07.01.2010: Die Giftfracht in unseren modernen Biographien


Ein Beitrag zur umweltmedizinischen Aufmerksamkeit in der Naturheilkunde

Dipl.-Pädagoge Rainer Meerkamp, Heilpraktiker
 
2005 erschien in dieser Zeitschrift mein Beitrag „Die Folgen der Chemiesierung unseres modernen Alltagslebens, eine Herausforderung für die Naturheilkunde“. Seitdem habe ich mit einem medizinsoziologischen Beitrag den sozialen Rahmen rund um chronische Gesund­heits­pro­bleme dargestellt (R. Meerkamp, 2007/2008) und an anderer Stelle über Grenzwerte in Toxikologie und Umweltmedizin berichtet (R. Meerkamp, 2007). Einige weitere Aspekte der Thematik blieben seit 2005 unerwähnt. Deshalb habe ich in der Zwischenzeit in „Wir Heil­prak­tiker“ den natur- und kulturgeschichtlichen Rah­men von Vergiftungen und Entgiftungen dargestellt (R. Meerkamp, 2008). Jetzt geht es um die giftfrachtbelasteten modernen Biographien, ein Thema, das im Aufsatz von 2005 aus Platz­gründen ganz wegfiel.
 
Wenn Eltern heute mit ihren kranken Kindern zum Heilpraktiker kommen, ist es meines Erachtens mehr als je zuvor in der Geschichte von Bedeutung, der umweltmedizinischen Seite des kränkenden Geschehens in der Anamnese nachzugehen. Zu dieser Aufmerksamkeit möchte ich erneut beitragen. Nach dem breiten Querschnitt durch die Lebensbereiche des modernen Alltags 2005 in „Die Folgen der Chemiesierung“ folgt deshalb ein biographischer Längsschnitt, ein Blick zurück in die Vergangenheit des Patienten und die Chrono­logie seiner Chemikalienbelastung von Kindheit und Jugend an.
 
Der Beginn des Lebens. Die Schwanger­schafts­monate sind bereits ein Aufmerken wert. „Mein Bauch ist kein Chemiestandort!“, rufen junge Frauen beim Greenpeace-Protest gegen die Mehr-Generationen-Gifte. Ihr Ruf kommt spät, aber sie haben allen Anlaß dazu. Denn längst steckt viel Chemie in Embryo-Körpern. Das Geburtsgewicht des Kindes ist geringer, wenn die Mutter während der Schwangerschaft rauchte. Der Intelligenzquotient ist vermindert bei intrauteriner Belastung durch polychlorierte Biphenyle (PCB). Der transplazentare Übergang ermöglicht die Wirkung von einigen pränatal wirkenden Pestiziden und von Schwer­metallen wie Quecksilber und Blei – Stoffe, die auch für Geburtsfehler verantwortlich gemacht werden (W. Wortberg, 2006). Die rasche Zell­teilung beim Embryo und die intensiven Zell­differenzierungsprozesse machen den Orga­nis­mus empfindlich für die Gifteinwirkung.
Die Chinesen könnten längst vom Vietnam-Trauma („Agent Orange“) im Nachbarland lernen, doch da ein Menschenleben bei ihnen nichts gilt und die Volksgesundheit hinter der brachialen Durchsetzung des Staats­kapi­ta­lis­mus zurücksteht, werden sie künftig über den selbstzerstörerischen Zusammenhang von in­dustrieller Umweltvergiftung und Mißbildungen bei Neugeborenen hinzulernen müssen. 2007 wird geschätzt, daß im giftverpesteten China jährlich eine Million behinderte Babys zur Welt kommen. – Zurück nach Deutschland. Die weitere Kindheit und Jugend erscheint in dieser Optik als Fortsetzung einer Giftkarriere, in deren Verlauf der Mensch zur Müllkippe wird, noch bevor er geboren ist. Die spätere umweltmedizinische Anamnese des Heilpraktikers fördert einiges Erschreckende zu Tage.
Von pränatal zu perinatal: Gift unter der Geburt. Unser Umweltpatient kam eventuell als akut vergiftetes Kind auf die Welt, da die Mutter wehenhemmende Medikamente bekommen hatte, ist bald danach geimpft worden mit einem Impfstoff, der Zusatzstoffe wie z.B. das ansonsten verbotene Formaldehyd, Aluminium­hy­dro­xyd, Quecksilbersulfat als tragendes Adjuvans enthielt (W. Hannig, 2002, S. 26 f.). Quecksilber hielt damals die Spritzen steril. Es wundert auch nicht, wenn die Wissenschaft heute im Nabel­schnurblut von Neugeborenen Flamm­schutz­mittel, Quecksilber, PCB, Pestizide und andere Stoffe, insgesamt 287 Chemikalien oder andere giftige Substanzen nachweisen kann („Che­mie in Baby-Körpern“, Coordination gegen Bayer-Gefahren e.V., Hrsg., Stichwort BAYER, Ticker-Beilage zu Heft 4, 2005, S. 13). „Weich­macher, Flammschutzmittel und künstliche Duftstoffe – die Liste der in Kinderkörpern vorhandenen Chemikalien liest sich wie eine An­leitung zur Blutvergiftung.“ („Schadstoffe belasten Kinder“, Süddeutsche Zeitung, 6.10.2006)
Und jetzt die postnatale Giftfracht: Der gestillte Säugling befindet sich sozusagen am Ende der Nahrungskette, in der sich aktive Chemi­ka­lien akkumulieren. Muttermilch, im Prinzip ideal auf die Nährstoffbedürfnisse des Säug­lings eingestellt, enthält neben Medikamenten und Genußmitteln der Mutter u.a. Dioxine (aufgrund von Produktionsverboten heute weniger werdend) und andere Organchlorverbindungen wie die seit über drei Jahrzehnten verbotenen Organochlorpestizide DDT und Lindan, wobei die Mengen immer noch weit über den erlaubten Höchstmengen liegen und Frauenmilch als Lebensmittel nicht in den Handel gebracht werden dürfte. Neu gefunden hingegen werden in der Milch Flammschutzmittel (polybromierte Diphenylether), pseudohormonell wirkende UV-Schutz-Filtersubstanzen aus Sonnen­schutz­cremes und polyzyklische Moschus­ver­bin­dungen, die als Duftstoffe in Waschmitteln und Kosmetika eingesetzt werden und mutagen wirken, d.h. das genetische Material verändern.
Der Säugling entgiftet den Körper seiner Mutter, die bei einer Stillzeit von sechs Monaten etwa 30 Prozent ihrer Gesamtkörperlast an polychlorierten Dibenzodioxinen und -furanen an ihr Kind weitergibt, und das Kind zeigt bald, kaum überraschend, psychomotorische Entwicklungs­defizite (V. Mersch-Sundermann et al., 2000, G. Dörner et al., 2004). Endstation Säugling, Endstation Gehirn: Gestillte Kinder weisen im Vergleich mit ungestillten eine fünffach höhere Belastung mit polychlorierten Biphenylen auf, was im weiteren Leben ihre motorische Ent­wicklung hemmen und ihr Erinnerungs­ver­mögen heruntersetzen wird. „Geringere Le­sefähigkeiten und niedrige Intelligenzquotienten wurden noch bei elfjährigen Kindern beobachtet, deren Mütter in der Schwangerschaft hohen Konzentrationen an polychlorierten Biphenylen ausgesetzt waren.“ (Bundesministerium für Um­welt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, Berlin, Hrsg., REACH Magazin für eine moderne Chemie, Juli 2004)
Die EU streitet derweil in aller Ruhe über den Höchstwert für Pestizidrückstände in industriell hergestelltem Babybrei. Diabetes bei Kindern wird durch den Konsum von Maillard-Ver­bin­dungen, d.h. von karamelisiertem Zucker und Eiweißverbindungen in der sterilisierten Fertig-Säuglingsnahrung verstärkt. Stillen schützt sozusagen vor Diabetes (P. van den Hazel et al., 2007, S. 175 f.). Aus den PVC-haltigen Dich­tungen der Baby-Fertignahrung in Gläsern gelangen Weichmacher und andere Schad­stoffe in die Nahrung. (Und Eltern, die ihre Portion der Babykost mit asiatischen Würz­soßen aus Schraubgläsern nachwürzen, konsumieren ebenfalls die „lipophilen“ Weich­ma­cher, die von der ölhaltigen Soße aus den Deckel­dichtungen gelöst werden, wobei der Grenzwert sogar um das 165-fache überschritten werden kann.)
Ganz allgemein darf zum biographischen Längsschnitt und zur Schadstoffhistorie als Teil einer modernen Biographie festgestellt werden: Kinder sind keine kleinen Großen. Sie trinken und essen im Verhältnis zu ihrem Kör­per­gewicht mehr, nehmen dadurch mehr Schad­- stoffe auf, und sie scheiden weniger Gifte als Erwachsene aus. Kinder wachsen auf mit ihrem noch nicht vollständig ausgereiften Immun­system, mit ihrem für Giftstoffe wie z.B. für Blei durchlässigen Magen-Darm-Trakt, dem vergleichsweise größeren Atemvolumen, das zu einer im Vergleich zum weniger atmungsintensiven Erwachsenen 40-fach erhöhten inhalativen Aufnahme führt. Mit einer im Vergleich dünneren Haut, mit der noch nicht aus­diffe­ren­- zierten Blut-Hirn-Schranke sind sie anfälliger und verletzlicher als „ausgereifte“ Erwachsene für die entwicklungsstörenden Chemikalien, auf die sie von Kindesbeinen an treffen. Erst ab dem sechsten Lebensmonat ist die Blut-Hirn-Schranke auf Erwachsenenniveau entwickelt (U. Diez, G. Winneke, 2006). Die „Lungen­reifung“ der Kinder wird durch Luftschadstoffe behindert, was im weiteren Leben zu chronischen Atemwegsleiden führen kann.
Da tausende von Schulen als PCB-kontaminiert gelten, setzt sich die traurige Geschichte der Giftfracht vielfach fort auf dem außerhäuslichen Lebensweg. Unser Umweltpatient ist zur Schule gegangen in einem in den 70er Jahren errichteten Gebäude, in dem polychlorierte Biphenyle verbaut wurden, als dauer-elastische Spach­tel­massen, in Türen, Fensterdichtungen, Wänden, Kabeln und Bodenbelägen, aus denen sie die gesamte Schulzeit über in die Innenraumluft des Klassenzimmers „ausgasten“ und die motorische und geistige Entwicklung der Schüler verzögerten. „Die Unternehmen wußten seit den 60er Jahren, daß die von ihnen verkauften Produkte hoch toxisch und schwer abbaubar waren. Dennoch wurden die Käufer nicht über den PCB-Gehalt oder über die möglichen Risiken informiert.“ (Ph. Mimkes, 2002)
Damals waren noch Parathion/E 605 und das chlororganische Insektenvernichtungsmittel DDT im Umlauf (DDT in der BRD 1972 verboten, in der DDR bis 1989 in Gebrauch, eine Chemikalie, die heute für Frühgeburten und Totgeburten mitverantwortlich gemacht wird). Aus den Schlagzeilen ist DDT seitdem verschwunden, aber nicht aus den Wohnungen. Auf dem in den 70ern mit einer Teerdecke überzogenen Schulhof dünstet das krebserregende Benzoapyren aus, auch drei oder vier Jahr­zehnte später noch (J. Steinert, 2001). Die Altlasten im Boden sind eine Last für Kinder, z.B. dioxinhaltiger Kieselrot auf dem Sport- und Kinderspielplatz, wo Dioxin nach Auskunft der Behörden ausnahmsweise „keine Gefahr für die Gesundheit darstellt“ und wo Arsen, Cadmium und Blei vielerorts den „Richtwert II der Kin­derspielplatz-Richtlinie des Landes“ so extrem überschreiten, daß die Behörde nach anderen Metallen und Schadstoffen lieber gar nicht mehr sucht.
Zurück ins Elternhaus und zur frühen Ge­fahr­stoffexposition dank Plaste und Elaste im Kinderzimmer: Die Luftballons, die Kinder so gern aufblasen und auf denen die Kleinsten herumlutschen und -kratzen, enthalten das krebs­erregende Nitrosamin. Wasserfeste Pla­stik­bilderbücher für Babys stecken voller Che­mie. Aus Spielzeug, das nicht „speichelecht“ ist, aber in den Mund gesteckt wird, löst sich das als Farbpigment genutzte Cadmium und akkumuliert in der Nierenrinde. Das Baumaterial in Modellierkästen aus chinesischer Produktion ist von einem hochgiftigen Weichmacher überzogen.
Kleine Kinder spielen auf dem Boden, d.h. dort, wo sich chemikalienhaltiger Hausstaub sammelt. Organozinnverbindungen wie Tributylzinn und die „Weichmacher“ genannten Phthalate stecken fast überall, eins der giftigsten, das fortpflanzungsschädigende Diethylhexylphthalat steckt in Elektrokabeln und Duschvorhängen, Luftmatratzen und Kinderplanschbecken, Le­bensmittelverpackungen und Textilien, aber auch – Achtung! – in elastischen In­fusions­schläuchen und Masken, geschmeidigen Ka­the­tern und Sonden, Sauerstoffzelten und Blut­beuteln in Krankenhäusern: „Gift am Kran­ken­- bett“ (K. Ruzickova et al., 2005). Längst müßte es ein Öko-Profil für den Markt der Me­di­zin­produkte geben, doch das ist leider kein Thema für die Medizintechnik. Dibutylphthalat sorgt dafür, daß Tabletten sich noch nicht im Magen, sondern erst im Darm auflösen. Wer ein frei verkäufliches Medikament gegen Erkältung (Ge­lomyrtol) schluckt, bei dem findet der Chemiker eine Phthalatkonzentration, die den Lang­zeitgrenzwert um das 63-fache überschreitet. Phthalate, laut WHO und EU fruchtbildungs- und entwicklungsschädigend, werden für die zunehmenden Mißbildungen der männlichen Geschlechtsorgane mitverantwortlich gemacht, z.B. für Hodenhochstand und Harn­röh­ren­de­formationen bei Kleinkindern.
Die „Hilfsstoffe“ in Medikamenten, d.h. Füll- und Farbstoffe, Konservierungs-, Binde-, Gleit- und Schmiermittel, Stabilisatoren, die 70% bis 99% der Tablettenmasse ausmachen können, können dem Patienten zu schaffen machen und allergische oder pseudoallergische, d.h. allergotoxische Reaktionen auslösen (die man nicht mit einer Allergie verwechseln sollte), z.B. die Azofarbstoffe mit Benzol-Kernen, die die Tabletten optisch schöner machen. Die Stiftung Warentest (1994, S. 278 ff.) sah sich vor Jahren veranlaßt, auf „alternative Gifte“ hinzuweisen, und sogar Arzneipflanzen der ayurvedischen Medizin verursachen Bleivergiftungen („Wir Heilpraktiker“ Fachzeitschrift für Naturheilkunde, Heft 1/1997, S. 36).
Polypharmakotherapie erzeugt einen weiteren Chemie-Cocktail, auch das eine Seite der modernen Kindheit: Denken wir an schleichende Arzneimittelvergiftungen bei Kindern aufgrund jahrelangen Tabletten-Konsums und aufgrund der Einnahme von Medikamenten, die noch nie auf ihre Eignung für Kinder überprüft wurden. Kränkelnde und kranke Kinder werden pro Jahr mit anregenden oder beruhigenden Psychopharmaka im Wert von vielen Millionen Euro traktiert. Das Einstiegsalter für den Konsum von Tabak und Alkohol sinkt. Diese frühe und dann lebenslange Belastung ist Kennzeichen modernen Lebens. Viele Eltern, Kinderärzte, Heilpraktiker (z.B. A. Eisenbach, 2006, H. Lück, 2007), Angehörige anderer Fachberufe werden ihre Konsequenzen ziehen und nach Entgiftungs- und Prophylaxewegen suchen.
Werfen wir einen Blick in den Wäscheschrank des Kinderzimmers, denn Kleider machen Leute. Kleider machen Kinder krank. Der Ka­talog der Textilhilfsmittel nennt 7.000 Produkte, weltweit werden ca. 31.000 Textilchemikalien ungeprüft angewendet. Auch aus Schwimm­hilfen für Kinder und aus Fahrradpumpen, aus Gummistiefeln, Babywindeln und Barbiepuppen usw. gast der „Weichmacher“ aus bzw. wird er ausgewaschen. Selbst wenn der Stiefel namens „Lars, der kleine Eisbär“ sich ganz niedlich anhört, so ist der Anteil krebserregender Be­standteile so hoch, daß das Produkt nicht verkauft werden dürfte und auf den Sondermüll gehört. Damit Papas „atmungsaktive“ Radler­hose und Sohnemanns wasserdichte Matsch­hose bei starker Schweißaufnahme nicht riechen, werden antibakterielle zinnorganische Ver­bindungen eingesetzt, denen eine ganze Reihe von schädlichen Wirkungen nicht nur auf das Hormonsystem von Vater und Sohn zugesprochen wird. (R. J. Bothe, R. Filbrich, 2005, S. 276)
Aus den bei Jugendlichen beliebten Scoubidou-Bändern lassen sich schöne Accessoires flechten, doch enthalten diese vielseitig einsetzbaren PVC-Schnüre leider auch flüchtige or­ga­nische Lösemittel, Cadmium und als Weichmacher für den von Haus aus harten und spröden PVC „reproduktionstoxische“ Phtha­late, die Fortpflanzung und Entwicklung beeinträchtigen, und zwar ohne daß es im späteren Leben der Kinder irgendwann einmal eine Zeit der „Erholung“ gibt (E. Petersen, 2006). Phthalate als Weichmacher sind in fast allen Kinderschlafanzügen mit großen Aufdrucken enthalten, um die Stoffhärtung durch die „kindergerechten“ Aufdrucke auszugleichen. Ver­botenes Dibutyl- und Tributylzinn soll die bunten Farben in Schlafanzügen stabilisieren. Farb­intensive Aufdrucke auf schwer entflammbaren Kinderpyjamas wären ohne pseudohormonell wirkende Alkylphenolethoxylate kaum machbar.
Ein Wort zwischendurch zur Politik für Kinder: In Artikel 125 der Bayerischen Verfassung heißt es „Gesunde Kinder sind das köstlichste Gut eines Volkes“. Nach den Gemeindeordnungen sind die Kommunen dem Wohl aller – d.h. auch der Kinder – verpflichtet. Die Gesundheit ist unser höchstes Gut, oder? Die Politik produziert stapelweise Absichtserklärungen, will angeblich die Umweltmedizin fördern und fordert, bei der Festsetzung der zumutbaren Schadstoff­höchst­mengen solle die Orientierung am kindlichen Organismus erfolgen. Hört sich gut an. In einer kinderentwöhnten Gesellschaft denkt letztlich allerdings kaum jemand ernsthaft daran, den kindlichen Körper als Referenzgröße zu nutzen.
Gesellschaft mit begrenzter Haftung. „Giftige Quietscheentchen und Puppen sind weiter erlaubt, wenn sie das Label ‘Nicht in den Mund nehmen’ tragen. Eine besondere Heraus­forde­rung für die unter Dreijährigen.“ („Kleinkinder werden immer kränker“, TAZ, 17.4.2002) Der Tabakanbau in der EU wird mit Steuermitteln von jenen gefördert, die von Gesund­heits­prä­vention und Nichtraucherschutz reden. Jedes zweite Kind in Deutschland wird zum Passiv­rauchen gezwungen. Eine längerfristige Fein­staub- und Passivrauch-Exposition reduziert die Lungenfunktion und das Wachstum der kindlichen Lunge, erhöht die Zahl der Atemwegs­erkrankungen, aber auch die der Mittel­ohr­entzündungen und der Entzündungen der Hirn- und Rückenmarkhäute (Meningokokken-Me­ningitiden) bei Kindern (T. Raupach, 2007, S. 25). Der Gesetzgeber toleriert vieles, was der menschliche Körper nicht toleriert. Die Mög­lichkeiten sind da, der Wille fehlt. Für alles kann man eine „Ausnahmegenehmigung“ bekommen. Krebserregende und erbgutschädigende Substanzen werden auch nach „Reach“ 2007 von den Parlamentariern des Euro­pa­parla­mentes weiterhin zugelassen, es gibt für sie – wider Erwarten – keine „Substitu­tions­ver­pflichtung“! Der Vorsorgegedanke würde es im Grunde zwingend gebieten, immer dann einen Gift-Ersatz vorzuschreiben, wenn es eine bessere, weniger giftige oder sogar ungiftige Alternative gibt, doch Europas Politiker wollen nicht. Sie sind alle nicht „enkeltauglich“.
Wie wir wurden, was wir sind. Beim erweiterten Blick aufs moderne Leben ist aber auch zu erinnern an die menschlich-allzumenschliche, haarsträubende Sorglosigkeit, Ahnungs­losigkeit, Überheblichkeit und Fahrlässigkeit im Umgang mit Giften, an Herstellungs- und Pro­duk­tionsablauf-Fehler in der Industrie, an unsachgemäße Anwendungen, an Unfälle und Störfalle in der (Chemie-)Industrie, die aus Profitgier herrühren, an Großkatastrophen wie im indischen Bhopal. Ein Planet wird industriell vergiftet. Zur modernen Biographie sind als Hin­tergrundbelastung u.a. zu zählen: Erdgas­för­derung, Chlorproduktion der Industrie, Bergbau. Schwermetalle, Chrom und Blei aus Zechen vergiften Flüsse. „Rhein-Alarm“, Jahr­hundert­hochwasser und illegale Abfallbeseitigung hochgiftiger Substanzen (Klärschlämme) verseuchen den Boden und das Grundwasser. Che­mi­ka­lienbeladene Tanker, Kessel, Hochdruckanlagen explodieren, und am nächsten Tag steht dann jeweils in der Zeitung: „Nach Auskunft der Feuerwehr bestand für die Bevölkerung zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr, da die Giftwolke sich verflüchtigte“. Wohin sie sich „verflüchtigte“, sagt die Feuerwehr nie.
Parallel zu solchen (Umwelt-)Katastrophen auf der Makro-Ebene kommt es zu Veränderungen im modernen Privatleben und Freizeitverhalten, mit den „Lifestyle“-Risikofaktoren der Mikro-Ebene: Rauchen, Alkohol, Drogen wurden genannt, Anabolika werden vor dem wöchentlichen Gang ins Fitness-Studio eingeworfen, freiwillig, denn man möchte trainiert aussehen und Muskeln aufbauen. Mit Blutbeuteln und dem Blutbildungshormon „Epo“, mit Testosteron und Wachstumshormonen reisen die Pharma­sportler zu den olympischen Winterspielen und zur Tour de France 2006 und 2007 an. Do­pingkontrollen werden so organisiert, daß sie nicht funktionieren. Der gesellschaftliche Konsens einer toxikomanen Gesellschaft, die Rekorde will, steht dem offiziellen Ziel entgegen, also fahndet man so, daß fast alle immer entkommen können. „Sportsfreunde“ bilden eine Doping-Gesellschaft, sind privat auch für den Energieschub aus dem Labor und für Fitness dank Chemie. Sie nehmen Aufputsch­mittel, zum „Runterkommen“ Tranquilizer, Dro­gen zum Einschlafen und zum Wachbleiben, nehmen Viagra für besseren Sex oder flüchten in den Alkohol, beseitigen Müdigkeit mit Che­mie, hemmen mit ihr den Appetit, wollen mit ihr gegen ihre Angst und ihre Depressionen vorgehen, wollen ihre Leistungsfähigkeit mit Beta­blockern steigern. Besserverdienende Alltags­doper haben Geld für Kokain. Genervte Eltern arbeiten an der Pharmakologisierung des Lebens und stellen ihre Kinder mit dem zurecht umstrittenen Ritalin ruhig. Der toxikomane Mensch glaubt an die Drogen, die er schluckt, um mit ihnen sein Inneres zu bearbeiten. 37 Millionen Amerikaner frühstücken Morgen für Morgen den Stimmungsaufheller Prozac, um überhaupt über den Tag zu kommen. No dope, no hope!
„Mein Aussehen macht mich krank!“ Haupt­sache faltenfrei! Mit dem Nervengift „Botu­li­numtoxin A“ werden Falten unterspritzt, Krähen­füße seitlich der Augen, Falten um den Mund geglättet, Stirnfalten beseitigt; in weiblichen Achselhöhlen darf kein peinlicher Schweiß entstehen; für neue Schönheit vergiftet man sich im Jugend- und Schönheitswahn freiwillig, und einigen An­wen­dern geht es hinterher nicht gut.
Wieviel Belastung verträgt der Mensch, ohne Symptome zu entwickeln? Der menschliche Körper steckt im Alltagstest. Unser chemikalien- und risikoreiches modernes Alltagsleben zeichnet sich durch eine für uns unsichtbare und oftmals geruchsneutrale, geschmacklose toxische Hintergrundwirklichkeit aus, durch schwer zu entdeckende Gift-Quellen, die eine endlose und chronische Hintergrundbelastung (und d.h. auch: spätere hochkomplexe Ursa­chen­überlagerung) schaffen. Wir sollten uns wirklich nicht wundern, wenn wir je nach Stand­ort innerhalb der Belastungstopographie über der standardisierten Sterberate unserer Ge­sellschaft liegen, wenn wir in der durchschnittlichen Lebenserwartung unter und in der Statistik der Fehlgeburten über dem Nor­mal­wert bleiben (W. Maschewsky, 2006, S. 195).
Das ist die gesundheitsschädigende Biographie des inzwischen erwachsenen Patienten, der sich an den Heilpraktiker wendet. Das ist aber auch die Kindheit und Jugend des jungen Pa­tienten, der von seinen Eltern beim Heilpraktiker vorgestellt wird. Der Naturheilkundler ist gut beraten, mit seinen anamnestischen Fragen die mitgeschleppte Giftfracht zu erfassen.

Zitierte Literatur:
R. J. Bothe, R. Filbrich (2005): Schadstoffe in Textilien – Status quo und Ausblicke, “, in: umwelt medizin gesellschaft, 18. Jgg., Heft 4, S. 274-278
U. Diez, G. Winneke (2006): Leitlinie: Störungen der neurologisch-neuropsychologischen Entwicklung durch Schadstoffeinflüsse, in: umwelt medizin gesellschaft, 19. Jgg., Heft 2, S. 128
A. Eisenbach (2006): Schwermetalle als Nah­rungs­kontaminanten, in: „Wir Heilpraktiker“ Fachzeitschrift für Naturheilkunde, Heft 4
G. Dörner et al. (2004): Zum Einfluss von Um­weltchemikalien – insbesondere des Pestizids DDT – auf die prä- und frühpostnatale Gehirndifferenzierung sowie spätere Lernfähigkeiten und gesamtgesellschaftliche Qualitäten, in: umwelt medizin gesellschaft, 17. Jgg., Heft 4, S. 321-325
W. Hannig (2002): Impffolgen und passende Homöo­pathie, in: „Wir Heilpraktiker“ Fachzeitschrift für Naturheilkunde, Heft 4
P. van den Hazel et al. (2007): Moderne Epidemien in der Pädiatrie und ihre möglichen Zusammenhänge mit Umweltbelastungen, in: umwelt medizin gesellschaft, 20. Jgg., S. 173-179
H. Lück (2007): Pestizide, in: „Wir Heilpraktiker“ Fachzeitschrift für Naturheilkunde, Heft 1
W. Maschewsky (2006): Umweltgerechtigkeit – The­men und Handlungsansätze am Beispiel USA und Schottland, in: umwelt medizin gesellschaft, 19. Jgg., Heft 3, S. 189-199
R. Meerkamp (2005): Die Folgen der Chemiesierung unseres modernen Alltagslebens, eine Heraus­for­derung für die Naturheilkunde, in: „Wir Heilpraktiker“ Fachzeitschrift für Naturheilkunde, Hefte 1 und 2
R. Meerkamp (2007): Grenzwerte als soziale Kon­struktionen im Alltagsleben, in der Medizin, der Toxikologie und der Umweltmedizin, in: umwelt medizin gesellschaft, 20. Jgg., Heft 1, RundBrief der In­teressengemeinschaft der Holzschutz­mittel­ge­schä­digten e.V.
R. Meerkamp (2007/2008): „Kontexte chronischer Gesundheitsprobleme“, in: „Wir Heilpraktiker“ Fach­zeitschrift für Naturheilkunde, 2007, Heft 2, Heft 3, Heft 4, 2008, Heft 1
R. Meerkamp (2008): Gift in der Natur- und Kultur­geschichte des Menschen, in: „Wir Heil­praktiker“ Fachzeitschrift für Naturheilkunde, Heft Wir 3/2008
V. Mersch-Sundermann et al. (2000): Fremdstoffe in der Frauenmilch – eine Bewertung, in: umwelt medizin gesellschaft, 13. Jgg., Heft 4, S. 319-330
Ph. Mimkes (2002): Polychlorierte Biphenyle stören kindliche Entwicklung, in: umwelt medizin gesellschaft, 15. Jgg., Heft 1, S. 27
E. Petersen (2006): Schwermetalle und kindliche Gesundheit am Beispiel Blei und Quecksilber, in: umwelt medizin gesellschaft, 19. Jgg., Heft 4, S. 288-290
T. Raupach (2007): Feinstaubbelastung: Schwerpunkt Passivrauchen, in: umwelt medizin gesellschaft, 20. Jgg., Heft 1, S. 24-27
K. Ruzickova et al. (2005): Phthalate: Gefährliche Weichmacher in medizinischen Produkten, in: umwelt medizin gesellschaft, 18. Jgg., Heft 1, S. 9-21
J. Steinert (2001): Das Gift wabert aus den Wänden, in: Zeitschrift für Umweltmedizin, 9. Jgg., S. 230-231
Stiftung Warentest (1994): Hrsg., Die andere Medizin. Nutzen und Risiken sanfter Heilmethoden, Berlin
W. Wortberg (2006): Intrauterine Fruchtschädigung durch Schwermetallbelastung der Mutter, in: umwelt medizin gesellschaft, 19. Jgg., Heft 4, S. 274-280    •

 
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