03.03.2011: Der Hochschul-Heilpraktiker


Mehr als eine Fiktion?

Kennen Sie diese Vorwürfe?
Was ihr macht, ist Scharlatanerie. Eure Methoden sind nicht wirksam, sie gehören abgeschafft. Ihr seid ja gar nicht richtig ausgebildet, macht Heilkunde im Schnelldurchgang.

Oder diese?
Ihr seid keine echten Homöopathen, Osteopathen, Chiropraktiker etc. Wo habt Ihr denn gelernt? Fachschule, Akademie, Fachhochschule, Universität?
Wir haben 5 Jahre studiert und ihr? Sicher nur Wochenendkurse!!

Da geht dann schon mal die Angst um: Nicht gut genug zu sein, keine Anerkennung zu erhalten, abgewertet zu werden. Abgeschafft und aus dem Medizinbetrieb ausgegrenzt.

Das war vor 70 Jahren so und wiederholt sich immer wieder.

Da haben wir lange gelernt und uns der Überprüfung vor dem Gesundheitsamt gestellt. Wir besuchen regelmäßg Kurse und Weiterbildungsveranstaltungen. Wir bekommen Anerkennung von unseren Patienten, werden weiterempfohlen. Wir investieren viel Zeit und Kraft, den oft ratlosen und im Kassenbetrieb der Medizin austherapierten Patienten zu helfen. Sie wieder aufzurichten, körperlich wie psychisch.

Und dann soll das alles nicht mehr reichen? Immer neue Anforderungen erscheinen am Horizont, Zukunftsängste stehen im Raum. Wo liegt der richtige Weg in eine solide Zukunft, für die Praxis und für die Patientenversorgung?

Durch viele Veröffentlichungen der letzten Monate angeregt, weisen wir einmal auf ein mögliches Szenario hin, an einigen Stellen vielleicht etwas überspitzt, das so kommen kann, aber nicht kommen muß.

"Die Rettung der Praxen" Eine Fiktion

Nachdem die Überprüfung vor dem Gesundheitsamt erfolgreich absolviert wurde und die Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde vorliegt, wird ein Maßnahmenkatalog angegangen und abgearbeitet:

1. Die Praxis wird natürlich ISO zertifiziert (ISO Norm 9000/9001/9004.
2. Die Therapieausbildung wird über ein Bachelor-Studium absolviert.
3. Die Abiturienten unter den Heilpraktikern hängen noch das Master-Studium dran, um eine Art Diplom-Abschluß (z.B. für den Bachelor und/oder Master Komplementär-Medizin/TCM/Homöopathie/Ayurveda) zu bekommen.

Auf dem Praxisschild kann dann stehen:

Heilpraktikerin / Heilpraktiker
Karin Musterfrau / Friedrich Mustermann

Praxis zertifiziert nach DIN-Norm ISO 9000/9001/9004 durch Cert/TÜV (o.a.)
Bachelor of  Science (B.Sc.) TCM/Homöopathie/Ayurveda/Chiropraktik
Master of Science (M.Sc.) TCM/Homöopathie/Ayurveda/Chiropraktik


Natürlich ist die Berufsgrundlage immer noch Heilpraktiker. Auch wenn es sich schon ein wenig so anhört, als wäre hier ein Arzt oder arztähnlicher Heilberuf am wirken.

Aber die Zeit schreitet ja fort und es gibt genug Interessierte, die weiteres durchsetzen wollen und werden, z.B.:

1. Die Ausbildung und Überprüfung vor dem Gesundheitsamt muß über eine Ausbildungsordnung mindestens das Niveau des medizinisch-universitären Grundstudiums erreichen.
 
2. Therapieverfahren werden auf dem Niveau mindestens des Bachelors für Komplementäre Medizin erwartet, wer diesen Studiengang nicht nachweisen kann, macht eine entsprechende staatliche Weiterbildungsprüfung.

Aber auch bei der universitären Arztausbildung bewegt sich etwas. Universitäten in Deutschland führen den Bachelor/Master-Studiengang Humanmedizin ein. Gegen den Widerstand der Bundesärztekammer, die eine Verschulung und Verwässerung der bisherigen Ausbildung der Ärzte befürchtet. Ob zu Recht, wollen wir einmal unbewertet lassen.

Einige Jahre später
Der bundeseinheitliche Lehr- und Prüfungsplan und die Weiterbildungsordnung auf Bachelor/Master-Niveau für die Heilpraktiker unterscheidet sich nicht mehr wesentlich vom Master der Humanmedizin. Die Angleichung erfolgt zunächst lautlos, dann konsequent in der Zusammenführung beider Ausbildungen.

Gewählt werden kann noch der Studiengang mit Abschluß Master der Humanmedizin eingeschränkt auf das Gebiet (wahlweise) TCM/Homöopathie/Naturheilkunde/Osteopathie/Chiropraktik bzw. den uneingeschränkten Master der Humanmedizin (Arzt).

Der alte Titel Heilpraktiker wird nicht mehr vergeben, wer ihn schon hat, bekommt eine Übergangsfrist von 3 Jahren, den Mastergrad nachzuholen. Wer dies nicht will oder aufgrund seiner schulischen Voraussetzungen nicht kann, darf weiter als Heilpraktiker praktizieren. Es dürfen aber keine Medikamente mehr verordnet werden und jede invasive Tätigkeit ist untersagt.

Die Bundesärztekammer protestiert gegen die Zusammenlegung der Studienabschlüsse und den Mediziner Light.

Der Berufs- und Fachverband Freie Heilpraktiker e.V. protestiert auch.

Er war und ist ganz unmodern immer noch gegen die Abschaffung der Volksheilkunde, den Zwang zur wissenschaftlichen Universitäts-Evidenz und gegen die Einführung wissenschaflicher Universitätskriterien für die Wirksamkeitsbeurteilung von Diagnose und Therapie.


Aber dieses Szenario ist natürlich wirklich nur Fiktion. Ob unsere Zukunft und die Zukunft der Natur- und Volksheilkunde so aussehen wird, ist schwer vorauszusagen.

Letztlich liegt es an uns selber, an jedem Einzelnen und jeder Einzelnen von uns, ob diesem Weg gefolgt wird oder ob an der vor uns liegenden Kreuzung einer anderer eingeschlagen wird.


Erstveröffentlichung: topHeilpraktiker, im Herbst 2010

 
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