Die Zukunft der Heilpraktiker liegt auch in unseren Händen


Grundsatzrede des Vorsitzenden Freie Heilpraktiker e.V. Dieter Siewertsen in Dresden 2011

Die Zukunft der Heilpraktiker liegt auch in unseren Händen

In seiner Eröffnungsansprache anlässlich des 15. Heilpraktiker-Symposiums Ost/Mitteldeutscher Heilpraktikerkongress im ICC Maritim/Dresden am 19. November 2011 beschreibt Dieter Siewertsen, Heilpraktiker und Vorsitzender Freie Heilpraktiker e. V., unter anderem die Bedeutung des Systems Heilpraktikerinnen/Heilpraktiker für die Patienten und das Gesundheitssystem in Deutschland.

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, ich darf Sie recht herzlich zu unserem 15. Heilpraktiker- Symposium hier in Dresden begrüssen. 15 Mal veranstalten wir dieses Symposium. Wer von der ersten Stunde an dabei war, weiß, wir haben klein angefangen, alle zusammen. Wir können über die Jahre mit Freude und Stolz feststellen, dass die Kultur der Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker Stück für Stück, Jahr für Jahr gewachsen ist.
Wir haben heute in Sachsen nach der amtlichen Statistik von 2008 um die 700 Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker. Wenn man sich die Zahlen vor 20 Jahren anschaut, dann wissen wir, dass wir mit Fug und Recht ein klein wenig stolz darauf sein können, dass die Naturheilkunde über uns Heilpraktiker wieder ihren wohlverdienten Einzug gefunden hat. Wir richten zusammen, Sie und wir, dieses Symposium aus als Teil der Weiterbildung, der wir uns freiwillig unterwerfen. Sie kennen unsere Position als Freie Heilpraktiker zu diesem Thema. Es gibt die Auseinandersetzung zwischen den Positionen „Muss eine Weiterbildung staatlich reglementiert sein?“ und „Ist es nicht sehr viel sinnvoller, dass ein freier Beruf wie die Heilpraktiker auch die Weiterbildung frei entscheidet?“ Wir haben uns immer für die zweite Variante entschieden, und so ist auch ein Symposium mit den vielen Vorträgen, die wir Ihnen auch heute wieder anbieten, ein wichtiger Bestandteil, Anregungen und neues Wissen zu bekommen und sich mit unserem Beruf auseinanderzusetzen.

Geschichte der Heilpraktiker

Sie haben in unserer Kongresszeitung sicherlich die Überschrift „Die Zukunft der Heilpraktiker liegt auch in unseren Händen“ gelesen. Wenn wir über unsere Zukunft nachdenken, ist es vor allem unsere Berufsgrundlage, auf die wir achten müssen. Durch sie heben wir uns stark vom Arztrecht ab, und es gibt immer wieder periodisch wiederkehrende Diskussionen über die Frage, ob das denn eigentlich noch zeitgemäß ist, was wir machen. Diese Diskussion gibt es eigentlich seit 1939, das heißt, seit es ein Gesetz gab, Gesetz zur Ausübung der Heilkunde, mit dem seinerzeit versucht worden ist, die Kurierfreiheit, die die Naturheilkundler hatten, drastisch einzuschränken. Kurierfreiheit hieß: Jeder konnte behandeln, durfte sich nur nicht Arzt nennen. Das Gesetz wurde gemacht, um die dann so benannten Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker auszudünnen und dann auszutrocknen. Es gab eine kurze Frist von wenigen Wochen, in denen sich 1939 bei den Registrierungsbehörden anmelden musste, wer weiter naturheilkundlich praktizieren wollte. Danach gab es keine neuen Zulassungen mehr, und es wurde die Ausbildung untersagt. Die Absicht war recht deutlich: Solange sie leben, sollen sie die Arbeit weitermachen, und danach ist Schluss mit den Heilpraktikern und die gesamte Medizin wird in die Ärzteschaft überführt. Dieser Plan ist nicht wirklich zur Ausführung gekommen, nicht zuletzt durch die Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 und das Bundesverfassungsgericht. Durch die demokratische Rechtsprechung wurde aus einem Gesetz, dass die Heilpraktiker abschaffen sollte, ein Gesetz – einmalig in Europa –, das dafür sorgt, dass neben dem ärztlichen Beruf ein zweiter eigenständiger Heilberuf mit gesetzlicher und rechtlicher Zulassung existieren kann. Es ist genau das Gegenteil von dem, was 1939 durch den nationalsozialistischen Staat und die Reichsärztekammer beabsichtigt worden war. Wir sind in gewisser Weise ein Anachronismus der Geschichte, aber für unsere Patientinnen und Patienten ein sehr wohltuender Anachronismus, um den es sich auch lohnt zu kämpfen. In der auslaufenden DDR gab es natürlich das Problem, dass hier die Heilpraktiker abgeschafft worden waren, dass es nur noch sehr wenige Kolleginnen und Kollegen gab, und das ist ja ein Grund mit, weshalb wir uns so freuen – alle zusammen –, dass wir die heilpraktikertypischen Therapiemethoden auf Grundlage eben dieses Heilpraktikergesetzes heute wieder in allen Bundesländern anbieten können zum Wohle der Patientinnen und Patienten.

Berufspolitische Möglichkeiten

Trotzdem muss leider festgestellt werden, dass viele staatliche Gremien und Institutionen im parlamentarischen Bereich das System Heilpraktikerinnen/ Heilpraktiker immer noch nicht verstehen und dem auch sehr skeptisch gegenüberstehen. Wir kennen das hier aus Sachsen aus mehreren merkwürdig anmutenden Bereichen. Sie wissen, dass die Möglichkeit der Heilpraktiker mit Teilzulassung für Physiotherapie durch ein höchstrichterliches Urteil vor einigen Jahren zugelassen wurde, das heißt, dass Physiotherapeuten eine Teilzulassung ausschließlich für ihr Gebiet bekommen können. Es gab und gibt überall in den Bundesländern dazu Gesprächsrunden zwischen den Gesundheitsämtern, den Gesundheitsministerien und den Heilpraktikerverbänden, um die Regularien der Zulassung zu besprechen. Gesundheitsämter haben oftmals immer noch wenig Material in der Hand, wie sie es eigentlich machen sollen. In Sachsen hier haben wir feststellen müssen, dass diese Gesprächsrunde unter Ausschluss der Heilpraktikerverbände gelaufen ist. Da hat man sich dann zusammengesetzt mit der Arztkammer und Physiotherapieverbänden und versucht, die Überprüfungsfrage zu regeln. Das ist dann schon eine ganz merkwürdige Angelegenheit. Wir haben versucht, an dieser Gesprächsebene teilzunehmen. Die Türen sind verschlossen geblieben. Viele Monate waren auch die Durchführungsregeln zur Heilpraktikerüberprüfung ausgelaufen. Eine neue wurde erst im Herbst in Kraft gesetzt, wieder ohne Anhörung der Berufsverbände der Heilpraktiker. Wir wissen nicht so ganz genau, was sich die Sächsische Staatsregierung vorstellt. Normalerweise setzt man sich zusammen oder wird mindestens schriftlich angehört, so ist es gerade in Hessen geschehen. Auch hier waren die Durchführungsregeln ausgelaufen. Aber es gibt Bundesländer, und da gehört leider Sachsen dazu, die offensichtlich kein Interesse daran haben, mit den eigentlich Betroffenen in den Dialog zu treten. Das müssen wir kritisch anmerken und kritisch feststellen. Wir können nur hoffen, dass sich im Laufe der weiteren Entwicklung eine Veränderung ergibt.
Was aber können wir machen, wenn wir merken, dass bestimmte politische Gremien nicht klarkommen mit den Heilpraktikern? Wir müssen Klinken putzen, anklopfen, Briefe schreiben und versuchen, persönliche Drähte aufzunehmen. Auch der Klageweg muss parallel überprüft werden. Dieses Mittel kann aber nur das letzte Mittel sein und muss sehr sorgfältig abgewogen werden. Das alleine reicht aber nicht aus, wenn ein Unverständnis der besonderen Art der Heilkunde der Heilpraktiker gegenüber vorhanden ist.

Legitimation und Stärke der Heilpraktiker

Man muss letztendlich feststellen, dass die Legitimation und Stärke von uns Heilpraktikerinnen und Heilpraktikern und den Berufsverbänden rechtlich gesehen das Heilpraktikergesetz ist. Aber es gibt eine viel wichtigere Legitimation, und die besteht darin, dass wir angenommen werden von den Patientinnen und Patienten. Eine Praxis, die von Heilpraktikerinnen und Heilpraktikern geführt wird, zeichnet sich durch ihre besondere Heilkunst aus. Sei es zum Beispiel durch die Osteopathie, die ja immer noch nicht als wissenschaftlich anerkannt gilt, sei es durch Chiropraktik, der es ähnlich geht, sei es durch die Methoden der Traditionellen Chinesischen Medizin, die zwar von der WHO, nicht aber von deutschen Kassen und Versicherungen akzeptiert werden, und vieler, vieler anderer, ich will jetzt bewusst nicht sagen komplementärmedizinischer Methoden. Die Methoden, die wir anwenden, sind für uns nicht der Schulmedizin nebengeordnet, sondern das sind für uns in aller Regel die therapeutischen Methoden schlechthin, mit denen wir die Erkrankungen der Patienten behandeln. Wir arbeiten mit sehr vielen Therapiemethoden, die es ohne uns nicht geben würde und für Patienten nicht mehr zur Verfügung ständen.
Die meisten Ärzte, auch die Ärzte für Naturheilkunde, nehmen immer nur die Therapiemethoden in ihr Spektrum, die einen gewissen Umsatz sichern. Natürlich gibt es auch die Ärzte, die anders arbeiten, mit denen wir zusammenarbeiten können und die sich den neuen alten Therapiemethoden nicht verschließen. Trotzdem ist es so, dass die Kassenmedizin in Deutschland dazu führt, dass viele therapeutische Methoden nicht abrechnungsfähig sind, und dann werden sie aus dem Praxis-Leistungskatalog rausgestrichen mit Ausnahme der Kollegen, Arztkollegen, die das dann privat machen. Diese Mentalität wird durch die staatliche Kassenmedizin repräsentiert. Sie reglementiert, welche Therapiemethode im geldwerten Elfenbeinturm der sogenannten bezahlten Wissenschaftlichkeit als wirksam gelten darf und nur dann auch in die Erstattungskataloge aufgenommen wird. Dieses System führt immer wieder dazu, dass der große Bereich der Erfahrungsheilkunde und der Naturheilkunde, der wir uns verschrieben haben, eben kein wesentlicher Bestandteil der Universitätsmedizin, der öffentlichen Medizin ist. Entweder gibt es die Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker vor Ort, die sich nicht den Kassenregeln unterwerfen und privat und frei praktizieren. Oder es gibt eine naturheilkundliche Mangelversorgung.
Wir bieten therapeutische Methoden an, bei denen wir wissen, dass wir hierfür ein Händchen, das heißt, eine innere Begabung haben. Wir nehmen uns viel Zeit, mit den Menschen, mit den erkrankten Menschen, ausführlich zu sprechen, und wir nehmen sie dadurch ernst. Sie kennen die Drei-Minuten-Befragungsmedizin im öffentlichen Gesundheitssektor. Das ist natürlich katastrophal für den großen Bereich der chronischen Erkrankungen und auch für die Erkrankungen, zu denen die Schulmedizin gar nichts zu bieten hat. Würde es die Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker nicht mehr geben, wäre die heilkundliche, die therapeutische und auch diagnostische Landschaft um vieles ärmer, was letztendlich immer zu Lasten der Erkrankten und der Patientinnen und Patienten geht. Das heißt, unsere Legitimation entsteht rechtlich gesehen aus einem Gesetz, aber inhaltlich gesehen besteht die Legitimation darin, den Patienten in einer Art und Weise helfen zu können, wie es im öffentlichen Gesundheitssektor nicht möglich ist. Wenn wir jetzt eine Situation in manchen Bundesländern feststellen, dass die staatlichen Gremien nicht so ganz mit uns klarkommen und eventuell auch manchmal Planspiele existieren, das Heilpraktikergesetz zu unseren Ungunsten zu verändern oder gar abzuschaffen, dann ist die einzige wirkliche Legitimation und die einzige wirkliche Maßnahme, die Heilpraktiker und Verbände treffen können, mit den Patientinnen und Patienten zusammen noch vertrauensvoller, noch intensiver zusammenzuarbeiten. Nur aus einer guten Arbeit in der Praxis erwächst Legitimation, erwächst Qualität, die sich dann widerspiegelt in einem öffentlichen Druck, dass auch Gesundheitsministerien, die uns nicht sonderlich wohlgesonnen sind, anders entscheiden müssen als sie das gerne wollen.

Aktuelle Entwicklungen

Es gibt eine Bund-Länder-Kommission der Gesundheitsminister, die tagt und hat den Auftrag bekommen zu prüfen, ob nicht das Heilpraktikergesetz verändert werden muss, weil es nicht mehr zeitgemäß scheint: Es gibt keine Qualitätsnormen, und die Ausbildung ist eine reine Gefährdungsüberprüfungsausbildung. Es gibt Ministerien, die stehen hinter den Heilpraktikern, und zurzeit ist nicht klar, wie die weitere Entwicklung aussehen wird. Wir hatten in Nordrhein-Westfalen eine Gesprächsrunde der Heilpraktikerverbände mit der Gesundheitsministerin zu diesem Thema. Wir haben gemerkt, dass wir einerseits nicht unbedingt Angst haben müssen, dass man uns morgen unsere Berufsgrundlage wegnimmt. Wer heute Heilpraktiker ist, hat zudem Bestandsschutz. Es ist aber trotzdem so, dass wir wachsam sein müssen, nicht nur in Nordrhein-Westfalen, nicht nur in Hessen, nicht nur in Sachsen, in allen Bundesländern, und ich möchte den heutigen Tag auch dafür nutzen, einen Appell an Sie zu richten: Berufsverbände, die als Gesprächspartner der Ministerien fungieren, werden nur dann ernst genommen, wenn viele Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker die Berufsverbände auch stützen. Wir müssen eine Einheit sein. In Ministerien sind wir häufig konfrontiert mit Aussagen wie: Ihr seid ja viel zu zersplittert, mit wem sollen wir eigentlich sprechen, und: Wie viele Heilpraktiker sind denn bei euch organisiert? Das mit der Zersplitterung stimmt und stimmt gleichzeitig wieder nicht. Unser Berufsverband ist unter dem neuen Vorstand angetreten, wieder mit den anderen Kollegenverbänden zusammenzukommen, ins Gespräch zu gehen und zu versuchen, auf der berufspolitischen Ebene eine gemeinsame Linie abzusprechen. Diese Zusammenarbeit wird auch deshalb funktionieren, weil es Gott sei Dank bei vielen anderen Berufsverbänden eine ähnliche Stimmung herrscht. Dies gilt unter anderem für den BDHN e. V. aus Bayern, und dies gilt für die Heilpraktikerverbände des DDH-Dachverband Deutscher Heilpraktikerverbände. Wo nötig, werden wir einheitlich auftreten.
Es ist dann aber auch ein ganz direkter und persönlicher Punkt, ob in Sachsen oder in Thüringen, Sachsen-Anhalt oder Brandenburg. Viele sagen, ich gehe in keinen Berufsverband, weil ich die Dinge, die dort verhandelt werden, die möglichen Erfolge, die aus Verhandlungen erwachsen, sowieso erhalte. Dies ist aber letztendlich ein gefährlicher Trugschluss. Die Verbände stehen immer unter dem Druck der Legitimation. Berufsverbände können immer nur so stark sein, wie Mitglieder sie tragen. Und es ist ein Appell, den ich an Sie richte: Wer noch nicht Mitglied in einem Berufsverband ist, den bitte ich zu überlegen, den Schritt zu machen. Er würde uns allen helfen.
Ich denke, dass wir trotz aller Überlegung, was die Zukunft noch bringt, stolz darauf sein können, dass wir Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker sind. Wir haben den festen Willen, das auch zu bleiben, und wir machen diese Arbeit aus einer inneren Überzeugung heraus zum Wohle unserer Patienten.

Veröffentlicht in der Zeitschrift WIR.Heilpraktiker 1/2012


 
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