04.10.2010: Vegetativum, Befindlichkeit, Therapie und Gesamtzustand


Eberhard W. Eckert

Das vegetative Nervensystem

Das vegetative Nervensystem (VNS) ist ein selbständiges/autonomes Nerven­system in unserem Körper, welches dem eigentlichen Lebensunterhalt dient und unzählige kleinere und große Funk­tionen steuert und regelt. Die Be­zeich­nung vegetus bedeutet lebendig und weist auf die Fakten hin.
 
In Verbindung mit dem Hormonsystem werden Dinge wie Atemtätigkeit, Blut­kreislauf, Wasser-, Säure-Basen- und Wärmehaushalt, Gleichgewicht, Nah­rungsverarbeitung/Verdauung nebst Aus­scheidungen gesteuert und geregelt, so daß sich als Gesamtbild das individuelle Regulationsverhalten ergibt -und das dürfte genauso charakteristisch und einmalig sein wie ein Fin­ger­abdruck.
 
Das VNS setzt sich zusammen aus zwei großen Teilsystemen, dem Sympathikus und dem Parasympathikus (=Vagus). Letzterer verbindet das VNS mit dem Zentralnervensystem ZNS (Anbindung an Hirnnerven III, VII, IX, X); die „umherschweifenden“ (=Vagus)-Nerven begleiten überall die Sympathikus-Fasern. Neben dem Rückenmark der Wirbel­säule verläuft das System der Zervikal- und Grenzstrangganglien, die von dort kommenden Nerven führen über die peripheren sympathischen Ganglien (=Koordinations- und Umschaltstellen) zu den einzelnen Organen.
 
Es ist in Erinnerung zu rufen, daß der Mensch mit seinem auf Ionen basierenden Stoffwechsel ein durch und durch elektrisches Wesen ist, das gilt auch für das VNS. Nervenzellen erzeugen elektrische Impulse, Nervenimpulse werden auf Leitungsbahnen durch Elektrizität übertragen; wir haben ein digitales System vor uns! Um im Körperkosmos gegenseitige Beeinflussung minimal zu halten, bedient sich die Natur einer Reihe von Finessen:
 
–    Die Einzelimpulse haben -technisch gesehen -extrem geringe Leistung und mäßige Flankensteilheit.
 
–    Die Leitungsbahnen sind an ihrer Außenseite isoliert, unterteilt und nur abschnittsweise signalführend.
 
–    In die Leitungsbahnen sind Ein­bahn­straßen-Elemente/Diodenfunktionen eingebaut: Synapsen mit elektrischer Übertragung R chemischer Impuls­über­tragung im Synapsenspalt R durch Neuro­trans­mitter (z.B. ACT) R elektrische Weiterleitung nach der postsynaptischen Membran. Eine Überschlagsrechnung zeigt, daß dabei kurzzeitig Ströme in der Größenordnung Pico­ampere (pA), d.h. 10 hoch minus 12 A fließen.

Solche im Inneren des Körpers in riesiger Anzahl entstehenden Stromimpulse sind als Einzelimpulse von außen nicht meßbar, schon gar nicht ungestört. Kör­perbestandteile, die aber viele Fasern zur annähernd gleichen Zeit aktivieren, führen zur Meßbarkeit dieses Summen­signals an der Körperoberfläche. Be­kannte Beispiele für Körper­po­ten­tial­diffe­renzen (=Spannungen) sind etwa EKG, EEG, Elektromyogramme bei Mus­keln und anderes mehr.
 
Das geht, weil Rückenmarksnerven in segmental getrennten Nervenbündeln im Rumpf an die Körperperipherie ziehen, wo sie sensibel und motorisch bestimmte Segmente (=Hautareale) versorgen. Im somatosensiblen Bereich bezeichnet man diese segmentalen Areale als Dermatome. Darauf gründen übrigens viele -auch althergebrachte- Therapien, namentlich auch Natur­heil­weisen einschließlich des oft belächelten Handauflegens. Somit gibt es vielfältige Verbindungen zwischen Innen und Außen, und das ist seit langem Er­fah­rungswissen. Da gibt es die Wei­he’schen Druckpunkte, die Head’schen Zonen, Akupressur und anderes mehr.

Das VNS als
Quelle für Diagnosen

Weil das VNS sowohl für den momentanen menschlichen Gesamtzustand als auch für die Regulation (=Antwort des Körpers auf praktisch jeden Einfluß) umfassend zuständig ist, liegt seine Nutzung für diagnostische Zwecke auf der Hand. Wir wollen uns hier auf elektrische Methoden beschränken und haben bereits gesehen, warum eine einfache passive Messung nicht geht.

Wenn zusammenfassende Oberflächen­potentiale nicht meßbar sind, kann man zur klassischen Widerstands- oder Leit­wertmessung greifen. Bei der treibt eine Spannungsquelle einen Strom durch einen frei wählbaren Meßpfad im dynamisch veränderlichen, weil lebenden Volumenleiter „Körper“; das Ergebnis wird als Leitwert (in SIEMENS) oder als Widerstand (in OHM) angezeigt. Dabei ist festzustellen, daß sich bei vielen Meßversuchen ebenso viele verschiedene Meßwerte ergeben, was im wesentlichen daran liegt, daß

–    das Meßobjekt „Körper“ keine konstanten elektrischen Eigenschaften hat (es lebt);
 
–    das Meßobjekt „Körper“ hoch sensibel ist und das VNS bereits auf (in technischer Auffassung) sehr kleine, vernachlässigbare Meßströme reagiert;
 
–    die Haut/Epidermis einen elektrischen Panzer darstellt und ihre Eigenschaften dem ähneln, was in der Technik „Komplexer Widerstand“ genannt wird, z. B. als Kombination aus Widerständen R und Kapazitäten C. Zu allem Überfluß sind R und C nicht konstant.

Literaturzitat
„Jedes Medikament und jede physikalische oder andere Therapie trifft die vegetativen Regulationseinrichtungen“ führte sinngemäß A. Sturm aus in seinem Buch „Grundbegriffe der inneren Medizin und Neurologie“, 12. Auflage im Fischer-Verlag, Stuttgart 1968.

Selbstverständlich arbeiten die vegetativen Regulationseinrichtungen immer, nicht nur bei Medikation und therapeutischen Maßnahmen.

Widerstandsmessung, Bioimpedanzmessung
In der Zeit um Galvanis Versuche be­schäftigten sich viele Forscher, insbesondere in Deutschland, mit der Wir­kung von Elektrizität auf Menschen. Die elektrische Leitfähigkeit des Körpers war im Prinzip schon lange bekannt, konnte aber erst viel später durch die Ionen­theorie von Hittorf u. a. (etwa Mitte des 19. Jahrhunderts) erklärt werden.

Mit dem Aufkommen elektrischer Ver­teilungsnetze und Haushaltsversorgung wurden nach ersten tödlichen Unfällen ausführliche Leitwert-/Wider­stands­mes­sungen an Lebenden und Toten durchgeführt, deren wichtigste Ergebnisse in VDE-, DIN- EU- u. a. Vorschriften und Normen zum Schutz der Allgemeinheit niedergelegt wurden. Eine wichtige Rolle spielen dabei „Grenzwerte“, d. h. maximal zulässige Spannungen und Ströme am Körper.
 
Im 20. Jahrhundert wurden der komplexe Widerstand des Körpers (als Kom­bi­na­tion aus R und C) untersucht und An­strengungen unternommen, dies in Be­ziehung zum VNS zu setzen.
 
Dazu wird in einer sogenannten Brücken-Meßschaltung der menschliche Körper als eines der Brückenelemente eingesetzt und durch Abgleich einer variablen R-C-Kombination die Meß­brücke abgeglichen. Diese R-C-Kom­bination wird dann als „Komplexer Er­satz­widerstand“ des Körpers bzw. des entsprechenden Meßpfades angesehen.
 
Wichtig ist sich klarzumachen, daß im Körper weder ein konzentrierter Wider­stand R noch eine konzentrierte Kapa­zität C existiert, die erhaltenen fiktiven Werte also der Interpretation bedürfen. Dazu sind eingehende Kenntnisse von Physik, Technik, Physiologie und Me­di­zin erforderlich.

Biotonometrie
In den 1930-1950er Jahren wurden umfangreiche Arbeiten zu Theorie und Praxis der vegetativen Konstitution durch­geführt, zu nennen ist dabei insbesondere die Wiener Schule (Kracmar, Hauswirth, Hoff, Losse u. a.). Auf dieser Grundlage hat Rilling (Tübingen) ein Gerät bauen lasen, das auf einfache Weise eine Messung des Menschen und seine Darstellung als R-C-Kom­bination erlaubt. Der Mensch wird über je eine Handelektrode angeschlossen. R wird dem Vagus, C dem Sympathikus zugeschrieben. R dürfte auf die Anzahl frei beweglicher Ladungsträger, C auf die Anzahl nicht frei beweglicher Ladungsträger hinweisen. R weist erfahrungsgemäß stärkere Schwankungen auf als C.

Für R und C werden jeweils Bereiche definiert, die als „Normal“, „Sympa­thi­koton“, „Vagoton“ definiert sind und aus der Erfahrung stammen. Das Bio­tono­meter* kann käuflich erworben werden.

„Erfassung des menschlichen Gesamtzustandes“
Die elektrische Meßtechnik ist hochentwickelt, genaue/geeichte Meßgeräte aus industrieller Produktion sind in vielerlei Ausführungen erhältlich. Die Messung von Leitwert bzw. Widerstand bzw. komplexem Widerstand ist also vom Grund­satz her kein Problem. Problematisch sind

–    die Definition der Körpermeßpfade
 
–    Einheitliches Meßverfahren (Nor­mung!);
 
–    die Kontaktierung (Haut als elektrischer Panzer!), Kontaktstellen, Kon­takt­physik;
 
–    nichtlineares elektrisches Verhalten des Körpers/der Körpermeßpfade; Abhängigkeit von Spannung, Strom, Stromform, Frequenz, ...;
 
–    zeitlich veränderliches Verhalten des Körpers („Lebendiger Widerstand“);
 
–    die Übersetzung physikalisch-technischer Meßwerte in Physiologie und Medizin, d.h. die sachgerechte Inter­pre­tation;
 
–    Statistiken über Meßwerte an be­stimm­ten Meßpfaden, Definition von Normalbereichen und anderen Be­reichen;
 
–    Zusammenhänge zwischen Meß­wer­ten und individuellen Beschwer­den/ Krankheiten.
 
Im System „Erfassung des menschlichen Gesamtzustandes“ konnte die Mehrzahl der vorstehend aufgeführten Punkte brauchbar gelöst werden. Durch die Anwendung verschiedener Strom­for­men bei diesem Verfahren kann sogar eine Art Spek­tralanalyse durchgeführt werden.

Weiterer Aufmerksamkeit und vieler Arbeit bedürfen die beiden letzten Punkte. Bei statistischen Auswertungen hat sich z.B. herausgestellt, daß eine einzige Bereichseinteilung für alle Al­ters­­gruppen eine zu grobe Verein­fachung ist. Sie führt zu einer zu breiten Gaußkurve mit einem ausgedehnten „Normalbereich“ und somit zu einer unbefriedigenden Aussagegenauigkeit. Beispiel: Kinder der Altergruppe 6-8 Jahre wurden vermessen. Sie hatten trotz wesentlich kleinerer Hände als Erwachsene (d.h. kleinerer Kontakt­fläche und Kontaktkapazität) deutlich höhere komplexe Leitwerte bzw. geringere Widerstände als Erwachsene.

Man wird also verläßliche Statistiken nach Altersgruppen geordnet aufstellen müssen. Inwieweit circadiane Rhythmen oder längerfristige Rhythmen (Monat, Jahr, ...) bei Männern und Frauen eingehen sollten, ist ebenfalls statistisch nicht untermauert. Hier harren noch viele Fra­gen der Beantwortung, aber es winkt beträchtlicher Lohn:
 
Tiefe Einblicke in das Innere des Men­schen, in seine Regulation, nichtin­va­siv/minimalinvasiv, in Echtzeit (!), einfach und preisgünstig, delegierbar, über­all durch­führbar, und schließlich die Beur­teilung praktisch jeder Thera­pie­maß­nah­me oder sonstigen Maßnahme im Leben (einschließlich Ernährung) im Hinblick auf das betreffende Vege­ta­ti­vum.
 
Medikamentenwirkungen, Therapiewirkungen, Voraussagen, Optimierungen
Im Zuge der Pharmazeutika-Ent­wick­lung werden viele Untersuchungen durch­geführt. Zugelassen wird schließlich ein Produkt, das auf einen statistischen Durchschnitt ausgelegt ist. Die Feststellung der Wirkung eines dem Körper eines Individuums irgendwie zugeführten Medikamentes oder einer physikalischen Therapie lassen sich in Form von Wirkung auf das Vegetativum schon lange darstellen. Zu nennen sind hier die von Rilling angegebenen „Ve­getativen Kurzzeitkurven“, das sind Messungen, die z.B. alle 10 Minuten nach Verabfolgung eines Medikaments während der nächsten 1 bis 4 Stunden vorgenommen werden. Das geht auch für alle Arten physikalischer Therapie, Psychotherapie, Essen, Trinken, Schla­fen, Spazierengehen, Sport, ...

In besonderen Fällen wird man für In­dividuen „Vegetative Langzeitkurven“ er­stellen, sie erlauben dann auch solide Prognosen.
 
Es gibt bisher außer den o. a. statistischen Erkenntnissen keine a priori-Aussage, wie ein Medikament bei einem Individuum tatsächlich wirken wird. Der so genannte Medikamententest bei der Elektro­aku­punktur nach Voll (EAV) u. ä. ist naturwissenschaftlich-physiologisch nicht lückenlos erklärbar und muß nach heutigem Stand als obsolet angesehen werden.
 
In dem System Erfassung des mensch­lichen Gesamtzustandes zeichnet sich eine Möglichkeit ab, auf rationaler Grund­lage die Wirkung eines weitgehend noch nicht inkorporierten Medikaments auf das individuelle VNS festzustellen. Damit kann ein wichtiger Schritt in Richtung Voraus­sagen und folglich auch Optimierung getan werden.

Zusammenfassung
Die acht skizzierten Mög­lich­keiten sind vielversprechend, was alle bisherigen Ergebnisse belegen. Sie ermöglichen rasche, kostengünstige, für den Patien­ten belastungsfreie Einblicke in sein Inneres. Der Medizin, vor allem dem Segment Innere Medizin, steht damit ein außerordentlich leistungsfähiges innovatives System zur Verfügung, das ohne nennenswerte Investitionen überall und jederzeit eingesetzt werden kann.

Klienten und Patienten zeigt es die Regulationsfähigkeit ihres VNS und kann Ihnen zu einer neuen Sicht der Funktion ihres Körpers verhelfen und Einflüsse auf ihn zu bewerten, seien es die oben skizzierten, seien es Alkohol-Einverleibung, Rauchen oder anderes.
 
Wir wollen hoffen, daß die Kontaktierung und Sichtbarmachung des Vegetativums die individuelle Befindlichkeit positiv beeinflußt, eine eventuelle Therapie op­timiert werden kann, es zur Vermeidung ab­träg­licher Einflüsse beiträgt und schließlich der Gesamtzustand so wird, wie er sein soll: gesund, glücklich und zufrieden.

 
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