Eine Frühjahrskur mit Wildkräutern


Sauer macht lustig von Dieter Kremp

Gähnen verboten! - Das ist leicht gesagt, aber wenn in den Monaten von März bis Mai die berühmt-berüchtigte Frühjahrsmüdigkeit umgeht, dann haben ihre "Opfer" meist wenig zu lachen, dafür um so mehr zu gähnen. Es ist schon recht widersprüchlich: Die Natur draußen erwacht aus ihrer Winterstarre, sie scheint vor Lebenskraft und Aktivität förmlich zu explodieren. Nur die Menschen nicht. Sie "begrüßen" die wärmere Jahreszeit mit anhaltendem Gähnen, mit Abgeschlagenheit und Gereiztheit, sind launisch wie das sprichwörtliche Aprilwetter. Es sind Symptome der sogenannten Frühjahrsmüdigkeit, die keine Krankheit, sondern ein Umstellungsproblem ist.
 
Durch unzweckmäßige und frischkostarme Ernährung, durch Sonnen-, Luft- und Bewegungsmangel im Winter entsteht ein Vitamindefizit, ein Mangel an Mineralstoffen und Spurenelementen. Stoffwechselschlacken häufen sich im Körper an. Als Folge stellen sich Müdigkeit, verminderte Leistungsfähigkeit, eine verstärkte Neigung zu Kopfschmerzen oder zu Migräneanfällen, eine erhöhte Anfälligkeit für Infektionskrankheiten, manchmal auch Wetterfühligkeit ein. Die gesamte Leistungsfähigkeit des Organismus scheint in diesen Wochen herabgesetzt zu sein.
 
Die Annehmlichkeiten der Zivilisation lassen uns häufig vergessen, daß unser Körper Umstellungen unterworfen ist, die Wetterveränderungen und der Wechsel der Jahreszeiten mit sich bringen. So bewirkt der Mangel an ultravioletter Strahlung im Winter eine deutliche Drosselung der Stoffwechselvorgänge. Mit zunehmender Sonnenscheinintensität und weiterer bioklimatischer Faktoren wird der Stoffwechsel wieder angekurbelt. Besonders Herz und Kreislauf haben zusätzliche Arbeit zu leisten.
 
Da wir aber während der Wintermonate gleichsam mit gedrosselter Energie gelebt haben, ist der Organismus schnell an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit angelangt, zumal ihm noch Vitalstoffdefizite und Stoffwechselschlacken und angesammelte, überschüssige Pfunde zusätzlich zu schaffen machen. Zwar dauert es eine Weile, bis der Körper sich den neuen Bedingungen angepaßt hat, aber zum einen läßt sich diese Zeit der "Frühjahrsmüdigkeit" verkürzen, zum anderen können auch die unangenehmen Begleiterscheinungen in Grenzen gehalten werden.
 
Durch drei Gebote läßt sich die Frühjahrsmüdigkeit erfolgreich bekämpfen: Durch körperliche Aktivitäten (Bewegung an der frischen Lust) Durch eine gesteigerte Versorgung des Organismus mit Vitalstoffen (Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente und Enzyme), die uns in Wildpflanzen kostenlos zur Verfügung stehen Durch eine Entschlackung des Körpers mit Pflanzensäften und Kräutertees.
 
Eine "Frühjahrskur mit Wildkräutern" ist bestens geeignet, das seelische und körperliche Gleichgewicht rechtzeitig wieder herzustellen. Frische, würzig-herbe und appetitanregende Wildkräuter sprießen ab März wieder mit Macht in Wald und Feld, in Wiesen und an Bachläufen. Gesammelt wird die gesunde Frühjahrskost fernab von Autostraßen und Fabrikanlagen, auch nicht in der Nähe von Feld- und Wegrainen, da hier die Gefahr der Vergiftung durch die Anwendung von Pestiziden und Kunstdüngern besteht. Geringe botanische Kenntnisse reichen aus, um im Frühjahr frisches Wildgemüse auf den Tisch zu bringen.
 
Wildkräuter eignen sich zum Verzehr als Salat, Gemüse, Suppe oder Gewürz, und schließlich ist ihre Verwendung in Form von Tee und Preßsaft besonders zu empfehlen. Richtschnur für eine kurmäßige Anwendung sind vier bis sechs Wochen.
 
Brunnenkresse
Senfartig scharf schmecken die Blätter der Brunnenkresse (Nasturtium officinale), die von allen wildwachsenden Pflanzen unserer Heimat den höchsten Vitamin-C-Gehalt hat. Im Quellbereich klarer Bäche bildet sie hin und wieder große Teppiche auf feuchtem Wiesengrund. Die dunkelgrünen, herz- bis eiförmigen Blätter werden vor der Blütezeit von Anfang März bis Mitte Mai gesammelt. Neben dem Vitamin C enthalten die Blätter das Spurenelement Jod, starke Senföle, ätherische ...le, Bitterstoffe und antibiotische Wirkstoffe. Die Blätter, frisch gegessen, desinfizieren den Mund- und Rachenraum und helfen bei Infektionen des Bronchialraumes. Der Vitamin-C-Spender beseitigt nicht nur das Vitalstoffdefizit des Körpers, er wird auch bei Rheuma, Stoffwechselstörungen, Verdauungsbeschwerden und Hautkrankheiten empfohlen. Salat von Brunnenkresse wird kurmäßig vier Wochen lang gegessen. Vom Aufguß mit zwei Teelöffel Kraut auf ein Viertel Liter siedendes Wasser trinkt man täglich 2 bis 3 Tassen. Frischpreßsaft wird dreimal täglich teelöffelweise in etwas Wasser verabreicht. Die fein geschnittenen Blätter bilden eine aromatische Würze auf Butterbrot, auf Bratkartoffeln oder gekochten Eiern, auf Quark und Schnittkäse. Kurz vor dem Servieren gibt man klein gehackte Blätter an Suppen und Eintöpfe.
 
Sauerampfer
Der stark säuerliche Geschmack der saftigen Blätter des Sauerampfers (Rumex acetosa) rührt von dem hohen Gehalt an Oxalsäure her. Man sammelt sie von Ende Februar bis Ende Mai, verwendet sie aber in nicht zu großen Mengen. Es empfiehlt sich, die jungen Blätter mit anderen, milden Wildkräutern oder mit Petersilie zu mischen. Oxal- und Kleesäure findet sich nicht nur in Sauerampfer, sondern auch im Sauerklee, Wiesenklee, Spinat- und Rübenblättern und im Rhabarber. Die Blätter werden fein geschnitten, mit Öl, Zitrone, etwas Salz oder einer Prise Zucker kurz vor dem Essen angerichtet. Die Zugabe einiger zerdrückter, gekochter Kartoffeln wirkt sich auf den Geschmack des Salates vorteilhaft aus. Frische Blätter sind klein gehackt eine delikate Würze für Butterbrote, Braten- und Fischsaucen und Kartoffelsuppe. In Frankreich bereitet man aus den Blättern die "Lyoner Sauerampfersuppe", die in ihrem herbsauren Geschmack dem verwöhntesten Gaumen alle Ehre erweist. Sauerampferblätter sind stark appetitanregend, reich an Mineralstoffen und Vitamin C. Säuerlich bis herb schmecken auch die leberfreundlichen Blätter des Wiesenklees (Rotklee), die als Gemüse und Salatbestandteil Verwendung finden. Ebenso schmecken die zarten Blättchen des Waldsauerklees, der uns aus Kindertagen noch als "Kuckucksbrot" bekannt ist.
 
Knoblauchsrauke
Wer den Knoblauchgeschmack liebt, sollte im Frühjahr einmal die gebuchteten Blätter der Knoblauchsrauke (Knoblauchshederich, Alliaria officinalis) fein gehackt unter Quark oder als Gemüse wie Spinat zubereitet probieren. Die appetitanregende Pflanze, die lauchartig scharf schmeckt und stark nach Knoblauch duftet, bildet an feuchten Wegrändern und in Gräben oft große Bestände. Ihre Inhaltsstoffe regen die Drüsen- und Stoffwechseltätigkeit stark an.
 
Dieser Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung vom "Verband der Heilkräuterfreunde Deutschlands e.V.", Engelhardtstraße 13, D-49477 Ibbenbüren, Telefon: 0 54 51/7 81 81 - Fax 4 95 19, aus "Der Kräuterbote", Zeitschrift für gesunde Lebensführung, Heilpflanzen, Ernährung, Naturgarten und angrenzende Gebiete, Ausgabe I/1997, entnommen.

 
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