeptiert, wiesen ein gutes Selbstwertgefühl auf und waren lebens- und experimentier- freudig. Dazu gehörte offensichtlich auch das gelegentliche Einnehmen von Suchtmitteln.
Ganz anders geartet war dies bei den beiden anderen Gruppen. Sowohl die Suchtgefährdeten als auch die Abstinenzler fielen durch Einzelgängertum, soziale und emotionale Schwierigkeiten und geringes Selbstwertgefühl auf. Sie stammten überwiegend aus schwierigen Familienverhältnissen, in denen Sucht kein Fremdwort war, und sie schienen als Kinder und Jugendliche eher unglücklich gewesen zu sein. Bezüglich der Suchtgefährdung reagierten beide Gruppen jedoch völlig gegensätzlich. Während die einen Suchtmittel benutz- ten, um ihre sozialen und emotionalen Probleme in den Griff zu bekommen, spürten oder erkannten die anderen anscheinend ihre potentielle Suchtgefähr - dung und reagierten mit äußerster Vorsicht oder sogar Abstinenz.
Wir wissen heute, daß viele Alkoholiker aus Alkoholikerfamilien kommen. Es läßt sich jedoch nicht klären, ob das Kind einer Alkoholikerfamilie beim Heranwachsen so vielen psychosozialen Risikofaktoren ausgesetzt ist, daß es mit hoher Wahrscheinlichkeit Alkoholiker wird, oder ob das an seiner genetischen Veranlagung liegt. Beides wirkt zusammen, beeinflussen kann man bislang nur die Risikofaktoren, bei denen die familiären Umstände offenbar die größte Rolle spielen. Nicht nur der Mißbrauch von Alkohol und anderen Suchtmitteln wirkt sich ungünstig auf Kinder und Jugendliche aus. Auch fehlende Zuwendung, Unzuverlässigkeit und nicht konsequent gezogene Grenzen belasten sie emotional und fördern suchttypische Verhaltensweisen. Auf diese Weise entstehen Hemmungen, Kontaktstörungen, Ängste und geringes Selbstwertgefühl. Erfährt ein solches Kind die lindernde Wirkung von Alkohol, ist seine eigene „Trinkerkarriere“ vorprogrammiert .
Menschen, die zu bestimmten Anlässen und überwiegend aus einer neutralen und positiven Stimmungslage heraus Alkohol trinken, sind in der Regel nicht alkoholgefährdet, außer sie gewöhnen sich an häufige Trinkanlässe und größere Mengen. Der Übergang vom gelegentlichen Alkoholgenuß zum Gewohnheitstrinker wird dabei regelrecht gesellschaftlich gefördert. Alkohol ist einerseits die beliebteste Alltagsdroge, die man gern gemeinsam mit Freunden beim geselligen Beisammensein oder auf Partys genießt, andererseits aber auch das allgemein akzeptierte Beruhigungsmittel, das den Alltagsstreß verjagt oder den Feierabend einläutet.
Riskant wird es, wenn sich unbewußt folgendes Muster verfestigt: Jedes mal, wenn durch unangenehme Situationen unangenehme Gefühle ent- stehen, dämpft man sie mit Alkohol und wandelt sie in angenehmere Gefühle um. Hierbei entfällt natürlich die Möglichkeit, sich mit den Ursachen der Verstimmung auseinanderzusetzen und sie zu bewältigen. Zusätzlich gewöhnt sich auch der Stoffwechsel an das regelmäßige Trinken, die Alkoholtoleranz steigt schleichend und es kommt zur Dosissteigerung.
Besonders Männer erleben dies jedoch nicht als Warnsignal, sondern eher als Bestätigung ihrer Männlichkeit. Jemand der viel verträgt, wird für seine Standfestigkeit bewundert und nicht wegen seiner hohen Getränkerechnung oder seiner Stoffwechselüberlastung bedauert. Vom Unbewußten gesteuert und weitgehend unbemerkt kann hier eine gefährliche Dynamik entstehen: Wer mehr verträgt, trinkt immer größere Mengen und gewöhnt sich daran.
Präventionsmaßnahmen
In der Suchtvorbeugung hat sich allgemein das sogenannte multifaktorielle Ursachenmodell durchgesetzt, demzufolge das Suchtproblem eines Menschen niemals nur in einer Ursache begründet liegt, sondern in einer Vielzahl von Faktoren und Bedingungen. Für die Vorbeugungsarbeit ist es demnach wichtig, die ganze Persönlichkeit und die Umwelt in engerem und weiterem Sinn in Betracht zu ziehen. Suchtvorbeugung läßt sich nun wie folgt zusammenfassen:
1. Konsum und Genuß müssen nicht, können aber zu Gewöhnung, Abhängigkeit und Sucht führen. Um Gefährdungen zu vermeiden, muß Konsum- und Genußverhalten von Kindern und Jugendlichen mit Blick auf die vielfältigen gefährdenden Konsumangebote eingeübt werden.
2. Eine Sucht tritt nie schlagartig auf. Ihr gehen in der Regel mißbräuchliche Konsum- und Genußgewohnheiten voraus. Ein zentrales Anliegen der Suchtvorbeugung sind das Erlernen von gesundem Konsum- und Genußverhalten und ein positives Verhältnis zur eigenen Gesundheit.
3. Die Entwicklung einer Sucht kann weder sicher vorausgesagt noch klar ausgeschlossen werden. Suchtvorbeugung zielt daher nicht selektiv auf bestimmte Gruppen, Personen oder soziale Verhältnisse ab. Sie stellt eine allgemeine Aufgabe im Rahmen der Gesundheitsvorsorge und -Erziehung dar.
Aufgabenfelder der Suchtvorbeugung
Die Aufgaben der Suchtvorbeugung lassen sich in drei verschiedene Ebenen einteilen:
Ebene 1 – Primärprävention
Sucht- und drogenunspezifische Vorbeugung zur Förderung der Persönlichkeitsentwicklung und zur Stärkung der Persönlichkeit. Hierin eingeschlossen sind alle Lern- und Erfahrungsfelder des Menschen, sowie jedes Lebensalter und jeder Lebensbereich:
Beispiele wären in der Familie, in der Schule, in der Kindergartengruppe, in Jugendzentren, ... durch Eltern, Verwandte, Freunde, Erzieher, Lehrer etc.
Ebene 2 – Sekundärprävention
Vorbeugung als Maßnahmen gegen Suchtgefährdungen: Durch psychosoziale Stützung, Optimierung der personalen Kompetenzen und durch Aufklärung werden Gefahren so weit wie möglich neutralisiert. Suchtfördernde Strukturen in der Lebensumwelt werden bekämpft bzw. verändert: z. B. in der Familie, der Schule, in Vereinen, Jugendzentren, Beratungsstellen, .... durch Eltern, Lehrkräfte, Schul psychologen, Jugend- und Drogenberater, Sozialarbeiter, psychologische Berater etc. Ebene 3 – Tertiärprävention
Vorbeugung als Krisenintervention und -bewältigung und als Rückfallvorbeu gung für ehemalige Abhängige und Suchtkranke durch Maßnahmen der Beratung, Therapie und Rehabilitation: z.B. in Beratungsstellen, in Selbsthilfe - gruppen, in psychiatrischen Kliniken, in Therapie- und Nachsorgeeinrichtungen, im Beruf, in der Freizeit, .... durch Arzt, Therapeuten, Sozialarbeiter, Selbsthilfegruppen, Kollegen, Freunde, Familie etc.
Wirkungsvolle Vorbeugungsmaßnahmen, gleichgültig auf welcher Ebene und in welchem Aufgabenfeld sie geleistet werden, bedürfen einer entscheidenden Voraussetzung, und zwar der Sicherung und Kontinuität qualifizierter sozialer Beziehungen. Diese müssen gewährleisten, daß mit dem Erwerb der Kompetenzen die Ich- und soziale Identität, die personale Stärke des Ein- zelnen gefördert werden, im Hinblick auf die verantwortliche Gestaltung des eigenen Lebens.
Resümee
Alkoholismus ist eine Suchterkrankung mit den verschiedensten Gesichtern. Ursachen, Formen und Verlauf sind bei jedem Alkoholiker individuell einzuschätzen. Diese Arbeit ließ mich die verschieden Verhaltensweisen und emotionalen Reaktionen verstehen. Es kristallisierte sich auch beim Bearbeiten des Themas heraus, Alkoholismus ist nicht heilbar, jedoch kann die Krankheit zum Stillstand gebracht werden. Der erste Schritt eines jeden Betroffenen ist immer der Wunsch nach Veränderung. Dieser ist notwendig aber nicht ausreichend. Erst wenn der Betroffene erkannt hat, krank zu sein, eröffnet sich meist die Möglichkeit, den Konsum zu beenden, und dann benötigt der Abhängige meist fremde Hilfe. Es reicht oft nicht aus, nur mit dem Trinken aufzuhören. Bei jedem Alkoholiker gab es Gründe und Ursachen warum er getrunken hat. So lange diese nicht bewältigt, verändert oder beseitigt sind, beziehungsweise er selbst seine Lebensweise nicht geändert hat, kommt die Sucht wieder.
Daß die Erziehung die Entstehung von Suchtverhalten beeinflußt, dürfte unbestritten sein. Den größten Anteil hieran haben meines Erachtens die Eltern. Erziehung bedeutet intensive Einflußnahme auf die kognitive, moralische und soziale Entwicklung der Kinder. Obwohl an dieser Entwicklungsaufgabe auch andere Institutionen wie z.B. die Schule beteiligt sind, ist der Familieneinfluß nach wie vor entscheidend, denn erschafft im Kindesalter jene Entwicklungsbasis, auf der die weitere Sozialisation aufbaut. Der Schwerpunkt als HeilpraktikerIn sollte darin liegen, präventiv Angehörige von Betroffenen und ebenso auch Eltern zu begleiten und Hilfsangebote aufzu- zeigen.
Quellenverzeichnis
Bäuerle, Dietrich: Sucht- und Drogen prävention in der Schule, München 1996 Dietze, Klaus; Spicker, Manfred: Alkohol - Kein Problem; Suchtgefahren erkennen – Richtig handeln, Frankfurt 2007 Feuerlein, Wilhelm: Alkoholismus: Warnsignale – Vorbeugung – Therapie, München 2005 Keller, Gustav: Pädagogische Psychologie griffbereit – Ein schulpraktisches Handbuch, Donauwörth 2003
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