Dipl. oec. troph. Roland Possin
Das ayurvedische Heilsystem
Ayurveda ist ein 5000 Jahre altes, ganzheitliches Heilsystem aus Indien. Übersetzt bedeutet es soviel wie „Die Wissenschaft vom langen Leben“. In den letzten Jahren findet Ayurveda in den Industriegesellschaften eine immer größere Verbreitung. Durch seinen ganzheitlichen Ansatz, in dem Bewußtsein, Körper und Umwelt als eine Einheit gesehen werden, liefert es wichtige Denkanstöße in einer Zeit, in der sich die Medizin in einem grundsätzlichen Wandel befindet. Einen wichtigen Stellenwert im Ayurveda spielt die Ernährung, da sie bestehende gesundheitliche Störungen harmonisieren kann, aber auch vorbeugend wirkt. Das Besondere der ayurvedischen Ernährung ist, daß sie Empfehlungen beinhaltet, die auf die individuelle Konstitution des Menschen ausgerichtet sind, darüber hinaus unter anderem soziale Aspekte, die Tages- und Jahreszeit, das Wetter und die Arbeitsbedingungen einbeziehen.
Die Lehre von den drei Doshas (Tridoshas)
Jeder, der sich mit Ayurveda und der dazugehörigen Ernährung auseinander setzt, stößt unweigerlich auf das Konzept der drei Doshas (Tridoshas). Diese Prinzipien steuern alle körperlichen und geistigen Vorgänge und werden Vata, Pitta und Kapha genannt.
Vata setzt sich aus den Elementen Äther und Luft zusammen. Es steht für das Prinzip der Bewegung und ist somit verantwortlich für alle Bewegungsabläufe im menschlichen Organismus, wie zum Beispiel Herzschlag, Atmung und Wachstum. Pitta geht aus dem Element Feuer hervor. Es steht für das Prinzip der Umwandlung, ist also für Verdauungs- und Stoffwechselarbeit des Körpers zuständig. Pitta reguliert auch die menschlichen Emotionen. Kapha besteht aus den Elementen Wasser und Erde. Es steht für das Prinzip der Formgebung und ist damit verantwortlich für den strukturellen Aufbau der Zellen und Organe. Kapha steuert auch den Flüssigkeitshaushalt des Körpers, reguliert sämtliche Schleimabsonderungen sowie die Funktion des Lymph- und Immunsystems.
Die im Menschen wirkenden Tridoshas sind von Geburt an in einem für jeden Menschen individuellen, charakteristischen Verhältnis angelegt, wobei meist ein oder zwei dominieren. Die Doshas prägen mit ihren Eigenschaften die körperlichen und geistigen Merkmale eines Menschen. Entsprechend geht man im ayurvedischen Gesundheitssystem von verschiedenen Konstitutionen aus. Die Konstitution beschreibt Stärken aber auch Schwachstellen eines jeden Menschen. Sie erlaubt Aussagen über die Krankheitsanfälligkeit und erklärt die unterschiedlichen Reaktionen auf Ernährung, Sinneseindrücke, Klima und Lebensumstände. Bei der ayurvedisch orientierten Therapie spielt deshalb die Konstitution des Menschen eine wichtige Rolle. Entscheidend für die Gesundheit ist das individuelle Gleichgewicht der drei Doshas. Ist eines dieser Doshas gestört, so kommt es zur Beeinträchtigung der harmonischen Regulation des Organismus. Diese führt zunächst zu Befindlichkeitsstörungen, die der ayurvedisch orientiert arbeitende Therapeut bereits im Vorfeld späterer Krankheiten erkennen und gezielt durch die Balancierung der Doshas beheben kann.
Die Vata Konstitution - Körperliche und geistige Merkmale
Vata-Typen sind von einem zierlichen, dünnen Körperbau geprägt. Sie neigen zu kalten Händen und Füßen. Ihre Haut tendiert dazu, trocken, rau und rissig zu sein. Vata-Typen haben meist feines, trockenes Haar. Sie sind beweglich, flink und gelenkig. Vata-Naturelle besitzen einen klaren und wachen Geist. Sie sind ideenreich, lebendig und zeichnen sich durch schnelles Denken und eine rasche Auffassungsgabe aus. Vata-Konstitutionen neigen zu leichtem und oberflächlichen Schlaf. Sie haben oft viele Gedanken im Kopf und sind tendenziell unkonzentriert. Vata-Typen sind starken Stimmungsschwankungen unterworfen, mal himmelhochjauchzend, mal tief betrübt. Sie neigen zu einem unsteten Lebenswandel.
Vata-Störungen
Bei einer Vata-Störung beobachtet man eine Zunahme von Kälte, Leichtigkeit, Beweglichkeit und Trockenheit. Das heißt, daß ein Vata-Patient über starke Kälteempfindlichkeit klagt (seine Lieblingsjahreszeit ist übrigens der warme Sommer). Die Leichtigkeit und Beweglichkeit kann sich zum Beispiel in Nervosität, Schlaflosigkeit sowie in körperlicher und geistiger Unruhe ausdrücken. Die Schnelligkeit des Vata-Typs schlägt dann um in Hektik, Überdrehtheit und eine schnelle Art zu sprechen. Typisch für eine Vata-Störung sind eine raue Haut, leicht brechende, gerillte Fingernägel, eine trockene gefurchte Zunge sowie Trockenheit der Schleimhäute, die schnell zu einem trockenen Stuhl und damit verbunden zu Verstopfung führt. Wichtig ist zu erwähnen, daß nicht nur beim Vata-Typ eine Vata-Störung auftreten kann. Dies kann auch bei den anderen Konstitutions-Typen der Fall sein. Die Wahrscheinlichkeit ist jedoch bei einem Vata-Typen am höchsten. Bei den meisten Ratsuchenden, die zu mir in die Ernährungsberatung kommen, liegt eine Störung des Vata-Doshas vor.
Vata-Ernährungsempfehlungen
Für den leichten Vata-Typen bietet es sich an, über die Ernährung ,Boden unter die Füße’ zu bekommen. Besonders gut eignet sich dazu Wurzelkost, wie Rote Bete, Möhren und Sellerie, aber auch Kartoffeln sind für ihn bestens zum ,erden’ geeignet. Auch warme, nahrhafte Speisen, wie Aufläufe, herzhafte Eintöpfe und Suppen bieten sich an. Sie alle wirken harmonisierend auf das Vata-Dosha. Nicht zu empfehlen ist ein Übermaß an roher Nahrung oder gar ein ausschließlicher Verzehr von Rohkost über einen langen Zeitraum hinweg. Der in der Vollwerternährung propagierte Frischkornbrei stellt für das schwache Verdauungsfeuer des Vata-Typen eine zu hohe Herausforderung dar. Besser ist ein warmer, aufbauender Getreidebrei aus Reis, Gerste oder Haferflocken, die mit ein wenig Ghee, Ahornsirup, Trockenfrüchten und Gewürzen wie Zimt oder Vanille abgerundet werden. Der warme Getreidebrei beruhigt die beim Vata-Typen oft gereizten Nerven. Ghee ist Butter, bei der das Eiweiß isoliert wird. Es hat in der ayurvedischen Ernährung einen hohen Stellenwert, da es sich sehr harmonisierend auf die Verdauung auswirkt. Ghee ist Heilnahrung für den Vata-Typen.
Die Geschmacksrichtungen im Ayurveda
Ayurveda unterscheidet sechs verschiedene Geschmacksrichtungen (herb, bitter, süß, salzig, sauer und scharf). Sie üben unterschiedliche Wirkungen aus und sind entsprechend stärkend oder schwächend für die verschiedenen Doshas.
Für den Vata-Typen geeignete Geschmacksrichtungen
Süß ist die Geschmacksrichtung, die besonders wohltuend für den Vata-Typen oder bei Störungen des Vata-Doshas ist, denn süße Nahrung wirkt gewichtssteigernd, beruhigend, beständigkeitsfördernd und aufbauend. Außerdem vermitteln süß schmeckende Lebensmittel Kraft und Energie und fördern darüber hinaus auch die Schleimbildung im Körper. Natürlich versucht der Vata-Typ gerne, sein Temperament mit Süßigkeiten zu beruhigen. Da er von seinem Wesen her sehr aktiv ist, setzen die Leckereien nicht so schnell an. Allerdings schwächen konzentriert gesüßte Leckereien wie Schokolade oder Cola-Getränke den Vata-Typen, weil sie auf seinen Organismus übersäuernd wirken. Sie sind deshalb nicht zum häufigen Verzehr geeignet. Besser sind dagegen süßes Obst wie Weintrauben, Bananen und Melonen, in der warmen Jahreszeit genossen. Zu der Geschmacksrichtung süß zählen im Ayurveda sämtliche Süßungsmittel, wie Vollrohrzucker, Ahornsirup, Birnen- oder Apfeldicksaft, alle pflanzlichen Öle, nichtgesäuerte Milchprodukte sowie die verschiedenen Getreidesorten und daraus hergestellte Produkte.
Nahrung mit der Geschmacksrichtung sauer regt den Appetit an, was für den leichtgewichtigen Vata-Typen nur von Vorteil sein kann. Sie stärkt auch die beim Vata-Naturell oft geschwächte Verdauung. Speisen mit der Geschmacksrichtung sauer sind zum Beispiel alle gesäuerten Milchprodukte, milchsauer eingelegtes Gemüse sowie saures Obst. Menschen, bei denen das Vata Dosha gestört ist, sollten es allerdings nicht mit den sauren Speisen übertreiben, da ein Zuviel zu einer Überreizung des Organismus führen kann.
Salzige Nahrung wirkt appetitanregend, schwerefördernd, beruhigend, feuchtigkeitsfördernd, wärmend und harmonisiert damit Vata-Störungen. Es ist dabei natürlich nicht ratsam, sich den ganzen Tag über mit salzigen Fast Food Snacks zu ernähren. Besser ist es, auf Nahrungsmittel, in denen Salz in nicht allzu konzentrierter Form vorkommt, zurückzugreifen, zum Beispiel Miso (Sojapaste) oder Sojasauce zum Würzen. Die nicht erwähnten Geschmacksrichtungen, herb, bitter und scharf, sind für den Vata-Typen nicht verboten, sollten allerdings nur in kleinen Mengen genossen werden, da sie störend auf das Vata-Dosha wirken.
Die Kapha-Konstitution - Körperliche und geistige Merkmale
Kapha-Typen haben einen stabilen Körperbau, neigen zu Übergewicht und besitzen eine weiche, leicht ölige Haut. Sie haben meist volles, kräftiges, gewelltes und leicht fettendes Haar. Charakteristisch für sie sind ausgeprägte, große weiße Zähne. Kapha-Typen sind sehr widerstandsfähig gegen Krankheiten.
Ihnen ist eine starke Lebenskraft mit gutem Durchhaltevermögen zu eigen. Sie führen ihre Pläne langsam, sorgfältig und mit Sicherheit durch. Charakteristisch für sie ist, daß sie langsam lernen, aber ein gutes Langzeitgedächtnis haben. Sie sind verläßlich, ordentlich und liebenswürdig. Kapha-Typen haben Sinn für Ordnung und Struktur. Sie sind nur schwer aus der Ruhe zu bringen.
Kapha-Störungen
Bei Kapha-Störungen ist der Stoffwechsel sehr langsam und es liegt ein Gefühl von körperlicher und geistiger Schwere vor, welches sich vor allem in einer langen morgendlichen Anlaufzeit äußert. Es besteht eine Neigung zu Phlegmatismus und geistiger Dumpfheit, wobei die sprachliche Ausdrucksfähigkeit eingeschränkt sein kann. Ein typisches Zeichen einer Kapha-Dosha-Störung ist eine Erkältung mit Fließschnupfen, aber auch Verschleimungen und Obstipation sind symptomatisch.
Kapha-Ernährungsempfehlungen
Leichte Nahrung, wie zum Beispiel rohes Obst und Gemüse sowie Sprossen und Keimlinge, sind bestens dazu geeignet, die symptomatische Schwere des Kapha-Typen auszugleichen. Der reine Frischkostverzehr über einen sehr langen Zeitraum hinweg ist auch für den Kapha-Typen nicht zu empfehlen, da dessen zur Labilität neigender Stoffwechsel damit überfordert wäre. Es bietet sich aber für diese Konstitution eine begrenzte Rohkostphase in der warmen Jahreszeit an. Nimmt der Kapha-Typ bei feuchtkaltem Wetter ausschließlich Rohkost zu sich, so kann es zu Symptomen wie frösteln, Verschleimungen und Erkältungen kommen. Besonders im Winter bieten sich für das Kapha-Naturell wärmende Früchte- und Blütentees an, so zum Beispiel Hagebutten- oder Orangenschalentee mit Zimt und etwas Honig. Dem Honig wird gerade bei Erkältung und Verschleimung eine sehr harmonisierende Wirkung zugesprochen. Ebenfalls von wärmender Wirkung ist der Ingwertee. Die Ingwerknolle nimmt in der ayurvedischen Ernährung einen hohen Stellenwert ein. Sie mobilisiert die Lebenskräfte und wirkt heilend wie auch vorbeugend gegen Verschleimungen, Schnupfen und Husten. Ingwer wird entweder als Gewürz für Speisen oder als Tee zubereitet. Von wärmender Wirkung sind auch Kräuter wie Lavendel, Salbei, Oregano, Rosmarin und alle Kohlsorten. Von den Getreidearten eignen sich besonders Hirse, da sie Wärme und Leichtigkeit vermittelt, und Hafer, der von sämtlichen Getreidearten die angeregendste Wirkung hat. Da Menschen mit einem erhöhten Kapha-Dosha zu Wasseransammlungen im Gewebe neigen, bieten sich entwässernde Kräuter und Gewürze sehr gut an, zum Beispiel Alfalfa, Löwenzahn, Petersilie, Wacholderbeeren und Zitronengras. Eine weitere Möglichkeit, ein erhöhtes Kapha zu reduzieren, bietet das Fasten, welches von leichtigkeitsfördernder Wirkung ist und sich auf Körper und Geist harmonisierend auswirkt. Da sich beim Kapha-Typen der Hang zum Ausruhen in den verschiedensten Arten von Trägheit äußert und er damit auch zur Darmträgheit neigt, ist es ratsam für ihn, ballaststoffreiche Nahrung zu bevorzugen, zum Beispiel Vollkornbrot, braune Nudeln, Vollkornreis, Gemüse, Keimlinge und Sprossen.
Geeignete Geschmacksrichtungen für den Kapha-Typen
Für den Kapha-Typen bietet sich Nahrung an, die wärmend, anregend, leichtigkeitsfördernd und trocken ist. Die Geschmacksrichtungen, die diese Merkmale in sich tragen sind scharf, bitter und herb.
Lebensmittel mit scharfem Geschmack, wie zum Beispiel Radieschen, Rettich, Senf, Zwiebeln sowie scharfe Gewürze, wirken sich äußerst anregend auf das Kapha-Naturell aus. Ihr austrocknender Effekt kann gegen Wasseransammlungen im Körper helfen und auch Übergewicht entgegenwirken. Gut gewürzte Speisen regen den Stoffwechsel und die Verdauung an. Nicht selten graut es diesem Temperament, wenn es an die feuchtkalte Jahreszeit denkt. Man kann den möglichen Auswirkungen der kalten Jahreszeit (Verschleimung, Erkältung) mit einem Einbeziehen von scharfen Gewürzen entgegenwirken, zum Beispiel mit Curry, scharfem Paprika, Chili und Meerrettich.
Bittere Nahrung, wie zum Beispiel Endivien, Lollo Rosso, Artischocken, Spinat, Chicorée, wirkt kühlend, leichtigkeitsfördernd und trocknend und ist damit für den Kapha-Typen bestens geeignet. Aufgrund ihrer kühlenden Wirkung sind bittere Lebensmittel im Winter nur im begrenztem Maße für den leicht fröstelnden Kapha-Typen geeignet, bei heißem und schwülem Wetter dagegen besonders zu empfehlen.
Die Geschmacksrichtung herb ist von der Wirkungsweise her ähnlich wie bitter zu bewerten. Alfalfa-Samen, Blumenkohl, Borretsch, Brokkoli, Grünkohl, Linsen, Quitten und Rhabarber sind dieser Geschmacksrichtung zuzuordnen. Herbe Nahrung ist leichtigkeitsfördernd, kühlend, trocknend und straffend für die Haut. Den austrocknenden Effekt kann man sich besonders bei Verschleimungen oder auch Ödemen zunutze machen. Da ein Zuviel an herber Nahrung beruhigend wirkt und eine gewisse Steifheit vermittelt, empfiehlt es sich für den Kapha-Typen, diese Geschmacksrichtung nicht zu üppig zu genießen.
Die Pitta-Konstitution - Körperliche und geistige Merkmale
Pitta-Typen haben einen athletischen, muskulösen Körperbau. Sie neigen zu starkem Schwitzen und damit verbundenem Körpergeruch. Pitta-Naturelle sind geprägt von einem gut funktionierenden Kreislauf, einer guten Durchblutung sowie einem starken Verdauungsfeuer. Sie haben oft eine leicht gerötete Gesichtsfarbe und neigen zu Muttermalen, Sommersprossen sowie Akne und sind sehr sonnenempfindlich. Pitta-Typen besitzen meist feine, weiche Haare von blonder bis rötlicher Farbe.
Pitta-Naturelle sind geprägt von einem hitzigen Temperament. Sie sind freiheitsliebend, besitzen einen scharfen, kritischen Verstand und können nachtragend sein. Pitta-Typen stehen gerne im Mittelpunkt des Geschehens. Sie suchen die Herausforderung und bleiben bei starker Belastung stabil.
Pitta-Störungen
Bahnt sich eine Pitta-Störung an, so äußert sich dies unter anderem durch eine verstärkte Wärmeproduktion. Der Betroffene klagt über ein Brennen im Körper, zum Beispiel Magenreizungen oder Hämorrhoiden. Saures Aufstoßen oder Sodbrennen sind ebenfalls Merkmale einer Pitta-Störung, ebenso wie Entzündungen der Haut oder innerer Organe. Eine Zunahme von Pitta äußert sich auch durch zunehmende Ungeduld, Gereiztheit, verstärkte Irritierbarkeit sowie Neigung zu extremen Gefühlsausbrüchen.
Pitta-Ernährungsempfehlungen
Für Menschen mit einem gestörten Pitta-Dosha ist es wichtig ihre überschüssige Energie abzugeben. Im Nahrungsbereich ist dies durch den Verzehr von rohem, knackigem Gemüse (Möhren, Kohlrabi), rohem Obst (bißfeste Äpfel, Birnen), aber auch von lange gelagertem, festen Vollkornbrot gewährleistet, welches hohe Anforderungen an Kaukraft und Verdauung stellt.
Zur Abkühlung des überhitzten Temperaments bieten sich Obstkuren an, besonders dann, wenn das Element Feuer klimatisch am aktivsten ist - im Hochsommer. Aber auch bei Pitta-Symptomen wie entzündlichen Hautausschlägen oder Hitzewallungen ist eine Obstphase über mehrere Wochen hinweg zu empfehlen. Pitta-Naturelle sind aufgrund ihres hohen Wärmepotentials in der Lage, über einen langen Zeitraum hinweg sich rein rohköstig zu ernähren - auch in der kalten Jahreszeit.
Geeignete Geschmacksrichtungen für den Pitta Typen
Da der Pitta-Typ von seinen Eigenschaften her hitzig, impulsiv, leicht und beweglich ist, wirkt kühlende, schwerefördernde und beruhigende Nahrung mit den Geschmacksrichtungen herb, bitter und süß harmonisierend auf dieses Temperament.
Die Geschmacksrichtung süß ist aufgrund ihrer beruhigenden und schwerefördernden Wirkung empfehlenswert für das Pitta-Temperament. Daneben vermittelt süße Nahrung auch Beständigkeit und Wohlbefinden. Dem Pitta-Naturell ist daher die süße Komponente zur Erlangung seines inneren Gleichgewichts dienlich. Süße Lebensmittel wirken außerdem entzündungshemmend und besänftigen ein Brennen im Körper. Der Pitta-Typ sollte sich jedoch nicht zu sehr auf konzentriert süße Leckereien versteifen, da sie übersäuernd wirken und Übergewicht begünstigen. Es kommt nicht selten vor, daß mich übergewichtige Ratsuchende in der Praxis aufsuchen, bei denen das Pitta-Dosha gestört ist. Beim Thema Übergewicht ist es wichtig, die Ursachen zu bearbeiten. Ist der Mensch zu phlegmatisch, bewegt sich zu wenig und ißt zu viel, so hängt dies mit einer Kapha-Störung zusammen. Ist er dagegen überaktiv, arbeitet zu viel, ist gereizt und kompensiert seinen Streß mit Süßigkeiten, so liegt hier eine Pitta-Störung vor. Um dem Übergewicht entgegenzuwirken sollte bei einer Kapha-Störung darauf geachtet werden, die Aktivität anzuregen. Bei einer Pitta-Störung würde dies jedoch genau das Gegenteil bewirken. Hier ist Ruhe angesagt. An diesem Beispiel kann man sehr gut erkennen, daß bei der gleichen Störung zwei unterschiedliche Ursachen vorliegen, die entsprechend individuell behandelt werden müssen. Als Alternative zu konzentriert süßen Nahrungsmittel sind Trockenfrüchte (Aprikosen, Feigen, Datteln) sowie süßes Obst zu empfehlen. Ayurveda ordnet der Geschmacksrichtung süß auch nichtgesäuerte Milchprodukte (z.B. Sahne), Pflanzenöle sowie Vollkorngetreide und daraus hergestellte Gerichte zu. Sollte das Verlangen nach konzentriertem Süßen einmal zu groß werden, so empfiehlt sich mit Vollrohrzucker gesüßter Vollkornkuchen.
Die Geschmacksrichtung bitter ist aufgrund ihrer kühlenden und appetithemmenden Wirkung für den gerne und viel essenden Pitta-Typen sehr gut geeignet. Bittere Nahrung ist auch juckreizhemmend, lindert Sodbrennen, wirkt durstreduzierend und blutreinigend. Bittere Nahrung hilft auch bei fiebrigen Erkrankungen, wirkt sich bei Magenreizungen sehr wohltuend aus und korrigiert ein übertriebenes Verlangen nach Süßigkeiten.
Empfehlungen für alle Konstitutionen
Neben den auf die Einzeltypen bezogenen Ernährungsempfehlungen gilt folgender allgemeiner Grundsatz: Die Nahrung sollte naturbelassen und vollwertig sein, jahreszeiten- und klimazonengerecht ausgewählt werden. Eine Mahlzeit sollte möglichst alle Geschmacksrichtungen enthalten, wobei je nach Typ und Dosha-Störung Schwerpunkte gesetzt werden können. Für die Umsetzung der ayurvedischen Empfehlungen ist es nicht zwingend notwendig, auf indische Rezepte zurückzugreifen. Das Buch „Vom richtigen Essen“ (siehe unten) zeigt, daß das ayurvedische Gesundheitssystem auch auf europäische Verhältnisse abgestimmt werden kann und liefert dazu passende Rezepte.
Symptome bei Vata-Störungen
- Ruhelosigkeit, Schlafprobleme - Nervosität, Abgespanntheit - schlechte Konzentration, Vergeßlichkeit - chronischer Energiemangel - trockener Husten und Schnupfen - Abmagerung - Blähungen, Blähbauch - Austrocknung des Körpers - ständiges Frieren, kalte Hände und Füße
Vata-Störfaktoren
- Kaltes, trockenes, rauhes und windiges Klima - Genuß von fettarmen, kalten, leichten und bitteren Speisen - körperliche und geistige Überanstrengung - unregelmäßiger Schlaf-/Wachrhythmus - lange Fahrten und Reisen - Strahlen (z.B. PC) - dauerhafte Streßzustände - unregelmäßige Nahrungsaufnahme - grelle Farben (Zitronengelb)
Empfehlungen zum Ausgleich von Vata-Störungen
- Speisen, die ölig, wasserreich, salzig, sauer und süß sind - Atem- und Yogaübungen, welche die Standhaftigkeit und das Erden fördern - Regelmäßigkeit und Ordnung ins Leben integrieren - beruhigende Duftöle (Melisse, Rose) - keine elektrischen Geräte im Schlafzimmer (Elektrosmog!)
Symptome bei Kapha-Störungen
- Trägheit, Dumpfheit, Schläfrigkeit - Schweregefühl, Lethargie, Depression - Mangel an Antriebskraft und Selbstbewußtsein - Kreislaufschwäche - extremes Kältegefühl an Füßen und Händen - Verschleimungen (Nasennebenhöhlen, Fließschnupfen, schleimiger Husten) - Fettleibigkeit - Wasseransammlungen im Körper
Kapha-Störfaktoren
- Speisen die süß, sauer, salzig, kalt, schwer und schleimig sind - kalte und feuchte Arbeits- bzw. Lebensbedingungen - Schlaf während des Tages - kühlende Farbtöne (Himmelblau) - Bewegungsmangel - Aufenthalt in feuchtkalten Gebieten
Empfehlungen zum Ausgleich von Kapha-Störungen
- Speisen, die scharf, herb, bitter und trocken sind - Fasten - wärmende Farben (Bordeaux Rot) - Sportarten mit gleichmäßigen Bewegungen (Rudern, Ski-Langlauf, Joggen) - Yoga, T'ai Chi - Sauna - Massagen mit Senföl
Symptome bei Pitta-Störungen
- entzündliche Prozesse - Geschwüre auf Haut und Schleimhaut - Magenreizung, Sodbrennen - ,brennende’ Hämorrhoiden - Zahnfleischbluten - Übersäuerung des Organismus - Unverträglichkeit von scharfen Gewürzen - chronische Gereiztheit, Wutausbrüche
Pitta-Störfaktoren
- übermäßiger Alkohol- und Kaffeegenuß - längere Einwirkung von Stressoren - Speisen, die scharf, sauer, salzig, gebraten und frittiert sind - dauerhafte Sonnenbestrahlung - Aufenthalt in schwülen, heißen Klimazonen - laute, aggressive Musik - kräftige, leuchtende Farbtöne
Empfehlungen zum Ausgleich von Pitta-Störungen
- Schwimmen im kalten Wasser - Abreagieren durch Kampfsportarten oder Holzhacken - Speisen, die süß, bitter, herb und kühlend sind - meditative Musik - ruhige, entspannte Atmosphäre - gleichbleibender Lebensrhythmus
Weiterführende Literatur zum Thema Ayurveda
Chopra, Deepak: Die Körperseele, München 1990 Lad, Vasant: Das Ayurveda-Heilbuch, Aitrang 1991 Lad, Vasant; Frawley, David: Die Ayurveda Pflanzenheilkunde, Aitrang 1991 Rosenberg, Kerstin: Das Ayurveda-Ernährungsbuch, München 1994 Schrott, Ernst: Ayurveda für jeden Tag, München 1994
Buchveröffentlichungen des Autors
Hüter der Schöpfung - Die Erde heilen mit der Weisheit der Naturvölker, Hugendubel Verlag Vom richtigen Essen - Ernährung im Einklang mit den vier Elementen, Heyne & Hugendubel Verlag Die Stimme des Körpers - Ernährung im Einklang mit der Inneren Führung, Lübbe Verlag.
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