04.10.2010: Die Gewürznelke - Arzneipflanze des Jahres 2010 des NHV Theophrastus


Maria Vogel

Exot mit heilender Wirkung
Der Gewürznelkenbaum (Syzygium aromaticum) wurde durch eine Jury des NHV Theophrastus zur Heilpflanze des Jahres 2010 gekürt. Das gab der Verein im Juni im Rahmen des jährlichen Heil­pflanzen-Fachsymposiums im Kloster St. Marienstern in Panschwitz-Kuckau bekannt.

Der etwa 15 Meter hohe immergrüne Baum stammt ursprünglich aus Indo­nesien, wird aber heute zum Beispiel auch auf Madagaskar, Sansibar und den Antillen kultiviert. Er gehört zur Familie der Myrtengewächse (Myr­ta­ceae) und benötigt tropisches Klima mit hoher Luftfeuchtigkeit. Gut erkennbar ist er an seinem typischen pyramidalen Wuchs. Die lorbeerähnlichen, ledrigen Blätter sind etwa 9-12 cm lang. Alle Teile des Baumes enthalten ätherisches Öl. Geerntet werden jedoch hauptsächlich die noch ungeöffneten Blütenknospen, da sie den höchsten Gehalt an Wirk­stoffen besitzen. Diese werden für die Gewürzgewinnung getrocknet. Ver­schie­dene Extrakte und das durch Destillation aus den Blütenknospen oder Blättern gewonnene ätherische Öl sind für die Medizin von Bedeutung.
 
Der deutsche Name Nelke leitet sich aufgrund der äußeren Form von Nagel (althochdeutsch: nagal) ab. Der botanische Gattungsname Syzygium ist zu­rück­zuführen auf das griechische „syzygos“, welches „gepaart“ oder „vereinigt“ bedeutet und auf die zu einer Haube verwachsenen Blütenblätter hinweist.
 
Für die mehrheitliche Wahl der Heil­pflanze wurden von den Jury-Mit­glie­dern, zu denen auch Ärzte, Heilpraktiker und Biologen gehören, verschiedenste Gründe mitgeteilt: „Ich schätze die Ge­würznelke besonders als Bestandteil von belebenden Präparaten, wenn ich am Abend noch einmal konzentriert Höchst­leistungen vollbringen muß“ erklärte ein Jury-Mitglied. An anderer Stelle wurde ihre in den letzten Jahren gewachsene Bedeutung als Abwehr­mittel gegen Insekten hervorgehoben. Und nicht zuletzt war mehrfach ein entscheidendes Kriterium der traditionelle Einsatz der Gewürznelke in der Zahn­heilkunde und als Mundpflegemittel, bei dem besonders die schmerzstillende, entzündungshemmende und antibakterielle Wirkung im Vordergrund steht.
 
Außerdem werden der exotischen Heil­pflanze appetitanregende, blähungstreibende, krampflösende und verdauungsfördernde Eigenschaften zugeschrieben sowie Besserung unangenehmen Mund­­geruchs. Auch als unterstützendes Mittel bei Diabetes und bei rheumatischen Erkrankungen kann sie hilfreich sein.

Auf eine richtige, vorsichtige Dosierung sollte man aber auch bei dem ätherischen Gewürznelkenöl achten, denn es kann haut- und schleimhautreizend sein. Deshalb darf es nur verdünnt an­gewendet werden. Auch in der Schwan­gerschaft sollte das Nelkenöl nicht verwendet werden, da es unter Umständen Wehen auslösen kann.
 
Schon aus der Zeit vor Christus gibt es Hinweise für die Verwendung der Ge­würznelke. So wurden im alten China die Nelken nicht nur zum Kochen verwendet, sondern auch zur Raum­be­duftung. Eine Überlieferung besagt, daß sich ein Höfling dem Kaiser nur mit einer Nelke im Mund nähern durfte – schon damals gab es Leute mit schlechtem Mundgeruch.
 
Hildegard von Bingen (1098 – 1179) nannte das Gewürz „nelchin“ und bereitete daraus zusammen mit Muskatnuß und Zimt die „Nervenkekse“, ein wohlschmeckendes Gebäck, welches die Sin­nesorgane stärken und deren Alte­rung verhindern soll.
 
Wegen ihres starken Aromas waren die Gewürznelken auch ein wichtiger Be­standteil von Pestmitteln. Deshalb trugen die Ärzte des Mittelalters bei Epi­demien Ketten aus Nelken um den Hals.
 
Auch der bekannte Arzt Theophrastus Bombastus von Hohenheim (1493 – 1541) betonte: „Die Gewürze und ähnliche Kräuter haben die große Tugend, große Dinge bei vielen Krankheiten zu vollbringen.“ Er empfahl die Nelken zum Beispiel als Stärkungsmittel für die Verdauung.
 
Und Sebastian Kneipp (1821 – 1897) gebrauchte das Nelkenöl „…gegen faule Gase und verdorbene, faule Säfte und Stoffe im Magen“.
 
Gegenwärtig werden in Indonesien etwa 50% der jährlichen Welternte verbraucht, jedoch nicht als Arznei oder Ge­würz, sondern als Zusatz in Ziga­retten – die „Kretek“ enthalten ca. 1/3 geschrotete Nelken.
 
Die Gewürznelke ist in fast allen Küchen der Welt zu Hause und kann zu herzhaften wie auch zu süßen Gerichten verwendet werden. Sie ist des öfteren Be­standteil von Gewürzmischungen oder -saucen, z.B. von Curry-Pulvern oder der Worcester-Sauce und gehört zu dem chinesischen „Fünf-Gewürze-Pul­ver“. In Deutschland ist die Nelke vor allem in der kalten Jahreszeit wegen ihrer erwärmenden Eigenschaft eine unverzichtbare Würze für Glühwein oder dessen alkoholfreie Alternativen.
 
Die Qualität der Nelken kann man testen, indem man sie ins Wasser legt. Wenn sie untergehen oder mit dem Stiel nach unten im Wasser schwimmen, ist dies ein Zeichen für gute Ware – es ist noch genügend ätherisches Öl enthalten. Minderwertige Nelken schwimmen waagerecht auf dem Wasser.
 
Der Verein NHV Theophrastus, der insbesondere traditionelle Heilkunde fördert und verbreitet, beauftragt seit dem Jahr 2003 eine Jury mit dem Küren der „Heilpflanze des Jahres“. Er möchte mit dieser Aktivität auf Kostbarkeiten der Natur hinweisen, die durch einen sinnvollen Gebrauch – und sei es auch „nur“ als Gewürz – manches Leid lindern oder heilen können.
 
Quellen
Aschner, Bernhard: Paracelsus, Sämtliche Werke Band 2, Verlag von G. Fischer, Jena, 1926
Bichel-Sandköller, S.: Nutzpflanzen und ihre Inhaltsstoffe, Quelle & Meyer Verlag, Wie­bels­heim, 2001
Franke, Wolfgang, neu bearbeitet von R. Lieberei und Ch. Reisdorff: Nutz­pflanzen­kunde, Georg Thieme Verlag, Stuttgart, 2007
Kneipp, Sebastian: Meine Wasserkur, Oesch-Verlag, 2005
Madejsky, M., Rippe, O.: Die Kräuterkunde des Paracelsus, AT Verlag, 2006
Strehlow, Wighard: Hildegard-Heilkunde von A-Z, Verlagsgruppe Weltbild GmbH, Augs­burg, 2007
Vonarburg, Bruno: Homöotanik 4, Extra­va­gan­te Exoten, Haug-Verlag, 2005
www.uni-graz.at
www.phytochemie.biologie.at

 
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