04.02.2011: Nachhaltige Kontamination von Lebensmitteln in Deutschland nach der Rektorkatastrophe von Tschernobyl


Peter O. Neumann, Heilpraktiker
Noch heute fragen viele Patienten nach einer Belastung kontaminierter Pilze, Fleisch, Milch, Getreide, Gemü­se etc. ihrer Nahrungsmittel gut 20?Jahre nach dem Tschernobyl-GAU.
 
Im Folgenden erfährt der Leser etwas über den heutigen Stand.
 
In der Nacht vom 25. zum 26. April 1986 ereignete sich die Reaktor-Katastrophe von Tscher­nobyl. Große Mengen von Radio-Nukliden zo­gen in Wolken zunächst über Polen nach Skan­dinavien, wo sie am 28.04. eintrafen. Die zweite Wolke zog während der folgenden 10 Tage nach Änderung der Wettersituation westwärts über die Slowakei, Tschechien und Österreich nach Deutschland und bewegte sich weiter über Frankreich nach Großbri­tannien und Irland. Eine dritte Wolke zog Anfang Mai Richtung Süden über Rumänien, Bulgarien, Griechenland und die Türkei.
 
Bedingt durch lokale differierende Nieder­schläge wurde der Süden Deutschlands deutlich höher als der Norden kontaminiert. Es wurden im Bayerischen Wald und südlich der Do­nau bis zu 100.000 Bq/qm Cäsium-137 abgelagert. In der Norddeutschen Tiefebene betrug die Ablagerung kaum mehr als 4.000 Bq/qm. Die Nuklid-Zusammensetzung ändert sich mit der Entfernung zum Reaktor (Tschernobyl).
 
Direkt in unmittelbarer Nähe des Unfall-Ortes wurden die weniger flüchtigen Elemente wie Strontium (Sr-90) oder Plutonium (Pu-239) abgelagert. Jedoch wurden die Cäsium- und Jod­isotope über weite Strecken transportiert. Nach mehr als 20 Jahren ist für die Strah­lenexposition in Mittel­europa nur noch das langlebige Cs-137 von Bedeutung. Dieses Radio­nuklid ist mit einer Halbwertzeit von 30 Jahren seit der Ablagerung bis heute zu knapp 40% zerfallen.
 
Kontamination von Waldprodukten (Wildpilze, Wildbeeren) in Deutschland
Waldböden tragen im Gegensatz zu landwirtschaftlich genutzten Flächen eine organische Auflage (sich zersetzendes Streu und Humus). Hier ist Cäsium gut verfügbar und wird leicht von Pilzen, Bodenorganismen aufgenommen; und wenn Blätter und Nadeln fallen, wieder dem Boden zugeführt. Cäsium verbleibt daher im Nährstoffkreislauf und kann kaum in die tieferliegenden bindenden mineralischen Boden­schichten (Tonminerale) abwandern.
 
In dem Maronenröhrlingen z.B. aus Südbayern und Bayerischem Wald werden noch bis zu einigen 1.000 Bq/kg Cs-137 gemessen. Heidelbee­ren und Preiselbeeren zählen mit Werten bis zu einigen 100 Bq/kg Cs-137 mit zu den höchst kontaminierten.
 
Die gemessenen Werte können punktuell verschieden ausfallen. In gleichem Maße, wie Cs-137 in die Tiefe verlagert wird, nehmen die heute noch relativ hoch belastenden Werte langsam ab.
 
Kontamination von Wildbret in Deutschland
Im Vergleich zu den landwirtschaftlichen Produkten ist die Kontamination des Wildbrets, ähnlich wie bei den wildwachsenden Beeren und Pilzen, derzeit noch relativ hoch.
 
In einzelnen Gebieten Deutschlands sind Kon­taminations-Werte über 1.000 Bq/kg Cs-137 zu beobachten. Die höchsten Werte fand man im Muskelfleisch des Schwarzwildes. Die gemessenen Unterschiede beruhen im wesentlichen auf dem Ernährungs­verhalten der verschiedenen Tier­arten. Da die von Wildschweinen gefressenen Hirschtrüffeln, unterirdisch hoch kontaminiert werden, ist das Wildschweinfleisch höher belastet, als das Fleisch anderer Wildtier-Arten. Rehfleisch zeigt niedrigere Werte.
 
Höhere Kontaminationen sind dann zu erwarten, wenn die Tiere ihr Futter vornehmlich im Wald su­chen und nicht auf landwirtschaftlichen Flächen äsen.

Kontamination landwirtschaftlicher Produkte in Deutschland
In Deutschland wurde schon Ende der 1950er Jahre mit systematischen Messungen insbesondere von Cs-137 und Sr-90 begonnen. Man beobachtete damals in allen tierischen und pflanzlichen Nahrungsmitteln einen steilen Anstieg der Cs-137-Aktivitäten bis 1964, der auf den Fallout oberirdischer Kernkraftwerke zu­rückging. Danach reduzierte sich die Cs-137-Aktivität in der Nahrung kontinuierlich, bis 1986 der Tschernobyl-Fallout die Kontamination wieder deutlich erhöhte.
 
Heute sind die landwirtschaftlichen Kulturen nur mit wenigen Bq/kg belastet.
 
Die Werte der Tabellen stammen aus Mes­sun­gen im Jahr 2005 (mit freundlicher Ge­neh­migung des Bundes­amtes für Strahlenschutz, Salzgitter).
 
Richtlinie zum Lebensmittelverzehr
Die Cs-137-Kontamination von landwirtschaftlichen Erzeugnissen liegt heute im Bereich von weniger als einem Bq/kg Frischmasse.
 
Dagegen sind wild wachsende Pilze, Beeren und Wildbret noch höher kontaminiert.
 
Wichtig für die Beurteilung möglicher gesundheitlicher Folgen ist die Strah­lenexposition, die sich aus dem Ver­zehr belasteter Lebensmittel ergibt.
 
Als Faustregel gilt, daß 80.000 Becquerel Cs-137 bei Erwachsenen einer Strahlenexposition von etwa 1 Millisievert (mSv) entsprechen. Anders ausgedrückt: Eine Pilzmahlzeit mit 200 g höher kontaminierten Maronen­röhrlingen aus Südbayern (4.000 Bq/kg) hat eine Ex­position von 0,01 mSv zur Folge. Das entspricht weniger als einem Hundertstel der jährlichen natürlichen Strahlenexposition, der jeder Mensch ausgesetzt ist. Sie beträgt in Deutschland im Mittel 2,1 mSv und liegt je nach örtlicher Gegebenheit zwischen 1 und 10 mSv.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernäh­rung rät von einem Wildpilz-Verzehr von mehr als 250 g/Woche wegen der eventuellen Belastung von Quecksil­ber- und Cadmium-Anreicherung ab. Häufiger Genuß könnte zu Nieren­schäden führen.
Wildpilze aus In- und Ausland dürfen nur gehandelt werden, wenn der Grenzwert von 600 Bq/ kg für Radiocäsium nicht überschritten wird.
 
Grundsätzlich sollte man die Strahlen­belastung so gering wie möglich halten. Wer seinem Körper keine zusätzliche Belastung zumuten möchte, sollte noch auf den Verzehr von vergleichsweise kontaminierten Pilzen aus dem Bayerischen Wald, insbesondere auf Wild­schweinfleisch verzichten.
 
Alle anderen Feldfrüchte dürfen bedenkenlos konsumiert werden.

Quelle:
Bundesamt für Strahlen­schutz, Salzgitter
 
 
Spezifische Aktivität von Cs-137 Bq/kg Frischmasse
 Probenzahl MittelwertMinimalwert Maximalwert
 
 Maronenröhrlinge40
193
7,31.150
 Pfifferlinge22
52
0,2
259
 Steinpilze18610,08
150
 Parasolpilze61,3
0,2
2,5
 Heidelbeeren13140,1
79
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Spezifische Aktivität von Cs-137 Bq/kg Frischmasse
Probenzahl
Mittelwert
Minimalwert
Maximalwert
 
 Hirsch 12 18 0,2 60
 Reh 119 21 0,1 257
 Wildschwein 425 210 0,2 3.290
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Spezfische Aktivität von Cs-137 Bq/kg Frischmasse bzw. Bq/l
 ProbenzahlMittelwert
Minimalwert
Maximalwert
  
 Milch (Sammelmilch)
 795 0,2 0,01 2,5
 
Fleisch (Rind, Kalb, Schwein, Geflügel)
 786 0,5 0,04 13,8 
Blattgemüse
 559 0,2 0,02 1,8 
Frischgemüse ohne Blattgemüse
 503 0,1 0,02 0,5 
Kartoffel
 163 0,2 0,03 0,7 
Getreide + Freilandanbau
 563 0,2 0,02 2,1 

 
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